"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt - Die Macht des Clans" von Jaquimo Talaan
letzte Änderung: 12.02.2005


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Und jetzt viel Spaß mit dem dritten Teil.

 

Dritter Teil – Die Macht des Clans

 

Zeit der Jagd

Thuvindal und Shejrriim standen vor den schmiedeeisernen Toren des Anwesens des Devronclans und erwarteten eine Reaktion auf ihr Klingeln. So wie hier alles aussah, bestand kein Zweifel daran, dass die Adresse, die sie von Diane erhalten hatten, die richtige war. Auf einem kleinen Hügel thronte eine gewaltige Villa, die sich wie ein finsteres Ungeheuer gegen den strahlend blauen Himmel zu beweisen suchte. Ihr Baustil wirkte zeitlos undefinierbar. Hauptsächlich bestand sie aus massiven Wänden, in welche nur spärlich Fenster eingelassen waren. Jedes einzelne davon war mit eisernen Fensterläden versehen, von denen die meisten gerade geschlossen waren. Insgesamt erweckte die Villa mehr den Eindruck einer Feste denn den eines Hauses. Ein Gefühl dunkler Stärke ging von ihr aus.
     „Es liegen Schutzzauber auf diesem Ort.“, raunte Thuvindal. „Ich habe derartiges noch nie gesehen, aber es sind eindeutig Abwehrzauber niederer Magie. Dunkler Magie.“
     Shejrriim brummte zustimmend. Alles hier schien darauf ausgelegt zu sein, unerwünschte Besucher fern zu halten. „Wir müssen uns vorsehen, keine Frage.“
     „Vorsicht ist in der Tat angebracht, wenn man ungebeten an die Tore dieses Hauses kommt.“, erklang eine angenehm tiefe Männerstimme. Ein bleicher Mann um die Dreißig trat hinter einem der beiden massiven Torpfosten hervor. Weder Thuvindal noch Shejrriim hatten ihn kommen sehen. „Dies ist Grund und Boden der Devrons und der Herr empfängt selten Gäste, die er nicht eingeladen hat.“
     Der Mann trug einen knöchellangen, schwarzen Ledermantel, der soweit zurückgeschlagen war, dass man den Griff einer Pistole und das Heft eines Schwertes erkennen konnte. Eine schwarze, zweifellos teure Sonnenbrille und ein hartes Gesicht rundeten das Bild eines Leibwächters perfekt ab.
     „Wir sind gewissermaßen eingeladen worden.“, entgegnete Shejrriim in geschäftsmäßigen Tonfall und rückte seine Halbmondbrille zurecht. „Ein... Bediensteter von Linus hatte uns in Kenntnis gesetzt, dass er der richtige Ansprechpartner für uns sei.“
     Diese Antwort schien die Wache eher zu beleidigen. Unterkühlt sagte er: „Sie werden verstehen, dass ich Sie ‚gewissermaßen’ unhöflich fortschicken muss, wenn das alle Referenzen sind, die Sie vorzuweisen haben.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und machte Anstalten zu gehen.
     „Können Sie Linus diese Karte überbringen?“, hakte Shejrriim nach, zückte eine Visitenkarte, die ihn als Antiquar ausgab und schrieb ein einziges Wort auf die Rückseite.
     Nach kurzem Zögern nahm der Mann sie entgegen, studierte sie eingehend und nickte schließlich. Wortlos ließ er sie stehen.

Die Welt war doch immer wieder für Überraschungen gut. Das war es, was Linus am Leben hielt. Neues, Rätselhaftes, Unerwartetes. Er drehte die Visitenkarte zwischen seinen Fingern und suchte nach neuen Details, die ihm Aufschluss über ihren Besitzer geben mochte. Er fand nichts. In wenigen Momenten würde sich die Frage sowieso nicht mehr stellen. Wer auch immer den Mut besaß, offenen Auges in die Höhle des Löwen zu marschieren, würde gleich vor ihm stehen.
     Er legte die Karte auf den schweren Eichentisch und las nochmals das in einer edel anmutenden Handschrift geschriebene Wort auf der Rückseite, „Landor“. Er hatte diesen Namen zum ersten und einzigen Male in der wohl seltsamsten Nacht der letzten tausend Jahre vernommen. Vor seinem Kampf mit diesem... Werpuma, oder was für eine Kreatur das gewesen sein mochte.
     Die Tür zum Salon öffnete sich, doch es war nur Jarod, der eintrat. „Sie weigern sich, nach Waffen durchsucht zu werden.“
     Linus winkte ab. „Wir können das auch hier drinnen klären. Unsere Gäste werden wohl kaum in meinem Haus einen Krieg mit dem ganzen Clan anfangen wollen.“
     Während er wartete, schweifte Linus’ Blick durch den Raum. Matte Dunkelheit erfüllte ihn, nur vom dämmrigen Licht indirekter Beleuchtung durchbrochen, während draußen die Sonne mit aller Kraft schien. Wie gerne würde er die Fensterläden aufreißen, um der Düsternis im Zimmer und in seinem Herzen ein Ende zu bereiten! Doch selbst dafür war es jetzt zu spät.
     Einige finstere Gedanken später traten ein älterer Mann mit Halbmondbrille und eine auffallend schöne, junge Frau in den Raum. Etwas war seltsam an ihr. Auf den ersten Blick wirke sie jung, doch als jemand, der die Jahrhunderte vorbeiziehen sah, erkannte er, dass sie eher zeitlos als jung war. Sechs seiner Kinder umgaben die Gäste und ließen sie nicht aus den Augen.
     „In vielen Kulturen erachtet man es als unhöflich, mit Waffen das Haus seines Gastgebers zu betreten.“, begrüßte er sie in einem betont kühlen Tonfall.
     Der alte Mann, der wohl einen Antiquar darstellen sollte, sich dafür aber viel zu dynamisch und kraftvoll bewegte, erwiderte: „Es mag unhöflich sein, aber es wäre sicherlich Selbstmord, das Haus eines Vampirs ohne Waffen zu betreten.“
     Linus nickte bedächtig und wies seine Kinder mit einer Geste an, sich unauffällig im Hintergrund zu halten. „Da sie ja schon zu wissen scheinen, wer vor ihnen steht, dürfte ich erfahren, wer sie beide sind? Wer sie wirklich sind?“
     Der Antiquar griff sich an die Brust und ließ etwas in seine Manteltasche gleiten. Plötzlich war der Mann verschwunden und eine nur all zu bekannte, katzenartige Gestalt nahm seinen Platz ein. Auch das Schwert an seiner Seite war vertraut. Jarod sah ihn finster an.
     Die Frau hingegen machte keine Anstalten, ihren Zauber aufzuheben. Linus sah sie fragend an. „Ich halte mein Aussehen nicht verborgen.“, behauptete sie.
     „Sie riecht nicht wie ein Mensch.“, widersprach Jarod entschieden.
     Die Frau warf ihm einen strafenden Blick zu, da er es gewagt hatte, sie der Lüge zu bezichtigen. Sie strich mit der linken Hand ihr Haar nach hinten und offenbarte anmutig spitz zulaufende Ohren.
     „Mag man es für möglich halten...“, raunte Linus. Konnte das wahr sein? Eine... Elfe? Oder versuchte hier jemand einen Trick, um ihn zu täuschen... Ein Blick zu dem Pumamenschen und der seltsame, nichtmenschliche Geruch widerlegte diesen Verdacht. „Was sind das für seltsame Zeiten, in denen Werwölfe Morde in den Straßen New Yorks begehen und Gestalten aus den Märchen treten und durch unsere Welt wandeln?“, fragte er nachdenklich, mehr zu sich gewandt.
     Der Pumamensch antwortete finster: „Keine guten Zeiten, seien Sie sich dessen gewiss.“ Jarod schien das sofort als Drohung aufzufassen und so ergänzte das Wesen rasch: „Für keinen von uns. Wären die Umstände besser, hätten wir uns nie offenbart. Oder von eurer Existenz erfahren.“
     Das versprach interessant zu werden. Linus fühlte sich so wenig tot, wie lange nicht mehr. Beinahe lebendig. Schon seit Jahrhunderten hatte er geglaubt, diese endlose Existenz hätte ihm nichts Neues mehr zu bieten. Und jetzt stand er Auge in Auge mit Fabelwesen.
     Linus bot seinen Gästen zwei Stühle an, doch wie er erwartet hatte, blieben sie lieber stehen. Sie waren Krieger, ohne Zweifel. „Weshalb seid ihr hier?“
     „Weshalb haben Sie Spione zu uns geschickt?“, schoss die Elfe herausfordernd zurück. Das Pumawesen berührte sie besänftigend am Arm.
     „Mein Name ist Shejrriim, wie Sie ja schon mehr oder weniger wissen. Meine Mitstreiterin wird Thuvindal genannt. Wir stammen von einem Ort namens Landor... Vergleichbar mit dem sagenumwobenen Eiland von Avalon.“
     „Avalon.“, hauchte Linus ehrfürchtig. Ich muss mich hüten., dachte er. Das Leben als Vampir, als Sagengestalt, hatte sich als derart nüchtern und irdisch erwiesen, dass er nach wahrer Magie hungerte. Er durfte sich nicht beirren lassen.
     „Meine Art nennt sich Kri,“, fuhr Shejrriim fort. „ihr Volk ist das der Elfen. Jene Wesen, die Jagd auf die Menschen New Yorks machen werden Yradin genannt, das Wolfsvolk.“
     Sofort erwachte Linus’ Misstrauen. „Sie streiten also ab, für die Morde verantwortlich zu sein?“ Irgend etwas stimmte nicht. Ein Hauch von Lüge lag in der Luft, aber auch ein großer Anteil Wahrheit. Was war das Eine und was das Andere?
     „In der Tat sind wir das nicht.“, erwiderte der Kri ruhig. „Die Yradin an sich sind seit Jahrhunderten zivilisiert, doch gibt es Kulte, welche Jagd auf intelligente Beute machen. Seit sie einen Weg in die moderne Welt gefunden haben, glauben sie, ungestraft Jagd auf Menschen machen zu können.“
     „Gesetzt den Fall ich glaube Ihnen... Was sollte das mich angehen?“, pokerte Linus. er musste diesen Kri aus der Reserve locken, wenn er etwas erfahren wollte.
     „Es scheint euch nicht zu schmecken,“, sprang Thuvindal ein, „dass Wesen, die euch so ähnlich sind, unerwünschte Aufmerksamkeit auf... unnatürliche Dinge lenken.“
     Linus ließ ein betont zynisches Lächeln aufblitzen. „Das von einer Elfe und einer Werkatze zu hören, entbehrt nicht einer gewissen Ironie, nicht wahr?“ Dann ließ er jegliche Emotionen aus seinem Gesicht verschwinden und fragte erneut: „Weshalb seid ihr hier?“
     Shejrriim und Thuvindal wechselten einen Blick und nickten schließlich. „Wie es aussieht haben wir ein gemeinsames Problem.“
     Linus zog mit gespieltem Erstaunen die Augenbrauen hoch. „Ihr verkennt den Ernst der Lage. Ihr und eure jagenden Freaks, mögt ihr nun unter einer Decke stecken oder nicht, seid eine Bedrohung für meinen Clan. Es gibt viele unter uns, die euch lieber tot als im Verborgenen sehen würden. So haben wir das seit jeher mit Bedrohungen gehandhabt. Und bisher seid ihr uns den Beweis schuldig, dass ihr keine Bedrohung seid.“
     Shejrriim zog finsteren Blickes die Stirn in Kraus und musterte Linus so eingehend, dass ihm unwohl unter seinen Blicken wurde. Irgendetwas an diesem Kri war alt... Sehr alt. Vielleicht älter als er selbst, und das war eigentlich unmöglich. „Der Rat unseres Ordens sieht das ähnlich, Linus Devron. Wir vermögen nicht zu sagen, welche Macht ihr Vampire darstellt. Und der Orden ist wiederum für euch eine unbekannte Macht.
     Ich bin nicht hier, um Drohungen auszustoßen. Ich bin auch nicht an einem Krieg interessiert, er könnte uns allen nur schaden. Ich bin hier, um eine Einigung zu erzielen, die vielleicht beiden Seiten zum Vorteil gereichen kann.“
     Der Ernst in der Stimme des Kri überzeugte Linus mehr als alles andere. Er kannte diesen Tonfall von sich selbst. Wie oft hatte er schon einen Frieden zwischen den Clans beschworen? „Das sind die ersten fruchtbaren Worte bei diesem Treffen. Ich bin gewillt zuzuhören. Ich bin der Fürst meines Clans und Prinzregent dieser Stadt. Mein Wort zählt.“
     „Doch wir können nicht für den Rat sprechen.“, entgegnete Shejrriim. „Wir sind nur Wegbereiter.“
     „Wie meinen Sie das?“ Das allzeit vorhandene Misstrauen nahm wieder zu.
     „Wüsste der Rat des Ordens, was ich weiß, würde er Ihren Clan angreifen.“, sagte Shejrriim gerade heraus. „Die Aufgabe des Ordens ist es, jegliche Magie in der modernen Welt zum Schutze Landors zu unterbinden. Ich und Thuvindal hingegen sind uns sehr wohl bewusst, dass Vampire keine Wesen Landors sind und unseren Gesetzen nicht unterliegen. Und ihr könnt euch meisterhaft selbst verbergen. Euch anzugreifen würde nur die Aufmerksamkeit der Menschen erwecken, die wir zu meiden suchen.“
     Linus zog die Augenbrauen zusammen und musterte sie finster. Sie sprachen Drohungen aus, obwohl sie nicht drohten. „Wer seid ihr, dass ihr glaubt, unser Geheimnis auf Dauer vor eurem Rat verbergen zu können? Nach dem Tod meiner beiden Späher dürfte das kaum möglich sein.“
     „Das können wir nicht.“, sagte Thuvindal lächelnd. „Doch wenn wir schnell genug sind, können wir den Rat davon überzeugen, dass Ihr uns helfen könnt, die Gefahr zu beseitigen.“
     „Wie?“, fragte Linus nur. Obwohl er unsterblich war, schätzte er zeitverschwenderisches Gerede nicht sonderlich.
     Der Kri griff in seinen Mantel und holte eine Pergamentrolle hervor, die er Linus auf den Tisch legte. Der rollte sie auf und sah auf eine Karte New Yorks. An etlichen Stellen waren schimmernde Kreise zu sehen, die definitiv nicht irgendwelche Sightseeing-Punkte markierten. „Was sind das für Symbole?“, fragte Linus.
     „Die Karte enthält alle uns bekannten Orte, an denen die Wolfsmörder zuschlagen können.“, erklärte Thuvindal. „Stellen, an denen die jagenden Yradin in die moderne Welt zu treten vermögen.“
     Linus witterte eine Falle. „Warum gebt ihr mir das?“
     Shejrriim brachte die Sache auf den Punkt. „Der Orden hat nicht genug Leute, um jede Stelle zu überwachen. Ihr vielleicht schon. Haltet Wache an jenen Orten und tötet die Yradin, wenn sie erscheinen. Das wird dafür sorgen, dass die Wolfsmorde enden. Im Gegenzug für diese Information erbitten wir lediglich, dass die Leichen der Yradin und ihre Amulette an den Orden übergeben werden.“
     „Und der Rat...“, fragte Linus.
     „... wird von Eurer Unentbehrlichkeit bei der Beendigung der Wolfsmorde überzeugt sein, sobald der erste tote Yradin vor seinen Füßen liegt.“, erwiderte Shejrriim zuversichtlich. „Die Wahrheit ist, dass weder der Orden noch die Vampire die Mordserie allein beenden können. Wir sind aufeinander angewiesen.“
     „Da gibt es nur noch ein kleines Problem...“, warf Linus beiläufig ein, als wäre es eine Kleinigkeit. „Woher weiß ich, dass es keine Falle ist? Ich soll meinen Clan in der Stadt hübsch verteilen, an Punkten, die Sie mir vorgeben und muss darauf vertrauen, dass nicht an jeder Stelle ein kleiner Hinterhalt lauert?“
     Shejrriim nickte. „Ohne Vertrauen geht es nicht.“
     Das erstaunte Linus doch ein wenig. Dieser Vorschlag war... dreist. Aber darum auch wieder glaubwürdig. Eine Falle würde doch mit Sicherheit ein wenig raffinierter daherkommen. Dennoch galt es, seinen Clan zu schützen. „Das genügt nicht. Ich und Jarod konnten Sie nicht besiegen, Shejrriim. Sie und ihre Fabelwesen sind zu unberechenbar, als dass ich aus der Deckung gehen würde nur auf Basis von... Vertrauen.“
     Die Elfe nickte und trat vor. „Ich bleibe als Unterpfand dieser Vereinbarung hier, bis es mehr Grund zu Vertrauen gibt als bloße Worte.“
     Interessiert musterte Linus die Frau. Sie war außergewöhnlich und bestimmt einige Stunden der Unterhaltung wert. Doch so nobel es schien, ihr Leben als Sicherheit anzubieten, spürte er, dass noch andere Absichten dahinter steckten. Er war lange genug in die Clansfehde verwickelt, um jegliche Form von Lüge und Doppelspiel zu durchschauen. Wer lange genug lebte, um Clansfürst zu werden, war selbst ein Meister der Lüge. „Und während Sie hier mein Gefangener sind, werden sie ihrerseits ein wenig spionieren, nicht wahr?“, sagte er schließlich provokativ, doch sie verzog keine Mine. Kalt lachte er darüber. „Gut, von mir aus. Ich werde Sie im Auge behalten, allein schon ihrer zweifellos anregenden Gesellschaft wegen.“ Er heftete seinen Blick auf Shejrriim. „Der Deal steht.“

Dunkelheit. Das war das Einzige, was er sehen konnte. Die Welt bestand aus ihr. Solange er sich erinnern konnte, hatte es für ihn nichts anderes gegeben. Er wusste, dass es jenseits seiner Erinnerung auch einmal etwas anderes gegeben haben musste, aber es war zu lange her, als dass es für ihn noch eine Bedeutung haben konnte.
     Linus stand in Schatten gehüllt auf den Mauern von Castle Clinton und ließ seinen Blick über den Battery Park und den Hudson River gleiten. Dunkelheit lag auf allem, die tiefe, schwere Schwärze nach Mitternacht. Hinter ihm türmten sich die Hochhäuser Manhattans gegen den Nachthimmel auf und wagten einen erbärmlichen Versuch, mit ihren Lichtern der Nacht zu trotzen. Die Finsternis jedoch war um vieles stärker. Das war immer so, eine der Wahrheiten in der Existenz von Linus Devron.
     Devron... Linus hätte gelächelt, wenn er sich noch erinnern könnte, wie das ging. Dieser Name war nicht der seine, auch wenn er ihn seit ewigen Zeiten mit sich trug. Und Linus? Dieser Name war schon derart lange sein Begleiter, dass er ihn als den seinen angenommen hatte. Den Namen, der ihm bei seiner Geburt verliehen war, gab es nicht mehr. Die Dunkelheit hatte ihn verschlungen, zusammen mit dem Wissen um das Lächeln und der Erinnerung an das Licht.
     Sein jetziger Vorname war einer anderen Taufe entsprungen, einer dunklen Taufe. Dieser Name war von Gott verflucht. Als die Dunkelheit ihn damals gefangen nahm, hatte ihn das auch vom Antlitz des Herren entfernt.
     Der Wind trug den Geruch des nahen Meeres zu ihm und Linus streckte ihm sein Gesicht entgegen. Der Wind auf seiner Haut war das Einzige, das ihn noch spüren ließ, dass er noch nicht ganz tot war.
     Seufzend schob er seine düsteren Gedanken beiseite, die ihn stets überkamen, wenn er zuviel Zeit zum Nachdenken hatte. Und in der Existenz eines Vampirs gab es grausam viel Zeit dazu.
     Linus witterte die Luft. Etwas veränderte sich, auch wenn er es noch nicht benennen konnte. Vielleicht eine Vorahnung von Gefahr. Aufregung keimte in ihm auf. Nach so vielen Jahrzehnten der Verborgenheit endlich wieder auf der Jagd. Allein schon deswegen hatte es sich gelohnt, den Vorschlag Shejrriims anzunehmen.
     Erwartungsvolle Stille lag über dem Park, der selbst der Lärm der nahen Straßen nicht wirklich etwas anhaben konnte. Seit die Wolfsmorde für Angst und Schrecken sorgten, war die Stadt bei Nacht viel friedlicher. Die Menschen verkrochen sich lieber in ihren vermeintlich sicheren Wohnungen, als ihr Leben bei einem Nachtspaziergang aufs Leben zu setzen.
     Linus’ Köder durchstöberte unten inzwischen den wohl zwanzigsten Mülleimer nach Essbarem. Mit all seinen Muskeln musste er doch eine gute Beute für einen Werwolf abgeben. Linus hatte den Plan ein wenig ohne das Wissen des Kri verfeinert. Es gab an keinem der Übergangspunkte noch echte Opfer, die nur lästige Zeugen abgeben würden. Jeder einzelne Obdachlose, der nun an jenen Orten durch New York schlich, war eines seiner Kinder. Er hatte die Kräftigsten von ihnen ausgewählt, auch wenn deren Talente noch oft sehr schwach ausgeprägt waren. Ihr Job war es, Lockmittel zu spielen, während mächtigere Vampire auf Lauer lagen.
     Das Gefühl einer Bedrohung schwoll schlagartig an und Linus schärfte seinen Blick. Im Schatten eines Baumes tat sich ein tieferer Schatten auf, nicht dunkel wie ein Park der Stadt sondern finster wie ein Wald unter einem sternenlosen Himmel. Ich sollte mal ein Buch über die tausend Arten der Dunkelheit schreiben., dachte er zynisch und beobachtete fasziniert, wie eine wolfsähnliche Kreatur aus dieser Dunkelheit heraustrat. Das Portal schloss sich und es nahm Witterung auf. Die Jagd hatte begonnen.

„Verschwinde, ich übernehme jetzt.“, erklang eine kalte Stimme irgendwo aus Richtung der Burg. Allein die Tatsache, dass Yarrk die Richtung der Stimme nicht genau bestimmen konnte, war ein warnendes Zeichen. Eine Falle!, schoss es ihm durch den Kopf.
     Das Opfer, das er auserkoren hatte, sprach seltsame Worte in einer fremden Sprache, eine Säule wabernden Nebels erschien und es verschwand in ihr. Jetzt war es eindeutig, dass dieser verdammte Orden hier war.
     „Verdammt!“ Yarrk wollte zu seinem Amulett greifen, als ihn plötzlich das schrecklich drängende Gefühl überkam, jemand würde direkt hinter ihm stehen. Mit einem kämpferischen Knurren wirbelte er herum, lies seine Krallen niedersausen und durchschnitt nur die dunkle Nachtluft. Der Eindruck, jemand würde dicht bei ihm im Schatten des Baumes sein, wurde geradezu greifbar. Sein Herzschlag schien schrecklich laut in der fiebrigen Anspannung.
     „Yarrk?“, flüsterte eine Stimme in sein linkes Ohr. Ohne hinzuschauen rammte er seine Faust in den Gegner neben ihm und traf nur den Baumstamm, der dort war. Nichts rührte sich.
     Wie hat der Orden gewusst, dass ich hier zuschlage?, ging es ihm nicht aus den Kopf. Dieser Gedanke hatte sich stets wiederholt, seit er die Falle erkannt hatte.
     „Yarrk.“, hauchte die Stimme in sein rechtes Ohr. Er wirbelte herum, doch sah wieder nichts als die Dunkelheit, die über Gras und Büschen lag.
     „Du hast es mit Schlimmerem als den Orden zu tun.“, erklang die Stimme schräg über ihm, diesmal laut und kraftvoll.“ Yarrk machte einen Sprung zurück und sah empor. Ein in einen anthrazitfarbenen Mantel gehüllter Mann stand auf dem Ast eines Baumes, als wäre das der selbstverständlichste Ort für einen... Menschen.
     „Ich bin kein Mensch.“, sagte die Gestalt und Furcht überkam Yarrk bei dem Klang dieser grabeskalten Stimme. „Ich bin Jäger, so wie Du.“
     Jäger hin oder her, Yarrk entschloss sich ohne klaren Gedanken zur Flucht. Seine Hand glitt erneut zum Amulett, doch ein Schatten fegte an ihm vorbei, er spürte einen Ruck am Hals und das Medaillon war fort.
     Die Gestalt auf dem Ast betrachtete ihn neugierig. „Ich kann nicht verstehen, wie euresgleichen eine solche Bedrohung für den Orden oder für uns werden konnte.“
     „Was willst Du?“, knurrt Yarrk mit einer Mischung aus Angst und Zorn. Er konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn man mit ihm Spielchen trieb. Kein Yradin konnte das.
     „Das Gleiche wie Du.“, erwidert die bemantelte Gestalt mit beunruhigend tonloser Stimme. „Kämpfen.“ Er sprang von dem Ast und landete leichtfüßig direkt vor Yarrk. Sein Gesicht wirkte nun seltsam verzerrt, nur noch vage menschlich und lange, scharfe Fangzähne blitzten auf. „Und meine Zahne in Dein Fleisch graben.“
     Ohne nachzudenken schlug Yarrk zu, traf das Monster mit voller Wucht im Magen und trieb es einen erschreckend kleinen Schritt zurück. Seine Hand schmerzte, als hätte er gegen eine Wand geschlagen.
     Das Monster sah ihn kalt lächelnd an. „Du kannst mehr als das, oder?“
     Yarrk nahm eine Kampfstellung ein, suchte eine Schwachstelle in der Deckung seines Gegners und griff an. Blitzschnell ließ er seine Krallen niedersausen, wurde mehrmals abgewehrt und riss endlich einige tiefe Furchen in die Wange des Feindes. Sie klafften befriedigend rot auf der bleichen Haut, doch etwas stimmte nicht. Sie bluteten kein bisschen.
     „Überrascht?“, höhnte sein Gegner und sein Angriff brach über Yarrk herein. Schlag auf Schlag vereitelte er jeden Hieb, doch der letzte streifte seine Schnauze und Schmerz brandete über sie hinweg. Warmes Blut lief an ihr herab. Sein Blut.
     Das bleiche Monster sah auf seine Hand hinab und leckte das Blut von zu Klauen verwandelten Fingern. Ein kranker Wahn glitzerte dabei in seinen Augen. „Dein Blut ist kraftvoll.“, flüsterte er und sah Yarrk hungrig an. „Es wird mir Macht verleihen.“
     „Nicht, wenn ich Dich vorher töte, Du Abscheulichkeit!“, knurrte Yarrk, zog blitzschnell einen Dolch aus dem Gürtel und stieß ihn dem Mann ins Herz.
     Doch anstatt röchelnd zu sterben, sah der nur verärgert an sich herab, schüttelte den Kopf und... lachte. Lauthals drang das gruseligste Lachen, das er je gehört hatte an Yarrks Ohren. „Du willst mich töten? Dann brauchst Du das richtige Werkzeug.“
     Der Mantel des bleichen Schreckens wirbelte, eine Klinge schimmerte im Dunkeln und beißender Schmerz fuhr durch Yarrks linken Arm. Nur noch das Heft des Messers ragte aus ihm heraus.
     „Dafür wirst Du bezahlen!“, brüllte er und riss das Messer aus seinem Fleisch. Kampfesfieber kam über ihn und erfüllte ihn mit Kraft.
     „Ist das der Dank?“, spottete das bleiche Menschenmonster und wich zwei Stichen Yarrks aus, bevor es seine Faust auf seine Wunde im Arm hämmerte. „Die Klinge ist mit geweihtem Silber durchwirkt. Die einzige Waffe in einer Meile Umkreis, die mich töten kann.“ Es riss Yarrks Klinge aus seiner Brust und warf sie verächtlich beiseite. „Versuch es noch mal, Wolfsmann.“
     Yarrks Verstand versank im Nebel der Kampfeslust und schwemmte Zweifel und Angst beiseite, machte ihn stark. Und er kämpfte. Ein Rausch aus Schmerzen und Angriffen zog an ihm vorbei, währte eine halbe Ewigkeit.
     Doch dann drang wieder diese kalte Stimme in seine Ohren, so als wäre sie direkt neben ihm. „Du stirbst, Yarrk.“ Dann wurde es Schwarz um ihn.

Die Leiche des Yradin schlug mit einem dumpfen Laut auf den harten Steinboden. Zufrieden stellte Linus fest, dass die Elfe einen gewissen Ausdruck der Abscheu nicht unterdrücken konnte. „Hier ist einer Eurer Renegaten, Thuvindal.“
     Die Elfe sah zu Linus auf und fragt nur: „Wo ist das Amulett?“
     Schulterzuckend zog es Linus aus der Tasche und warf es ihr zu. Nicht ohne Bewunderung bemerkte er die Eleganz, mit der sie es auffing. „Es war gut, mal wieder auf der Jagd zu sein.“, versuchte er sie zu schockieren, doch sie hatte viel größeres Interesse an dem Amulett. „Allein die Jagd wird meinem Clan genug Belohung sein, dem Orden bei seinem kleinen Problem zu helfen, auch wenn ich das jetzt vermutlich nicht sagen sollte.“
     Die Elfe sah erneut zu ihm auf und musterte ihn mit ihren zeitlosen Augen. „Ihr sprechet wie einer, der Abscheu und Freude zugleich bei dem empfindet, was er tut.“
     Die letzten fünf Tage hatte es regelmäßig kleinere Affronts wie diesen gegeben und warfen ihn nun längst nicht mehr aus der Bahn. „Ich würde alles dafür geben, wieder von Brot satt werden zu können.“, antwortete er unverblümt. „Und doch bin ich kein Narr. Mein Schicksal ist unabänderlich und ich genieße die Vorzüge, die es mir bietet.“
     Sie neigte kurz ihr Haupt, doch so vage, dass es sowohl ein verstehendes Nicken, als auch einen weiteren Blick auf das Amulett bedeuten konnte.
     „Was ist an diesem Amulett so besonders, dass es Euch so in den Bann zieht?“, fragte er so, als gäbe es an der Deutung ihres Nickens keinen Zweifel. Eine Regel der Clansfehde war es, andere stets im Unklaren über das eigene Wissen zu lassen.
     „Es schließt sehr mächtige Magie ein.“, antwortete die Elfe gedankenverloren. „Kein sterblicher Mystiker könnte solch ein Artefakt erschaffen. Ich bezweifle sogar, dass einer der Großen der Elfen in der Lage dazu wäre. Es ist ein bedrohliches Rätsel.“
     „Dann hat der Orden ja wohl mehr Sorgen, als nur ein paar räudige Wolfsmenschen.“
     Ein strafender Blick von ihr zeugte davon, dass sie seine abfällige Art über die Yradin zu sprechen nicht billigte. „Die hat er in der Tat.“, sagte Thuvindal kühl.
     Jetzt galt es einen unerwarteten Zug zu tun. „Dann könnt Ihr gehen, Elfe Thuvindal. Ich benötige nicht länger einen Unterpfand.“
     Sie zögerte überrascht. Nur sehr kurz, so dass es zu übersehen gewesen wäre, hätte er nicht darauf gewartet. „Ich bin frei?“, fragte sie ungläubig.
     Linus deutete auf die Tür des Salons. „Das weiß ich nicht. Aber Ihr dürft gehen, wenn ihr nicht lieber bleiben wollt.“
     Sofort erhob sie sich. Ertappt. „Warum sollte ich bleiben wollen?“
     „Weil Ihr meine Gesellschaft so unwiderstehlich findet?“, fragte er ironisch. „Ihr habt in den letzten Tagen so viel Wert auf meine Nähe gelegt, so an meinen Lippen gehangen, wenn ich etwas von den vergangenen Zeiten unserer Art erzählt habe...“
     Thuvindal straffte ihren Rücken. „Ihr habt es bemerkt.“
     Er brauchte nicht zu fragen, was sie meinte, war er es doch, der sie dahin gelenkt hatte. Linus deutete eine Verbeugung an. „Ihr wisst wahrhaft wenig, wenn ihr glaubt einen Vampirältesten täuschen zu können.“ Dann verbannte er jegliche falsche Freundlichkeit aus seinem Gesicht und fragte gerade heraus: „Was ist es, was Ihr sucht? Ein Schwachpunkt um uns zu erledigen?“
     Die Elfe schüttelte den Kopf und er sah so etwas wie ehrliches Bedauern in ihrem Blick, weil er sie solch einer Absicht bezichtigte. „Ich will Euch oder Eurem Clan keinen Schaden zufügen. Ich versuche die Art eurer Magie zu begreifen, doch ihr verliert kein Wort darüber, noch sehe ich Artefakte, die ihr zu Euren Zwecken gebraucht.“
     Traurigkeit schwemmte über Linus hinweg und hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Magie... „Es gibt keine Magie in meiner Existenz, Elfe Thuvindal.“, sagte er schließlich. „Mein Dasein ist so unerträglich irdisch, so bitter entzaubert, dass kein Platz bleibt für Magie oder gar nur Träume.“
     Mitgefühl regte sich in ihren Augen und schnitt in sein kaltes Herz wie ein vergiftetes Messer. Anteilnahme an meinem Schicksal! Wann hast Du das letzte Mal diesen Ausdruck in den Augen eines Wesens gesehen, Linus? Er wusste keine Antwort darauf. „Gibt es keine Heilung?“, fragte sie sanft.
     „Nein!“, grollte Linus. „Heilung kann nur von Gott kommen, doch Gott ist für mich unerreichbar geworden. Wenn nicht durch das, was ich bin, dann durch das, was ich tat. Es gibt keine Hoffnung.“
     Thuvindal schwieg eine Zeit betroffen und sah ihn dabei unverwandt in die Augen. Doch es gab in dieser Situation nichts zu sagen, das Linderung schaffen könnte oder das nicht hohl oder sinnlos geklungen hätte. Beide wussten das. Und dennoch regte sich in ihm beim Anblick ihrer zeitlosen, um ihn trauernden Augen ein Gefühl, das er nicht zu nennen wusste. Es war so unsagbar süß und wohlig, dass er glaubte, es noch nie zuvor empfunden zu haben. Dann regte sich eine ferne Erinnerung, aus den Tagen, als er noch ein Kind Gottes war und unter der Sonne wandelte. Jenes unbeschreibliche Gefühl war Trost.
      Doch wie alle schönen und guten Dinge, verging dieser Moment irgendwann und die Dunkelheit in ihm wurde wieder allmächtig. Thuvindal senkte traurig ihren Blick zu der Leiche des Yradin und begann langsam, komplexe Gesten zu machen, bis sich plötzlich ein schwaches Schimmern um den Toten legte und ihn behutsam anhob.
     „Das ist wahre Magie...“, sagte Linus bewundernd.
     Thuvindal wandte ihm wieder ihren Blick zu. „Und was ist mit dem, was Eure Art vermag? Was, wenn keine Magie? Auf Eurem Haus liegt ein Schutzzauber, das könnte ich beschwören.“
     Linus schüttelte nur traurig den Kopf. „Wie der Glaube an Gott eine Waffe gegen uns sein kann, so ist unser finsterer Wille in der Lage, andere zu beeinflussen. Auf der Villa liegt kein Zauber, Thuvindal, es ist nur eine dunkle Drohung unseres Geistes, der Feinde fernhält und lähmt. So ist es mit allem, was wir vermögen. Willen und Weisheit der Jahrhunderte eröffnen uns Wege, die kurzlebigen verwehrt bleiben.“
     Ohne eine andere Antwort als ihre traurigen Augen zu geben, wandte sie sich ab und schritt durch den Raum. Der tote Körper folgte ihr.
     „Ihr könnt dennoch gerne wiederkommen.“, sagt Linus und wunderte sich über sich selbst. Wann hatte er das letzte Mal einen Lebenden eingeladen? Vor Ewigkeiten. „Ihr könntet gerne weiter nach der Magie suchen, die Ihr finden wollt.“
     Thuvindal blieb stehen, drehte sich aber nicht noch einmal um. „Das werde ich gerne. Ihr seid der Einzige in tausend Meilen Umkreis, der so wie ich das Gewicht der Zeit auf seinen Schultern spürt. Die Unterhaltungen mit Euch waren mir stets eine Freude.“

Mit diesem Worten ging sie und sah nicht zurück. Was war nur mit ihr los? Sie fühlte sich auf eine seltsame Art und Weise zu ihm hingezogen. Nicht Liebe, nein! Mit Sicherheit nicht Liebe. Aber etwas war an ihm, dass sie ihr Herz öffnen ließ. Gegenüber einem Fremden.
     Es war nichts Äußeres, auch nicht seine traurigen Augen, obwohl sie als erstes zu ihr durchgedrungen waren. Es war seine Traurigkeit, seine Hoffnungslosigkeit an sich. Sie – eine Unsterbliche vom Volk des Lebens, wie sich die Elfen selbst bezeichneten, traf hier auf einen Unsterblichen, der wie sie Jahrtausende erblickt hatte und an ihnen verzweifelte. Die Elfen liebten das Leben in allen Formen, doch Linus hungerte stärker danach, als sie es jemals könnte.
     Sei kein Narr!, wies sie sich zurecht. Er jagt Menschen und trinkt ihr Blut, um sein untotes Dasein zu erhalten. Seine Existenz und die seiner Sippe an sich sind ein Hohn des Lebens, eine dämonische Entstellung dieser wunderbaren Kraft.
     Doch im gleichen Moment folgte ein anderer Gedanke, der sein Geschwister zum Schweigen brachte. Er hat es sich nicht ausgesucht. Er ist ein Opfer.


JSC Micro Biotics

Der Polizeialltag hatte sie wieder. Der Berg an Unterlagen der Nachforschungen des getöteten Journalisten schien kein Ende nehmen zu wollen. Doch je mehr sie sich durch die Papiermassen und Fotosammlungen kämpfte, desto sicherer war sie, dass es wichtig war, sich selbst ein Bild des Originalmaterials zu machen.
     Die Berichte der Polizeikollegen waren nicht unbedingt mangelhaft, doch ergab vieles von dem, was in Spencers hingekritzelten Notizen stand ein anderes Gewicht, wenn man davon ausging, dass Jonathan Saphrosis Dreck am Stecken hatte. Es gab da auch eine Reihe von Fotos, die eher nichtssagend waren, solange man nicht wusste, dass JSC Micro Biotics an Wölfen Genexperimente durchführte und der Milliardär, dem die Firma gehörte vermutlich Patron der mordenden Yradin war.
     Sah man das Material aber von eben jenem Standpunkt, dann erhielten kleine Details eine erstaunliche Schärfe und Gewicht. Da war diese Kleinigkeit, dass der nun tote Bankier Garmont eine Woche vor seiner Ermordung offenbar eine heftige Auseinandersetzung im Gentlemanclub mit Saphrosis gehabt hatte. Genaues hatte Spencer nicht herausgefunden, die noblen Kreise waren sehr diskret, doch schien es um Geld zu gehen. Eine Menge Geld.
     Und Spencer hatte Geschäftsunterlagen ausgegraben, die er nur minder erfolgreich zerschreddert in einem Papierkontainer gefunden hatte. Was da nun mit Klebeband zusammengepuzzelt vor Diane lag, erwies sich als Deal zwischen Saphrosis’ Firma und Dwenmoore persönlich. Nur war dieser Handel nicht in den elektronischen Unterlagen verzeichnet, die sie von beiden Firmen erhalten hatte. Ein Schattengeschäft über technische Anlagen, die man grob als Zuchttanks zum Clonen von großen Säugetieren bezeichnen konnte. Groß genug für Menschen jedenfalls, und das war so ganz und gar illegal. Ganz abgesehen von dem Aufbäumen der Moralwächter der Nation, das gewaltigen Schaden an beiden Firmen anrichten konnte.
     Somit ergaben auch einige Fotos Sinn, die Spencer scheinbar willkürlich von Angestellten geschossen hatte, die das Gelände von JSC Micro Biotics zu allen Tages- und Nachtzeiten betraten. Diane zählte insgesamt achtzehn Wissenschaftler weniger, als auf der Lohnliste der Genfirma standen, die Spencer ebenfalls irgendwie in die Finger bekommen hatte.
     Eine kleine Recherche im Archiv der Agency später hatte Diane herausgefunden, dass die meisten jener Wissenschaftler weltweit als Größen auf dem Gebiet der Genforschung galten. Warum war dann keiner von ihnen während der Wochen der Observation zur Arbeit erschienen?
     Die Vermutung lag nahe, dass sie sich um jene mysteriösen Zuchttanks scharten und unsägliche Experimente betreuten. Es musste noch einen Eingang geben. Es gab auch einige Photos, die nackte Fabrikmauern und Schachteingänge zeigten. Doch das war Diane zu schräg, als dass sie an verrückte Forscher glauben konnte, die in Nacht und Nebel in die Kanalanlagen hinabstiegen, um ihren Arbeitsplatz zu erreichen.
     Doch sie mussten irgend wo sein. Das versprach interessant zu werden.

Diane platzte in das Büro des Captains und er zuckte zusammen. „Mein Gott, Diane, Sie könnten wenigstens anklopfen.“, brummte er nicht all zu böse und zündete sich eine Zigarette an. Diane holte ihr Versäumnis lächelnd am Türrahmen nach und schloss die Tür.
     „Ich brauche ihre Kontakte, Captain.“, sagte sie gerade heraus. „Kennen Sie nicht zufällig einen Richter, der mir noch in dieser Stunde einen Durchsuchungsbefehl für JSC Micro Biotics ausstellen könnte?“
     „Sie wollen was?!“, fragte Bofield geradezu erschrocken. Sein Glimmstängel fiel ihm aus dem Mund und landete zischend in Bofields Kaffeebecher.
     „JSC Micro Biotics durchsuchen.“, erwidert Diane mit ungebremsten Enthusiasmus. „Im großen Stil mit allen Männer, die sie entbehren können.“
     Bofield sah finster in seinen Kaffee, schüttelte dann den Kopf. „Sind Sie verrückt geworden? Saphrosis stutzt mich einen Kopf kürzer, wenn Sie das tun!“
     Diane setzte sich gelassen dem Captain gegenüber. „Die Firma ist der Angelpunkt, um den sich der Fall dreht, Captain. Garmont wollte JSC Micro Biotics große Kredite streichen und starb eine Woche später. Dwenmoore hat Saphrosis unter der Hand höchst bedenkliches Genforschungsequipment verkauft und wurde kurz darauf getötet. Spencer war dem allen auf der Spur und musste auch mit dem Leben dafür bezahlen.“ Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl nach vorn und sah ihm mit Feuereifer in die Augen. „Ich bin mir ganz sicher, dass Saphrosis’ hinter den gezielten Angriffen der Wolfsmorde steckt. Wir dürfen ihn nicht davonkommen lassen.“
     Captain Bofield seufzte und sah seinen Fingern dabei zu, wie sie eine neue Zigarette aus der Schachtel fischten. Er blickte zu ihr auf, seufzte erneut und viel schwerer und schob die Zigarette samt Schachtel beiseite. „Ja, ich kenne da einen Richter.“, sagte er schließlich und klang dabei zehn Jahre älter. „Kein Freund von mir aber ein Feind von Saphrosis und das ist in Ihrer Situation mehr wert.“
     Diane fiel ein Stein vom Herzen. „Danke, Captain.“
     Doch Bofield schüttelte nur den Kopf. „Danken Sie mir erst, wenn Sie den Sturm überstanden haben. Saphrosis ist eine Naturgewalt und sein Arm reicht weit, sonst hätte er es nicht soweit gebracht. Ziehen Sie sich warm an, egal für wen Sie nun wirklich arbeiten mögen.“
     „Das werde ich, Captain.“, sagte sie ernst. Sie wusste genau, dass mit Männern wie Saphrosis nicht zu spaßen war. Doch den Orden des Gleichgewichts im Rücken fühlte sie sich dem durchaus gewachsen.

Es war für Diane keine große Überraschung, dass sie Jonathan Saphrosis auf sie wartend vorfand. Trotz der geringen Zeit von zwei Stunden, welche die Vorbereitung der Durchsuchung gebraucht hatte, war es dem Spitzel Saphrosis‘ offenbar gelungen seinem Herren und Meister eine Warnung zukommen zu lassen.
     „Nun schauen Sie nicht so mürrisch, Miss O’Donnell.“, begrüßte der Milliardär sie mit seiner charmanten Art. „Ich bürge schließlich mit meinem Namen für dieses Unternehmen, da wäre es sträflich meinen Aktionären gegenüber, dieses kleine Affentheater einem anderen zu überlassen.“ Ein amüsierter Blick zu den vierzig Uniformierten hinter ihr machte deutlich, warum er das Wort ‚Affentheater‘ passend fand. Dann lehnte er sich gelassen gegen das große Firmenschild und wischte imaginären Staub von den Buchstaben ‚JSC‘.
     Diane schob ihre schlechte Laune beiseite, um die Worte des Mannes Lüge zu strafen. „Ich habe doch nichts gegen die Begleitung eines Gentlemans, während ich diese Firma auf den Kopf stelle.“, gab sie so fröhlich wie nur möglich zurück. „Es ist sogar sehr entgegenkommend von Ihnen, hier zu sein.“ Sie bemerkte seinen fragenden Blick, und eine Priese Verunsicherung hinter der Geschäftsmaske ließ sie innerlich zufrieden lächeln. „Ich kann Ihnen jetzt jede Menge Fragen stellen, für die ich sonst erst in einer Woche einen Termin bekommen würde.“
     Saphrosis wusste natürlich, dass das Nonsens war. Er war Profi genug, keine einzige ihrer gefährlichen Fragen wahrheitsgemäß zu beantworten. Charmant wie immer deutete er eine Verbeugung an. „Zu Ihren Diensten.“
     „Dann können wir?“, fragte Diane und wollte sich an dem Milliardär vorbeidrängeln, doch sofort schoben sich zwei seiner Bodyguards vor den Eingang und blockierten ihren Weg.
     „Nicht so schnell, Miss O’Donnell.“, sagte Saphrosis in Schöne-Wetter-Manier. „Ich weiß zwar, dass Sie einen Durchsuchungsbefehl haben, aber ich würde doch all zu gerne sehen, welchem Richter ich ihn zu verdanken habe.“
     Diane setzte ein falsches Lächeln auf und reichte ihm das Papier. „Ich will Ihnen doch nicht Ihre verfassungsmäßigen Rechte vorenthalten.“
     Der Milliardär warf einen Blick auf die Unterschrift, zog die Augenbrauen hoch und nickte andeutungsweise. „Gut, gut. Dann kommen Sie, Miss O‘Donnell.“ Saphrosis trat beiseite und machte eine joviale einladende Geste, so als würde es sich um ein Dinner zu zweit ohne vierzig Polizisten im Schlepptau handeln. Die Bodyguards wichen ebenfalls zur Seite.
     Diane sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, als sie an ihnen vorüberging. „Gut abgerichtet, die Kleinen.“, spottete sie und erntete Gewitterwolkenaugenbrauen der Leibwächter.
     Saphrosis jedoch lachte amüsiert, als wäre dies ein Scherz nach seinem Geschmack. „Sie sind nützlich, glauben Sie mir.“
     Diane warf ihm einen zuckersüßen Blick zu. „Das kann ich mir vorstellen. Es gibt genug Feinde, nehme ich an.“
     Jonathan Saphrosis zog ein bekümmertes Gesicht. „Offenbar werden es auch jeden Tag mehr. Wie kommt es, dass Sie inzwischen halb New York umgegraben haben und jetzt auch noch bei mir anfangen Unruhe zu stiften?“
     „Das muss daran liegen, dass der Wolfsmörder auch halb New York umgegraben hat.“, erwiderte Diane. „Und wenn Sie es genau wissen wollen, gibt es da einen jungen Journalisten, der Interessantes über Sie herausgefunden hatte.“
     „Wollen Sie mir auf die Sprünge helfen, welchen Journalisten sie meinen?“, fragte Saphrosis ungerührt. „Ich habe einen ganzen Stab, der alle wichtigen Zeitungen für mich analysiert. Mir ist kein beunruhigender Artikel über mich bekannt.“
     Sie kamen zu dem vollverglasten Gebäudewürfel, der schon von sich aus eine Aura der Moderne und des Fortschritts verbreitete. Der Milliardär wandte sich zu den Polizisten um. „Jeder von Ihnen wird einen Wissenschaftler zur Seite bekommen, der Sie in allen Fragen beraten wird und aufpasst, dass Sie nichts beschädigen. Sie erhalten Zugang zu allen Bereichen, ich habe nichts zu verbergen. JSC Micro Biotics ist ein tadelloses Zentrum der Wissenschaft.“
     Bofields finstere Mine verriet all zu deutlich, was er von dem Wort ‚tadellos‘ aus dem Munde Saphrosis‘ hielt. Wächter zogen Chipkarten durch Lesegeräte und ließen ihr Auge abtasten, damit sich die Türen zu dem Gebäude öffneten. Saphrosis ließ es sich nicht nehmen, noch eine Bemerkung nachzuschieben: „Meine Anwälte werden begierig sein, jeglichen wirtschaftlichen und physischen Schaden, den Sie verursachen, vor Gericht aufzuführen.“
     Dann machte er wieder diese vorkommende Geste, um Diane hereinzubitten. „Kommen Sie, Diane... Ich darf Sie doch Diane nennen?“
     „Nein, dürfen Sie nicht.“, erwiderte Sie knochentrocken und trat ein.
     „Selbstverständlich, wie unhöflich.“ Doch Saphrosis‘ Tonfall ließ offen, ob es ihr oder sein Verhalten war, dass er unhöflich fand. „Aber wo waren wir stehen geblieben? Sie sagten etwas von einem Journalisten?“
     „Robert Spencer.“ Keine Reaktion. „Der Journalist, der ihrem Klonzauber hier auf die Schliche gekommen ist.“ Immer noch keine Regung. „Und den Sie dann aus dem Weg geräumt haben.“
     „Miss O’Donnell.“ Ein kühler Blick Saphrosis’ machte deutlich, dass sie eben einen Schritt zu weit gegangen war. „Anstatt mich blindlings zu beschuldigen, sollten Sie lieber Ihren Job machen und die Wolfsmorde beenden.“
     „Ich bin gerade dabei.“, sagte sie ungerührt und mit gefährlichem Unterton. „Vielleicht ist Ihnen ja schon aufgefallen, dass es in letzter Zeit keine Wolfsmorde mehr gegeben hat.“
     „Ich glaube kaum, dass das Ihr Verdienst war, Miss O’Donnell.“ Offene Feindschaft lag zwischen ihnen in der Luft, während sie durch die Gänge des Forschungszentrums gingen. Diana wies mit knappen Gesten die einzelnen Teams an, in welche Richtungen sie sich aufteilen sollten.
     „Mehr, als Ihnen lieb sein dürfte, Mr. Saphrosis. Sie haben Mächte gegen sich aufgebracht, mit denen Sie nicht gerechnet haben dürften.“
     „Mächte?“ Saphrosis lachte erheitert und die Anspannung zwischen ihnen verpuffte. „Miss O’Donnell. Ich weiß mehr über den Orden und Linus‘ kleine Machenschaften, als Sie ahnen. Diese sind es, die sich mit den Mächten anlegen. Und denken Sie, dass es mich beeindruckt, dass Sie die NSA im Rücken haben?“ Diane versteifte sich. „Im Gegenteil, Diane. Was denken Sie, wer Director McKinzey gebeten hat, ausgerechnet Sie mit diesem Fall zu beauftragen, den ich erst angestoßen habe?“
     Diane musterte ihn eingehend, doch irgendein untrügliches Gefühl verriet ihr, dass Saphrosis die Wahrheit sagte. Was hatte das zu bedeuten? Wieso war Jonathan Saphrosis daran interessiert, die NSA auf den Fall anzusetzen? Sie zweifelte nicht im Geringsten daran, dass er der Patron der wilden Yradin war. Er war der Einzige der großen Verdächtigen, der noch in Frage kam. Und was, wenn der Orden oder Linus doch hinter den Morden stecken?, meldete sich eine Stimme in ihrem Kopf. Du hast nie einen wirklichen Beweis dafür gesehen, dass dem nicht so ist. Shejrriim ist vertrauenswürdig, das steht fest, aber was, wenn er auch nur getäuscht wurde?
     Entschieden schob sie diese Zweifel beiseite. Saphrosis hätte sie eben beinahe um den Finger gewickelt, doch das war das letzte Mal. Wachsamkeit würde ihr Schild gegen ihn sein. „Lassen wir diese Spielchen, kommen wir zum Geschäft.“, unterbrach sie das sinnlose Geplänkel.
     Der Milliardär ließ sein Gewinnerlächeln aufblitzen und sagte dann fröhlich: „Das ist dann schon eher nach meinem Geschmack. Was wollen Sie sehen?“
     „Den Serverraum für den Anfang. Und ich meine jetzt auch ihre Zentralrechner, die keine Verbindung nach draußen haben und vermutlich in einem abgesonderten Raum stehen.“
     „Ich habe nichts Anderes von Ihnen erwartet.“, sagte er gelassen. „Was sollte ein Agent der NSA auch anderes wollen, als nach geheimen Daten Ausschau zu halten? Wir sind bereits auf dem Weg zum Offlineserver.“
     Diane hörte ihm nur noch mit einem halben Ohr zu. Ihr Agency-Standardprogramm, wie sie es nannte, war längst angesprungen. Grundriss einprägen, nach Kameras und anderen Beobachtungsmitteln Ausschau halten, Sicherheitsbarrieren entdecken und analysieren. JSC Micro Biotics war in dieser Hinsicht hervorragend ausgestattet. Lückenlose Kameraüberwachung, Chipkartenzugang kombiniert mit Retinascan, Wärmesensoren in jeder Ecke. Kleine, kaum ausfindig zu machende Paneele an den Wänden deuteten zudem auf ein aktives Abwehrsystem hin – vermutlich irgendein Nervengas.
     „Was ist eigentlich aus ihrem Stab aus Klon-Experten geworden?“, fragte sie beiläufig. „Jene zur Weltspitze gehörenden Eliteforscher, die sie für JSC Micro Biotics angeworben haben?“
     „Wen meinen Sie?“, fragte er nur gelassen und verschaffte sich so mehr Zeit. Diane zählte ein paar Namen auf. Sie sah dem ernsten Gesicht Saphrosis’ an, dass das ein Quentchen mehr an Information war, als ihm lieb war. Dennoch erwiderte er letzten Endes nur gelassen: „Kasachstan.“
     „Bitte?“
     „Sie arbeiten zurzeit in Kasachstan. Diese Firma hat überall auf der Welt Filialen.“
     Diane zuckte ratlos mit den Schultern. Was hast Du auch erwartet, Mädchen? Dass er weinend zusammenbricht und alles gesteht? Vorerst tröstete sie sich damit, dass sie den Serverraum erreicht hatten. Die Sicherheitsvorkehrungen hier erinnerten sie an ein Fort Knox in Miniaturausgabe: Ein Dutzend gut bewaffneter Wachen hatte hinter einer Panzerglasscheibe Stellung bezogen, eine zweifellos schwer gepanzerte Tür war nur durch eine Reihe Sicherheitschecks zu öffnen. Was in diesem Raum aufbewahrt wurde, rechtfertigte zweifellos diesen enormen Aufwand. Ein Einbruch in die zentrale Forschungsdatenbank konnte der Konkurrenz Jahre der Forschung ersparen.
     Saphrosis war es persönlich, der die Sicherheitsbarrieren absolvierte und die Tür öffnete. „Ich bin der Einzige, der diesen Raum allein betreten kann.“, sagte er, um seine Wichtigkeit zu unterstreichen. Sie gingen in den steril anmutenden Raum. Es war das erste Mal, dass die Leibwächter nicht an ihren Fersen hefteten sondern artig vor der Tür warteten.
     Die Luft fühlte sich unangenehm warm an und sie war von Flüstern hunderter Kühllüfter erfüllt. Dianes Augen leuchteten heller, als sie die hier angehäufte Technik erblickte. Einiges war sogar so modern, dass sie es nicht kannte – vermutlich geheime Eigenentwicklungen der Jonathan Saphrosis Company.
     „Dieses Wunderwerk der Technik erhält den gesamten Komplex am Leben, Miss O’Donnell.“, sagte Saphrosis nicht ohne Stolz. „Sicherheit, Forschungsstationen, Regulierung der Umweltbedingungen, Logistik...“
     Diane setzte sich gezielt an einen Arbeitsplatz, der nach Masterkonsole aussah, doch Saphrosis trat neben sie und sagte: „Der Durchsuchungsbefehl erstreckt sich zwar auch auf jegliche Datenbestände, doch haben meine Anwälte mich darauf hingewiesen, dass Sie keine Daten außerhalb dieses Raumes bringen dürfen, solange Sie nicht die gleiche Sicherheit gewährleisten können, wie Micro Biotics. Ist das Gesetz nicht etwas Wundervolles?“
     Das war ein Ding der Unmöglichkeit und beide wussten das. Die Zentralrechner der Polizei oder des FBIs waren Kinderspielzeug gegen das hier. Doch Diane hatte gar nicht erwartet, so einfach an die Daten des Unternehmens zu gelangen. Sie hatte mehr Asse im Ärmel, als Mister Smart-und-clever ahnen konnte. Daher sagte sie wahrhaft gelassen: „Dennoch darf ich hier Einblick nehmen, soviel ich kann. Würden Sie mir freundlicherweise die Passwörter des Tages verraten?“
     Dem Milliardär blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen und er nannte ihr die Passwörter, die ihr zusammen mit einem Scan seines Auges das Lesen aller Daten erlaubte. Er wusste aber genau, dass es ein Ding der Unmöglichkeit war, entscheidende Daten aus diesem gigantischen Irrgarten aus Bits und Bytes herauszusuchen. Die Schiere Masse und Unverständlichkeit des Fachmaterials waren Schutz genug.
     „Sie werden feststellen, dass ihre kleinen Hacker-Kniffe hier nicht fruchten werden.“, sagte er selbstsicher. „Es steht Ihnen natürlich frei, sich zu versuchen.“
     Damit begann Diane mit ihrer Arbeit. Sie sichtete jede Menge unnütze Dateien und ließ Saphrosis seine sichtbar gute Laune, solange er noch Grund dazu hatte. Sie arbeitete sich gerade durch einen Stapel Berichte über die Energieversorgung, als ihre Falle zuschnappte. Ein Wissenschaftler mit einem nervös zuckenden Augenlid wuselte in den Raum und zu Saphrosis.
     „Sir, dieser penetrante Polizeicaptain besteht darauf, einen sterilen Arbeitsbereich zu betreten.“ Sein nervös zuckendes Auge huschte zu Diane. „Er pocht auf seinen Durchsuchungsbefehl und wird damit das Genesis-Projekt um mindestens drei Monate zurückwerfen. Alle Proben, die wir angesetzt haben, könnten kontaminiert werden.“
     Saphrosis seufzte ärgerlich und warf Diane einen durchdringenden Blick zu, als versuche er ihre Mitschuld an diesem Theater zu ergründen. „Bitte machen Sie für die Kameras ein freundliches Gesicht, bis ich wieder da bin.“, sagte er charmant wie immer und folgte dem nervösen Forscher.
     Diane durchforstete ohne die Kameras eines Blickes zu würdigen weiter die Daten, stand auf und ging zu einer anderen Konsole. Ein kleiner Transponder, sozusagen ein Funkmodem für Hacker glitt aus ihrem Ärmel und sie heftete es unauffällig an den Zentralrechner.
     Leider war das ganze nicht so einfacht. Das kleine Gerät hatte nur eine begrenzte Reichweite und war nicht leistungsfähig genug, große Datenmengen zu verarbeiten. Doch keine fünf Minuten später klingelte ihr Handy und ein anonymer, jedoch sehr nützlicher Kollege gab ihr eine Hintertür für den Zentralrechner durch. Direkt an der Quelle war der Schutz immer am Schwächsten.
     Diane kehrte zur Masterkonsole zurück, umging die Sicherheitsbarrieren spielend leicht und hackte sich in die Kamerasysteme. Weitere fünf Minuten später liefen alle Kameras des Serverraumes in einer Endlosschleife.
     Diane warf einen prüfenden Blick auf die angezapften Kameras vor dem Raum. Die Luft war rein, lediglich die Gorillas des Milliardärs warteten mit regungsloser Mine. Diane zückte die Agency-Variante eines Mehrzweckwerkzeuges, öffnete mit geübten Handgriffen die Rückseite des Zentralcomputers und platzierte einen leistungsstarken Transponder.
     Gerade, als sie dabei war, die letzen Schrauben wieder festzuziehen, sah sie auf den Kameras, das Saphrosis zurückkehrte. Trainierte Ruhe ermöglichte es ihr, ihre Arbeit zu vollenden. In letzter Sekunde fegte sie die verräterischen Kamerabilder vom Bildschirm und war wieder die Ruhe selbst, als der Milliardär einen Blick über ihre Schulter warf.
     „Ihr Captain ist offenbar ein wenig übereifrig, Miss O’Donnell.“, sagte er in einem Tonfall gemütlicher Zufriedenheit. „Aber ein verständnisvoller Mann.“ Mit gespieltem Interesse warf er einen Blick auf eine Liste der Forschungsprojekte von JSC Micro Biotics. „Machen Sie Fortschritte?“
     „Ich weiß nicht, wie Sie das bewerkstelligen, aber hier ist nichts zu sehen, was auf die Verwendung der Tanks hindeutet, die Sie von Mr. Dwenmoore gekauft haben.“
     Ein winzigkleiner Moment des überraschten Zögerns war Hinweis genug, dass ihr Köder geschluckt worden war. „Sie können gerne in Kasachstan nach ihnen suchen, wenn Sie das wünschen.“, erwiderte der Milliardär äußerlich gelassen. „Ich muss Ihnen meinen Respekt aussprechen, Miss O’Donnell.“, fuhr er fort. „Ich habe Sie unterschätzt.“
     Diane schenkte ihm ein freudiges Lächeln. Sie wissen gar nicht, wie sehr sie damit recht haben., dachte sie fröhlich. Natürlich würde der Transponder in nicht all zu ferner Zeit entdeckt werden, doch das sollte lange genug sein, zu bekommen, was sie wollte.
     Allein, um ihm seine kostbare Zeit zu stehlen und nicht verdächtig zu wirken, grub sie noch stundenlang in den nutzlosen Forschungsberichten des Unternehmens, während draußen eine völlig nutzlose Durchsuchung ihren Lauf nahm. Doch am Ende des Ganzen stand ein dicker Brocken, der Saphrosis das Genick brechen würde.

Jarod war auf der Jagd. Der einzigen Art von Jagd, die ihrem noblen Clan in diesen Zeiten noch geblieben war. Die Beute waren Informationen. Das Wissen um Dinge, die anderen verborgen blieben, seien es alte Mythen oder neuste Geheimnisse, waren stets die Macht des Clan Devron gewesen. Die Stärke des Clans beruhte auf seinen unzähligen Augen und Ohren und es erfüllte Jarod mit Stolz, Linus’ vertrauenswürdigster Späher zu sein.
     Heute galt es einen besonders wertvollen Fang zu machen: Den Meister der Schlange, die sich bei den Wachhunden der Stadt eingenistet hatte. Seit dieser Dunby von Special Agent O’Donnell erfahren hatte, dass ein Spitzel des Wolfsmörders hinter dem Anschlag auf sie stecken musste, war der Clan auf der Jagd.
     Doch erst heute Nacht hatte diese extrem vorsichtige Schlange einen Fehler gemacht und sich offenbart. Wanzen an dem Telefonverteiler des Reviers hatten kurz vor dem Ausrücken der Durchsuchungstruppe einen kurzen Anruf abgefangen: „Micro Biotics soll durchsucht werden.“ Nun hatte die Schlange eine Stimme und mit ihr auch ein Gesicht.
     Jarod hatte nun schon drei Stunden auf dem Dach gegenüber des Polizeireviers gewartet, als der Lakai endlich auf die Straße trat. Der Vampir hüllte sich in den Mantel der Schatten und glitt behände kopfüber die Fassade hinab, ohne den Blick von Jack Miller zu nehmen.
     Als Jarod den Boden erreichte herrschte hektisches Gewimmel: die abendliche Hatz nach dem Ende der Arbeit hatte gerade eingesetzt und trieb die Sterblichen in ihrer lächerlichen Eile durch die Straßen. Die Menschen teilten sich, wo Jarod ging und schlossen sich wieder hinter ihm, so als könnten sie die Gefahr eines hungrigen Raubtiers spüren, während ihre Augen blind für den verhüllten Vampir blieben.
     Miller indes reihte sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite in den drängelnden Strom ein und bot Jarod so eine einfache Möglichkeit, auf gleiche Höhe mit ihm zu kommen. An der Ampel der nächsten Kreuzung stand Jarod schließlich direkt hinter ihm, so dass er seinen Schweiß und sein Blut riechen konnte. Verräterblut., dachte er angewidert.
     Und weiter ging die ungleiche Jagd. Der Devron in ihm wusste, dass die Spur heiß war, denn der Mensch roch nach Nervosität. Etwas würde geschehen. Bald. Doch zunächst hieß es strömen, auf Grün warten, strömen. Miller blieb vor einem Schaufenster stehen, kaufte sich eine Zeitung und ging weiter.
     Zwei Blocks weiter geschah es dann urplötzlich und war in einer Sekunde schon wieder vorbei. Ein muskulöser Mann stieß frontal mit Miller zusammen, pöbelte ihn ungehalten an und tauchte wieder in die träge Masse der Menschen ein, doch nun folgte ihm ein unsichtbarer Schatten. Miller war uninteressant geworden, denn er hatte seine Ware weitergegeben.
     Fünf Minuten später betrat der Mann eine Tiefgarage. Gerade, als er sein Auto aufschließen wollte, sprach ihn Jarod an. „Entschuldigen Sie?“ Der Angesprochne hob seinen Blick und machte damit einen entscheidenden Fehler. Glühende Augen bohrten sich in seinen Verstand und ließen ihn in wenigen Sekunden zu einer willenlosen Marionette in Jarods Händen werden.
     „Gib mir die Nachricht, Mensch.“
     Der Sterbliche griff ohne Zögern in die Tasche seiner Jeans und gab Jarod einen einfachen, zusammengefalteten Zettel. Darauf standen nur drei Sätze: „Etwas ist schiefgegangen. Durchsuchen Sie den Serverraum. Ich fürchte, O’Donnel hat gezielt nach Daten über die Wolfsmorde gesucht.“
     Jarod brauchte eigentlich nicht mehr zu fragen. „Saphrosis?“
     Die Marionette nickte dumpf.


Argwohn und Vertrauen

Linus scherte sich nicht um die lächerlichen Versuche der Sicherheitsleute im Foyer, ihn mit drohenden Worten aufzuhalten. Es scherte ihn nicht, dass sie zu ihrem Funkgerät griffen, um Saphrosis vorzuwarnen. Sollte der Narr doch denken, dass sie ihm Schutz gewähren könnten. Schutz vor dem ältesten Wesen, das auf dieser von Gott verlassenen Erde wandelte!
     Das einzige, das Linus etwas bedeutete, war das Gefühl kalten Zorns, das ihn in seinem Innern vorwärts trieb. Dieser Mensch hatte es gewagt, Geschäfte mit dem Clan zu machen und diese zum Schaden der Devron zu wenden! Doch mehr als Saphrosis galt der Zorn sich selbst. Wie hatte er nur zulassen können, dass ein Sterblicher solch eine Macht gegen ihn aufbrachte, ohne dass er, Linus, das bemerkt hatte? Wie hatte er das nicht bemerken können?
     Als die Türen des viel zu langsamen und viel zu dekadenten Fahrstuhls sich endlich vor ihm öffneten, gaben sie den Blick auf den geräumigen Empfangsraum und vier Männer in schwarzem Anzug frei. Jeder von ihnen hatte eine Hand ins Jackett geschoben, bereit eine Waffe zu ziehen.
     Schwerter stünden euch besser, ihr Narren., dachte Linus und sagte ruhig: „Ich möchte so Jonathan Saphrosis. Jetzt.“
     Einer der Bodyguards nickte kurz. „Mr. Saphrosis hat von ihrem Eintreffen erfahren, Linus. Er erwartet sie.“ Dann deutete er auf die schwere Doppeltür von Saphrosis’ Büro. „Nach Ihnen.“
     Wenig beeindruckt von ihrer unausgesprochenen Drohung tat Linus, wie ihm geheißen. Als er durch die Tür trat, bemerkte er weitere Leibwächter zu beiden Seiten. Saphrosis saß gelassen in seinem Ledersessel, die Hände zu einem Dreieck geformt auf dem Schreibtisch liegend. Helles Licht umgab ihn, während der Rest des absurd großen Büros im Halbschatten lag. Dies verfehlte allerdings die beabsichtigte Wirkung auf Linus: Anstatt beeindruckt zu sein, fühlte er sich in der düsteren Atmosphäre geradezu heimisch.
     „Ah, Linus!“, begrüßte ihn Saphrosis mit seinem gewohnt smarten Tonfall. „Was führt sie zu so später Stunde hier her? Ich fürchte, sie müssen den ungewöhnlichen Empfang entschuldigen.“ Dann lächelte er gewinnend. „Ich erhalte zum ersten Mal Besuch von der örtlichen Mafia und weiß nicht so recht, wie ich Sie sonst willkommen heißen soll.“
     Linus erwiderte sein Lächeln mit einem kalten Blick, während er auf Saphrosis zuhielt, die Leibwächter im Nacken. „Sparen Sie sich die Freundlichkeiten für jemanden, der sie schlucken möchte.“, erwiderte er trocken. „Ich bin weder als Gast noch als Geschäftsmann hier. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich sie als Feind verlasse, ermüden Sie meine Ohren nicht mit Doppelzüngigkeit oder Gewäsch.“
     Der Milliardär ließ sein Lächeln geradezu melodramatisch ausklingen, bevor er ernst wurde. Und eine Spur gefährlich. „Das klingt mir sehr nach einer Drohung, Linus. So etwas nehme ich persönlich, erst recht auf eigenem Territorium.“
     Linus setzte sich unaufgefordert und schlug die Beine übereinander. „Es war auch eine Drohung, Jonathan. Kommen wir zur Sache: die Wolfsmorde. Sie stecken dahinter. Mir passt das nicht.“
     „Ich...“, setzte Saphrosis an, doch Linus unterbrach ihn sofort wieder:
     „Ich will von Ihnen weder ein Geständnis noch eine Leugnung hören. Die Morde ziehen Aufmerksamkeit auf meine Kreise. Das muss aufhören. Sofort.“
     Nun lächelte Saphrosis wieder und schüttelte dabei wie erheitert den Kopf. „Sie kommen einfach allein in mein Büro, drohen mir und stellen Forderungen wie ein Fürst einem Bauern?“
     „Glauben Sie denn, dass ich allein bin?“, fragte Linus gelassen.
     Das Lächeln Saphrosis’ wurde unsicher. „Gehen Sie, Linus. Ihre Show gefällt mir nicht.“ Auf ein Kopfnicken hin zogen alle Männer gleichzeitig ihre Pistolen und zielten auf Linus. „Es sind geweihte Kugeln in den Waffen.“
     Linus verzog nicht eine Mine und rührte sich keinen Deut. Er weiß, dass ich ein Vampir bin. Das Spiel um die Wolfsmorde ist verworrener, als es den Anschein hat. „Warum glauben Sie, dass geweihte Kugeln ihre Rettung wären?“, fragte Linus und griff in die Luft vor sich, schloss seine Hand halb zur Faust, den Zeigefinger gekrümmt abgestreckt. Und sandte seinen Willen aus. „Was nützen Ihnen Kugeln, wenn Ihnen die Waffen nicht mehr gehorchen?“ Langsam führte er die imaginäre Pistole in seiner Hand zu seinem Kopf. Jeder einzelne Bodyguard im Raum tat es ihm gleich.
     Eine eisige Kälte legte sich auf Saphrosis Gesicht und seine Augen funkelten hart. „Sie haben meine Männer gekauft?“
     Linus lächelte freudlos. Dass die Menschen immer wieder die gleiche Frage stellen mussten. Seine Hand hatte ihre Reise zu seinem Kopf beendet und mit ihr lagen nun alle Mündungen an den Schläfen der Männer. „Welcher Narr würde sich zum Sterben kaufen lassen?“ Linus Zeigefinger krümmte sich und ein Schuss donnerte. Mit einem seiner Bodyguards starb auch für einen Augenblick Saphrosis’ Selbstsicherheit.
     Als jedoch der Körper des Toten nach Sekunden erschreckender Stille dumpf auf den Boden schlug, war schon bereits wieder etwas Abschätzendes in den Blick des Milliardärs geschlichen. „Gut, reden wir.“, sagte er, immer noch ein wenig unruhig, doch er fing sich rasch. Zu rasch für Linus’ Dafürhalten.
     „Nein, Sie reden.“
     Der Milliardär nickte. „Es ist bedauerlich, dass sie Lance vollkommen umsonst getötet haben. Wie ich bereits ihrer Freundin von der NSA erklärt habe: Ich stecke nicht hinter den Wolfsmorden und ich werde es Ihnen gerne beweisen.“
     Linus’ Zeigefinger deutete erneut eine Krümmung an und Saphrosis fuhr rasch fort: „Der Orden des Gleichgewichts macht Ihnen allen etwas vor. Zwar mag es auf seinem Grund und Boden keine blutrünstigen Wolfsmenschen geben, doch habe ich inzwischen herausgefunden, dass sie noch einen zweiten Stützpunkt unterhalten.“
     „Was für eine praktische Behauptung für Sie.“, raunte Linus kühl. „Wo sind die Beweise?“
     „Inzwischen dürfte Miss O’Donnell nachgefragt haben, dass ich es war, der die Untersuchungen der NSA angestoßen hat. Warum sollte ich das tun, wenn ich hinter den Wolfsmorden stecke? Es ist vielmehr so, dass die Wolfsmorde mir allmählich zu nahe kommen. Es hat schon zwei meiner Geschäftspartner erwischt und ich will nicht der Nächste sein.“
     Linus würde das überprüfen. „Mehr. Der Stützpunkt...“
     „... ist eine zur Festung ausgebauter alter Militärbunker unter Manhattan. Es war kein Leichtes, ihn zu Finden, muss ich sagen.“
     „Als ob Sie sich die Hände selbst schmutzig gemacht hätten...“, erwiderte Linus abfällig. „Sie sind mir immer noch einen Beweis schuldig.“
     „Den werden Sie vor Ort finden. Ich gebe Ihnen als erstes Zeichen meiner Aufrichtigkeit den Lageplan, wo die verborgenen Eingänge zu finden sind. Alle Bestien dürften bei Tage vor Ort sein, schätze ich.“
     Linus kniff berechnend die Augen zu zusammen. Saphrosis gab vor, das Versteck der Yradin zu kennen, ja sogar preiszugeben. Ober er nun der Patron war oder nicht, etwas stimmte nicht. „Warum haben Sie die Bestien nicht selbst ausgelöscht?“, hakte er nach.
     „Ich muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich nicht über die Mittel verfüge, sie anzugreifen.“ Plötzlich war da wieder dieses geschäftsmäßige Lächeln in seinem Gesicht. „Und ich hatte gehofft, einen Weg zu finden sie lebend zu fangen. Die Bestien müssten höchst interessante Gene haben.“
     „Und jetzt geben Sie ihre Beute einfach so auf?“ Linus versuchte Trug hinter Saphrosis Worten zu ergründen, fand ihn aber nicht. Saphrosis sagte die Wahrheit. Oder er war ein verdammt fähiger Lügner.
     Saphrosis wiegte den Kopf. „Nun, ich hatte gehofft, wir könnten uns auf ein Geschäft einigen. Sie heben die Festung aus und ich schicke ein Genetikerteam hinterher. Sie sind ihren Ärger los und ich...“
     Linus hob fragend die Augenbrauen. „Ich glaube kaum. Vielleicht werde ich die Proben selber nehmen. Und Ihnen dann verkaufen. Vielleicht.“ Dann machte er eine fahrige Bewegung mit der linken Hand. Das Thema war für ihn beendet. „Geben Sie mir die Pläne.“
     Saphrosis nickte hastig, zog eine Schublade seines Schreibtisches auf und warf Linus einen Stapel Blaupausen auf den Tisch. Grundrisse von U-Bahn- und Abwässerschächten waren darauf zu sehen. „Für fünfhunderttausend Dollar gehören Sie Ihnen.“ Linus zog die Brauen zusammen. „Ein kleiner Scherz.“, schob Saphrosis hastig mit einem besorgten Seitenblick zu dem Toten nach.
     In aller Ruhe nahm sich Linus die Blaupausen, erhob sich und ging um die sich selbst bedrohenden Leibwächter herum zur Tür. „Sind Ihre Informationen eine Falle oder einfach nur falsch, komme ich wieder.“, sagte er und schloss die Tür hinter sich. Erst dann ließ er den Willen der Leibwächter frei und trat in den Fahrstuhl.
     Nun galt es, seine Kinder zusammenzurufen. Und er musste Pläne schmieden, welche den Clan nicht blindlings in eine Falle schicken mochten aber dennoch schlagkräftig waren. All das würde Tage brauchen, um dumme Fehler zu vermeiden. Aber Hast mochte tödlich sein, selbst für seinen mächtigen Clan, denn Linus würde Saphrosis erst glauben, wenn er die toten Yradin vor sich liegen hatte. Ansonsten würde bald ein toter Milliardär vor seinen Füßen liegen.

Diane ließ erschöpft die große Tür des Polizeireviers hinter sich zufallen und drückte sich die Knöchel ihrer Fäuste in den Rücken. Warum spendiert die Agency eigentlich nie Massagen für Überstunden?, dachte sie und musste lächeln. Du arbeitest für die falschen Leute, Mädchen.
     Der Tag war mit der Durchsuchung bei weitem noch nicht zu Ende gewesen. Eine zermürbende Nachbesprechung, eine hitzige Debatte mit Saphrosis Anwälten und daraus resultierend unausweichlicher Papierkram hatten sie bis nach Mitternacht auf Trab gehalten. Zeit für ein weiches Bett und das Abtauchen in die freakigen Träume.
     „Miss O’Donnell?“, sprach sie ein Säufer an, der in einem Mülleimer vor dem Revier kramte. Einen Wimpernschlag später hatte Diane das Trugbild beiseite geschoben und erkannte einen Löwenmenschen des Ordens.
     „Heute mal nicht darum besorgt, dass ich Sie entdecke?“, fragte Diane und gähnte ungeniert.
     „Der Rat lässt Ihnen mitteilen, dass es Hinweise auf einen bevorstehenden Übergriff der wilden Yradin im Central Park gibt.“, erwiderte ihr Aufpasser und ignorierte ihren Spott. „Shejrriim ist ebenfalls unterrichtet und wird uns dort treffen.“
     „Uns?“, fragte Diane ein wenig überrascht. Das mit dem Bett streich mal wieder.
     Der Löwe nickte. „Ich diene Ihrem Schutz und dieser Dienst endet nicht vor der Morgendämmerung. Ich begleite Sie.“
     Diane atmete tief durch, sah sehnsüchtig in Richtung ihres Hotels und erwiderte schließlich: „Also dann... Ich fahre.“

Der Park lag in einer drückenden Dunkelheit, wie sie in New York nirgends anders zu finden war. Die Bäume waren nur als schwarze Silhouetten gegen die den Park umrahmenden Gebäude zu erkennen, während unter ihnen für das Auge nicht viel zu erkennen war. Beinahe schien es Diane, als wären die Schatten heute dunkler als sonst. Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Vorsichtshalber zog sie ihre Waffe. Ihre Wache schien die Gefahr ebenfalls zu spüren und lockerte ihr Schwert in der Scheide.
     In diesem Augenblick huschte auch schon etwas von einem der Bäume. Diane riss ihre Pistole hoch und zielte blind. Ein schauriges Lachen erklang und dann trat ein bleicher Mann in das Zwielicht der weiter entfernt stehenden Laternen.
     „Wer wird denn auf seine Verbündeten schießen, Miss Special Agent.“, sagte der Vampir mit leicht zynischem Tonfall. „Wir sind doch alle Freunde. Was treibt sie her zu später Stunde?“
     Diane runzelte die Stirn. „Haben Sie keine Warnung erhalten? Ich hätte gedacht, dass Linus auch Bescheid weiß.“ Fragend sah sie den Löwenmenschen an, doch der zuckte nur mit den Schultern.
     „Wovon soll der Clansfürst Bescheid wissen?“, fragte der Vampir misstrauisch.
     Die Antwort kam nicht von Dianes Lippen. Die Dunkelheit verformte sich, so wie bereits damals in der Fabrikhalle. Doch diesmal war es anders. Die Verformung kam von mehreren Stellen, ja sie umringte Diane geradezu. Yradin traten ins hier. Viele Yradin.
     Diane zögerte keine Sekunde. Sie klappte das Nachtsichtgerät vor ihre Augen, zielte auf einen der Yradin und jagte ihm eine Kugel in den Kopf. Der Vampir zischte schlangengleich und der Löwe zog sein Schwert. Die Pistole schwenkte ein Stück, donnerte, schwenkte, donnerte. Nun lagen drei Wolfsmenschen tot am Boden, doch der Rest von ihnen stürmte auf sie zu. Zwei weitere starben im Rennen.
     Noch lagen gut fünfzehn Meter zwischen den Angreifern und ihnen, als Diane auf einmal einen Windhauch spürte, der Vampir neben ihr verschwand und schlug mit voller Wucht in eine Dreiergruppe Yradin ein. Knochen brachen, Schmerzensjaulen vermischte sich mit weiteren Pistolenschüssen und dem Knistern magischer Blitze.
     Näher. So ruhig wie möglich feuerte Diane ihr Magazin leer. Jeder Schuss tötete oder verstümmelte. Dann zog sie ihr Kampfmesser hinter dem Rücken hervor und der Nahkampf begann.
     Das Schwert des Löwen sauste nieder und tötete einen Yradin, den sie gar nicht kommen gesehen hatte. Ihr Messer schoss vor, zog sich zurück, schlitzte, tötete. Es sind zu viele!, schoss ihr durch den Kopf, als sie knapp messerscharfen Krallen auswich, zutrat und Rippen brach. Yradin drängten sich zwischen den Löwenmenschen und sie. Eine Faust traf Diane im Rücken, andere Krallen am Bein und sie stürzte. Noch im Fallen schnitt sie einer Wolfsfrau die Kniesehnen durch, bevor ihr das Messer aus der Hand getreten wurde.
     Ein Yradin streckte seine Hände nach Diane aus und dann geschahen mehrere Dinge. Irgendwie schien der Boden unter Diane nachzugeben, als sie versuchte fortzukrabbeln. Die Hände griffen ins Leere und wie aus weiter Ferne hörte sie Shejrriims Stimme: „Erwache, Shargul!“.
     Dann wirkte alles wie durch einen dunklen Schleier. Sie sah die Yradin vor Wut über ihr Entkommen aufschreien und sich den neuen Angreifern zuwenden. Shejrriims Drachen waren wieder zum Leben erweckt und spähten nun wachsam über seine Schultern. Thuvindal schleuderte eine magisch schimmernde Kugel, die gleich drei Yradin hintereinander durchschlug und tötete.
     Der Vampir kämpfte im Blutrausch, kam aber gegen seine sieben Angreifer eher schlecht als Recht an. Dem Löwenmenschen ging es nicht anders und zu ihrem Entsetzen musste Diane mit ansehen, wie er von drei Yradin niedergeworfen wurde. Sein gedämpftes Brüllen drang zu Diane herüber, dann erstarb es in einem Gurgeln, als ein Yradin ihm die Kehle durchbiss.
     Diane wich entsetzt zurück, blieb mit der Hand an einer Wurzel hängen und fiel auf den Rücken. Und dann bemerkte sie erst, dass der Central Park verschwunden war. Dichter, schattengetränkter Wald ragte über ihr empor.
     Sie richtete sich ruckartig auf und blickte zum Kampf. Auch er war fort. Stille umgab sie und undurchdringliche Dunkelheit. Eine Eule schrie irgendwo. Wo bist Du nur hineingeraten, Mädchen?, fragte sie sich, obwohl sie die Antwort zu wissen glaubte.
     Sie strengte ihren Willen an und versuchte ihrem Gespür freien Lauf zu lassen – und tatsächlich wurde der Wald ein wenig durchsichtig und sie sah wieder kämpfende Yradin. Mitten in sie hinein war Shejrriim geraten und wütete mit tödlicher Präzision. Er achtete überhaupt nicht auf seine Verteidigung, sonder führte seine Klinge nur Streich auf Streich und die Yradin fielen. Jeder Angriff, der ihn getroffen hätte, wurde von den über seine Schulter schauenden Geisterdrachen schnappend abgefangen.
     „Endlich!“, hauchte eine Stimme hinter Diane und sie schnellte herum. Drei in Roben gehüllte Gestalten kamen lautlos auf sie zu. Von ihnen ging solch ein bedrohendes Gefühl aus, dass Diane keine Sekunde an ihren Absichten zweifelte. Mit einem wütenden Aufschrei machte sie sich kampfbereit, wich einen Schritt zurück...
     ...und stolperte über die Leiche eines Yradin. Dort, wo eben noch die Kuttenträger gestanden hatten, war nur noch gepflegter Rasen zu sehen. Und ihr Messer. Einen Hechtsprung und eine Rolle später hatte sie es wieder in der Hand, erstach den letzten Yradin, der noch gegen den Vampir kämpfte von hinten und eilte dann Shejrriim zur Hilfe.
     Oder wollte es zumindest. Um den Kri herum gab es nur noch Tote oder verwundet am Boden Liegende. Einige wirkten leicht verkohlt, was ohne Frage Thuvindals Werk war. Die grün schimmernden Drachen glitten von Shejrriims Schultern zurück in die Klinge Sharguls und erstarrten zur Gravur.
     Der Kampf war zu Ende. Doch Der Kri sah nicht etwa erleichtert aus oder froh, dass so viele Wolfsmörder zur Strecke gebracht waren. Er sah Diane nur aus unendlich alt wirkenden Augen an und sagte altersmüde: „Das ist der letzte Beweis, den ich gesucht habe.“
     Thuvindal, die Dianes Verschwinden und Wiederauftauchen offenbar nicht bemerkt hatte, sah Shejrriim fragend an. „Beweis? Mir ist schleierhaft, was hier überhaupt vorgefallen ist. So haben die Yradin noch nie gejagt!“
     Diane trat zaghaft auf Shejrriim zu. Misstraut er mir jetzt? Was hat er gemeint? „Da hinten waren Männer in Kapuzenroben. Sie haben mich ebenfalls angegriffen.“
     Shejrriims Blick verfinsterte sich schlagartig. „Thuvindal! Schaff Diane und Treshem fort von hier. Schnell!“
     Die Elfe zögerte kurz, rang sich aber schließlich durch und ergriff Dianes Arm, zerrte sie fort. „Wir gehen zur Ordenshalle. Dort bist Du sicher.“ Im Gehen wob sie einen Schwebezauber um den toten Löwenmenschen und nahm ihn mit.
     Während Diane von der erstaunlich kräftige Elfe fortgezogen wurde, rief sie Shejrriim zu: „Was hat das zu Bedeuten?“
     „Das wüsste ich auch gerne.“, knurrte der schwer verwundete Vampir. Diane verschwand hinter einer Gruppe Büsche und Shejrriim wandte ihm seine volle Aufmerksamkeit zu.
     „Die Yradin haben den Orden in eine Falle gelockt, wie es scheint.“, sagte Shejrriim.
     Der Vampir zog seine Augenbrauen hoch und sagt nur gelassen: „Ach wirklich? Nun, wenn ihr meint... Ich werde es Linus überlassen, ob eure Worte als wahr oder falsch gewertet werden. Er will Euch sprechen.“

Noch vollkommen in Gedanken an sein kurzes und von Misstrauen vergiftetes Treffen mit Linus versunken, trat Shejrriim in sein Quartier, wo er Thuvindal Tee zubereitend vorfand. Kaum stieg ihm der belebende Duft von Thilisar in die Nase, schien ein Teil seiner Last von ihm zu fallen.
     Die Zeichen standen dennoch nicht besser. Linus war sehr zugeknöpft gewesen und hatte behauptet, Saphrosis hätte Beweise vorgelegt, die den Orden mit den Wolfsmorden in Verbindung brachten. Sehr überzeugende Beweise.
     Seit dem Angriff im Central Park hatte die Frage nach Verrat Shejrriims Gehirn zermartert und Linus’ Worte streuten noch mehr Salz in diese Wunde.
     „Wo ist Diane?“, fragte Shejrriim beiläufig und setzte sich auf eines der weichen Kissen. „Ruht sie sich aus?“
     Thuvindal schüttelte ruhig den Kopf und schenkte ihm Tee ein. „Sie ist noch recht aufgewühlt wegen des Kampfes und hat mich wegen der Übergänge nach Landor ausgefragt.“ Nun schenkte die Elfe sich selbst eine Schale ein. „Die Rätin Yra’shuck hat mir die Antworten abgenommen und ist mit ihr wohl zum Portalraum gegangen.“
     Eisiger Schreck durchfuhr Shejrriim und er sprang wie vom Skorpion gestochen auf. „Diane ist mit Yra’shuck allein?“ Ohne eine Antwort abzuwarten rannte er zur Tür und stürmte in den Korridor.
     Er stieß im Rennen mit einer Wache zusammen und entschuldigte sich nicht einmal. Er brachte die Treppen zu den Gewölben mit großen Sprüngen hinter sich, ohne auf die verwunderten Gesichter seiner Kameraden zu achten. Wenn der Rat doch hinter den Wolfsmorden steckte, oder sie aus irgendeinem Grund deckte, dann war Diane eine Gefahr für sie. Shejrriim hatte nicht vergessen, dass Yra’shuck damals gegen Diane gestimmt hatte.
     Mit keuchendem Atem hastete er durch die Kellergewölbe und schon aus großer Entfernung sah er: die Wächter des Portals waren fort. Das Portal ist nie unbewacht!, blitzte ein Gedanke auf. Im letzten Augenblick senkte er sein Tempo und schritt seine Hast verbergend durch die angelehnte Tür.
     Der kleine Saal war restlos von einem hellblau waberndem Licht erfüllt, das von dem magischen Portal nach Landor ausging. Direkt vor dem nebligen, irrlichternden Schleier magischer Energie standen Diane und Yra’shuck. Ich kann nicht glauben, dass sie Diane das Portal aus reiner Freundlichkeit gezeigt hat., dachte er misstrauisch. Sie hasst Diane.
     „Ah! Diane!“, rief Shejrriim mit falscher Fröhlichkeit und die Yradin drehte sich mit schwachem Erstaunen im Gesicht zu ihm um. „Ich habe Dich schon überall gesucht.“
     Diane konnte sich offenbar nur schwer von dem fantastischen Lichtspiel lösen und brauchte ein paar Sekunden, bis sie sich zu ihm umdrehte. „Ist das nicht absolut traumhaft?“, fragte sie lächelnd. „Ich kann hören, wie es mich ruft.“
     „Das Portal ist das größte Wunder, das der Orden auf Terra zu bieten hat.“, erwiderte er mit einiger Erleichterung in der Stimme.
     „Was führt Dich her, Shejrriim?“, fragte Yra’shuck gewohnt kühl.
     Der Kri lächelte falsch und nickte zu Diane. „Ich hatte ihr versprochen diesen elfischen Tee zuzubereiten.“, log er. „Er ist jetzt fertig und sollte getrunken werden, bevor er seinen Geschmack verliert.“
     Diane erkannte sofort, dass etwas nicht stimmte und spielte mit. „Ich hoffe, Ihr seid mir nicht böse, ehrwürdige Rätin.“, sagte sie ebenfalls lächelnd. „Ich versichere Euch, dass es mir viel bedeutet hat, was ihr mir gezeigt habt. Seid Euch meines Dankes gewiss.“
     Yra’shuck neigte ein wenig säuerlich den Kopf und schritt aus dem Raum. „Menschen und ihre Hast.“, knurrte sie leise. „Sie können nicht einmal nur eine Sache tun.“ Damit verschwand sie.
     Kaum war sie weg fragte Diane: „Was ist los? Warum hast Du eine vom Rat angelogen?“
     Shejrriim lächelte. „Ich habe nicht gelogen, der Tee ist wirklich fertig. Thuvindal hat ihn zubereitet.“
     Diane lächelte schief und stupste ihm ihren Zeigefinger auf die Brust. „Raus mit der Sprache, oder muss ich erst grob werden?“
     Shejrriim wurde ernst. „Hier ist kein guter Ort zum reden, komm mit.“ Und in leisem Flüsterton sagte er eindringlich: „Traue niemandem im Orden außer mir.“

Als Diane und Shejrriim endlich sein Quartier erreichten, hatte Thuvindal bereits eine dritte Schale auf den Tisch geräumt und sagte in aller Ruhe: „Thilisar wartet ungern. Setzt euch und trinkt.“
     „Hey, da ist ja wirklich Tee.“, staunte Diane und nahm neben Shejrriim auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches platz. „Riecht gut.“, fügte sie hinzu und lächelte Thuvindal an.
     „Warte, bis Du gekostet hast.“, erwiderte Thuvindal.
     Diane tat wie ihr geheißen und verzog das Gesicht zu einem derart seeligen Ausdruck, dass es Thuvindal ein schmales Lächeln entlockte. Sie hat einen guten Geschmack für einen Sterblichen.
     Dennoch ließ die Elfe den Kri nicht aus den Augen. Er verbarg etwas, sogar eine ganze Menge, und musterte sie nachdenklich. Als sie seinen Blick offen erwiderte, fragte Shejrriim:
     „Wem gilt Deine Loyalität, Thuvindal? Dem Orden oder mir?“
     Ein wenig verärgert über diese misstrauische Frage antwortete sie mit Nachdruck: „Meine Loyalität gilt meinem Volk und sonst niemandem.“
     Unerwartet freundlich nickte der Kri und antwortete: „Das ist die einzige Antwort, die ich von Dir erwartet habe. Wenn Du Deinem Volk dienst, kann ich Dir vertrauen.“ Dann seufzte er wie ein alter Mann und Thuvindal fiel auf, dass seine Hand wieder den Griff seines gegürteten Schwertes berührte.
     „Ich mag euer Schatten sein,“, sagte Thuvindal, „doch ich erfahre nichts von Euch. Was ist heute vorgefallen, Shejrriim?“
     „Einige Dinge zu viel, die mir Sorge bereiten“, sagte er und blickte zu Diane. „Doch um das Bild zu vervollständigen, möchte ich zu erst von Diane erfahren, was ihr heute widerfahren ist.“
     Und der Mensch berichtete von der Order des Rates, sprach von dem Hinterhalt der Yradin, dem entfesseltem Kampf und von ihrem Zurückweichen vom Hier. Sie beschrieb die Roben ihrer Angreifer und von der Rückkehr nach Terra.
     „War es... was ich denke?“, fragte Diane abschließend. „Landor?“
     Shejrriim nickte einmal und Thuvindal schüttelte ungläubig den Kopf. „Das ist unmöglich! Man kann nicht einfach durch den Schleier treten. Niemand kann das.“
     „Mich überrascht es nicht wirklich.“, widersprach ihr der Kri mit seltsamer Gelassenheit. „Was mir vielmehr Sorge bereitet ist der Zeitpunkt, an dem Diane zum Central Park gerufen wurde. Thuvindal und ich haben erst Minuten vor unserem Eintreffen davon erfahren. Wären wir nicht zufällig in der Nähe gewesen, wären wir zu spät gekommen.“
     Seine rubinroten Augen richteten sich auf Thuvindal. „Was ist mit Treshem?“
     „Die Heiler konnten ihn nicht wieder ins Leben rufen.“, sagte Thuvindal leise.
     Knurrend schlug Shejrriim eine Faust auf den Tisch. „Es war eine Falle! Die Yradin haben in New York noch nie als Rudel gejagt und es war nicht vorgesehen, dass wir rechtzeitig eintreffen!“ Mühsam entspannte er seine Hand wieder. „Und hinter dem Schleier hat man auf Diane gewartet. Das war kein Zufall sondern geplant.“
     „Wie sollten die Yradin dem Orden eine Falle stellen?“, fragte Diane verwundert, doch Thuvindal hatte seine Worte anders verstanden.
     „Ihr behauptet, der Orden steckt dahinter?“, fragte sie ungläubig.
     „Linus behauptet Beweise gesehen zu haben, die den Orden belasten.“, erwiderte er knapp. „Und ich hatte vorhin das seltsame Gefühl, dass Yra’shuck Diane ins Portal locken wollte. Und der Angriff im Park galt eindeutig Diane, das steht für mich außer Frage. Es war Absicht, dass sie dort war.“
     So ruhig wie möglich ordnete Thuvindal ihre Gedanken. Wenn es stimmte, was der Kri sagte, wäre das ein schwerer Schlag für das Gleichgewicht und für ihren Auftrag. „Aber warum Diane?“, fragte sie. „Sie hat bisher keine Spur gefunden, die auf den Orden deutet.“
     Shejrriim seufzte schwer und senkte seinen Blick. „Aus dem selben Grund, aus dem Du hier bist, Thuvindal. Sie ist, was Du suchst und was mich nach Terra brachte.“ Er hob seinen Blick und seine Rubinaugen waren tiefe Brunnen. „Sie ist das Vereinigende Element.“
     Diese Worte trafen Thuvindal mit der vollen Wucht eines Schmiedehammers. Sie konnte nicht glauben, was sie da hörte. Das vereinigende Element ein Lebewesen? Ein Mensch? Aber die Elfenweisen sprachen von einem Artefakt! Dann dämmerte ihr eine Erkenntnis: Die Elfen waren eitel geworden, wenn sie glaubten das Wissen aus uralten Zeiten unverfälscht überliefern zu können. Es waren selbstverständlich nur Interpretationen, die gelehrt wurden.
     Ihr Blick fiel auf Diane, die mit großen Augen abwechselnd die Elfe und Shejrriim anblickte. „Was soll ich sein?“, fragte sie leise.
     Shejrriim zog sein Schwert aus der Scheide und legte es vor sich auf den Tisch. Ein eingravierter Drache glitzerte im Schein der Feuerschalen. „Was ich Euch nun offenbare darf diesen Raum nie verlassen.“ Nach einer nachdenklichen Pause sah er Thuvindal an und fuhr fort: „Obwohl Dir einiges geläufig sein dürfte, so habe ich auch Neuigkeiten für Dich, selbst wenn es uraltes Wissen ist.“
     Er strich mit einem Finger über den Kopf des Drachen und schien kurz in sich hineinzulauschen. Dann nickte er und begann: „Jene in Roben gehüllte Gestalten, die Diane auf Landor aufgelauert haben sind Anhänger eines Kultes, der sich seit einigen Jahrzehnten im Verborgenen auszubreiten beginnt. Sie nenn sich Drachenkult, denn ihre wahren Meister sind die Drachen von einst.“
     Thuvindal sog scharf den Atem ein. Das hatte Shejrriim gemeint, als er sagte, die Drachen wären aus dem Exil zurückgekehrt!
     „Sie verfolgen viele Pläne, doch ihre größte Anstrengung gilt dem Finden des Vereinigenden Elements, denn das ist es, was ihre Meister am sehnlichsten wollen. Seit ich den Verdacht hegte, Diane könnte dieses Element sein, fürchtete ich, der Drachenkult könnte dieses Wissen ebenfalls erlangen.“
     Diane fragte beinahe schüchtern: „Aber was... Aber wieso suchen sie das Vereinigende Element... mich... Was vermag es?“
     Thuvindal sprach, bevor Shejrriim es tun konnte. „Das Vereinigende Element trägt Kräfte Terras und Landors in sich. Und somit birgt es die Macht, den Untergang beider Welten herbeizuführen.“ Dann senkte sie ein wenig beschämt den Kopf. „Mein Auftrag war es, das Element zu finden und zu vernichten. Ich kann es nicht mehr tun, denn ich diene dem Leben.“
     „Es ist gut, dass Du Dich so entschieden hast.“, sagte Shejrriim ruhig. „Denn das Vereinigende Element kann nicht vernichtet werden. Töte Diane und es wird wiedergeboren.“
     Diane warf ihm einen dankbaren Blick zu und musterte die Elfe distanziert. „Aber wer ist so blöde und will beide Welten vernichten? Was haben die Drachen davon?“
     „Die Drachen...“ Erneut seufzte Shejrriim und klang alt wie ein Berg dabei. „Sie sind die Einzigen, die noch das wahre Wissen in sich tragen und sie wollen Terra und Landor nicht vernichten... Sie wollen sie vereinen.“
     „Was...“, hub Thuvindal zum Sprechen an, doch Shejrriim kam ihrer Frage zuvor.
     „Dieses Wissen ist verboten und es wurde als blasphemisch verfolgt, seit es das zweite, längst vergangene Zeitalter gab.“ Die Stimme, die aus seinem Mund kam war nun kaum noch als die seine zu erkennen. Rau und alt und gewaltig klang sie, auch wenn sie keinen Deut lauter war als zuvor.
     „Wisset, dass einst die Mächte herrschten, Wesen, den alten Göttern gleich. Und sie herrschten über eine namenlose Welt, die noch eins war. Eine Welt, in der die Magie in Harmonie mit der Ordnung der Naturgesetze existierte. Eine Welt, in der Mensch und Elf unter der selben Sonne wandelten.
     Doch die Mächte verfielen in Zwist und entfesselten einen Krieg, der an seinem bitteren Ende die Welt entzweite und Landor und Terra gebar.“
     Thuvindal wollte etwas entgegnen, dem Irrsinn dieser Blasphemie ein Ende setzten, doch die Augen Shejrriims hielten sie zurück. Jeglicher Vernunft zum Trotz spürte sie, dass ein älteres Wesen, als sie es war, zu ihnen sprach.
     „Den Schaden, den sie angerichtet hatten, konnten sie trotz ihrer Allmacht nicht ungeschehen machen. Jene Mächte, die ihren eigenen Krieg überlebt hatten, grämten sich ihrer Taten, der unzähligen Toten und der Spaltung der Welt. Sie zogen sich von den Sterblichen zurück und schworen sich, nie wieder Einfluss auf ihr Schicksal zu nehmen.“
     Diane war es, die das eintretende Schweigen nach einiger Zeit beendete: „Aber was hat das mit den Drachen und mir zu tun?“
     Shejrriim lachte ein freudloses Lachen. „Wohin ziehen sich göttergleiche Wesen zurück, wenn ihre Macht sich über alles erstreckt? Wie vermeiden solche Wesen, allein mit ihren Gedanken Geschicke von Nationen zu lenken?
     Sie geben ihre Allmacht auf und entsagen der Unsterblichkeit, soweit sich ihr grenzenloser Verstand das vorstellen kann. Sie werden Drachen.“
     „Dann halten sich die Drachen ja prima an den alten Schwur.“, warf Diane zynisch ein.
     Shejrriim nickte traurig. „Nicht alle Drachen, Diane. Es gibt solche, die sich den Eidbrechern entgegenstellen oder sich im Verborgenen weigern, sich ihrer Sache anzuschließen.
     Denn nach Äonen des Exils und des unentwegten Nachdenkens fanden die Drachen einen Weg, die Welten wieder zu vereinen. Doch als sie zu Drachen schwanden, wurden sie reinmagische Wesen – zu Geschöpfen Landors. Ihr Plan lag außerhalb ihrer Macht. Beinahe.“
     „Da komme ich ins Spiel, oder?“, fragte Diane mit sichtlichem Unbehagen.
     Diesmal war es Thuvindal, welche die Antwort gab: „Es ist nicht überliefert, wie das Vereinigende Element das Ende herbeiführen kann, doch es scheint unverzichtbarer Teil eines Rituals zu sein.“
     Der Kri nickte und das Alter schien allmählich von ihm abzufallen.
     „Eins verstehe ich noch nicht.“, sagte Diane mit bemerkenswerter Ruhe. „Thuvindal spricht von Untergang und Ende, Shejrriim von Vereinigung. Das klingt ziemlich widersprüchlich.“
     Shejrriim, der inzwischen fast wieder er selbst war, raunte: „Millionen fanden den Tod bei der Teilung. Was meinst Du wird geschehen, wenn beide Welten verschmelzen? Was geschieht, wenn ein Atomkraftwerk und eine Trollfeste versuchen den gleichen Platz einzunehmen? Was widerfährt der Magie Landors, wenn Naturgesetze ihrem Wirken auf einmal Einhalt gebieten?“
     Plötzlich spitzte der Kri seine Katzenohren und lauschte. Mit Shargul in der Hand sprang er auf, war mit zwei lautlosen, geschmeidigen Sprüngen bei der Tür und riss sie auf. Nachdem er in den Gang gespäht hatte, schloss er sie wieder.
     „Wir haben schon zu viel riskiert.“, sagte er hastig. „Nur eines noch: Die Anhänger des Kultes sind verblendet und träumen mit ihren Meistern von einer perfekten Welt. Sie suchen das Vereinigende Element fieberhaft und ich weiß nicht, wie weit ihr Arm reicht. Diane ist hier nicht mehr sicher.“
     „Dann gehe ich am Besten sofort.“, sagte Diane und erhob sich.
     Die alte Schwäche der Sterblichen., dachte Thuvindal. Ungeduld. „Dir würde immer noch ein Wächter des Ordens folgen, Diane. Sobald wie nicht mehr in Deiner Nähe sind, hätte der Orden leichtes Spiel, Dir erneut eine Falle zu stellen. Wir müssen den richtigen Zeitpunkt abwarten und uns überlegen, wo wir Dich in Sicherheit bringen können, bis die Verschwörung des Ordens aufgedeckt ist. Bis dahin wird einer von uns beiden stets in Deiner Nähe sein und wir verhalten uns, als ahnten wir nichts.“


Der Clan, entfesselt

Die Zeit war gekommen, den Wolfsmorden ein Ende zu bereiten. Hier und heute würde es enden. Nächte des Planens, Spähens und Wartens lagen hinter Linus und würden heute grausige Früchte tragen.
     Saphrosis hatte die Wahrheit gesagt. Es gab einen verborgenen Bereich im Untergrund Manhattans, in dem Wolfsbestien ein und aus gingen. Dass sie überhaupt gingen, anstatt sich ihrer Amulette zu bedienen, legte die Vermutung nahe, dass diese hier unten nicht funktionierten. Die Falle war perfekt.
     An allen Eingängen der Wolfshöhle warteten Linus’ Kinder in der erdigen Dunkelheit auf den Befehl, loszuschlagen. Es galt nur noch, die Büchse der Pandora zu öffnen. Denn die scheinbar nahtlos mit der Wand verschmelzenden Türen waren gepanzert und selbst mit den Kräften eines Vampirclans nicht zu öffnen.
     „Ich werde jetzt reingehen, Jarod.“ Sein getreuer Stellvertreter nickte nur stumm. Im Geiste sandte Linus einen Befehl an jene aus, die das seltene Talent teilten, welches die Türen öffnen würde.
     Mit geübter Konzentration ließ er die Moleküle seines Körpers in Bewegung geraten, ließ sie aufwallen und auseinander wirbeln, bis ihn jenes unglaubliche Gefühl der Leichtigkeit erfüllte. Die Nebelform annehmen zu können war eine der wenigen Freuden, die Linus seinem untoten Dasein abgewinnen konnte. Linus strömte in einen der Versorgungsschächte, die kaum genug Platz für eine Maus boten und machte sich auf den Weg, dem Feind das Verderben zu bringen.
     In seinem jetzigen Zustand verlor er das Gefühl für Raum und Zeit, während seine Gestalt um Kabel und Rohre herumwallte. Es gab nur die Dunkelheit, den Fluss des Seins und seinen Willen, der ihm sagte, dass er weiterziehen musste. Weiter, bis Licht seinen Frieden stören würde.

Grrashi kroch ein ungutes Gefühl über den Rücken und ihr Fell sträubte sich. Schon die letzten Tage lag eine Anspannung über dem Versteck des Jägerkultes, was jedoch jeder auf das Scheitern der letzten Jagden geschoben hatte. Die Yradin selbst waren zur Beute geworden, doch das bedeutete nur, dass es endlich einen würdigen Gegner gab, den es zu jagen galt.
     Die Anspannung, die sie nun spürte, war anders. Sie streckte ihre Schnauze in die Luft und witterte sie. Nichts!, dachte sie ungläubig. Nichts, was man riechen kann, zumindest. Grrashi lachte kehlig über ihre eigene Dummheit. Wieso war ihr dieser seltsame Gedanke gekommen?
     Das einzige, das sie riechen konnte waren Dutzende eingepferchte Yradin, Beton, Bunkerluft und Nebel. Nebel? Verwundert sah sie nach unten und stellte fest, dass sich ein dunstiger Schleier über den Boden ausbreitete, der träge um ihre Füße floss.
     „Verdammte menschliche Technik.“, knurrte sie. Doch irgendwie beschlich sie das Gefühl, dass dieser Nebel alles andere als irdisch war. Eine seltsame Drohung ging von ihm aus, die ihr langsam ins Mark sickerte. Nur mühsam widerstand sie der Versuchung, auf die Kiste in der Ecke zu springen, nur damit der Nebel nicht mehr ihr Fell berührte.
     Dann fiel ihr ein, dass Menschen seltsame Dämpfe erdacht hatten, welche lautlos töten konnten. Giftgas., schoss es ihr durch den Kopf und das löste ihre träge Starre endlich. „Wir werden angegriffen.“, knurrte die Yradin und wollte eben das noch einmal laut rufen, als eine grabeskalte Stimme in ihrem Kopf flüsterte:
     Es ist zu spät, Grrashi. Du bist verloren. Dann begann der Nebel seltsam zu schimmern und etwas begann an der Yradin zu zerren. Doch war es nicht ihr Fell, das sich gezogen fühlte, sonder vielmehr ihr Innerstes. Bevor ihre Sinne schwanden, sah sie noch einen roten Schatten aus ihrem Körper treten, der die Gestalt eines Yradin hatte und dann zu roter Gischt zerstob.

Der blutige Schleier erreichte nie den Boden, sondern vermischte sich mit dem Nebel seiner Gestalt und Linus sog das Blut in sich hinein. Die ausgezehrt wirkende Gestalt der Wolfsfrau sackte leblos zusammen. Heute gibt es ein Festmahl für meine Kinder., dachte Linus und zog sich zu seiner menschlichen Form zusammen. Wenige Sekunden später stand er über die Leiche gebeugt und lächelte kalt. Endlich konnte er wieder jagen, ohne sich für seinen Durst zu verdammen.
     Linus nahm eine kleine Magnetkarte an sich, die um den Hals der Yradin hing und besah sie sich interessiert. Es wunderte ihn ein wenig, dass der Orden über einen solch hohen technischen Standard verfügte und überhaupt nutzte, anstatt sich auf Magie zu verlassen.
     Schulterzuckend zog er die Karte durch das Lesegerät an der Wand, Hydraulikpumpen sprangen irgendwo an und die Panzertür schwang schwerfällig nach außen auf. Eine Schar seiner Kinder wartete schon auf ihn.
     „Die Tafel ist gedeckt.“, sagte Linus.

Das Überraschungsmoment war auf ihrer Seite. Die Vampire stürmten durch die verschiedenen Eingänge in das Versteck der Yradin und fegten jeglichen Widerstand in den äußeren Gängen brutal beiseite. Linus sah durch die Augen der von ihm getauften Kinder. Mit Genugtuung sah er jene sterben, die ihm und seinem Clan so lange ein Dorn im Auge gewesen waren. Linus folgte dem Kampfeslärm mit Bedacht und hielt die Augen offen. Er mochte nicht so recht glauben, dass es so einfach sein sollte.
     Keine zwei Kreuzgänge später sollte sich sein Misstrauen bewahrheiten. Ein sengender Feuerball schoss fauchend durch den Korridor, zerschellte krachend an der Wand und riss drei Vampire in ein feuriges Grab.
     Sie verwenden Magie!, dachte er überrascht und nannte sich im selben Augenblick einen Narren. Natürlich verwendeten die Yradin Magie, sie waren Diener des Ordens und nicht nur jagende Bestien!
     Der kalte Zorn der Jagd, gemischt mit der feurigen Gier nach Blut, trieb ihn in die Kreuzung. Ein weiterer Feuerball, geschleudert von einem verwundetem Yradin, raste auf Linus zu, doch der wich mit seiner vampirischen Schnelligkeit mühelos aus. Der Korridor flirrte kurz, dann war Linus bereits bei seinem Gegner angelangt, legte ihm eine Hand auf die Brust und sah ihm in die Entsetzensgeweiteten Augen. Dann zerfiel der Yradin zu Asche.
     Und weiter ging die Jagd. Der Widerstand wurde erbitterter, je weiter sie in das Innere der Anlage vordrangen und einige Vampire mehr ließen ihr Leben. Doch die Opfer unter den Yradin waren ungleich höher. Sie hatten den mannigfaltigen unheiligen Talenten der Untoten nichts ernsthaft entgegenzusetzen.
     Wolfskrallen trafen auf giftige Klauen. Magische Eisstürme standen gegen Wolken, die bei Kontakt das Fleisch verrotten ließen. Magische Lähmung verblasste im Vergleich zu Flüchen des Irrsinns, welche die Yradin gegen ihre eigenen Brüder hetzen. Tödliche Wunden kosteten Leben, wo klaffende Risse sich nach wenigen Augeblicken wieder schlossen.
     Doch Kräfte des Clans dünnten allmählich aus, da sich viele Vampire an den Wolfsmenschen satt tranken. So kam es, dass nur gut zwei Dutzend von Linus Kinder in jenen großen Saal vordrangen, der im Herzen des Yradinverstecks lag.
     Linus wollte gerade den anderen in jenen Saal folgen, als gleißendes Licht durch die Tür in den Gang fiel und beißend in seine Augen drang. Von Drinnen drangen grässliche Schreie und Linus spürte seine Kinder zu Asche verbrennen.
     Sonnenlicht! Hier!, dachte er entsetzt. Er sandte eine Warnung an alle anderen, wappnete sich für einen harten Kampf und rannte durch die Tür.
     Schwelende Häufchen unweit des Eingangs verrieten, wo die Vampire gestorben waren. Ein Rudel von fünfzehn Wolfsmenschen umringte eine Yradin, die auf einem leicht erhöhten Potest stand.
     „Linus Devron.“, knurrte die Yradin und Hass blitzte in ihren Augen. „Ich wusste vom ersten Augenblick an, als dieser Narr Shejrriim einen Pakt mit Dir vorschlug, dass Du eines Tages Ärger machen würdest.“
     Linus trat vorsichtig vor, während die Yradin angriffsbereit ausschwärmten. „Wer bist Du, dass Du meinen Namen kennst?“, fragte er ruhig.
     „Du willst wissen, welchen Namen Dein Verderben trägt?“ Die Yradin lachte und formte seltsame Gesten mit ihren Händen. Mächtige Energie ging von ihr aus und sie begann zu schimmern. „Ich bin Yra’shuck.“
     Die Rätin des Ordens!, ging es Linus durch den Kopf. Dann ist jedes Wort wahr, das Saphrosis sprach!
     Yra’shuck stieß einige fremdländische Worte aus und das Leuchten ihres Körpers schwoll zu einem Gleißen an. Die Macht der Sonne durchflutete den Saal mit ihrem verseuchten Schein und prallte mit brutaler Wucht auf Linus’ untoten Körper. Er spürte das Sengen, spürte, wie sein Fleisch sich auflösen und entzünden wollte, spürte den grausamen Schmerz...
     ... und lachte. Er lachte noch lauter, als er zunächst die Verwunderung und dann das dämmernde Entsetzen in Yra’shucks Mine erblickte. Die Lichtflut brach schlagartig zusammen und ließ Linus dampfend, aber lebendig, wieder in angenehmes Dämmern eintauchen.
     „Ich habe Jahrtausende einen Weg gesucht, der Sonne widerstehen zu lernen, nur weil ich noch einmal ihr Licht erblicken wollte.“, sagte Linus mit bedrohlichem Unterton. „Stell Dir meine Überraschung vor, als es mir gelang und ich feststellen musste, dass die Sonne nur noch ein grausames Monster für mich ist!“ Er ließ seine rechte Hand zur Klaue werden. „Doch heute Abend hat es sich ausgezahlt.“
     Ein Yradin, der wohl gedacht hatte, er könne sich unbemerkt von hinten anschleichen, sprang vor. Noch bevor er seinen Schlag führen konnte, war Linus herumgewirbelt und schlug ihm mit der zu Klauen verzerrten Hand eine klaffende Wunde in den Bauch.
     Jetzt kam Bewegung in die Meute. Die armen Irren, dachte Linus und sandte mit seinem Geist ein Wort der Macht aus. Sie denken, sie können mich töten. Das Wort schlug in den Gehirnen der Schwachen ein wie eine Splitterbombe und hinterließ bei manchen das reine Chaos. Durcheinander entstand und entsetzte Schreie wurden laut, als auf einmal Yradin gegen Yradin zu kämpfen begannen und wie wahnsinnig um sich schlugen.
     Yra’shuck hingegen stand unbeeindruckt auf ihrem Podest. Sie war ohne Frage stark im Geist und ein würdiger Gegner. Linus entdeckte eine Schneise in der kämpfenden Horde und schoss mit widernatürlicher Geschwindigkeit auf Yra’shuck zu, die Klaue zum tödlichen Schlag erhoben.
     Doch einen Meter vor ihr schien er in zähes Gelee einzutauchen und jede seiner Bewegungen kostete das Zehnfache an Kraft und Zeit. Die Yradin lächelte überlegen, ließ kleine Blitze um ihre ausgefahrenen Krallen tanzen und schlug zu.
     Sein Versuch, sie abzuwehren, kam viel zu spät und plötzliches Feuer aus Schmerzen raste durch seine Nervenbahnen. Der Schrei, der aus seinem Mund drang, klang seltsam verzerrt, während er in Zeitlupe nach hinten geschleudert wurde. Yra’shuck schlug noch zwei Mal zu, während er fiel, und raubte ihm vor Schmerz fast die Sinne.
     Mit ungebremster Wucht schlug er auf dem Boden und überschlug sich, bevor er zu liegen kam. Diese Verlangsamung umgibt sie wie eine Aura., erkannte er und rappelte sich auf. Außerhalb ihres Wirkungsbereiches konnte er sich normal bewegen.
     Zeit für einen Test!, dachte er, zog entschlossen seinen silbernen Dolch und warf ihn nach der Yradin. Ungebremst schlug er in die Schulter Yra’shucks und ließ sie schmerzvoll aufstöhnen. Linus ließ ein wölfisches Lächeln aufblitzen, griff zu den verborgenen Halftern an seinem Rücken und zog drei Wurfdolche mit einem Griff.
     Einen davon bekam ein heranstürmender Yradin zu kosten, die anderen beiden sandte er Yra’shuck. Doch zu seinem Erstaunen schlugen die Dolche gegen eine unsichtbare Barriere und fielen klirrend zu Boden. Die Yradin nutzte die Zeit und heilte ihre Wunde. Neugierig betrachtete sie den Dolch. "Eine magische Waffe. Auf Terra." Mit hochgezogenen Augenbraun sah sie Linus an. "Der Orden wird dafür sorgen, dass ihr Vampire von Angesicht der Erde getilgt werdet!"
     Verdammte Magie!, dachte er und musste über sich selber lachen. Noch vor einem Jahr hättest Du alles gegeben, um wahre Magie zu sehen. Er tötete einen anstürmenden Yradin und hüllte sich in den Mantel der Schatten.
     Unsichtbar für sterbliche Augen sprang er an die Decke des Saals und wich so zwei eilig geworfenen Feuerbällen aus. Er fühlte Yra’shucks Magie an sich zerren, als sie versuchte, ihn aufzuspüren. Doch er hatte Jahrtausende an diesem Talent gefeilt. Sein Wille war Adamant und widerstand.
     Für den Augenblick war er in Sicherheit. Unten tobte der Kampf zwischen den Yradin und selbst Yra’shuck konnte sich ihm nicht mehr entziehen. Eiskalt tötete sie jeden, der in ihre Nähe kam.
     Linus witterte ihr Blut, hörte ihren Pulsschlag, das Rauschen in den Adern... Er war der Herr des Blutes, ergriff es und zwängte es in andere Bahnen. Yra’shuck geriet ins Stocken. Panik erfüllte ihren Blick, als sie sich taumelnd zusammenkrümmte, da ihr Blut mit einem Mal in die falsche Richtung floss, aus den Blutgefäßen drängte und sich zwischen die Zellen ergoss.
     Linus schritt an der Decke über Yra’shuck. Nun galt es entschlossen zu handeln. Bereits jetzt wob sie einen Gegenzauber. Doch sie war geschwächt. Er übergab sich der Schwerkraft, fiel, stürzte auf Yra’shuck zu. Wieder spürte er jene seltsame Verlangsamung , doch diesmal war sie sein Freund. In Zeitlupe schlug er einen halben Salto, landete geduckt auf ihrem schmerzgekrümmten Rücken.
     Schraubstöcken gleich schloss er seine Finger um ihre Schultern, als sie ihren Feind bemerkte und abschütteln wollte. Doch es war zu spät. Unaufhaltsam drangen seine Fangzähne in ihren Hals und zertrümmerten ihre Gegenwehr.
     Das Trägheitsfeld brach zusammen und Yra’shuck war endgültig verloren. Während er ihr kraftvolles Blut trank, berührte er ihren sich vernebelnden Geist: Das ist das Ende eures Kultes, Yra’shuck. Noch diese Woche wird der Orden folgen.
     Yra’shucks Stimme erklang leise, aber dennoch ungebrochen in seinem Geist: Du warst ein würdiger Gegner, doch nur ein Narr kann glauben, dass dies das Ende ist.
     Ihr Bewusstsein wollte schwinden, doch Linus packte es erbarmungslos und hielt es fest. Was meinst Du, Wolfsbestie?
     Einen Krieg mit dem Orden kannst Du nicht gewinnen, Du Narr! Ein wildes Zucken durchlief ihren Körper und sie starb.
     Linus ließ ihren leblosen Leib fallen und sah auf. Um ihn herum herrschte immer noch Chaos. Wenn Yra’shucks Worte wahr waren, würde es noch mehr Chaos geben. Doch es war unvermeidlich. Das Ende würde kommen, auch wenn es erst der Anfang war.

Ein an diesem Ort vollkommen fremd anmutendes Geräusch riss Diane aus ihren Gedanken: Ihr Handy klingelte. Thuvindal, die neben der Tür wachend meditierte, warf ihr einen verärgerten Blick zu. Sie verabscheute die Technik der Menschen, die auf solch unmagische Art und Weise die Magie nachäfften.
     Diane ergriff das Telefon. „O’Donnell?“
     „Die Dechiffrierung ist abgeschlossen.“, sagte eine anonyme Stimme. „Sie haben zehn Minuten Zeit, einen Upload zu ermöglichen.“ Dann legte ihr Gegenüber auf.
     Rasch, aber ohne Hast klappte Diane ihr Notebook auf. Zum Glück hatte sich Shejrriim schnell darum gekümmert, es für sie zu beschaffen. Na dann, Mädchen, Zeit für die Wahrheit. Sie tippte den Zugangscode ein, öffnete eine Verbindung zum Hauptquartier und öffnete ihren Rechner für den Upload.
     Keine zehn Sekunden später strömte eine unglaubliche Datenmenge auf ihren Computer. Zu ihrem Glück hatten die Kollegen die Daten von Micro Biotics nicht nur entschlüsselt, sondern auch in Kategorien sortiert. Und eine sprang Diane sofort ins Auge: „unidentifiziertes Genprojekt“.
     Noch während die ersten Megabyte dazu eintrafen, begann sie fiebrig zu lesen. Genprofile gefunden. Nicht humane Genprofile, sogar eine ganze Menge davon. Dutzende... Die Proben waren klonfähig!
     So langsam dämmerte Diane, was da in den Laboren von Saphrosis’ Unternehmen vor sich ging. Ungeduldig trommelte sie auf den Rahmen ihres Notebooks und verfluchte die Langsamkeit der Verbindung. Wenn die Gene, die Saphrosis gesammelt hatte, von Yradin stammten, dann mussten diese für ihn arbeiten. Klonbares Material konnte man nicht einfach so aus Haarresten oder Blutspritzern gewinnen.
     In diesem Augenblick flog die Tür auf, Shejrriim stürmte herein und warf die Tür hinter sich zu. „Linus ist vor den Toren des Ordens erschienen. Er hat den Wächtern Yra’shucks Leiche vor die Füße geworfen!“
     „Was?!“, riefen Diane und Thuvindal zugleich.
     „Er behauptet, den Jägerkult ausgelöscht zu haben und wirft dem Orden vor, er wäre der Patron der wilden Yradin.“
     „Aber das ist absurd.“, warf die Elfe ein.
     „Nein, leider nicht.“, sagte Shejrriim sofort mit überzeugter Stimme. „Woher wollen wir wissen, was im Rat vor sich geht? Yra’shucks Schuld ist unbestreitbar und wenn ein Ratsmitglied...“
     „Ich habe etwas gefunden, was Dich interessieren dürfte.“, unterbrach ihn Diane. Das Jagdfieber hatte sie gepackt. Sie winkte ihn zu ihrem Notebook. „Ich habe in den Daten von JSC Micro Biotics Genprofile gefunden. Wenn ich jetzt das Profil des Yradins nehme, der mich in der Lagerhalle angegriffen hat...“ Sie startete den Datenvergleich und jagte das Profil über die von Micro Biotics.
     Die Antwort erfuhr sie nie. Erneut flogt die Tür auf und donnerte krachend gegen die Wand. Thuvindal und Shejrriim zogen ihre Waffen und sahen sich Taresh und einem halben Dutzend Wachen des Ordens gegenüber.
     „Diane O’Donnell!“, grollte Taresh und die Wachen strömten an ihm vorbei. „Der Schwurstein, bei dem Du geschworen hast, hat Dich des Verrats überführt! Wir nehmen Dich in Haft und werden über Dich richten.“
     Shejrriim sah zu Diane, die kaum sichtbar mit dem Kopf schüttelte. Jemand hat den Stein manipuliert, dachte sie erzürnt. Rasch stellte er sich zwischen sie und die Wachen. „Zuerst verlange ich, den Schwurstein zu sehen!“
     Auf ein Nicken Tareshs hin packte ihn zwei Wachen und schoben ihn gegen die Wand. „Du hast kein Recht mehr, zu fordern! Du hast Dich für sie verbürgt und bist aller Privilegien enthoben.“
     Das ist Verrat!“, fauchte Shejrriim und sah hilfesuchend zu Thuvindal. Doch die hatte bereits das Schwert weggesteckt und blickte kopfschüttelnd zurück.
     „Ich habe Euch gesagt, dass Eure blinde Faszination für diesen Menschen Euch das Genick brechen wird.“
     Taresh nickte wohlwollend. „Bis eine Nachfolge gefunden ist, wird Thuvindal Shejrriims Pflichten übernehmen. Wachen, führt die Verräterin ab!“
     Diane stemmte sich gegen ihre Festnahme und riss sich los, so dass sie gegen den Kri stolperte. „Das Notebook!“, flüsterte sie leise, bevor sie fortgerissen wurde.
     Taresh bedachte Shejrriim mit einem letzten zornigen Blick und folgte der Gefangenen.
     „Was im Namen des Schöpfers ist in Dich gefahren?“, fragte Shejrriim aufgebracht und sah die Elfe eindringlich an. „Ist das der...“
     Doch Thuvindal hob nur beschwichtigend die Hände. „Im Gegensatz zu Euch habe ich einen kühlen Kopf bewahrt und genieße noch immer das Vertrauen des Rates.“ Sie schmunzelte ein wenig über sein verdutztes Gesicht. „Glaubt Ihr, sie werden sich mit ihrer Gefangennahme zufrieden geben? Ich glaube kaum. Der Tod würde sie in ihrer Zelle finden, wenn niemand Wache hält, der dem Rat gegenüber Misstrauen hegt. Ich werde das übernehmen und für die restliche Zeit vertrauenswürdige Wachen finden.“
     Bedächtig nickte der Kri. „Und was ist mit Deinen neuen Pflichten?“
     „Das wird sich zeigen. Einiges könnt Ihr für mich erledigen.“ Sie musterte ihn mit gespielter Überheblichkeit. „Ich nehme an, dass Ihr geeignet dafür seid.“
     Shejrriim verneigte sich demütigst. „Ich werde Dich nicht enttäuschen, Thuvindal, Rechte Hand des Rates. Zunächst will ich ergründen, was uns Dianes Fund verraten kann.“
     Er ging zu dem Notebook, überflog was auf dem Bildschirm stand und nickte. „Das ist der Beweis! Der Yradin, der Diane angegriffen hat ist auch in den Laboren von Saphrosis gewesen. Er...“ Überrascht riss er die Augen auf. „Er betreibt ein Experiment, die wilden Yradin zu klonen!“
     „klonen?“ Thuvindal trat neben ihn und war dem Computer einen finsteren Blick zu. Shejrriim schlug sich gegen die Stirn. „Jetzt begreife ich! Linus rief am Tor, das Saphrosis unsere Lüge enttarnt hätte. Dabei hat er die Yradin nur fallen gelassen, als sie entbehrlich wurden. Er züchtet sich nun neue Killer heran, die er vom ersten Atemzug seinem Willen unterwerfen kann, anstatt unberechenbare Bestien in seinen Diensten zu haben.“
     Shejrriim wunderte sich dennoch. In welcher Verbindung stand dann der Orden zu den Yradin oder gar zu Saphrosis? Yra’shuck hatte ihre Hände im Spiel gehabt und so wie es aussah, hatte ein weiteres Ratsmitglied den Schwurstein verhext.
     „Das ist der Beweis, dass Saphrosis der Pate der Yradin war?“, fragte Thuvindal. „Wir müssen das zu Linus schaffen, um einen Krieg zu verhindern!“

Linus sah die Elfe nur kalt an und würdigte den „Beweis“ keines Blickes. Er hatte das Spiel aus Täuschung und Verrat schon zu lange gespielt, um diesen beleidigend stümperhaften Versuch persönlich zu nehmen.
     „In der selben Nacht, da ich den Verrat des Ordens mit der Leiche Eurer Rätin unwiderlegbar belege, kommt Ihr mit neuen Beweisen für eurer Unschuld?“ Er bohrte seinen Blick in ihre Augen und fegte plötzlich das Notebook vom Tisch, dass es gegen die Wand krachte und zerschellte. „Wir wissen doch beide, dass Dianes feine NSA die Meister der digitalen Beweisfälschung sind.
     Ich hätte gerne mehr über Euch erfahren, Elfe Thuvindal. Über Euch und die Magie eures Ordens...“
     „Es ist noch nicht zu spät...“, wollte die Elfe einwenden, doch Linus schnitt ihr das Wort ab.
     „Selbst wenn der Orden nicht die Wolfsmorde verantworten würde, ist er doch zu unberechenbar und gefährlich. Es ist ein altes Gesetz unserer Art: Es kann nur eine Macht in der Stadt geben.“
     „Ein Krieg kann...“
     „Der Krieg hat längst begonnen.“ Die Sache begann ihn zu langweilen. „Geht jetzt, Elfe. Allein dem, was uns einst zu verbinden schien, habt Ihr Euer Leben zu verdanken.“
     Thuvindals Blick wandelte sich von Betroffenheit zu Fröhlichkeit, ein Anblick, der in dieser düsteren Villa so befremdlich wirkte, dass es Linus berührte. „Glaubt Ihr, mich aufhalten oder gar töten zu können?“
     Sie schmunzelt!, dachte er ungläubig. Mit diesen Worten wandte sie sich ab und schritt leichtfüßig aus dem Raum und Linus ließ sie ziehen.
     „Jarod?“
     Der Angesprochene trat aus dem Schatten einer Ecke. „Ruf meine Kinder aus allen Staaten zusammen, die in sieben Tagen hier sein können.“
     „Alle?“, fragte Jarod ungläubig. „Das ist eine kleine Armee!“
     Linus seufzte schwer. „Wir werden eine Armee brauchen, um diesen Krieg zu gewinnen.“
     „Dann wird es geschehen, mein Fürst.“
     Linus versank in tiefes Nachdenken über die wohl schwerste Prüfung, der sich sein Clan je stellen musste. War es ein Fehler? Wie groß würden die Lücken werden, die der Kampf in die Reihen seiner Kinder schlagen würde?
     Jarod wollte sich gerade zurückziehen und Linus seinen Gedanken überlassen, als dieser plötzlich sagte: „Ich möchte nicht, dass Du an dem Sturm auf den Orden teilnimmst, Jarod.“
     Der erstarrte, als hätte man ihm ins Gesicht geschlagen. „Ich weiß, dass Ihr nicht an meinen Fähigkeiten zweifelt, Linus. Was ist es dann?“
     Linus sah ihn unverwandt an. „Du bist der Einzige, dem ich es zutraue, den Clan Devron zusammenzuhalten, wenn ich fallen sollte.“
     Jarod sah Linus lange und eingehend an, ohne eine Wort zu sagen. Immer wieder schien er zu einem Widerspruch anzusetzen, doch letztendlich nickte er langsam. „So soll es sein, wenn es das Schicksal verlangt. Doch Ihr werdet bestehen. Ihr habt immer bestanden.“
     Linus lächelte ein schmales Lächeln und es fühlte sich beinahe echt an. „Ein paar Jahrtausende sind keine Garantie für auch nur einen weiteren Tag.“
     „Ja, mein Fürst. Das werde ich mir merken.“, sagte Jarod, wandte sich ab und eilte aus dem Zimmer. Die Weichen des Schicksals waren gestellt.

Die kalte, klare Nachtluft strömte in Shejrriims Lungen und er ließ sie nur langsam wieder entweichen. Wehmütig blickte er hoch zu den Sternen, die in der perfekten Schwärze des Alls stumm und schön funkelten. Doch erfreuen konnte er sich nicht an ihrem Anblick oder fand Ruhe in ihrer Beständigkeit.
     Es waren nicht die Sterne seiner Heimat, sondern die Sterne Terras. Er stand Wache bei den Toren und wartete auf den Angriff der Vampire, der jeden Augenblick kommen könnte. Oder morgen. Oder nächste Woche.
     Bei den Sternen wirst Du keinen Trost finden, sagte er zu sich selbst. Selbst wenn sie sich für Dein Schicksal interessieren und Dich beobachten würden, so wärst Du auf Terra nur eine Jahrhunderte oder Jahrmillionen alte Vergangenheit für sie.
     Eine Löwenfrau neben ihm bemerkte seinen Blick und folgte ihm. „Selbst die Sterne sind hier anders.“, sagte sie und lächelte nervös. „Sie wirken so seltsam... leblos.“
     Shejrriim nickte ihr aufmunternd zu. „Wie ist Dein Name? Du scheinst nicht nur neu auf Terra sondern auch noch nicht lange beim Orden zu sein.“ In den letzten Tagen waren hunderte Ordensbrüder und –schwestern aus dem Portal getreten, um diesen terranischen Außenposten zu verstärken.
     „Oshera.“, antwortete sie und ihr Lächeln wurde ein wenig sicherer. „Und Du bist Shejrriim, man hört hier nur das Beste von Dir.“
     „Ist das so?“
     Sie nickte eifrig. „Es heißt, Du bist ein Meister des Kampfes und führst eine magische Klinge. Stimmt das?“
     Shejrriim neigte bescheiden sein Haupt.
     „Auch sagt man, Du hättest bereits gegen den König dieser Dämonen gekämpft, die uns angreifen werden?“
     Erneut neigte Shejrriim seinen Kopf.
     „Das ist gut. Was die Elfe über diese Vampire gesagt hat war nicht unbedingt ermutigend.“
     Thuvindal, die zu einer Expertin der Vampirkunde geworden war, hatte alle Kämpfern und Magiern unterwiesen, wie Vampire getötet werden konnten, wo ihre Stärken und Schwächen lagen und was Schutz gegen sie gewährte.
     „Bleib in meiner Nähe und ich schütze Dich, so gut ich kann.“, sagte er und fühlte sich nun selbst ein wenig besser. Doch dann stieg ihm ein beunruhigender Geruch in die Nase und Shargul kreischte. „Es geht los!“, schrie Shejrriim und riss das Schwert aus der Scheide. Die Drachen lösten sich von der Klinge und bäumten sich zu Schutz über seinen Schultern auf.
     Kaum einer hatte nicht auf den Warnruf des Kri gehört. Nun standen sie kampfbereit und starrten in die Dunkelheit. Ein Zwerg in der Nähe knurrte ungeduldig: „Nun kommt schon!“
     Und sie kamen. Einer Flut von großen, dunklen Spinnen gleich brandeten die Vampire gegen die Tore und krochen über den Wall der Finsterhecke. Eine Wache blies in das Horn und gleiche Signale drangen von überall her. Sie greifen am ganzen Wall an!, konnte er noch denken, bevor sein Schwert den Tanz begann.
     Jeder Streich streckte einen Vampir nieder, doch war bei weitem nicht jeder Schlag tödlich. Doch nur die wenigsten standen wieder auf. Kampfmagier steckten die Geschwächten in Brand und bald erstickte der Gestank von brennendem Fleisch den Atem.
     Wie ein Sturm durch Weizen pflügte Shejrriim durch die Reihen der Vampire, Shargul hob und senkte sich anmutig und brachte Verderben über die untote Brut. Oshera hielt ihm den Rücken frei und entging so dem Schicksal vieler Anderer des Ordens.
     Die feuerhelle Nacht war erfüllt vom Schreien und Röcheln der Lebenden und Sterbenden, dem Übelkeit erregenden Geräusch von Klingen, die in Knochen und Fleisch schlugen und den grausamen Stimmen der Vampire.
     Nach einer Ewigkeit, wie es schien, ebbte der Ansturm auf das Tor ab. Gerade, als der Sieg so greifbar nahe war, fetzte ein aufrüttelnder Hornruf durch den Wald des Anwesens: Das Signal zum Rückzug!
     „Oshera!“, rief der Kri und hieb einem Angreifer den Kopf von den Schultern. „Die Burg wird angegriffen! Folge mir!“

Als sie den Platz vor der Ordenshalle erreichten, tobte die Schlacht mit voller Wucht. Strahlen sengender Helligkeit brannten durch die Reihen der Untoten und hinterließen Asche. Dennoch schienen die Vampire auf dem Vormarsch zu sein! Ein dunkler Schatten, finsterer als die Nacht des Waldes, trieb sie an.
     Die Verstärkung, die nun aus allen Richtungen herbeieilte, verwandelte die Belagerung in einen Hinterhalt. Doch anstatt in ungeordnete Scharmützel zu zerfallen, ballte sich die Horde der Vampire in der Nähe des Tores und drängten immer stärker in dessen Richtung. Der dunkle Schatten war ihr Marionettespieler.
     Dann jedoch trat eine leuchtende Gestalt ins Freie und der Ansturm stockte. Das Leuchten war weniger mit dem Auge, als mit dem Herzen zu sehen. Die unverhüllte Thuvindal, ein Quell unsterblichen Lebens ließ die untoten Kreaturen verblassen.
     Da löste sich der Schatten auf und Shejrriim erkannte Linus, der Thuvindal entgegentrat. Alles in ihm drängte danach, ihr zu Hilfe zu eilen, doch sein Verstand zeigte einen anderen Weg. „In die Burg, ihr Hüter des Gleichgewichts!“, donnerte seine mit Shargul verschmolzene Stimme. Thuvindal erkaufte ihnen allen die Zeit, die sie brauchten.
     Das Letzte, was er von der Elfe sah, war ein gleißendes Schwert mit schlanker Klinge in ihrer Hand, das sie zum Streich auf Linus niedersausen ließ. Sie weiß, was sie tut., dachte er und schob Oshera über das schützende Siegel in die Burg.

Kampfeslärm drang schwach in Dianes Zelle und sie verfluchte einmal mehr den Umstand, dass ihre Gefangenschaft sie davon abhielt, etwas Sinnvolles zu tun. Sie konnte kämpfen!
     Unheilvoller Neben sickerte durch den schrägen Lichtkanal ihrer Zelle. Du hättest Die keinen Kampf wünschen sollen, Mädchen!, dachte sie, denn ihr schwante Übles. „Wache! Ein Eindringling!“, rief sie ohne viel Hoffnung.
     „Für wie dumm hältst Du mich, Mensch?“, fauchte der Yradin vor der Tür.
     Der Nebel formte sich zu einer menschlichen Gestalt und Diane schlug sofort zu, so fest sie nur konnte, und traf das Kinn mit voller Wucht. Anstatt bewusstlos umzufallen, verzog der Vampir nur verächtlich seinen Mund, als er seinen Kopf zurücklenkte. Weiter Schläge und Tritte trommelten auf ihn ein, Knochen brachen und endlich sackte ihr Gegner zu Boden.
     „Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, mich hier raus zu holen!“, rief Diane verärgert.
     In diesem Augenblick hallte eine Stimme durch die Ordenshalle: „Die Vampire dringen in die Burg ein! Verbrennt den Nebel!“
     Der Vampir vor Diane begann sich aufzurichten. Seine gebrochen Gliedmaßen nahmen wieder gesunde Formen an. „Ganz! Genau!“, schrie Diane wütend und trat erneut auf den Vampir ein, brach ihm diesmal das Genick. „Achtet auf den Nebel!“
     „Halts Maul, Mensch. Wenn da ein Vampir drin wäre, würde ich ihm bestimmt nicht die Tür aufmachen!“
     Ein Königreich für ein Schwert!, dachte sie seufzend und sah sich hastig in der Zelle um. Viel gab es nicht, das als Waffe gegen einen Vampir von Nutzen war.
     Das widerliche Knirschen im Hals des Vampirs bedeutete wohl, dass sich seine Wirbel neu richteten. Entschieden trat sie zu und zerlegte den Holzschemel in der Ecke in seine Einzelteile. Sie griff sich ein gesplittertes Bein, wirbelte herum und rammte es den sich erhebenden Vampir in die Brust.
     Sein erstaunter Gesichtsausdruck währte nicht lange, denn sein Gesicht zerfiel wie der Rest seines Körpers vor Dianes Augen zu Staub.
     „Wow.“, war das Einzige, das sie mit geweiteten Augen herausbekam. Erst nach einer Weile bemerkte sie, dass auch draußen der Kampf ein Ende gefunden haben musste: Der Lärm aus Waffen und Kreischen war verstummt.
     „Was stehst Du hier so nutzlos herum?“, drang eine vertraute Stimme durch die Tür.
     „Ich habe Order...“, hob die Wache an.
     „Die Burg mag im Augenblick versiegelt sein, doch die Vampire werden das Siegel brechen!“, unterbrach ihn Shejrriim unwirsch. „Los, zum Saal!“
     „Ich weiß nicht...“
     Ein dumpfer Schlag beendete die Zweifel des Wächters auf unsanfte Weis und keine zehn Sekunden später schwang Dianes Zellentür auf. Shejrriim steckte den Kopf herein. „Los, folge mir, bevor es zu spät ist!“
     Das ließ sich Diane nicht zweimal sagen und heftete sich an die Fersen des Kri. „Was ist passiert? Was machst Du hier?“
     Während sie durch die Kellergänge der Burg hastete, berichtete ihr Shejrriim von dem Angriff der Vampire. „Die Ordenshalle ist jetzt versiegelt, doch ich bin mir nicht sicher, ob diese Festung noch lange in der Hand des Ordens bleiben wird. Der Angriff ist unglaublich heftig.“ Sie stürmten eine Treppe nach oben.“
     „Darum hole ich Dich hier raus, Diane. Du bist wichtiger für das Gleichgewicht als dieser Außenposten. Wenigstens Du musst überleben.“
     Zum ersten Mal hatte der Gedanke, das Vereinigende Element zu sein, etwas Gutes für Diane. „Und ich dachte, Du holst mich raus, weil Du mich magst.“, keuchte sie, als sie beinahe mit Thuvindal zusammenstießen, die in Richtung Kerker unterwegs war.
     Die Elfe nickte kurz. „Du hast sie bereits befreit. Gut.“
     „Was ist mit Linus?“, fragte Shejrriim.
     Ein Beben durchlief die Mauern der Burg gefolgt von ohrenbetäubenden Donnern.
     „Er lebt. Auf Terra kann ich mich ihm zwar entgegenstellen, aber meine Macht ist zu geschwächt, um ihn zu töten.“
     „Was hatte dieser Lärm eben zu bedeuten?“, fragte Diane irritiert.
     Shejrriim packte sie am Arm und zog sie mit sich, als er wieder zu rennen begann. „Es bedeutet, dass der Sturm auf die Burg begonnen hat. Sie habe wohl ein Loch in den Außenwall gesprengt.“
     Thuvindal zog eine schlanke Klinge und rief: „Wohin willst Du, Kri?“ Das Tor...“
     Ohne innezuhalten huschte Shejrriim Stufen nach unten hinab. „Es gibt nur noch einen Weg aus der Halle des Ordens! Wir müssen Diane in Sicherheit bringen!“
     Doch als sie am Fuße der Treppe angelangt waren, mussten sie feststellen, dass der Kellergang eingestürzt war. „Zurück!“, rief der Kri. „Es gibt nur noch einen Weg zum Portal und der führt viel zu nahe an der Halle vorbei!“
     Auf dem Weg dorthin trafen sie auf die ersten Feinde, doch die niedereren Untoten hatten der Macht der Elfe und dem Schwert Shejrriims nicht viel entgegenzusetzen. Dennoch hielt es sie jedes Mal auf. Nach einer viel zu langen Zeit gelangten sie endlich in jenen Gang, an dessen Ende der Portalraum lag. Die Wachen waren fort, vermutlich zur Verteidigung der Feste geeilt.
    
Ein plötzlicher Windhauch war die einzige Warnung, die Shejrriim blieb, um rechtzeitig herumzuwirbeln und seine Klinge in den Bauch Linus’ zu rammen, der wie aus dem Nichts erschien. Sharguls Drachen glitten aus der Klinge und bissen sich im Körper des Vampirs fest.
     „Thuvindal, Diane.“, sagte Shejrriim ruhig. „Öffnet das Portal.“
     „Zusammen können wir...“, setzte die Elfe an, doch Shejrriim, der sein Schwert aus Linus riss, unterbrach sie:
     „Ja, könnten wir vielleicht. Doch einer muss das Portal beschwören. Geht!“
     Er holte zu einem Schlag aus, doch selbst geschwächt gelang es dem Vampir auszuweichen und dann ebenfalls anzugreifen. Der Kri wehrte den Hieb der Klauen ab und sprang zurück. Bereits jetzt begann sich Linus’ Wunde wieder zu schließen.
     Shejrriim ließ Shargul in sich gleiten und wurde von seiner Stärke erfüllt. Dann brachen auch schon Linus’ Angriffe über ihm herein. Eine Reihe unglaublich starker Schläge und Tritte trieben ihn durch die Tür in den Portalsaal und warfen ihn zu Boden. Unmenschlich schnell war der Vampir über ihm und legte ihm eine Hand auf die Brust.
     Shejrriim spürte mit Entsetzen, wie etwas an ihm zog und alles Leben aus ihm saugen wollte. Plötzlich war Diane über ihm, schwang Thuvindals Schwert zum Hals des Vampirs und Linus wich fauchend zurück. Der Sog brach ab.
     Sein eiskalter Blick fiel auf Diane, die tapfer zu einem neuen Hieb ansetzte. Mit einem Flirren war Linus plötzlich hinter ihr, trat sie mit voller Wucht durch die Tür in den Gang und entsetzt sah Shejrriim, wie er einen tödlichen Schlag führte...
     ...der auf kalten Stahl prallte. „Ich fürchte, das kann ich nicht zulassen.“, erklang eine gelassen heitere Männerstimme und Linus wurde durch die Tür quer durch den Saal geschleudert, gefolgt von einer entsetzt zurückweichenden Diane.
     Shejrriim sprang auf, heilte nebenbei notdürftig ein paar Wunden mit Sharguls Hilfe und trat dem neuen Feind entgegen.
    
„Saphrosis.“, hauchte Diane und war sich dabei gar nicht so sicher, wie viel von dem Milliardär übrig war, den sie kannte. Denn er wirkte gewaltiger, Ehrfurcht gebietend und unleugbar bedrohlich.
     In einen weißen Mantel gehüllt, der entgegen der Naturgesetze um ihn wehte, schritt er auf sie zu. „Sie hätten meine Einladung, mit mir Essen zu gehen, annehmen sollen, Diane.“, sagte er mit der Karikatur eines charmanten Lächelns auf den Lippen. „Das hätte mir eine Menge Ärger erspart.“
     „Gib das her, Mädchen.“, sagte Thuvindal und nahm Diane das Schwert aus der Hand.
     „Dass Sie hier sind...“ Linus musterte den Milliardär kalt. „... kann nur eines bedeuten.“ Seine letzten Wunden schlossen sich. „Verrat.“ Mit diesem Wort auf den Lippen griff er an. Er flirrte durch den Saal, stieß seinen Silberdolch in die Brust des Mannes und wurde erneut mit enormer Wucht zurückgeschleudert. Sein eigener Dolch, gespiegelt durch Hexerei, steckte in seiner Brust, knapp neben dem Herzen. In Saphrosis’ Mantel war nur ein kleines Loch, durch das es dunkelgrün schimmerte.
     „Niedergestreckt durch seine eigene geweihte Waffe.“, spöttelte Saphrosis. „Deine Rolle ist ausgespielt, Linus. Es war der Wunsch der Drachen, dass der Orden auf Terra zerschlagen wird. Was für mich unmöglich war, hast Du möglich gemacht. Ich brauchte Dich nur auf die falsche Fährte zu locken.“
     „Aber...“ Linus röchelte mehr, als das er sprach, während er sich gequält den Dolch aus dem Leib zog. „Yra’shuck... die wilden Yradin.“
     Saphrosis fegte Shejrriim mit einem Wedeln seiner Hand beiseite, das ihn nicht einmal berührte. „Sie war perfekt, nicht wahr? Eine vom Jägerkult im Rat des Ordens. Und die Yradin zu opfern war ein geringer Preis für das, was ich von ihnen erhielt.
     Ein paar unaufklärbare Morde an meinen Rivalen, ein Köder für Diane O’Donnell, Gene für den perfekten Söldner... Da war es auch egal, dass sie immer wieder versagten, Diane zu entführen. Zumal sie zu opfern, um die Vampire gegen den Orden zu hetzen, ein Machtvakuum in der Unterwelt mit sich brachte.“ Er genoss es sichtlich, Linus leiden zu sehen. „Oder dachtest Du, Linus, dass der klägliche Rest Deines Clans noch Einfluss haben wird?“
     Wie aus dem Nichts tauchte Thuvindal hinter Saphrosis auf und ihr Schwert tanzte. Ihre Elfenklinge zerteilte den Mantel in kleine Fetzen. Darunter kam ein dunkelgrüner Harnisch zum Vorschein, der alles andere als irdisch aussah und über und über mit Runen bedeckt war.
     Obwohl sie den Panzer nicht einmal berührt hatte, zogen sich Risse durch die eigentlich unzerbrechliche Elfenklinge. Entsetzt sprang Thuvindal zurück.
     „Ein Drachenpanzer!“, knurrte Shejrriim mit gewaltigem Zorn. Er war nun wieder in jene Aura des Alters und der Macht gehüllt, die Diane kennen und fürchten gelernt hatte. Und plötzlich erkannte sie, dass sich der Kri und der Mensch in diesem Augenblick befremdlich ähnlich waren.
     „Ein Geschenk der Drachen an ihren ergebenen Statthalter, bis die Welt wieder Eins wird.“, brüstete sich Saphrosis. „Nicht nur ein billiges Elfenschwert, wie Du es trägst, Shejrriim.“
     Dann wandte er sich Diane zu und streckte ihr seine Hand entgegen. „Es wird Zeit, dass wir gehen. Alles Andere war Beiwerk. Doch Du – das vereinigende Element – bist das Kronjuwel.“
     Diane verschränkte nur zornig die Arme. „Vergiss es, Du Lurch.“
     Saphrosis Lächeln wurde breiter. „Komm, und Deine Freunde werden leben. Komm nicht und sie werden sterben, bevor ich Dich mitnehme.“
     Diane warf Shejrriim einen hilfesuchenden Blick zu und erschrak. Der Zorn war aus seinen Augen gewichen. In ihnen spiegelte sich nur noch grenzenlose Traurigkeit. „Es war mir eine Freude, Dich gekannt zu haben.“, sagte er bedrückt. „Leb wohl.“
     „Was?!?,“, hauchte Diane, doch Shejrriim schrie:
     „FLIEHT!“
    
Wirke, Shargul., dachte der Kri und verlor alle Hoffnung dabei. Seine Seele war verloren. Ich ergebe mich Dir.
    
Thuvindal schien besser als Diane zu verstehen, was geschehen würde, packte Diane am Arm und zog sie mit sich zu jenen in Wand und Boden gefassten Kristalle, welche wohl das Portal kontrollierten. Die Elfe machte sich an die Beschwörung, doch Dianes Blick heftete sich auf Shejrriim.
     Shejrriim schien größer zu werden, obwohl sein Körper unverändert blieb. Es war vielmehr so, dass er einfach mehr Raum einnahm und ein gewaltiger Schatten lag über ihm. Die Stimme, mit der er nun sprach war alt und mächtig.
     „Du Wurm wagst es Dich mit einem Geschenk der Drachen zu brüsten!“, donnerte der Kri, der keiner mehr war. „Du wähnst Dich allmächtig...“
     In diesem Augenblick schlug Saphrosis zu, doch Shejrriim fegte seinen Angriff beiseite. Die Luft verzerrte sich, wo ihre Fäuste aufeinander trafen.
     „... doch ist Dein Panzer nur ein Spielzeug für die Meinen.“
     „Oh, ich habe noch gar nicht richtig angefangen, Kuschelkatze.“, lachte Saphrosis. Energie ballte sich um ihn, brummte, dass es den Zähnen weh tat, und preschte vor. Er schlug zu und schleuderte Shejrriim gegen die Wand. Stein barst und fiel zu Boden, Shejrriim jedoch berührte den Boden kaum noch. Violettes Licht waberte um seinen Körper, strömte zu seinen Fäusten und entlud sich in Richtung des Milliardärs, der mit einem überraschten Schrei zurückgeworfen wurde.
     „Die Drachen des Kults sind nicht allmächtig, Saphrosis.“, grollte der Stimme aus Shejrriims Mund. „Und nicht allwissend.“
     „Red’ nur.“, rief Saphrosis, während sich die Energie immer mehr um ihn herum ballte und nun nicht nur die Luft, sondern auch Boden und Decke des Saals verzerrte. Stein knirschte und bekam Risse.
     Doch Shejrriim war nicht beeindruckt. Seine Augen brannten in weißblauem Feuer. „Siehe, ich bin Shargul!“, donnerte er. „Shargul, der Drache der Wüste!“
     Mit einem Wimpernschlag hüllte sich Shargul nun ebenfalls in alles verschlingende Energie. Rotes Feuer umgab ihn, durchdrang ihn, formte ihn.
     Zwei Gewalten prallten aufeinander und ein erbitterter Kampf entbrannte, dem Diane mit dem Auge nicht mehr folgen konnte. Farben und Energien wirbelten, rissen an dem Fels der Halle und kreischten in seltsamen Stimmen.
     „Ich weiß, wer Du bist!“, hörte sie Saphrosis Stimme.
„Du bist tot! Getötet vom Drachenkult!“
     Er wurde mit solcher Wucht zurückgeschleudert, dass er durch die Mauer zum Gang brach.
     „Wesen wie Du werden nie verstehen,“, grollte Shargul in erschreckender Pracht, „dass die Seele eines Drachen wahrhaft unsterblich ist!“
     Etwas riss an Diane und erst nach einer Weile begriff sie, dass es Thuvindal war, die sie zu dem blauen, wabernden Schleier zerrte. Das Portal! Es ist offen!
     „Aber Shejrriim!“, wandte sie ein und wollte sich losreißen.
     „Er ist fort, Du närrischer Mensch!“, schrie die Elfe gegen den Kampfeslärm, der wieder entbrannt war. Und zu Linus rief sie: „Hinter diesem Tor wartet alle Magie auf Dich, die Du erträumen kannst! Komm mit uns, wenn Du leben willst!“
     Der schwerverwundete Vampir sah sie feindseelig an, schleppte sich aber dennoch in Richtung Portal.
     Diane starrt wie gebannt in Richtung der Kämpfenden. „Shejrriim!“, flüsterte sie. Jetzt verstand sie, warum er Lebewohl gesagt hatte. Aber sie wollte nicht... konnte nicht...
     Sie dachte an alles, was geschehen war, seit sie in New York erwacht war und an all die schrecklichen und wunderbaren Dinge. Immer wieder tauchte Shejrriims Gesicht auf. Ihre eigenen Fehler... Sie hatte sich täuschen lassen und nun sollte sie Shejrriim im Stich lassen?
     Im Sog des Kampfes begannen Wände und Decke einzustürzen, als sich Thuvindal in Dianes Sichtfeld schob. „Diane O’Donnell. Willst Du, dass er sich umsonst geopfert hat?“
     Das brach den Bann endlich. Nein. Nein, das will ich nicht. Diane hauchte ein „Leb wohl, mein Freund.“, wandte sich ab und trat durch den Schleier.

[Ende des ersten Buchs.]