"Der Maskenmacher" von Jaquimo Talaan
© 2007 by Christoph Günther
letzte Änderung: 02.Februar 2008
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Auszeichnung von "Verlorene Werke" für
"Der Maskenmacher" als Beitrag im Wettbewerb 02/2007.


Der Maskenmacher

Unrast trieb ihn, trieb ihn immer vorwärts. Seine Absätze pochten laut auf das feuchte Kopfsteinpflaster und hallten deutlich durch die nachtblinden Straßen von Paris. Im Takt seiner Schritte hämmerten seine Gedanken auf ihn ein und hetzten ihn, noch schneller zu gehen. Doch dem, wovor er weglief, konnte er nicht entfliehen.
Morgen war der entscheidende Tag. Wohl und Wehe seiner Familie hingen davon ab, dass er den Vertrag unter Dach und Fach brachte. Der Krieg hatte alle Geschäftkontakte im Römischen Reich deutscher Nation dahingerafft und die Familie Renard an den Rand des Ruins getrieben. Sein Vater war daran zerbrochen und in die Fänge einer schweren Krankheit geraten. Nun lag die Last der Verhandlung auf Pierres Schultern und er wusste, dass er scheitern würde.
„Ein paar Deniers, Sieur?“, fragte eine verschlafene Stimme am Boden. Ohne weiter nachzudenken gab er dem Bettler drei Sous. Das ungläubige Staunen des armen Teufels über das viele Geld brachte für einen kurzen Moment Freude in seine trostlosen Gedanken. Doch bald holten ihn seine Sorgen wieder ein. Was würde Julie sagen, wenn seine Familie den Bankrott erlitt? Dieses bezaubernde Geschöpf war leider Tochter eines Vizegrafen und ihr Vater missbilligte jetzt schon, dass sie Augen für den armen Kaufmannssohn hatte. Wenn er morgen doch nur Erfolg haben würde! Dann... Er verbot sich diesen Gedanken. Er war selbstaufrichtig genug zu wissen, dass er zwar ein sanftmütiger und verständnisvoller Mann war, doch waren das keine Qualitäten, die einen guten Kaufmann ausmachten. Es fehlte ihm der nötige Biss.
In einer kleinen Gasse auf der Île Saint-Louis weckte ein wunderliches Geschäft seine Neugier. Eher unscheinbar schmiegte es sich zwischen die Häuser anderer wohlhabender Händler, doch im Schaufenster lagen geschickt ausstaffiert allerlei Masken venezianischen Stils. Lachende und weinende Gesichter sah er, aber viel öfters rätselhafte und mystisch anmutende Antlitze.
In diesem Augenblick schwang die Tür auf und ein unauffälliger, wenn auch teuer gekleideter Mann trat ins Freie, gefolgt von einer weinrot gewandeten Gestalt mit nachtschwarzer Maske, welche Gesicht und Augen gleichermaßen verborgen hielt.
„Auf bald, Baron.“, verabschiedete die schwarze Maske seinen Kunden, bevor er sich Pierre zuwandte. „Dies ist keine gute Nacht, um auf der Straße zu stehen. Kommt herein, kommt herein!“
Pierre, dem der Sinn durchaus nach ein wenig Ablenkung stand, folgte der imposanten Gestalt ins Innere des Ladens. Hier waren die mit rotem Samt behangenen Wände über und über mit Masken bedeckt und rangen dem jungen Mann ungläubiges Staunen ab. Es schien für jedes Gefühl – Liebe, Melancholie, Stolz und unendlich mehr – eine Maske zu geben. Sie waren nach venezianischem Vorbild gefertigte Halbmasken, filigran ausgearbeitet und bemalt.
„Wer war das?“, fragte Pierre, während er die Wände abschritt.
„Der Baron de Lodève? Ein Stammkunde. Er trägt die Maske der Bescheidenheit.“
„Wie meint Ihr das?“
Der Maskierte deutete auf seinen Laden. „Ich bin der Maskenmacher, ich verkaufe Masken. Besondere Masken.“ Da Pierre nicht begriff, nahm er eine Maske vom Tisch vor sich. Mit einer flirrenden Bewegung tauschte er die schwarze gegen die neue aus. Plötzlich sah sich Pierre einem unmaskiertem, charmanten Mann gegenüber, dem ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen lag und dessen Augen klug funkelten. „Wo ist die Maske, fragt Ihr Euch jetzt. Ich trage sie. Die Maske des Händlers.“ Seine sonore Stimme zog Pierre in seinen Bann. „Ich lese Euch an den Augen ab, junger Kaufmann, dass Ihr Sorgen habt. Sorgen, für die ich eine Lösung habe. Was plagt Euch?“
„Morgen sucht uns ein bedeutender Kaufmann aus Marseille auf, der einen Handelspartner in Paris sucht, um hier seine Wahren auf den Markt zu bringen. Es ist ein lukratives Geschäft, das unsere Familie schlagartig reich machen könnte.“ Er stockte, doch der freundschaftliche Blick des Händlers ermutigte ihn, auch den Rest auszusprechen. „Wenn ich scheitere, geht unser Handelshaus bankrott.“
Der Händler kam zu ihm und legte ihm einen Arm um die Schultern. „Versteht Ihr Euer Geschäft, Kaufmannssohn?“
„Ja, aber es fehlt...“
„... Euch an Selbstvertrauen.“ Die freie Hand des Händlers deutete auf eine Maske an der Wand, die stofflich gewordene Selbstsicherheit vermittelte. „Gepaart mit etwas Draufgängertum.“ Der Händler nahm sie behutsam von der Wand und setze sie auf. Plötzlich war die Maske des Händlers in seiner Hand nur noch ein Ding aus bemaltem Holz.
„In wenigen Monaten werde ich der Maskenmacher des Königs sein!“, brüstete er sich und strahlte dabei soviel Zuversicht aus, dass Pierre nicht daran zweifelte. Erneut flirrten die Masken und der Händler trug wieder die Maske des Händlers. In verlockendem Abstand hielt er Pierre die Maske des Erfolgs entgegen. „Nehmt Ihr sie?“
„Was soll sie kosten?“
Der Händler lächelte nachsichtig. „Die erste Maske kostet niemals viel. Gebt mir, was Ihr bei Euch tragt.“
Die erste Maske?, wunderte sich Pierre und griff dennoch ohne Zögern zu seinem Geldbeutel und gab ihn dem Maskenmacher. Ohne den Inhalt zu prüfen packte dieser die Maske des Erfolgs sorgsam in eine Schachtel.
„Bedenkt, die Masken sind magischer Natur. Ihr Zauber verfliegt nach vierundzwanzig Stunden. Nutzt sie weise.“
Pierre, für den es nur den morgigen Tag zu bestehen galt, war das unbedeutend. Er bedankte sich und schritt leichten Herzens nach Hause.

Immer noch trunken vom Erfolg dieses Tages wollte Pierre Renard keinen Champagner anrühren. Der Geschmack des Triumphs war zu süß, um ihn zu verwässern. Der Kaufmann aus Marseille hatte ihm aus der Hand gefressen und obwohl die Konkurrenten bessere Konditionen anboten, hatte er dem Handelshaus Renard den Zuschlag gegeben. Die Energie und die Entschlossenheit, mit der Pierre das ganze anpackte, hatten ihn wohl schwer beeindruckt. So sehr beeindruckt, dass er den jungen Mann mit auf einen Spätsommerball mitgenommen hatte, auf dem sich selbst der Adel die Ehre gab.
Als Pierre in ihren Reihen dann den Vicomte de Châteaudun und seine Tochter Julie erblickte, wurde aus guter Laune Übermut. Er trug noch die Maske des Erfolges, hatte seine besten Kleider am Leib und traute sich so alles zu. Er bahnte sich einen Weg durch die Menge, verbeugte sich angemessen vor dem Vicomte und sagte: „Ich habe heute einen Vertrag abgeschlossen, der den Namen Renard zu einem der vermögendsten von Paris machen wird. Es wäre mir eine Freude, das Glück dieses Tages durch einen Tanz mit Eurer Tochter zu besiegeln.“
Statt des befürchteten herablassenden Blickes zuckte ein Mundwinkel des Vicomte wohlwollend. „Dreist, aber mit Schneid, der Kaufmann Renard.“ Er blickte zu seiner Tochter hinüber. „Oder was sagst du, mein Engel?“
Julies Augen leuchteten derart, als sie ihn musterte, dass es schon beinahe Antwort genug war. „Ich sage, dass es mir eine Ehre wäre, Vater.“

Sie wollte ihn wiedersehen! Sie wollte ihn tatsächlich wiedersehen! Immer und immer wieder, ging ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Er hatte Julie das Versprechen gegeben, dass er sie treffen würde, sobald in ein, zwei Wochen, seine Aufgabe in Paris erledigt war. Bis dahin galt es, die Waren aus Marseille bei den kleinen Läden und größeren Händlern zu etablieren. Pierre wusste, dass dies viele Meilen und noch mehr Überzeugungsarbeit bedeutete, doch es würde den Namen Renard in alle Munde bringen und verhieß mehr Wohlstand, als die Familie je gesehen hatte.
Gerade, als er zur Dämmerungsstunde zum Haus seiner Eltern kam, knackte es hölzern und die Maske des Erfolges fiel in zwei Hälften von ihm ab. Schulterzuckend ließ er sie auf der Straße zurück.
Die Haustür hatte sich noch nicht richtig hinter ihm geschlossen, als schon sein Vater erschien. In seinen teuersten Gehrock gehüllt lächelte er mit funkelnden Augen und wirkte überhaupt nicht mehr krank. „Sohn, du hast mich stolz gemacht. Ich hatte schon befürchtet, ich würde eine bettelarme Familie zurücklassen, wenn ich sterbe.“
Clémence, seine jüngere Schwester, kam herbeigeeilt und umarmte ihn stürmisch. „Du hast ein wahres Wunder vollbracht, Brüderchen! Schau dir Vater an, er wirkt so gesund wie lange nicht!“
Doch in den Armen seiner Schwester keimten Zweifel auf. Alles hing von ihm ab, doch eigentlich war alles nur Schwindel. Ohne die Maske... Er seufzte tief und schob die Zweifel beiseite.

„Ich brauche neue Masken.“, sagte Pierre mit fester Stimme. Seine Hand ruhte unter seinem Mantel auf einem prall gefüllten Geldbeutel.
Die schwarzen Löcher in der Ebenholzmaske des Händlers glotzten ihn teilnahmslos an. „Natürlich braucht Ihr die.“, erwiderte er trocken. „Fast alle meine Kunden kommen wieder. Welcher Narr wollt Ihr denn diesmal sein?“
„Bitte?“
Der Händler lachte seltsam misstönig auf. „Verzeiht das arabische Wortspiel. Maskharat bedeutet Narr und ist somit der Namensgeber meiner Werke.“
In Pierre blieb das ungute Gefühl zurück, dass der Maskenmacher nur eine Ausflucht suchte, ging dann aber zum Geschäft über: „Der Händler aus Marseille, mit dem ich verhandelt habe, hat mich beeindruckt. Ihm war eine schon beinahe unnatürliche Freundlichkeit zu eigen und er strahlte... den Reitz der Fremde aus. Er war ein Mann von Welt, dem man nichts vormachen konnte.“
Der Maskenmacher setzte die Maske des Händlers auf und war schlagartig wieder eine willkommene, freundliche Präsenz. „Und Ihr, Pierre Renard, braucht eine vergleichbare Maske, um Eure weiteren Geschäfte zu beleben, nicht wahr?“ Seine wohlklingende Stimme verhieß eine Lösung. „Lasst mich schauen, was ich für Euch habe.“ Der Händler schlenderte, einen Arme um Pierres Schultern gelegt, die Wände entlang, bis er fand, was er suchte. „Ihr gestattet...“
Plötzlich stand vor ihm eine imposante Erscheinung. Das Gesicht glich dem des Händlers, wie immer, wenn er seine Masken trug, doch war eine unleugbare Veränderung über ihn gekommen: Vor Pierre stand ein Mann, der fremde Länder gesehen hatte. Ein Mann, dem man nichts vormachen und dem man vertrauen konnte. Von ihm ging eine Aura aus, die Pierre schlagartig dazu brachte, all seine Habe auf diese eine Karte zu setzen.
„Ich werde mich an Euch hemmungslos bereichern.“, sagte der Geborene Kaufmann und es klang aus seinem Munde wie „Handle mit mir, und du wirst vermögend sein.“
„Ich kaufe sie!“, rief Pierre begeistert. Mit dieser Maske konnte ihm alles gelingen, was er sich vorgenommen hatte. Paris würde ihm zu Füßen liegen und die Bewunderung des Adels wäre ihm gewiss. Und damit Julies ebenso. „Ich brauche zehn Stück davon.“
Der Maskenmacher zog wieder die Ebenholzmaske über und Pierre hätte schwören können, dass der Mann kein Kinn hatte. Zumindest war dort nichts - in diesem kleinen Fenster aus Zeit und Bewegung der Masken - wo sein Kinn hätte sein sollen. „Ich habe nur diese eine. Bis morgen kann ich eine neue fertigen. Eine Maske je Tag.“
„Was soll sie kosten?“
„Alles, was Ihr bei Euch tragt. Für heute. Ab Morgen bringt Ihr mir den fünften Teil Eures Gewinns.“
Der junge Kaufmann zögerte keinen Augenblick. Dieses Angebot war mehr als gerecht.

Paris lag ihm nicht zu Füßen, Paris vergötterte ihn. Aus zwei Wochen Arbeit waren drei geworden, denn jeder, der etwas auf sich hielt, wollte Verträge mit dem Kaufmann Renard schließen. Sein Erfolg sprach sich in der Stadt herum und schon bald grüßten ihn die Leute, wenn er durch die Straßen schritt.
Am Ende jedes Tages brachte er eine immer schwerere Börse zum Geschäft des Maskenmachers und verließ es mit einer wertvollen Maske in einer samtgefütterten Schachtel. An manchen Tagen begegnete ihm dabei ein Bettler. Anfangs gab er ihm noch einige Sous, doch jedes mal blickte ihn der Maskenmacher strafend an: „Das ist zu wenig! Es fehlt etwas!“. Also wurden aus einigen Sous ein Sou und aus diesem wenige Deniers, bis der Maskenmacher nichts mehr sagte.
Aber am Ende aller Mühen stand das, wofür er so hart gearbeitet hatte: Sein Rendezvous mit Julie de Châteaudun. Vor diesem Abend hatte er einen zweiten Geldbeutel mitgenommen, denn er wollte etwas ganz besonderes. Julie würde sich kaum für ihn als Kaufmann interessieren. Sein Geschäft war nur die Grundlage. Eine Frau wie sie hatte nicht weniger verdient als einen charmanten, verführerischen, großherzigen, stolzen, geistreichen und liebevollen Mann. Jemand, der für sie alle Träume von Liebe übertrumpfte.
Als ihm diesmal der Bettler begegnete, zögerte Pierre Renard. Was, wenn genau diese eine Münze zu seinem Glück fehlte? Nein, diesmal hing zu viel davon ab. Morgen, am Ende ihres Stelldicheins, würde er um ihre Hand anhalten. „Heute nicht!“, sagte er und scheuchte den Schmarotzer beiseite.

Die Maske des Verführers war jeden einzelnen Sou wert, den Pierre Renard dafür bezahlt hatte. Der Abend, der nun hinter ihm lag, war der schönste in seinem Leben gewesen. Er hatte Julie durch den Park ihres Anwesens geleitet, sie umschmeichelt und zum Lachen gebracht. Er flüsterte Gedichte voller Poesie und Liebe in ihre Ohren und entlockte ihr damit Laute des Staunens und der Bewunderung. Allein für ihr Lächeln hätte er alles gegeben. Doch hinzu kam der Duft ihrer Haut, das verliebte glitzern ihrer Augen und das betörende Gefühl ihrer warmen Hand in der seinen, als er ihr den Antrag machte. Und ein einziges, kleines „Ja“ ließ in ihm ein derart warmes, unbändiges Glücksgefühl hochbranden, wie er es noch nie gekannt hatte.

Es hielt so lange an, bis am nächsten Tag seine Maske zerbrach.

Als er diesmal den Laden des Maskenmachers betrat, schien alle Farbe aus seinem Geschäft gewichen zu sein. Es war offenkundig, woran das lag: Es gab keine Masken mehr an den samtbehangen Wänden. Nur noch eine einzige Maske, in einem goldgerahmten Glaskasten, hing an der Rückseite des Raumes.
Als sein Blick auf den Maskenmacher hinter dem Verkaufstisch fiel, erschrak sich Pierre zu Tode. Der Händler trug eine durch und durch abscheuliche Maske: Der Mund fehlte ebenso wie Nase, Augen und Ohren. Die Maske war ein breiiges, unförmiges Etwas.
„Warum tragt Ihr etwas derart groteskes?“, flüsterte Pierre entsetzt.
Das Lachen des Maskenmachers war abgrundtief verbittert. „Wer sagt, dass ich eine Maske trage?“ Ein kalter Schauer lief über Pierres Rücken. „Was glaubt Ihr, warum ich so viele Masken fertige?“
„Wo sind sie hin?“, fragte er panisch. „Ich brauche noch eine! Eine ganz besondere! Eine... eine die ewig hält. Ich liebe Julie und will sie ein Leben lang glücklich machen! Habt Ihr so etwas?“
Der Händler deutete auf die Maske im Glaskasten. „Ihr wollt die Meistermaske.“ Doch statt nach Verheißung klangen seine Worte nach Verdammnis. „Sie kann Euch alles sein lassen, was ihr darstellen wollt. Liebhaber oder Tyrann, Geschäftsmann oder Bettler. Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um sie zu fertigen.“
Pierres Augen waren auf die schönste und filigranste Maske fixiert, die er je gesehen hatte. „Was soll sie kosten?“
„Alles was Ihr habt.“, kam die eiskalte Antwort. „Alles mit einer Ausnahme, die Ihr frei benennen dürft. Wählt weise.“
Pierre kam eine blendende Idee. Er sammelte all seinen Mut und sagte: „Ich will alles behalten, was ich mir bisher erarbeitet habe.“
Kaum hatte er es ausgesprochen, fürchtete er den Zorn des Maskenmachers und dass er die Maske nie erhalten würde, doch der nickte nur. „Das ist ein guter Preis. Sie ist Euer.“

Viele Monate später erwachte der Mann, der nun Gemahl der Julie de Châteaudun war, mitten in der Nacht und fand keinen Schlaf mehr. Julie lag in seinen Armen, doch fand er keine Nähe. Sie war die glücklichste Frau auf Erden und das machte auch ihn glücklich, doch dieses Glück war schal geworden. Sie lachte über seine Scherze, die er fröhlich lächelnd, doch im Herzen traurig, erzählte. Er leistete ihr auch dann Gesellschaft, wenn ihm der Sinn nach Alleinsein stand. Er sprach von Liebe, um ihr ein Lächeln zu entlocken, während in ihm Zweifel tobten. Auch seine Tränen, die nach außen drücken wollten, blieben versiegelt hinter einer Maske der Fröhlichkeit, um ihr keine Sorgen zu bereiten.
Selbst seine Geschäfte machten ihm keine Freude mehr. Wenn man die Menschen erst einmal durchschaut hatte und wusste, was sie wollten, war es ein leichtes, ihnen alles zu nehmen. Ein Lächeln hier, eine Drohung dort oder Versprechen jenseits der Vernunft. Er fühlte sich selbst wie ein Maskenmacher, der den Menschen immer die Gesichter verkaufte, die sie haben wollten.
Lautlos schlich er sich aus dem Bett und aus dem Haus und irrte bis zum Morgen durch die Straßen von Paris, bis er vor dem Haus seiner Eltern stand. Er war lange nicht mehr hier gewesen. Nicht, seit... seit er die Meistermaske gekauft hatte. Zaghaft klopfte er an. Als nach einer Weile die Tür aufschwang, stand Pierres Vater von ihm und musterte ihn misstrauisch.
„Was wollt Ihr? Seid Ihr ein Kunde meines Sohnes? Er ist nicht hier.“ Mürrisch wollte er die Tür schließen, doch Pierre hielt ihn davon ab.
„Was redest du da, Vater? Ist das ein schlechter Scherz?“
Der alte Mann kniff seine Augen zu Schlitzen zusammen. „Schert Euch fort, Fremder! Wirre haben in meinem Haus nichts zu suchen!“ Damit knallte die Tür zu.

Es ist die Schuld des Maskenmachers! Dieser Gedanke trieb ihn mit pochenden Schritten durch die Gassen der Île Saint-Louis. Eine hingehaltene Almosenschale stieß er grob beiseite und stürmte in den Laden. Ihm gegenüber stand der Maskenmacher – der Pierres Gesicht trug.
Pierre packte sein Ebenbild am Kragen und drückte ihn gegen die Wand. „Du dreckiger Dieb! Was hast du mir angetan?!“
Der Maskenmacher erwiderte ruhig: „Du wolltest alles behalten, was du dir erarbeitet hast. Den Rest habe ich von dir als Preis genommen. Deine Familie, deine Träume...“
„... mein Gesicht!“, schloss Pierre giftig und drückte fester zu.
Der Maskenmacher lachte trocken. „Was jammerst du? Ich habe nichts genommen, was du noch bräuchtest. Du bist nicht mehr Pierre Renard. Du bist nur noch das, was du zu sein scheinst.“
Angeekelt ließ Pierre den Maskenmacher los und riss sich die Meistermaske vom Kopf. „Ich will deine Maske nicht mehr! Gib mir mein Leben zurück!“
Der Maskenmacher schüttelte traurig mit dem Kopf. „Überleg’ es dir genau.“ Er hielt Pierre einen Spiegel vor. Ein gellender Schrei entrang sich Pierres Kehle und ließ das Glas zerspringen. Er hatte ein Antlitz erblickt, das nur noch eine unförmige Masse ohne Augen, Mund und Ohren war. Kraftlos sackte er zu Boden, als er begriff.
„Die Bettler...“, seufzte er und begann zu schluchzen. „Ich habe ihnen früher immer etwas gegeben.“ Der Maskenmacher strich seinen Gehrock glatt und ging ohne Hast um Pierre herum. „Die Leute haben mich gemocht, weil ich ein solch bescheidener, lieber Junge war...“ Der Maskenmacher ging zur Tür seines Ladens und wartete geduldig auf den Satz der Erkenntnis. „Ich habe mich selbst verloren. Wann war ich das letzte mal ich selbst?“
Der Maskenmacher wandte sich zu ihm um. „Du wirst Jahrzehnte brauchen, bis du die Menschen gut genug verstehst, um für sie Masken fertigen zu können. Nur wer die Natur – die Quelle – jeder Emotion kennt, ist ein wahrer Maskenmacher. Und es wird Jahrhunderte dauern, bis du einen Narren findest, der dir die Meistermaske abkaufen wird. Erst wenn er bereit ist, sie wieder abzulegen, wirst du frei sein.“
„Und was, wenn ich niemanden finde?“, fragte Pierre tonlos.
Der Maskenmacher, der keiner mehr war, schüttelte nur sanftmütig den Kopf: „Die Menschen werden niemals ohne Masken leben wollen.“ Er drehte Pierre den Rücken zu und sagte im Hinausgehen, mehr zu sich selbst gewandt:
„Und niemand kann auf Dauer eine Maske tragen.“