"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt - Der Orden" von Jaquimo Talaan
letzte Änderung: 12.02.2005


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Und jetzt viel Spaß mit dem zweiten Teil.

Zweiter Teil - Der Orden

 

Ausgesprochene Wahrheiten und verschwiegene Gedanken

Verärgert klopfte Thuvindal an Shejrriims Tür. Seit Tagen versuchte sie, mit dem Kri zu sprechen – vergebens. Es schien beinahe so, als wolle er nicht mit ihr reden. Nun gut, er war die rechte Hand des Rates und hatte viel zu tun, doch dass es so weit kommen musste, dass eine Verabredung nötig wurde, war beleidigend.
     Warum bittet er mich nicht herein?, dachte sie ungeduldig. Sie hatte erwartet, dass es schwer würde, eine längere Zeit mit Sterblichen zu verbringen und dass es eine harte Probe würde, sich ihnen unterzuordnen, jedoch hatte sie nicht geahnt, wie schwer. Die ersten Tage auf der Erde hatten sie sich bald nach den Wäldern ihrer Heimat sehnen lassen.
     „Tritt ein!“, drang Shejrriims Stimme durch die Tür.
     Als Thuvindal den Raum des Kri betrat, nahm sie zuerst zweierlei Dinge wahr. Der Raum war mit einem angenehmen, wohlvertrauten Geruch erfüllt. Und das Zweite, das ihre Aufmerksamkeit beanspruchte, war das kunstvolle Schwert, das auf den Knien des Kri lag, der es auf einem Kissen sitzend sorgsam mit Öl abrieb. Nun, da sie es bei Lichte sah, konnte kein Zweifel mehr daran bestehen, dass es eine Arbeit von Elfenschmieden war. Ein leichter Zweihänder mit schlanker Klinge, vortrefflich von einem wahren Meister ihres Volkes aus dem edelsten Stahl geformt.
     Shejrriim schien sie kaum zu bemerken, denn er hob selbst dann den Blick nicht von der Klinge, als sie näher herantrat. Mit bedächtigen, gleichmäßigen Bewegungen führte er seine Arbeit fort.
     „Setz Dich.“, sagte er dennoch. Und mit sanfter Stimme fügte er hinzu: „Wenn Du magst. Und nimm Dir ruhig eine Schale.“ Mit einem Kopfnicken deutete er auf eine irdene Kanne, in der Thuvindal die Quelle des Dufts fand. Es war Thilisar, ein elfisches Getränk.
     Misstrauen erwachte in ihr. Versuchte dieser Kri sich mit billigen Tricks bei ihr beliebt zu machen? Dennoch war es erstaunlich, dass sich ein Sterblicher diese Mühe machte. Geschmeidig nahm sie Platz, rührte den Tee aber demonstrativ nicht an. Vielmehr regte sich wieder Zorn in ihr, da der Kri ihr kaum Beachtung schenkte. Sie hatte lange genug gewartet! Doch sie nahm es als Prüfung, verstand den Kri sogar. Sie war neu im Orden, einzige Elfe hin oder her, und konnte nicht erwarten, mit übermäßig viel Respekt behandelt zu werden.
     In aller Seelenruhe beendete Shejrriim seine Arbeit und steckte das Schwert dann in die vor ihm auf dem flachen Tisch liegende Scheide. Dabei blitzte kurz ein eingravierter Drache im Schein der Feuerschalen auf und Thuvindal hob erstaunt die Augenbrauen. Sie hatte vor langer Zeit – lang selbst für die Unsterblichen – von den Weisen ihres Volkes von diesen Klingen gehört, aber es klang bereits damals viel mehr nach einer Legende.
     „Das ist eine Drachenklinge.“, stellte sie in einem halb anklagendem Ton fest. Nur wenige dieser Schwerter waren damals gefertigt worden. Sie seien ein Geschenk der Elfen an die Drachen gewesen, die aus längst vergessenen Gründen darum gebeten hatten. Sie waren nicht für Sterbliche gedacht. „Woher habt Ihr sie?“
     Shejrriim hob seinen Blick zu ihr und die Traurigkeit darin war beinahe schmerzhaft. Erneut stellte sie fest, dass diese Augen so gar nicht zu einem Kri passten, der höchstens ein Drittel seiner Lebensspanne erreicht hatte.
     „Ich spreche nicht darüber.“, erwiderte er nur kurz angebunden. Dennoch wusste sie, was sie wissen musste. Er hatte es nicht gestohlen. Hätte er nur den geringsten Zweifel daran gelassen, hätte sie die Klinge bei der nächsten Gelegenheit fortgeschafft.
     Der Kri nahm einen Schluck Thilisar zu sich und widmete ihr nun seine ganze Aufmerksamkeit. „Nun, Du wolltest mich sprechen?“
     „Nein, ich wollte mit dem Rat sprechen. Man verwies mich stattdessen an Euch.“, korrigierte sie ihn und bedauerte die Schärfe ihrer Worte sofort. Aber es kostete sie einiges an Mühe, ruhiger zu werden. Der Orden! Der Rat! Sie sprachen vom Gleichgewicht und verstanden doch so wenig. Es gab einen guten Grund, warum die Elfen den Orden stets gemieden hatten. Bis heute.
     Shejrriim verzog keine Mine. „Und nun, da Du hier bist und mit mir vorlieb nehmen musst, was willst Du mir sagen?“ Es war keine Ironie in seinen Worten. Nur ruhige Gelassenheit.
     „Ich habe mich dem Orden angeschlossen, weil die Elfen die Stunde kommen sehen, da alle Völker dem Gleichgewicht dienen oder untergehen müssen. Doch seit ich auf die Erde kam, diene ich nicht – ich warte. Bestenfalls werde ich als Häscher für einen närrisch gewordenen Menschen gebraucht.“
     Ein Lächeln huschte über Shejrriims Gesicht. „Du bist zornig auf sie, weil sie Dich verwundet hat.“
     Thuvindal war überrascht von diesen Worten. Sie hätte nicht gedacht, dass sie so leicht zu durchschauen war – für einen Sterblichen. Stumm nickte sie.
     Nach einem weiteren Schluck Tee sagte der Kri: „Sieh es als Deine erste Lehre über die Menschen an. Sie sind kurzlebig und die meisten von ihnen sind dumm, doch es gibt auch solche, die selbst Dir gefährlich werden können. Die Sterblichen zu unterschätzen ist gefährlich.“
     Thuvindal nickte erneut. Er hatte es nicht ausgesprochen, aber es war ein milder Tadel in seinen Worten, einer, der gerechtfertigt war. „Wo ist dieser Mensch jetzt? Im Kerker?“
     „Sie schläft sich gerade aus.“ Er neigte seinen Kopf zur Seite und schien zu lauschen. „Oder zumindest hoffe ich das. Ich habe ihr den Raum neben mir gegeben.“
     „Sie wird fliehen!“, rief sie aufgebracht. „Wie könnt Ihr so sorglos mit einer solch wichtigen Angelegenheit umgehen?!“ Ungläubig und vorwurfsvoll blickte sie ihn an. Die Sterblichen werden noch unser aller Untergang sein!
     Erneut nahm er einen Schluck zu sich, sah sie aber über den Rand seiner Schale unentwegt an. Sein ruhiger Blick schien jede Regung ihres Gesichts lesen zu können und ihr wurde zunehmend unbehaglicher. Hätte ein Berg sie mustern wollen, hätte er das nicht geruhsamer tun können.
     „Wie alt bist Du, Thuvindal?“, fragte er dann unvermittelt.
     Was bezweckte er mit dieser Frage? „Ich habe mehr als sechshundert Sommer gesehen.“, antwortete sie schließlich.
     „Das will ich glauben.“ Der Kri neigte sein Haupt wider leicht zur Seite und sein ruhiger Blick schien in sie hinein zu sinken. „Und wie viel mehr?“
     Was hat er doch eben gesagt? Die Sterblichen zu unterschätzen sei gefährlich. Lass Dir spätestens dies eine Lehre sein, stolze Thuvindal., dachte sie ungläubig. „Ich habe sie nicht alle gezählt.“, flüsterte sie beschämt. „Ich habe den Beginn des Neuen Zeitalters erlebt, als ich jung war.“
     Ohne sichtbare Überraschung nickt der Kri, goss aus dem Krug Thilisar in die zweite Schale und schob sie auf dem Tisch zu ihr hin. „Es muss schwer für Dich sein, sich Wesen unterordnen zu müssen, die erst eine solch kurze Zeit Deines Lebens unter Sonne und Mond wandeln. Und es muss unerträglich für Dich sein, dem Orden zu dienen, wenn so viel mehr für Dich auf dem Spiel steht, als selbst der Rat es erahnen kann.“
     „Woher...“ Seid Ihr ein Telepath?
     „... ich das weiß?“ Shejrriim setze seine leere Schale ab und legte seine Hände auf das Schwert auf seinen Knien. „Ich kenne Dein Volk, Thuvindal, auch wenn das Wort ‚kennen’ aus dem Munde eines Sterblichen in Deinen Ohren schwach klingen muss. Doch ich weiß genug, um zu erraten, dass es etwas geben muss, das die Elfen in Aufruhr versetzt hat. Etwas, das Dein Volk dazu brachte, sich wieder mit den Sterblichen einzulassen und Dich herbrachte.“
     Achtungsvoll neigte Thuvindal ihr Haupt und verbarg dies durch einen Schluck des Elfentees. Er schmeckte so unglaublich köstlich, dass es ihr ein Lächeln auf die Lippen trieb. Das erste seit ihrer Ankunft. „Ein Kri der sich auf die Kunst versteht, Thilisar zuzubereiten! Ich werde Euch nie wieder unterschätzen, Shejrriim.“ Mit diesen Worten meinte sie mehr, als nur den Tee und Shejrriim verstand.
     „Nicht jeder, der dem Orden angehört, dient ihm aus freien Stücken, Thuvindal.“, sagte er sehr ernst. Ein Teil ihres Misstrauens kehrte zurück. Plante er, sie in eine Falle zu locken? War das eine Prüfung ihrer Loyalität? „Ich bin hier, weil mich ein Schwur, den ich einem Freund gab, an meinen Weg bindet.“ Dabei huschte sein Blick zu seinem Schwert. Thuvindal trank schweigend ihren Tee.
     Shejrriim nahm ihr Schweigen ohne Regung hin und sagte schließlich: „Der Rat hat Dich zu mir geschickt, damit ich Dir Arbeit gebe. Er erwartet vermutlich, dass ich Dich wie jeden Neuen einem der Bereiche zuweise, in dem Du Deine Talente am Besten einsetzen kannst.
     Dich zu den Wachen zu geben würde Verschwendung sein. Das Forschen nach verstaubtem Wissen in den Bibliotheken würde Dich ermüden, da bin ich sicher...“ Er sah sie grübelnd an, doch sie erkannte, dass er nur ein Spiel mit ihr spielte. Er versuchte ihre Reaktionen auf seine Vorschläge zu ergründen. „Um Dich unter die Menschen schicken zu können, brauchst Du erst Erfahrung. Der Rat gewährt dies erst Adepten, die mehrere Jahre im Dienst des Ordens stehen und genug Wissen über die Menschen gesammelt haben.“ Sie zuckte mit keiner Wimper, auch wenn es in ihr kochte. Jahre! Diese Narren! „Runenmagie... nichts für Elfen. Hüter des Portals nach Landor zu sein, wäre beleidigend. Die Technik der Menschen zu studieren dürfte kaum nach Deinem Geschmack sein.“
     Shejrriim musste lachen, als er ihre versteinerte Mine bemerkte. „Ich glaube nicht, dass es im Interesse des Rates oder des Ordens liegt, wenn eine zornige Elfe in unseren Reihen dient.“
     Thuvindal war sprachlos vor Zorn. Sollte das heißen...
     „Es gibt eine Aufgabe, mit der ich Dich betrauen möchte. Sei mein Schatten.“
     Ihr Zorn verwandelte sich in Verblüffung, dann in Freude. Aus dem Munde eines Kri bedeutete dies eine hohe Ehre, denn der Schatten eines Kri war ein treuer Begleiter, ein Gleichberechtiger, ein Ebenbürtiger. „Warum tut Ihr das? Ihr kennt mich nicht.“
     „Es ist der beste Weg, den Du im Orden finden kannst. Und ich werde niemand besseres finden als Dich.“
     Thuvindal neigte dankbar ihr Haupt und sagte geehrt: „Ich werde Euch nicht enttäuschen, Shejrriim. Ich werde Euer Leben schützen und Eure Tat unterstützen mit aller Kraft.“
     Als sie ihren Blick wieder hob, erfüllte Hoffnung und Freude ihr Herz. Etwas war seltsam an diesem Kri. Es würde eine interessante Zeit an seiner Seite werden.
     „Wenn Du willst, kannst Du nun gehen, Tochter des Waldvolks. Auch wenn es Dir widerstreben wird, musst Du Dich in den Umgang mit Menschen und ihrer grundlegenden Technik einweisen lassen. Sie haben seltsame, wirre und teils dumme Bräuche. Mehr als Du ahnen kannst.“
     Thuvindal leerte ihre Schale in aller Ruhe, stand dann auf und verabschiedete sich. Als sich ihre Hand auf den Griff der Türe legte, sprach Shejrriim noch einmal: „Eines musst Du mir versprechen, auch wenn es eine Unsitte ist, ein Versprechen zu verlangen.“
     Sie hielt in ihrer Bewegung inne und fragte sich, was nun kommen würde.
     „Versuche niemals, mein Schwert zu führen. Nicht einmal, um mein Leben zu schützen, wenn ich bezwungen am Boden liege.“
     Thuvindal zögerte mit der Antwort. Es war eine seltsame Bitte. Wenn einer das Recht hatte, ein Elfenschwert zu führen, dann sie. Doch sie war sich sehr wohl bewusst, dass ihr Shejrriim viel Vertrauen entgegenbrachte und nun war es an ihr, es ihm gleichzutun. „Ich werde Shargul nicht anrühren.“, antwortete sie und ging.

Die Tür von Dianes Gemach öffnete sich einen Spaltbreit und grüne Augen funkelten in der Dunkelheit. Als sie sich sicher zu sein schien, dass sie unbeobachtet war, glitt Diane durch die Tür, spähte in beide Richtungen den Gang hinab und lief dann nach rechts los, hielt sich im Schatten und machte für einen Menschen erstaunlich wenig Lärm. Ihre schwarze Kampfkleidung hätte es für Menschenaugen sicherlich schwer gemacht, sie in dem von Fackeln beleuchteten Gang zu entdecken.
     Doch Shejrriim war kein Mensch. Seine Augen durchdrangen die Dunkelheit mühelos. So beobachtete er, wie sie sich an der Ecke eines abzweigenden Ganges mit dem Rücken an die Wand schmiegte und um die Kante lugte. Sie huschte um die Ecke und verschwand.
     Shejrriim trat schmunzelnd hinter einer Säule hervor und schlich ihr nach. Sie würde bald feststellen, dass sie in die falsche Richtung geflohen war. Mühelos schlich er ihr doppelt so schnell nach, wie sie sich bewegte, seine nackten Raubkatzenfüße waren für die lautlose Jagd geboren.
     Diane schlich von Ecke zu Ecke, verbarg sich so gut sie konnte und schaffte es sogar, der Aufmerksamkeit eines Yradins, eines Wolfsmenschen, zu entgehen, der keine zwei Schritt entfernt an ihr vorüberging. Vermutlich ist Grack mal wieder zu sehr in Gedanken, um den Geruch dieses Menschen zu wittern., dachte Shejrriim amüsiert. Grack war das, was einem zerstreutem Bibliothekar am nächsten kam: Immer am Grübeln über das, was er gelesen hatte.
     Zwei Abzweige später erkannte Shejrriim, dass Diane keineswegs auf der Flucht war. Zielstrebig folgte sie dem Weg, den sie damals mit ihm gegangen war und würde unweigerlich zur Großen Halle der Bücher gelangen.
     Auf einigen Umwegen, verstand sich. Shejrriim beschloss, diese Mühe nicht auf sich zu nehmen. Er bog in die entsprechende Richtung ab und überließ Diane sich selbst.

Sie war überrascht, wie einfach es war. Die Ordenshalle war tief in der Nacht so gut wie verlassen und niemand schien sich um die Überwachung der Gänge zu kümmern. Kurz blitze ein Gedanke an Flucht in ihr auf, den sie aber rasch unterdrückte. Im Moment war sie genau dort, wo sie sein wollte: Im Innern des Ordens. Ihre Flucht würde sowieso eher gelingen, wenn sie weniger spontan und mit mehr Wissen über die Halle und das Anwesen unternommen würde.
     Derweil hatte sie ein anderes Ziel. Der Grundriss, den sie in ihrem Kopf gespeichert hatte, kam ihr nun zugute. Die Bibliothek musste hinter der nächsten Kreuzung liegen.
     Eine Wache eilte heran. Ihr blieb fast das Herz stehen. Doch die Graukutte wandte ihren Blick nicht nach rechts oder links, sondern stürmte nur in Richtung des Tors, während sie in einer fremden Sprache vor sich hin brubbelte. Na? Dienstantritt verschlafen?, regte sich die freche Seite in ihr, bevor sie allen Mut zusammennahm und auf den dunklen Türbogen der Bibliothek zu rannte.
     Absolute Dunkelheit und das Gefühl von Größe umfing sie. Ihre Ohren schienen taub zu werden, als sich von tausend Büchern gedämpfte Stille um sie schmiegte. Der Geruch von altem Papier und trockenem Leder stieg ihr in die Nase.
     Zu blöd, dass sie mir mein Nachtsichtgerät weggenommen haben. Sie ließ ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen, doch es half nicht viel. Der schwache Lichtschimmer der vom Korridor hereindrang, erhellte gerade einmal die ersten Meter.
     „Brauchst Du Licht, Diane?“ Ihr Herz setzte ein Schlag aus, sie schnellte herum und stieß beinahe mit Shejrriim zusammen.
     „Ähm.“ Ihr Gehirn fühlte sich an wie im Leerlauf. „Ja?“
     Zielsicher griff Shejrriim in ein unscheinbares Regal bei der Tür, brachte einen Kristall zum Vorschein und ließ ihn mit ein wenig Magie erstrahlen. Warmes, goldenes Licht überflutete Dianes staunendes Gesicht.
     „Na, das ist mal ne Taschenlampe.“, brachte sie schließlich hervor und nahm den Kristall behutsam in die Hand, beinahe als fürchtete sie, sich zu verbrennen. Dann erst wurde sie sich wieder Shejrriims bewusst, der sie mit einem offenen Grinsen anblickte. „Äh, danke.“
     Er trat beiseite und lud sie mit einer allumfassenden Geste ein, weiter in die Halle der Bücher zu treten. Zögerlich folgte sie dem Angebot und hob den Kristall hoch, um die nahen Regale zu erleuchten, die sich aus uraltem Eichenholz gefertigt bis zur Decke der Halle türmten, die weiterhin im Dunkeln verborgen blieb. Ein Laut der Überraschung kam von ihren Lippen und er konnte sie gut verstehen. Dies war ein Hort des Wissens, an dem Bücher und Pergamente zusammengetragen waren, die auf der Welt seit Jahrhunderten als verschollen galten. Es waren allesamt Werke, die von dem größten Mysterium handelten, welches den Orden beschäftigte: Die Menschheit und ihr Schaffen im Wandel der Jahrtausende.
     Doch offenbar konnte sie ihre Aufmerksamkeit nicht so recht auf die Bücher lenken. Schließlich blieb sie stehen und fragte, ohne sich umzudrehen: „Habe ich jetzt ein Problem?“
     Der Kri trat neben sie und schüttelte gutmütig den Kopf. „Ich bin froh, dass ich Dir hierher und nicht zum Tor der Halle gefolgt bin.“
     „Gefolgt?“ Seufzend ließ sie ihren Kopf hängen, drehte sich zu ihm um und hob ihn mit einem schiefen Lächeln wieder. „Ich sollte Dich nicht unterschätzen, oder?“
     „Niemanden hier, Diane.“, erwiderte er ernst. Er schaute in ihre grünen Augen und bemerkte zu seiner großen Freude, dass das letzte Fünkchen Furcht aus ihnen verschwunden war. Das ist gut. Die Furcht zu überwinden ist der erste Schritt zum Ablegen von Vorurteilen. „Ich hab Dich ebenfalls unterschätzt, und fürchte, dass darin der Grund liegt, warum es Dich gestern Nacht zu uns verschlagen hat.“
     „Wie meinst Du das?“
     Shejrriim schwieg zunächst und führte sie zu einem Tisch, um den herum hölzerne Schemel standen, und sie setzten sich. Er nahm ihr den Kristall ab und betrachtete ihn verträumt. „Die hell Leuchtende.“
     Diane musterte den Kristall eingehend, als gelte es, ein Geheimnis zu ergründen. „Ich verstehe nicht ganz.“
     „Das bedeutet Dein Name: Die hell Leuchtende. Ihr Menschen gebt euren Kindern Namen und wisst manchmal gar nicht um ihre Bedeutung, geschweige denn dass ihr sie eure Kinder lehrt.“ Er setzte den Kristall behutsam auf einen dafür vorgesehenen Sockel aus Holz.
     „Es war unvermeidlich, dass Dich Deine Suche nach der Wahrheit hier her führen musste, solange ich Dir die Wahrheit verweigerte.“, antwortete er schließlich auf ihre Frage. „Ich sah es in Deinen Augen und dennoch war ich närrisch genug, den vermeintlich bequemeren Weg zu versuchen. Das hätte uns beide beinahe das Leben gekostet.“
     „Und was ist das für eine Wahrheit?“, fragte sie im Plauderton und lächelte dabei. „Tiermenschen wohnen in einem Schloss und jagen ein paar durchgedrehte Zeitgenossen. So etwas lese ich täglich in diesen Zeitungen mit den dicken Überschriften.“
     Nachdenklich sah er die Menschenfrau an. Sie nahm es mit Humor, tat so, als würde es ihr leicht fallen, sich dem allen zu stellen. Er würde gerne wissen, wie es in ihrem Herzen aussah. „Die Wahrheit ist ein wenig komplizierter.“, begann er behutsam und verfiel dann wieder in nachdenkliches Schweigen. All die Jahre war Verschwiegenheit ihr aller Überleben gewesen. Nun hing ihr Überleben davon ab, dass ein Mensch alles erfuhr und dann eine richtige Entscheidung fällte.
     Diane stütze ihre Ellebogen auf den Tisch und sah ihn geduldig an. „Ich bin ein schlaues Mädchen, versuch es einfach. Ich will alles wissen.“
     Er konnte nicht anders, als wegen ihrer tapferen Unbeschwertheit zu lachen. „So sei es. Doch wir würden vermutlich noch in drei Tagen hier sitzen, wenn ich Dir alles berichten würde. Du musst für heute mit einer kurzen Fassung vorlieb nehmen. Es wird vermutlich so schon schwer genug für Dich, das zu glauben.“
     Vertraue., flüsterte sein Verstand und er hatte Recht. Doch womit sollte er anfangen? Der Spaltung der Welt? Das war geheimes Wissen, selbst der Rat ahnte mehr, als dass er darüber wusste. Vielleicht war es genug, mit der Flucht der Yradin zu beginnen. Oder besser noch damit, warum der Orden des Gleichgewichts überhaupt existierte.
     „Das, was Du manchmal siehst, ist wahr. Ich meine nicht nur, dass Du unsere kleine Illusion durchschaust, sondern auch Deine Blicke durch die Welt hindurch. Wenn Du Bäume siehst, wo die Mauern eines Hauses stehen sollten, wird Dir ein Blick in unsere Welt gewährt. Die Erde ist nicht allein, Diane, sie hat eine Schwester. Wir nennen sie Landor und sie ist die Heimat aller magischen Rassen.“
     Diane gab ihre entspannte Haltung auf und sah ihn voller Zweifel an. „Wieso seit ihr dann hier? Du sagtest, der Orden existiert schon sein Jahrhunderten.“
     „Es gibt Magie in Landor, deren Mächtigkeit grenzenlos scheint, doch bei euch ist diese Magie nur noch ein verblasster Schatten. Auf der Erde herrschen die Welt durchdringende Regeln, die Naturgesetze, die euch ein andere große Macht offenbaren: Die Wissenschaft. Eure Naturgesetze haben bei uns hingegen kaum Bedeutung.
     Es herrscht ein wundersames Gleichgewicht zwischen der Erde und Landor, ein Gleichgewicht das für das Überleben beider Welten von Bedeutung ist. Zu viel Magie bringt Chaos in Eure Welt und zu viel Ordnung bedeutet das Ende der alles erfüllenden Magie Landors.“
     „Und ihr wacht über dieses Gleichgewicht?“ Grenzenloses Staunen zeichnete sich in ihrem Gesicht, ihren leuchtenden Augen und ihrer Stimme ab. „Wie?“
     Shejrriim schmunzelte. Diane wirkte wie ein Kind, dass eine unglaubliche Geschichte zum Zubettgehen zu hören bekam. „Die Mystiker erkannten rasch, dass jeder Übertritt, jedes Einsickern der Magie in Eure Welt das Gleichgewicht in Unruhe versetzt. Aus Angst vor einer zu großen Erschütterung wurde der Übergang unter Todesstrafe gestellt. Es war eine weise Entscheidung.
     Ihr Menschen besitzt diese Weisheit nicht. Eure Neugier hat euch stets dazu gebracht, die Vernunft zu ignorieren und viel wunderbares Wissen zu eurem Übel oder dem Schaden Eurer Welt zu missbrauchen. Lange Zeit wachte der Orden über das Gedeihen der Menschen und sah mit zunehmender Besorgnis, dass euer enormer Fortschritt euch davoneilte. Ihr wisst so viel und versteht so wenig. Darum ist es eine Aufgabe des Ordens, eure Forschung zu überwachen und zu verhindern, dass ihr einen Weg durch den Schleier findet, der unsere Welten trennt.“
     „Das mit dem Gleichgewicht der Natur ist also nur Tarnung, hm?“, sagte Diane langsam, während ihr eine Menge durch den Kopf zu gehen schien. Der staunende Ausdruck war nicht von ihrem Gesicht gewichen. „Also ist es für euch Zaubermeister ein Leichtes, den... Schleier zu durchdringen, während unsere Wissenschaftler gerade erst mal anfangen über parallele Dimensionen rumzuspinnen.“
     „Ganz so einfach ist es nicht. Ich nannte es einen Schleier, denn unsere Welten sind sehr nahe, doch die Kluft zwischen unseren Welten ist groß und sie wird mit jedem Tag größer. Es erfordert eine mächtige Magie, zwischen den Welten zu wechseln und es ist nur an Orten möglich, die sich ähnlich sind.“
     „Ähnlich?“, unterbrach sie ihn verwundert. „Wieso gibt es Orte, die sich ähnlich sind? Die Wahrscheinlichkeit dafür ist doch astronomisch gering, oder nicht?“ Dann grübelte sie kurz nach und ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. „Es muss viele dieser Ähnlichkeiten geben, wenn man die Wolfsmorde bedenkt.“
     Sie hat einen wachen Verstand!, erkannte er. Wenn Du nicht Deine Zunge hütest, wird sie Dich noch in der ersten Nacht überrumpeln! Er beschloss sich an das Wissen des Ordens zu halten. „Einige der größten Mystiker haben Jahrhunderte darüber nachgesonnen, warum es Stätten gibt, an denen unsere Welten einander widerspiegeln. Das Anwesen des Ordens zum Beispiel  ist über Jahrhunderte hinweg ein Zwilling gewesen, deshalb bauten wir auch die Burg auf beiden Seiten. Die Magie hier ist stark und sie wird stärker mit jedem Sandkorn, das am selben Platze liegt.
     Auf der anderen Seite gibt es Orte, die dem Auge sehr unähnlich scheinen, wie die Lagerhalle, in der Du angegriffen wurdest. Viel wichtiger als das Äußere sind die Wurzeln der Welt. Der Grund, auf dem alles steht ist es, worauf es ankommt. An jenen Stellen ist ein Übergang möglich, wenn auch schwieriger.
     Doch woher kommt diese Gleichheit? Es gibt Mystiker, die sagen, dass es dünne Stellen im Schleier gäbe an denen die eine Welt auf die andere ‚abfärbe’. Doch es gibt auch Stimmen, welche immer lauter werden, die behaupten, Landor und Terra wären einst Zwillinge gewesen, die sich im Alter immer mehr entfremdeten. Und so scheint es zu sein, denn es vergeht kaum ein Jahr, in dem nicht ein Ort des Überganges verloren geht. Sei es durch die Sprengung eines Berges, eine Naturkatastrophe auf Terra oder eine magische Verformung auf Landor.“
     „Zwillingswelten...“, sinnierte Diane und spielte gedankenverloren mit einem Ohrläppchen. „Das klingt mehr nach etwas, womit sich unsere Wissenschaftler anfreunden könnten. Wenn es stimmt, was Du sagst und unsere Welten im Gleichgewicht sind, dann muss doch die Erklärung dieses Rätsels in beiden Welten Geltung haben können...“
     Shejrriim hob fragend die Hände und sagte: „Ich bin weder Mystiker noch Wissenschaftler, ebenso wenig wie Du. Zerbrechen wir uns nicht den Kopf darüber.“ In Wirklichkeit behagte es ihm nicht, wie spielerisch leicht sie auf die richtige Fährte gekommen war. Vielleicht hat das mit ihrem seltsamen Gespür zu tun, dass sie durch den Schleier blicken lässt?
     Zu seiner Erleichterung gab sie es tatsächlich schulterzuckend auf und sprach dafür andere Gedanken aus: „So richtig verstehe ich das mit der mächtigen Magie noch nicht. Dies Wolfsbestien töten immer von Landor kommend und verschwinden danach wieder, doch der Werwolf, der mich angriff, brauchte nur sein Amulett berühren und schwand dann vor meinen Augen.“
     „Das Amulett...“ Shejrriim seufzte schweren Herzens. Diane sprach gerade die größte Sorge des Ordens aus. „Der Orden weiß nicht, woher diese Stücke stammen. Sie sind weitaus mächtiger, als es die größten Mystiker aller Völker fertigen könnten. Und keiner dieser Mystiker würde es wollen, sie wissen um die Gefahr. Der Orden auf Landor sucht ebenso fieberhaft wie erfolglos nach der Quelle dieser Amulette.“
     Diane saß jetzt kerzengrade da und ein waches Leuchten erfüllte ihre Augen. Sie ist auf ihrer Art der Jagd., erkannte Shejrriim. „Warum spürt der Orden die Wolfsmenschen...“
     „Die Yradin.“
     „...diese Yradin nicht auf Landor auf?“
     Jetzt kam seine größte Sorge zur Sprache. „Sie greifen von Landor her an, doch sie sind dort wie vom Erdboden verschluckt. Der Orden vermutet... Nein, ich fürchte, dass sie ihr Versteck auf der Erde haben.“
     „Und wo verstecken sie sich? Es dürfte nicht leicht sein, selbst in den Kanälen auf Dauer einen Unterschlupf zu finden. Wie viele sind es überhaupt und warum morden sie?“
     Shejrriim hob besänftigend die Hände. „Nicht so eilig, Diane. Sie sind Yradin, die Jagd ist ihr Wesen. Doch die Yradin haben sich schon vor vielen Jahrhunderten von ihrem wilden Erbe losgesagt und gaben die Jagd auf intelligente Wesen auf. Aber es gab schon immer seltsame Kulte, die sich dem nicht beugen wollten. Die Yradin verfolgten sie gnadenlos und bestraften sie hart. Seit fünfhundert Jahren galten die Jägerkulte als ausgestorben, doch nun schlagen sie wieder zu – auf der Erde.
     Wie groß die Zahl ihrer Anhänger ist, wissen wir nicht, doch wir fürchten dass sie wachsen wird, beim Ausbleiben der Strafe. Wir töteten drei, die vom Mord zurückkehrten und fanden jenen, den Du erschossen hast. Jedoch wird das kaum reichen, um die Blutgier der Yradin-Barbaren zu dämpfen. Es gibt eine Macht, die ihnen auf Landor hilft, die Schöpfer der Amulette. Indessen scheint es auch auf Terra Freunde des Kultes zu geben, die ihnen Unterschlupf gewähren. Der Orden begreift nur nicht, warum.“
     „Auftragsmorde.“, kam Dianes Antwort schnell wie ein Blitz. „Garmont, Dwenmoore und Spencer müssen eine schlechte Beute abgegeben haben. Ihr Tod fällt aus der Reihe.“
     Ein zorniges Knurren drang aus seiner Kehle und Diane schreckte verstört zurück. „Assassinen!“, grollte Shejrriim. Dieser ehrlose, verfluchte Abschaum! Es reicht nicht, dass sie dem Großen Feind in die Hände spielen, sie müssen sich sogar für derart abscheuliches hergeben!
     „Jetzt ergibt einiges einen Sinn.“, stellte Diane fest, die sich langsam wieder entspannte. Offenbar hatte sie verstanden, dass er sie nicht aus Zorn beißen würde. „Sie können in New York ihre Jagd ausleben und erhalten Unterschlupf bei einem Menschen in Gegenzug für ein, zwei perfekte Morde, welche die Polizei niemals aufklären wird.“ Sie musterte Shejrriim nachdenklich. „Nun verstehe ich langsam, warum allerlei seltsame Figuren ihren Auftritt hatten. Dieser Linus hat mich bestimmt nur auf eure Fährte gelockt, damit ihr mich aus dem Weg räumt.“
     Shejrriims Krallen bohrten sich in das Holz des Tisches. „Linus?!“ Er knurrte erneut und hielt seinen Zorn mühsam zurück.
     „Du kennst ihn?“, fragte Diane vollkommen überrascht. „So ein schlanker, blasser Typ mit teuren Sachen am Leib?“
      Wenn ich ihn das nächste mal sehe, bekommt er Shargul zu kosten! „Ein seltsamer Kauz. Er ist älter, als er den Anschein gibt – seine Augen verraten ihn. Und er weiß viel über vergangene Zeiten, ich habe mich viel mit ihm unterhalten, im Antiquariat des Lords. Es kam mir immer so vor, als würde er mich aushorchen – nun verstehe ich auch, warum.“
     „Er hat das Buch gelesen.“
     „Das Wesen der Bestie?“, fragte Shejrriim entsetzt und wusste die Antwort bereits.
     „Ganz genau. Wo ist das Buch eigentlich?“
     Shejriim ignorierte ihre Frage und dachte vielmehr darüber nach, wie Linus in das Gesamtbild passte. Es bestand zumindest kein Zweifel daran, dass er ein gefährlicher Gegenspieler war. Sein Instinkt hatte ihn stets vor Linus gewarnt.
     „Etwas passt nicht.“, warf Diane nachdenklich ein. „Wenn er der Patron der Renegaten ist, warum setzt er mich erst auf Eure Fährte und versucht dann mich töten zu lassen?“
     „Vielleicht hatte er es eilig. Hier zu sterben setzte voraus, dass Du die Initiative ergreifst.“, schob der Kri ihren Einwand beiseite. Dieser Linus war eine Gefahr für den Orden. Und vielleicht der Schlüssel zu einigen Rätseln. Endlich, seit dem Beginn der Morde, gab es eine Spur.
     „Ich muss Dich jetzt allein lassen.“, sagte Shejrriim, nachdem er aus einer langen Starre des Nachdenkens erwacht war. „Ich muss mich darum kümmern, dass wir Linus ausfindig machen.“ Mit diesen Worten stand er auf und ging.
     Als sie ihm hinterher sah, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, wie abgefahren all das hier war. Sie hatte eben eine lange Zeit einem Pumamenschen zugehört, gesehen, wie Worte aus seiner Schnauze kamen und seine rubinroten Augen sie intelligent musterten. Und dieser... Kri... erzählte ihr von einer anderen Welt, offenbarte ihr Dinge, die sie sonst nur in ihren Träumen sah...
     Meine Träume!, schoss es ihr durch den Kopf. Der Satz aus der Gasse! „Eines muss ich Dich noch fragen!“, sagte sie aufgeregt und Shejrriim blieb im Türbogen der Bibliothek stehen.
     „Was ist das Erwachen der Götter?“
     Erschrocken fuhr der Kri herum und sah sie scharf an. Eine Veränderung war über ihn gekommen. Shejrriim sah auf einmal schrecklich alt aus, obwohl sein Äußeres gleich geblieben war. Wie nach meiner Gefangennahme, nur deutlicher. Eine seltsame, bedrohliche Macht sprach durch seine Augen. „Wo hast Du das her?“, fragte er und seine Stimme klang dabei wie kaltes Eis, durch das ein leichtes Vibrieren der Angst lief.
     „Ein Yradin hat nach einem Mord einen Satz an die Wand geschrieben: ‚Fürchtet, Sterbliche und Unsterbliche zugleich, fürchtet das Erwachen der Götter, denn es wird die Welten erschüttern.“
     In raschen Schritten war er bei ihr und ergriff ihre Schultern. Sie spürte ein unterdrücktes Zittern in seinem festen Griff und es schien ihr, als würde sich etwas gewaltig Großes über sie beugen. Angst vertrieb in diesem Moment jegliches Vertrauen, das sie zu Shejrriim gefasst hatte.
     „Du sprichst nicht die ganze Wahrheit.“, stellte er fest. Dann erkannte er den Schrecken in ihren Augen und er fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Das Gefühl der Macht und der Größe verflog und zurück blieb der Shejrriim, den sie kannte. „Es tut mir Leid.“, murmelte er schwach und ließ sich erschöpft auf einen Hocker fallen. „Ich war in jener Gasse, in der Nacht darauf und habe den Satz gelesen. Dort stand nichts von der Erschütterung der Welten. Woher hast Du den letzten Teil?“
     Große Sorge plagte ihn und in diesem Augenblick tat er ihr Leid. „Ich habe es geträumt. Als ich den Satz las, erinnerte ich mich auch an den Rest. Was hat es damit auf sich, dass es Dich in solchen Schrecken versetzt?“, fragte sie behutsam.
     „Dieses Wissen ist seit langem verloren, Diane. Sprich es niemals wieder aus, nicht in meiner Gegenwart und erst recht nicht im Beisein eines Wächters des Gleichgewichts. Es ist verloren und muss für den Orden, den Rat, auch verloren bleiben. Vertrau’ mir in dieser Sache – Du schuldest es mir.“
     Ohne eine Antwort abzuwarten stand er auf und verließ sie.
     Entgeistert sah sie ihn im Gang verschwinden. Was sollte das eben? Er hat nicht einmal so besorgt gewirkt, als unser Leben auf dem Spiel stand! Kopfschüttelnd wandte sie ihren Blick ab und er fiel auf den magisch leuchtenden Kristall.
     Trotz all der unglaublichen Dinge, die sie aus seinem Munde gehört hatte, war ihr etwas aufgefallen: Shejrriim hatte seine Rede verschleiert. Er sprach von dem, was die Mystiker glaubten, der Sorge des Ordens, dem Wissen des Rates. Doch er hatte nur selten das Wort ‚ich’ verwandt, hatte nicht gesagt, was er glaubte, was er wusste. Schon vor ihrer Frage über das Erwachen der Götter war ihr bewusst geworden, dass Shejrriim etwas verbarg. Hier im Orden war mehr als nur ein Spiel am Laufen.
     Aber in einem Punkt hatte Shejrriim vollkommen Recht: Sie schuldete ihm Vertrauen, denn er hatte mit ihrer Rettung sein Leben in ihre Hände gelegt. Das war mehr Vertrauen, als sie verstehen konnte.

Von schweren Sorgen getrieben eilte Shejrriim durch die Gänge. Die Dinge gerieten in Bewegung. Erst war es ihm erschienen, als hätten die barbarischen Yradin nur einzelne Steine losgetreten, doch nun wuchs alles zu einer Lawine aus. Diane war ein Zeichen, auf das er so lange gewartet und das er so lange gefürchtet hatte. Sie war ein Vorbote des Schicksals – oder mehr als das.
     Ein wenig unsanft hämmerte er gegen die Tür der Elfe und machte sich erst danach Gedanken, ob sie schlief. Die Tür öffnete sich jedoch bald und der ärgerliche Blick Thuvindals wurde ein wenig sanfter, als sie ihn erkannte.
     „Wir müssen uns beraten. Es gibt eher Arbeit für Dich zu tun als erwartet.“

Diane saß immer noch in der Bibliothek und blätterte gedankenverloren in einem Buch über die Hexenverfolgung, als Thuvindal hereineilte. Wie schon bei ihren letzten Begegnungen waren ihre Blicke unfreundlich und durchbohrend, als sie auf Diane fielen.
     „Was tust Du hier?“, fragte sie barsch, dann wurde sie sich des Kristalls bewusst. „Gut, Du bist mit Erlaubnis hier.“, war alles, was sie noch sagte, bemühte sich erst gar nicht, selbst einen Kristall zu nehmen und ließ eine schimmernde Lichtsphäre in ihrer linken Hand erscheinen. Dann schritt sie die Rücken der Regale ab, fand, was sie suchte, und verschwand zwischen den Bücherreihen.
     Warum kann ich nicht durch ihre Maske schauen?, fragte sich Diane erneut. Es gab noch so vieles, was sie wissen wollte. In diesen Büchern jedoch würde sie es wohl kaum finden. Ich muss das Buch von Lord Daleington finden., entschloss sie, als Thuvindal mit drei schweren Bänden in den Händen wieder auftauchte, die Lichtsphäre schwebte hinter ihr her.
     Sie eilte an Diane vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.
     „Entschuldigung? Wo finde ich...“, begann Diane, verstummte aber, als sich Thuvindal zu ihr umdrehte.
     „Ich trage Ihnen die Wunde nicht nach, die Sie mir beigefügt haben.“, sagte sie unfreundlich. „Aber ich denke, dass Shejrriim zu mild ist und Sie unterschätzt. Etwas ist seltsam an Ihnen, Miss O’Donnell, unirdisch, und ich werde Sie im Auge behalten. Ich werde Sie nicht unterschätzen.“
     Damit drehte sie sich wieder um und ging mit ihren Büchern davon. Unirdisch?, grübelte Diane, zuckte mit den Schultern und folgte der Frau. Hier in der Bibliothek gab es für sie nichts mehr zu tun.


Die Gefangene

Die folgenden Tage waren eine sehr geschäftige Zeit für Shejrriim und den Orden. Viele Wächter machten sich auf die Suche nach Linus, jeder auf seine Weise. Shejrriim ließ seine Kontakte spielen, doch außer dem Namen wusste man nur wenig von ihm zu sagen. Es gab Gerüchte, die besagten, Linus sei der Kopf einer mächtigen Untergrundorganisation, doch das war es dann auch schon. Tiefe Verschwiegenheit schien sich um seine Person zu ranken.
     Viele Wächter durchstreiften die Stadt, hörten sich in noblen Clubs und Etablissements um, hielten die Augen offen nach Linus, fanden aber nichts. Die unendlich scheinende Größe der Stadt hatte ihn verschluckt.
     Selbst die Gedankensucher des Ordens, telepathisch begabte Magier, welche aus der Ferne die Geister der Menschen befragten, jeden Block, jedes Viertel absuchten, fanden den Namen Linus nur in wenigen Fällen. Und über dem wichtigen Wissen, wo er zu finden sei, breitete sich ein dunkler Schleier, den sie nicht durchdringen konnten. Das beunruhigte Shejrriim. Ein solcher Schleier bedeutete entweder große Selbstkontrolle der Wissenden oder Magie. Und diese zweite Möglichkeit war erschreckend.
     Diane sah sich in der Zeit neugierig in der Ordenshalle um, durchstreifte in langen Spaziergängen den Wald um die Burg herum, stöberte in den wenigen Büchern über Landor, die es gab. Und jeden Tag begegnete sie Shejrriim freundlicher, offener und mit mehr Vertrauen. Je weniger der Orden vor ihr verbarg, umso sicherer war sie offenbar, dass der Orden tatsächlich nicht hinter en Morden steckte und die wilden Yradin verfolgte.
     Doch eine Woche verging und dann noch eine und das Scheitern der Suche nach Linus wurde immer offensichtlicher. Zwei weitere Morde geschahen und die Polizei suchte nach der verschollenen FBI Agentin. Diane wurde verschlossener, gereizter, unzufriedener, bis sie eines Tages in einem Gang mit Shejrriim zusammenstieß und sich wortlos an ihm vorbeischieben wollte.
     Er packte sie am Arm und fing besorgt ihren Blick ein. „Was bedrückt Dein Gemüt, Diane?“
     „Was los ist?“ Ihre Augen schienen Funken zu sprühen. „Ich fühle mich wie ein Tier im Käfig, das ist los. Ich verstehe, dass ihr mich weiterhin gefangen haltet - Du hast mein Leben damit gerettet - aber es macht mich noch verrückt! Ich kann nichts Sinnvolles tun! Ich möchte auf irgendetwas einschlagen, so wie ich mich fühlte!“ Damit riss sie sich los und wollte davon stürmen.
     „Willst Du kämpfen?“, fragte mit einem Ernst in der Stimme, der sie zum stehen bleiben bewegte. „Es würde mich freuen, gegen Dich anzutreten. Du bist gewiss eine würdige Gegnerin.“
     Diane drehte sich langsam zu ihm um und sah ihn zweifelnd an. „Das löst meine Probleme nicht.“
     „Aber Du willst kämpfen. Ich sehe es in Deinen Augen.“
     Sie straffte ihren Rücken. „Vollkontakt?“
     Er lächelte. Ihr Stolz war ungebrochen - sie schleuderte ihn ihm mit festem Blick entgegen „Etwas Anderes kennen wir nicht. Ein Kampf ohne den Wunsch den Gegner zu verletzen ist kein Kampf.“, antwortete er aus fester Überzeugung.
     „Dann kämpfen wir.“, entschloss sie kurz angebunden. „Wo?“
     „Folge mir, Opfer.“, neckte er sie und zu seiner großen Freude entlockte er ihr damit ein Lächeln. Diane war seltsam... sympathisch für einem Menschen und erst Recht für eine Frau, die für die Regierung arbeitete.
     Sie gingen raschen Schrittes in Richtung eines Übungsraums, in dem die Wächter Kampfübungen waffenlos, mit Schwertern oder Magie absolvierten. „Es gibt keinen Grund, Rücksicht zu nehmen.“, erklärte er ihr auf dem Weg. „Unsere Heiler können selbst gebrochene Knochen und den Tod heilen, auch wenn ich das Sterben gerne meide.“
     „Bist Du schon mal gestorben?“, fragte sie ungläubig.
     Er dachte an Shargul und erschauerte. „Nein...“, erwiderte er schwach. „Nein, ich nicht.“
     Zu seiner Erleichterung übersah sie seine Schwäche und fragte stattdessen: „Warum habt ihr meine Wunde von dem Armbrustbolzen nicht magisch geheilt?“
     Shejrriim antwortete nüchtern: „Die Wunde sollte Dich daran erinnern, dass Du Dich mit dem Orden angelegt hast. Es hat den Stolz einiger Ratsmitglieder verletzt, dass Du uns so lange ausgetrickst hast, bevor wir Dich fingen.“
     „Jetzt will ich noch lieber kämpfen als vorher.“, knurrte sie so inbrünstig, dass sie beinahe klang wie eine Kri.
     „Dann lass uns beginnen. Wir sind da.“
    
Diane sah sich in der kleinen Halle um, die sie betreten hatten. Bastmatten lagen auf dem Boden aus, die an einigen Stellen arg versengt aussahen, doch ansonst bestand die Halle nur aus harten Mauern und harten Säulen. Waffen hingen an den Wänden: Schwerter, Speere und Armbrüste. Ein Zentaur verteidigte sich gerade mit Hufen und Speer gegen zwei angreifende Yradin, doch alle sahen überrascht zu Shejrriim und beendeten ihren Kampf wie auf ein Zeichen mit einer Verbeugung voreinander.
     „Meister Shejrriim.“, sagte ein Yradin ehrerbietend.
     Meister? Da hast Du Dich ja auf was eingelassen, Diane. Sie musterte den Kri von oben bis unten und fand, dass die Yradin viel bedrohlicher wirkten. „Sind... Kri bessere Kämpfer als Yradin?“, fragte sie dennoch behutsam.
     Shejrriim schenkte ihr eines seiner freundlichen, warmen Lächeln. „Wenn Du wissen willst, ob Du den barbarischen Yradin gewachsen bist, wenn Du gegen mich bestehst, dann will ich das doch sehr hoffen.“
     Die Erinnerung an den sie anspringenden Wolfsmenschen kam in ihr hoch. Sie hatte sich damals wie ein geblendetes Reh benommen. Das würde nie, nie wieder geschehen. Sie sah den Kri herausfordernd an. „Dann lass uns keine Zeit verschwenden.“
    
Überraschend schnell griff sie an und ihre Faust traf ihn am Kinn, schickte einen weißen Blitz durch seine Sicht und lies ihn einen Schritt zurücktaumeln. Sie hat Dich wie einen Anfänger kalt erwischt!, dachte er, zornig auf sich selbst. Er wich ihrem Tritt aus, blockte eine ihm unbekannte Schlagkombination und trieb sie mit einem Tritt zurück, verschaffte sich Luft und sprang einen Satz nach hinten. Du hast in ihr keine Bedrohung gesehen, Shejrriim. Du wirst alt, wenn Du so leichtfertig Freundschaft schließt.
    
Sie umkreiste Shejrriim und überlegte noch, was sie am besten anstellte, um in Angriffsweite zu kommen, als er sprang. Unglaublich leicht und schnell überwand er drei Meter zwischen ihnen, trat im Sprung mit voller Wucht gegen ihre Brust schleuderte sie zurück. Ehe sie wusste, wie ihr geschah, war er über ihr, ausgefahrene Krallen zum Schlag gegen ihre Kehle erhoben. Verdammter Mist., dachte sie ärgerlich.
     „Sie sind tot, Miss Diane.“, sagte er mit einem freundlichen Lächeln, stieg von ihr hinunter und half ihr auf die Beine. Schmerz brandete durch ihre Lungen. Irgendetwas ist kaputt gegangen.
     Ein angenehmes Kribbeln sickerte durch ihren Körper und wusch den Schmerz fort. Das Leuchen, das um Shejrriim erschienen war, verschwand wieder und er fragte fürsorglich: „Besser?“
     Diane nickte nur, trotzig. Er war nicht unbedingt besser als sie. Sie hatte sich nur überrumpeln lassen.
    
„Wenn Du gegen einen Yradin kämpfst, muss Du auch mit so etwas rechnen. Sie sind nicht weniger gewandt als ich.“ Ohne ein sichtbares Anzeichen sprang Diane ihn an und er wich einen Schritt zurück, doch sie nutze den Schwung des Sprungs für einen geduckten Angriff gegen seine Beine und riss ihn so von den Füßen. Sie wollte zutreten, doch er fing ihren Fuß mit seinem Schwanz ein, setzte mit seinen Beinen zu einer Schere an und warf sie damit ebenfalls zu Boden. Shejrriim sprang zeitgleich mit ihr auf, griff an, wurde geblockt und steckte einen Treffer im Magen ein, wirbelte herum, sah ihre Abwehr kommen und traf gezielt den ungeschützten Knochen ihres Unterarms. Sofort schlug er durch den Nebel ihres Schmerzes zu, traf, vereitelte ihren ersten Konter und wurde dann von einer Reihe schmerzvoller Treffer zurückgetrieben. Er sah ihren Tritt nicht einmal kommen, der ihm zwei Rippen brach und zu Boden schickte. Am Rande bemerkte er das anerkennende Raunen der Wächter.
     „Du bist tot, Miezekatze.“, grinste Diane voller Genugtuung. Dieser Kampf war das Aufregendste, was sie je erlebt hatte. Gegen einen solchen unkalkulierbaren Gegner anzutreten, der sogar einen Schwanz im Kampf einsetzen konnte stellte sie vor neue Herausforderungen.
     Der Kri hüllte sich in das Leuchten der Heilung und knurrte: „Das war gut, Diane.“ Mit schmerzverzogener Grimasse kämpfte er sich auf die Beine. Er will nicht einmal warten, bis seine Knochen geheilt sind! „Aber es gibt einen Fehler, den Du niemals machen solltest.“ Seine Augen waren glühende Kohlen, Zorn stieg von ihm auf wie eine Wolke. „Mach’ Deinen Gegner nicht wütend, wenn er ein Fell hat!“ Ein bedrohliches Knurren drang aus seiner Kehle. „Miezekatze?!“, fragte er gepresst. Das Leuchten verschwand, seine Wut war erschreckend. Sie sah seine entblößten Fangzähne, seine ausgefahrenen, scharfen Krallen an Händen und Füßen, seinen hin und her peitschenden Schwanz und erzitterte.
     Mit einem ohrenbetäubenden Wutbrüllen, das ihr das Blut in den Adern erstarren ließ, rannte er mit federnden Schritten auf sie zu, schlug mit seinen Krallen zu und sie konnte ihn gerade noch abwehren. Er war außer sich, die Furcht lähmte sie und er drängte sie auf sie einstürmend immer mehr zurück, bis ihr Rücken gegen die Wand stieß. Er schlug ein letztes mal zu...
     ...und stoppte seine Krallen eine Haarbreit vor ihrer Kehle. Sie kämpft tapfer!, dachte er anerkennend. Er wich lächelnd einen Schritt zurück und ließ die Maske der Wut fallen. „Angst lähmt Dich. Lass nicht zu, dass sie Dich beherrscht.“ Dann verneigte er sich andeutungsweise vor ihr.
     Diane starrte ihn entgeistert an. Das war nur gespielt? Meine Güte, ich will ihm nie im echten Zorn begegnen! Aber er hatte Recht. Wenn sie den Yradin gegenübertreten wollte, welche die Stadt heimsuchten, musste sie ihre Angst beherrschen. Sie hatte da so ein Gefühl, dass sie dem Rat des Ordens beweisen musste, dass sie ihm von Nutzen bei der Jagd nach den Mördern sein konnte, wenn sie jemals die Freiheit wieder sehen wollte. „Es wird nicht wieder vorkommen.“, erwiderte sie endlich.
     „Ach wirklich?“ Zweifel ohne Spott lagen in der Stimme des Kri, der sie nachdenklich musterte. „Turack, Gwarf, holt sie euch!“
     Die Yradin erwachten aus ihrer Untätigkeit und rannten auf Diane zu. Dass Du auch nie die Klappe halten kannst!, verfluchte sie sich, versuchte ihre aufkeimende Angst beiseite zu schieben und machte sich breit. Jetzt beweise auch, dass Du Recht hast! Kalte Ruhe kam über sie.
     Shejrriim trat einige Schritte zurück und beschränkte sich aufs Zusehen. Einen kurzen Moment schienen die Yradin ihre Sache gut zu machen, doch Diane stellte sich unglaublich schnell auf ihren aggressiven Kampfstil ein, trieb sie zurück, verschaffte sich so genug Luft und brach Gwarf bei seinem nächsten Angriff einen Ellebogen. Turack wurde daraufhin vorsichtiger, rechnete aber nicht mit der Entschlossenheit, mit der sie angriff. Einen kurzen Schlagabtausch später fand sich der Yradin auf dem Boden liegend wieder und gab auf.
     Shejrriim wies den Zentaur Torgal an, die beiden Yradin zu einem geschultem Heiler zu bringen und widmete seine Aufmerksamkeit dann wieder der Kriegerin Diane. „Ich gestehe, ich habe heute wieder etwas über die Menschen gelernt. Wollen wir noch ein wenig kämpfen?“
     Diane nickte und machte sich kampfbereit. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals und sie fühlte sich so lebendig, so gut wie seit einer Ewigkeit nicht mehr. Sie kam sich während des Kampfes mit diesen Tiermenschen in ihre Träume versetzt vor. Auf eine absurde Weise fühlte sie sich dadurch ein wenig heimisch. „Kämpfen und reden.“, antworte sie und griff an.
     Nach einem kurzen Handgemenge und einem Sieg Shejrriims fragte er sie: „Was willst Du wissen?“
     Schwer atmend sagte sie frei heraus, was sie am meisten beschäftigte: „Was macht die Suche nach Linus?“
     „Er bleibt verborgen, wir können ihn nicht finden.“ Damit griff er an, durchschaute eine Finte von ihr nicht und verlor dadurch. „Uns gehen langsam die Ideen aus.“
     „Und die Yradin?“ Sie schlug zu, schnell und hart, doch bevor ihr Schlag das Ziel erreichte, traf sie eine Faust mit voller Wucht im Magen und nahm ihr den Atem.
     „Zwei Morde. Sie entziehen sich nun ganz und gar unserem Einfluss, wie es scheint.“
     „Klingt danach, als könntet ihr Verstärkung gebrauchen.“, warf Diane beiläufig ein, während sie sich von dem Treffer erholte.
     Er musterte sie lange und gründlich. Keine Falschheit lag in ihrer Stimme und eine seltsame Ahnung zusammen mit einem unvernünftigen Gefühl von Zuneigung zu diesem Menschen überzeugten ihn von ihrer Ehrlichkeit. „Wie kannst Du uns helfen?“
     Wie zur Antwort griff sie an, verwickelte ihn in einen harten und langen Kampf, an dessen Ende sie ihn zu Boden schickte. Er versuchte zu lächeln, doch ein stechender Schmerz im Kiefer verhinderte das. „Ich zweifle nicht an Deinen Fähigkeiten als Krieger, Diane.“
     Lächelnd half sie ihm auf. „Über diese Frage habe ich lange nachgedacht.“, sagte sie. „Was die jagenden Yradin angeht, so könnte ich weiterhin versuchen, ihren Patron aufzuspüren. Bei der Polizei gibt es Quellen, die euch verwehrt bleiben. Und was Linus betrifft...“
     Sein Angriff brach über ihr herein und riss sie aus ihrem eifrigen Nachdenken. Sie bezahlte die Unaufmerksamkeit mit einer Niederlage. Es gab noch einiges, was sie von dem Kri lernen konnte. „Einen Menschen, der es sich zu Aufgabe gemacht hat, unauffindbar zu sein, fängt man am besten in einer Falle.“, nahm sie das Thema wieder auf.
     „Darüber haben wir auch schon nachgedacht. Es mangelt uns an einem Köder.“
     Diane setzte ihr gewinnendstes Lächeln auf und deutete mit beiden Händen auf sich selbst.
     Das ergab Sinn, erkannt Shejrriim. Sie war Linus bereits einmal begegnet, und er hatte sie zur Gilde geschickt. Wenn sie nun wieder auftauchte, würde das ohne Zweifel seine Aufmerksamkeit und Neugier wecken. Doch das bedeutete... „Du willst, dass der Orden alles riskiert, selbst die gefürchtete Entdeckung Landors durch die Menschen, indem er Dich freigibt?“
     „Riskiert der Orden nicht viel mehr, wenn er Linus nicht aufzuspüren vermag? Riskiert er nicht, dass eines Tages die Polizei hier nach mir suchen wird? Ist es nicht viel riskanter, noch mehr Morde geschehen zu lassen und niemanden in den Reihen der Polizei zu haben, der für euch arbeiten kann? Wie wollt ihr verhindern, dass durch irgendeinen Zufall doch ein Beweis für die Existenz der Yradin gefunden wird?“
     Gebannt beobachtete sie seinen inneren Kampf. Sie wusste nicht warum, aber der Kri schien sie zu mögen. Seit ihrer Gefangennahme hatte er sich für sie eingesetzt. Jedes einzelne Leben sei wertvoll, hatte er gesagt, und müsse geschützt werden. Doch es steckte noch mehr dahinter.
     „Diese Entscheidung kann ich nicht allein treffen.“, sagte er schließlich bedächtig und sah zu ihr auf. „Ich fürchte, der Rat wird es ablehnen, doch Du musst Dich ihm in dieser Frage verantworten. Ich würde Dich gehen lassen, doch bin ich nur ein Einzelner und kann irren. Welche Sicherheit könntest Du dem Rat geben?“
     „Ich würde ihm schwören, wenn das etwas zählt.“, sagte sie entschlossen.

„Schwören?“, fragte Taresh mehr als skeptisch. „Du hast bereits einem Anderen einen Treueschwur geleistet. Deinem Staat und der NSA.“
     Diane wirkte klein und verloren, und dennoch tapfer, wie sie in dem großen Saal vor dem Rat stand. Sie sah sich unfreundlichen und feindlichen Blicken der Ratsmitglieder ausgesetzt: ein Zentaur, ein ehrwürdig ergrauter Zwerg, Taresh vom Löwenvolk, die Priesterin Rrulisha von den Kri und die Wolfsdruidin Yra’shuck.
     „Ich habe einen Schwur geleistet, das ist wahr!“, sagte sie laut und stolz. „Ich habe geschworen, diesem Staat und seinen Bürgern zu dienen. Doch nun bin ich gefangen in den Grenzen des Ordens und muss untätig mit ansehen, wie dort draußen Menschen sterben! Sie sterben weil ich meinem Job nicht machen kann und Ihr ihn alleine nicht bewältigt!“
     Ein Raunen ging durch den Rat. Solch stolze Worte hatte seit langen niemand mehr an ihn gerichtet. Shejrriim, zum Schweigen verdammt, stand im Schatten und lächelte. Es wurde auch Zeit, dass der Rat anderes zu hören bekam als Ehrfurcht.
     „Das sind kühne Worte für einen jungen Menschen.“, brummte der Zwerg Fingol. „Bist Du auch so unbeherrscht, wenn es darum geht, ein Geheimnis zu wahren?“
     „Manchmal sprechen Menschen im Schlaf.“, warf Yra’shuck verächtlich ein. Sie war ein unverhohlener Feind der Menschen, das wusste Shejrriim. Ihre Stimme würde Diane nie erhalten.
     Diane indessen ließ sich von ihr nicht beeindrucken. Standhaft erwiderte sie: „Ich bin beherrscht, wenn ich muss, aber ich halte nicht die Klappe, wenn es darum geht, die Wahrheit zu sagen.“
     „Und das sagt jemand von der NSA.“, spöttelte Yra’shuck leise.
     „Hier geht es nicht um Stolz oder Kühnheit.“, warf Taresh ein. „Und so Leid es mir tut das sagen zu müssen, es geht auch nicht um ein paar tote Menschen. Das Überleben beider Welten steht auf dem Spiel, wenn das Gleichgewicht kippt.“
     „Doch der Mensch spricht richtig, Ratsfreunde.“, sagte Handor der Zentaur bedächtig. „Wir haben bisher versagt, und die Bedrohung ist größer geworden, wenn man dem jüngsten Bericht unserer Jäger glaubt.“
     Ein neuer Bericht, was ist geschehen? Shejrriim wollte vortreten und fragen, als Handor das Rätsel selber löste. „Ich habe vor diesem Zusammentreffen mit dem Jäger Ramesh gesprochen, der mir Beunruhigendes berichtete. Er entging letzte Nacht nur knapp dem Tode, als er in der Kanalisation nach den Yradin suchte. Ramesh wurde von Menschen angegriffen, die eine seltsame Form der Magie verwandten.“
     „Magie?“, zischte Rrulisha. „Das ist unmöglich!“
     Handor fügte noch etwas mit ernster Stimme hinzu. „Der Name Linus fiel vor diesem Kampf.“
     „Nun?“, fragte Diane mit erhobenem Haupt. „Was haltet ihr nun von meinem Vorschlag? Die Welt der Menschen und erst recht ihre Geheimnisse sind mir vertrauter, als irgendeinem von euch.“
     „Einem Menschen zu vertrauen wird unseren Untergang bedeuten.“, sagte Yra’shuck kühl. „Ich verweigere mich, unserem Verderben zuzustimmen.“
     Der Zwerg Fingol stand in aller Ruhe auf, ging um den Tisch des Rates herum zu Diane, baute sich vor ihr auf, die Fäuste in die Hüften gestemmt, und sah zu ihr empor. Diane musste ihren Blick ein ganzes Stückchen senken, um ihm in die Augen zu schauen und tat es voller Ernst.
     „Hör zu Mensch.“, sagte Fingol in einem griesgrämigen Ton. „Ich habe kein Vertrauen in die Menschheit. Ich sehe, wie unglaublich dumm ihr mit eurer Welt umgeht und weiß daher, was sie euch wert ist. Aber mir und meinem Volk liegt viel an unserer Heimat. Von den Kristallpalästen und Marmorhallen unter den Bergen bis hin zu den einfachsten Stollen. Wenn Du uns verrätst und so das zerstörst, was uns teuer ist, dann werden sehr viele Zwerge sehr zornig werden. Und Zwerge sind nachtragend, verzeihen selten und vergessen nie.“ Er zog seine buschigen weißen Augenbrauen zusammen und funkelte sie herausfordernd mit seinen Augen an. Polternd fragt er: „Ist das klar?“
     Den Mächten sei Dank, sie bleibt ernst., schoss es Shejrriim durch den Kopf. Der Anblick des belehrenden, schimpfenden Zwerges, der Diane gerade einmal bis zur Brust reichte, hatte selbst Shejrriim ein Schmunzeln auf das Gesicht getrieben.
     Diane nickte nur ernst und antwortete: „Ich werde mir eure Worte gut merken, Herr Zwerg.“
     Das genügte dem alten Fingol offenbar. „Meine Stimme hat sie.“, sagte er, während er zu seinem Platz zurückging. Ein Schnaufen Yra’shucks war die Antwort.
     Dann erhob der Zentaur seine Stimme. „Ich habe Diane O’Donnell in den beiden Wochen beobachtet, auch wenn sie sich dessen vielleicht nicht bewusst war. Sie fühlt sich vorrangig der Wahrheit verpflichtet. Und sie weiß nun sehr genau, dass der Orden nicht hinter den Morden steckt. Auch weiß sie, dass sie die Yradin-Barbaren ohne unseren Beistand niemals zur Strecke bringen wird. Sie wird uns helfen, nicht schaden.
     Diane O’Donnell, ich stimme für Deine Freiheit und Deine Pflicht.“
     „Ich werde dies nicht tun.“, sprach daraufhin Rrulisha. „Wir Kri hören auf unseren Instinkt, und meiner sagt mir, dass etwas Seltsames an Dir ist, dass ich nicht durchschauen kann. Daher beruht mein Entschluss auf Vorsicht.“
     Aller Augen richteten sich auf Taresh, auf dessen Stimme es nun ankam. „Diane, Ihr seid dem Tod entronnen, der Euch nach meinem Willen als Strafe für Euer Eindringen ereilt hätte.“
Shejrriims Mut sank. „Ihr habt Euer Leben Shejrriim zu verdanken, der aus einem tieferen Grunde mit seinem Leben für euch bürgt. Diese Bürgschaft endet nicht, wenn ihr die Grenzen unseres Landes überschreitet. Seid Euch Eurer Verantwortung für sein Leben stets bewusst, wenn ihr uns verlassen habt.“
     „Taresh!“, fauchte Yra’shuck aufgebracht. „Warum tut Ihr das?“
     „Ich tue dies, weil ich Shejrriim vertraue.“ Bei den Mächten... „Sein Eifer, ihr Leben und das Gleichgewicht zu schützen, haben mich daran erinnert, dass nicht nur Vernunft das Maß unserer Entscheidungen sein darf. Der Verstand kann irren, das Herz auch. Ich will nicht durch falsches Zögern unseren Untergang herbeiführen.“ Er wandte sich wieder Diane zu und sagte zu ihr: „Doch eine Frage bedrückt mich, die jenseits von Vertrauen steht. Könnt Ihr Euch gegen den Feind behaupten? Unsere Geheimnisse werden nach Eurer Gefangennahme durch den Feind nicht mehr sicher sein. Unter der gekonnten Folter der wilden Yradin würdet Ihr zerbrechen.“
     Shejrriim verneigte sich angemessen und sprach für Diane: „Wenn Ihr an Diane in dieser Frage zweifelt, müsst Ihr auch an mir zweifeln, Hoher Rat Taresh. Ich stellte ihr Geschick im Kampf auf die Probe und sie erwies sich als mir ebenbürtig im Zweikampf.“
     Einige Ratsmitglieder nickten anerkennend, unter ihnen Taresh. “Dann seid Ihr frei, Diane. Doch die Freiheit ist kein Geschenk, wie Handor richtig bemerkte. Sie ist auch eine Pflicht für Euch, der Ihr euch verschreiben müsst. Shejrriim!“
     Er trat aus dem Schatten und brachte Diane einen vielkantigen, mit Runen übersäten, schwarzen Stein. „Lege Deine Hand auf diesen Stein und sprich einen Schwur, der Dir und dem Rat genügen wird. Wisse, dass bei ihm geschworen jeder Eidbruch auf ihm klar zu lesen sein wird.“
     Diane verneigte sich tief vor den Ratsmitgliedern, auch vor jenen, die gegen sie gestimmt hatten, legte ihre Hand auf den Stein und sagte feierlich. „Ich schwöre zum Wohle beider Welten, dass ich die Pflicht auf mich nehme, sie zu schützen und ihnen weder durch Tat noch durch Untätigkeit Schaden zufügen werde. Ich werde Schweigen bewahren über die Geheimnisse des Ordens und Landors. Ich will euch beistehen, so gut ich kann.“ Mit einem frohen Lächeln blickte sie kurz zu Shejrriim. „Auch über das Ende der Morde hinaus.“
     Shejrriim trat zurück, verneigte sich vor ihr und sagte: „So hast Du geschworen und diese Worte sollen Dich binden, bis ans Ende der Zeit.
     Bedeutsames Schweigen erfüllte den Raum, bis der Zwerg den Mund auf machte. „Tz. Wer hätte das gedacht?“, sagte Fingol kopfschüttelnd. „Ein Mensch in unseren Diensten.“
     „Das wird sich erst zeigen müssen.“, knurrte Yra’shuck und verließ den Rat in zorniger Eile ohne Diane noch einmal anzusehen.

Der Himmel war dunkel von schweren Wolken, die von Gewitter kündeten, als sie das Tor in der Hecke erreichten. Die Freiheit lag vor ihr und das war ein unglaublich gutes Gefühl. Sie fragte sich, wie es erst Häftlingen gehen musste, die Jahrzehnte Strafe in Gefangenschaft verbracht hatten.
     Shejrriim, der am Tage wieder die Maske seiner menschlichen Gestalt trug, reichte ihr die Hand und sie ergriff sie. Als sie sich darauf konzentrierte, konnte sie sein weiches Fell spüren und lächelte. Befreundet mit einem Werpuma. Wer kann das schon von sich behaupten?
     „Mach’s gut, Shejrriim. Ich werde mich so bald nicht wieder bei euch blicken lassen können.“
     „Pass auf Dich auf, Diane.“ Unerwartet plötzlich nahm er sie in die Arme, drückte sie kurz und flüsterte ihr dabei ins Ohr: „Du wirst ab jetzt immer einen Schatten haben. Tu’ so, als ob Du ihn nicht bemerkst. Eine kleine Vorsichtsmaßnahme des Rates, fürchte ich.“ Dann löste er sich von ihr.
     „Was ist das mit Dir und dem Rat?“, fragte sie neugierig. „Du scheinst ihn nicht sonderlich zu mögen.“
     Shejrriim lachte kurz auf, bevor er antwortete. „Er weiß, dass ich ihm oft widerspreche und manchmal auch zuwiderhandle. Doch sie verstehen, dass ich nur einem Herren dienen kann, und der ist das Gleichgewicht. Ihm habe ich mich verschrieben, nicht dem Rat.“
     Sie hatte zwar das Gefühl, dass das nicht die ganze Wahrheit war, aber sie beließ es dabei. Vorerst. Eine geistige Notiz später schüttelte sie ihm ein letztes Mal die Hand. „Danke, Shejrriim. Für mein Leben, den Kampf und all Deine Hilfe.“
     Er neigte dankend den Kopf und sie wandte sich zum Gehen.
     „Ach, und Diane?“
     „Ja?“
     „Nenn’ mich nie wieder Miezekatze.“
     Lachend trennten sie sich.


Linus tritt auf

Diane stieg aus dem Taxi, schlug die Tür hinter sich zu und sah dem gelben Auto hinterher, das sich mühsam und unter Flüchen der Fahrerin in den zähen Verkehr der Straße einordnete. Jemand hatte das Auto gestohlen, mit dem sie zu ihrer Aktion gegen den Orden gefahren war, aber es war ihr auch lieber so. Nach den unglaublich friedlichen zwei Wochen auf dem wunderschönen Anwesen und dem vollkommen Fehlen von Technik, kam ihr die Stadt wie ein fiebriges, gewaltiges Monster vor. Überall Hupen, Flüche, klingelnde Handys, Leuchtreklame...
     Sie wandte ihren Blick zum alten Backsteingebäude des Polizeireviers und seufzte. Die Welt kam ihr jetzt irgendwie grauer vor, nüchterner. Vollkommen entzaubert, obwohl unter der Oberfläche magische Wunder und Schrecken lauerten.
     Ihr kamen die Schritte die breite Treppe empor zunächst befremdlich vor, doch mit jeder Stufe fiel ein wenig Unwohlsein von ihr ab. Endlich konnte sie wieder etwas tun. Sie drängte sich mit den hereinströmenden Menschen durch die Tür.
     Im Vorraum entdeckte sie Captain Bofield, der gerade auf einen Zigarettenautomaten einhämmerte. „Verdammtes Mistding!“ Schulterzuckend gab er es dann auf.
     „Vielleicht sollten Sie mit dem Rauchen aufhören, Captain.“, sagte Diane grinsend. „Das würde Ihre Nerven schonen.“
     Bofield drehte sich zu ihr um und riss erstaunt die Augen auf. „Da brat mir einer 'nen Storch!“, sagte er verdutzt, bevor sich ein erfreutes Lächeln auf seinem Gesicht breit machte. „Miss O’Donnell! Wenn ich nicht so unsagbar erleichtert wäre, Sie in einem Stück vor mir zu sehen, würde ich Ihnen jetzt gewaltig den Kopf waschen!“
     Rasch ergriff er ihre Hand und schüttelte sie stürmisch. „Wo zum Teufel sind Sie gewesen?“
     „Undercover Ermittlungen anstellen.“, antwortete sie wahrheitsgemäß und hätte den alten Mann, der sich so unsäglich freute, am liebsten umarmt.
     Bofield ließ ihre Hand nach geraumer Zeit endlich los und geleite sie zu den Büros seiner Abteilung. „Undercover, wie? Sie hätten uns ne Menge Arbeit erspart, hätten wir das vorher gewusst!“
     „Das ging nicht.“, widersprach sie ihm ernst, auch wenn es ihr wirklich Leid tat. „Denken Sie an die Möglichkeit, dass es in ihrer Abteilung ein Leck geben könnte.“
     Bofield schüttelte bei diesem Gedanken verärgert den Kopf. „Das ist sogar wahrscheinlicher, als sie denken. Die Nachricht, die sie in die Falle locken sollte, wurde mit der Schreibmaschine auf Dunbys Schreibtisch geschrieben. Nur er kann es nicht gewesen sein, denn seine Fingerabdrücke sind nicht auf dem Papier und er ist kein Idiot.“
     Diane warf ihm einen zweifelnden Blick zu, worauf Bofield abmildernd die Hände hob. „Zumindest nicht solch ein Idiot. Er weiß, dass Schreibmaschinen eine Art Fingerabdruck hinterlassen, erst recht seine. Sein E wackelt.“
     „Aber jemand muss in aller Ruhe seine Maschine genutzt haben können, um den Brief zu schreiben.“, folgerte Diane.
     Bofield wiegte nachdenklich seinen Kopf und hielt ihr die Tür zum Großraumbüro seiner Abteilung auf. „Nicht unbedingt. Jemand der halbwegs Tippen kann, schafft das in 'ner halben Minute, würde ich sagen. Aber es macht die Sache mit dem Leck zu wahrscheinlich, als dass ich diese Möglichkeit weiterhin ignorieren könnte.“
     Neugierige und überraschte Blicke wurden ihr zugeworfen, als sie mit dem Captain zwischen den Schreibtischen entlang ging, als wäre sie nie weg gewesen. Diane schoss eine Idee durch den Kopf. Mit Speck fängt man Mäuse. „Was halte Sie davon, wenn ich in meinem Büro eine winzige Kamera installiere.“, sagte sie so leise, dass nur Bofield sie verstehen konnte.
     „Für den Fall, dass Sie eine neue Botschaft erhalten?“, grübelte der Captain und ignorierte die Blicke seiner Leute. „Meinetwegen. Ein Versuch soll nicht schaden.“ Er öffnete die Tür zu ihrem Büro. Pappkisten und Koffer standen auf dem Boden, Akten stapelten sich auf dem Tisch. „Ich habe Ihr Büro so gelassen, wie es war, Miss O’Donnell. Ich wusste, dass sie ein großes Mädchen sind und auf sich aufpassen können.“ Sie gingen hinein und schlossen die Tür. „Auch wenn ich seit drei Tagen so langsam meine Zweifel hatte.“
     „Was suchen meine Koffer hier?“, fragte Diane erstaunt, als sie diese wieder erkannte.
     „Das Hotel hat ihr Zimmer geräumt. Tut mir Leid.“, antwortete er entschuldigend, als ob er das Schlamassel zu verantworten hätte. „Sie hatten nur für eine Woche im Voraus bezahlt. Na ja, wenigstens haben sie mich angerufen, damit ich ihre Sachen abholen konnte.“
     „Danke Captain.“ Mit einem kritischen Blick auf die Menge Papierkram setze sie sich auf ihren Stuhl und ließ die Hände über die Kante ihres Tisches gleiten. „Was ist das alles?“, fragte sie mit einem Nicken in Richtung der Aktenstapel.
     „Die Berichte von meinen Leuten.“, erwiderte Bofield. „Alles Originalpapiere, entwickelte Fotos und Auswertungen wegen dem, was Robert Spencer angeht.“
     Der tote Journalist! Den hab’ ich ganz vergessen. „Und?“
     Bofield brummte verärgert. „Es sieht ganz so aus, als ob an dem was dran wäre, was seine Mutter gesagt hat. JSC Micro Biotics ist 'ne zwielichtige Angelegenheit, auch wenn aus den Unterlagen von Mr. Spencer nicht genug rauszulesen ist, was genau da vor sich geht.“
     „Genug, um jemandem Angst zu machen?“, fragte Diane und rieb sich nachdenklich das Ohrläppchen.
     „Wer weiß?“ Bofield klopfte auf einen Stapel. „Machen Sie sich selbst ein Bild. Aber wenn wirklich mehr dahinter steckt, dann hatten Mister Saphrosis und seine Angestellten einen guten Grund, den Journalisten umzubringen. Es geht hier um verbotene Genforschung. Klonversuche an Menschen oder etwas in der Richtung, wenn Spencer Recht hatte.“
     Dann hat Linus damit vielleicht gar nichts zu tun?, dachte sie. Natürlich war Linus der Hauptverdächtige, daran bestand kein Zweifel. Aber sie vergaß über den Ereignissen der letzten beiden Wochen nicht, dass auch Jonathan Saphrosis ihr eine Lüge aufgetischt hatte, um sie zum Orden zu locken. Der Orden des Gleichgewichts würde niemals wegen Umweltanliegen einen Geschäftsmann bedrohen.
     „Ich werde es mir ansehen.“, seufzte sie in Hinblick auf die Berge leicht entmutigt. „Wenn ich dann in ein, zwei Wochen durch bin, kann ich Ihnen ja meine dazu Meinung sagen.“ Dann bemerkte sie den durchdringenden Blick Bofields. „Sie wollen wissen, wo ich gesteckt habe, oder?“
     Der Captain nickte kurz.
     „Ich habe mich bei dieser Sekte umgesehen. Ein wenig verkleidet den Ökospinner gespielt, rumgeschnüffelt, die Wolfsbändigerin ausgefragt und solche Dinge. Eins steht fest: Sie sind es nicht, die hinter den Morden stecken. Die wenigsten von ihnen können Auto fahren und ohne ist es unmöglich, die Mordschauplätze von ihrem Anwesen aus ungesehen zu erreichen. Die mit Führerschein haben alle ein Alibi zu beiden Tatzeiten, da es wirklich selten ist, dass einer von ihnen ihren Hain verlässt.
     Bei beiden Morden, die geschahen, herrschte große Aufregung in der Sekte. Sie verurteilen die Morde als Perversion der Natur.“ Diane überlegte, ob das nicht alles wie absoluter Unsinn klang und fügte sicherheitshalber noch hinzu: „Wenn sie wirklich hinter den Morden stecken würden, dann wäre mir das nicht entgangen. Da bin ich hundertprozentig sicher.“
     Ungehalten brummte Bofield etwas Unverständliches und dann etwas lauter: „Eine schöne Bescherung. Dann war also alles umsonst?“
     „Nein, Captain. Der Name Linus steht jetzt ganz oben auf meiner Liste der Verdächtigen. Informanten von mir sind wiederholt auf ihn aufmerksam geworden und einmal in der Kanalisation von seinen Männern angegriffen worden.“
     „Dieser Kerl, der sie auf der Straße angesprochen hat?“ Captain Bofield zog eine Akte aus einem Stapel, blätterte darin herum und hielt ihr eine Passage eines Auswertungsberichts unter die Nase, auf die er seinen Finger legte.
     Im Zusammenhang mit der Observation Mr. Saphrosis wird in drei verschiedenen Zusammenhängen der Name Linus erwähnt. Es scheint, dass Mr. Saphrosis über diesen Mann Kontakte zur Unterwelt unterhält, denn der Name Linus ist laut Mr. Spencer „das bestgehütetste Geheimnis der Stadt“. Es wurden bei Nachfragen bezüglich des Namens mehrfach Drohungen gegen Mr. Spencer ausgesprochen, wie sie in Unterweltkreisen üblich sind.
     Sie machte eine geistige Notiz, dass Linus mit Saphrosis irgendwie in Verbindung stand. Doch allein diese wenigen Zeilen machten ihr Linus noch verdächtiger. Es waren Morddrohungen gegen den Journalisten ausgesprochen worden. Vielleicht war er Linus zu nahe gekommen...
     „Haben Sie inzwischen etwas über Linus herausgefunden?“, fragte sie den Captain. „Wenigstens einen Nachnamen oder so was?“
     „Nicht das Geringste. Wir vermuten, dass der Mann den Namen Linus nur als Alias benutzt, eine Art Markenzeichen unter Kriminellen. Dieser griechische Name bedeutet soviel wie ‚der Klagende’, klingt nach zu viel Dramatik, wenn Sie mich fragen.“
      „Das habe ich befürchtet...“, sagte sie und dacht bereits über eine Lösung ihres Problems nach. Wer heutzutage erfolgreich Geschäfte machte, kam um Computer nicht herum, und die konnte man hacken. „Ich werde zusehen, was ich tun kann. Der Mann, der sich auf Dauer vor mir verstecken kann, muss noch geboren werden.“
     „Na dann werde ich Sie mal wieder Ihrer Arbeit überlassen.“, sagte Bofield und wandte sich zum gehen. An der Tür blieb er noch einmal stehen. „Gut sie wieder an Bord zu haben, Miss O’Donnell“
     Sie schenkte ihm ein ehrliches Lächeln. „Gut, wieder hier zu sein.“
     Kaum schloss sich die Tür hinter ihm, holte sie ihr abhörsicheres Handy heraus. Es galt einige Hackerprofis aufzutreiben und ein wenig technisches Spielzeug zu besorgen. Die Jagd auf Linus konnte beginnen.

Diane war gerade einmal zwei Tage fort, als des Nachts die magische Schriftrolle, welche er stets bei sich trug, warm zu werden begann. Shejrriim zog sie aus der Innentasche seiner Kutte und rollte sie auf dem Tisch seines Gemaches auf. Klar und deutlich stand dort in Dianes präziser, enger Handschrift geschrieben:
     Erhielt eben Anruf über neues Opfer.
Paperstreet Ecke Hudsonroad. Verlassenes Industriegebiet nahe dem Hudson River. Werde es erst in einer halben Stunde dem Captain melden, damit Du Dir die Leiche mal ansehen kannst.
     Shejrriim ergriff einen ebenfalls verzauberten Federkiel und schrieb auf die Rolle: Danke, das wird reichen.
     Dann sprang er auf, streifte die Kutte ab und gürtete sich mit Sharguls Gehänge. Endlich! Die Gilde hatte so lange Zeit auf diese Gelegenheit gewartet. Die Polizei mochte Spuren übersehen, die für Wesen Landors deutlich zu erkennen waren.
     Sich einen langen Mantel überstreifend verließ er sein Quartier und hielt auf das von Thuvindal zu. Das war vielleicht eine gute Gelegenheit, ihr die Welt dort draußen vorzustellen. Und es war immer gut, bei solchen Vorhaben Rückendeckung zu haben.
     An ihrer Tür wollte er gerade anklopfen, als seine empfindlichen Ohren Thuvindals Stimme durch das dicke Holz hindurch vernahmen. „Nein, ich habe noch keine Fortschritte bei meiner Suche gemacht. Auf dem Boden des Ordens ist es nicht zu finden, soweit ich das zu sagen vermag und man lässt mich das Anwesen noch nicht verlassen.“
     Shejrriim senkte seine Hand und lauschte angespannt. Ganz leise konnte er eine andere Stimme reden hören, doch sie klang seltsam fern und gedämpft, als würde sie über Meilen hinweg durch dichten Nebel kommen. Sie spricht durch eine Sphäre., erkannte er.
     „Ich glaube nicht, dass ich so lange warten muss.“, antwortete die Elfe auf eine Frage hin. „Dieser Kri Shejrriim ist erstaunlich verständnisvoll für einen Sterblichen und wird mir helfen, schneller nach Außen zu gelangen.“ Danke der Ehre. „Aber ich traue ihm nicht. Etwas an ihm ist seltsam. Er trägt eine verborgene Macht in sich, führt eine Drachenklinge und verschweigt Geheimnisse vor mir und dem Rat.“ Sei wachsam, Shejrriim! Du hast Dir eine Schlange ins Nest geholt! „Ich weiß nicht, ob ich ihm trauen kann. Er scheint dem Gleichgewicht gegenüber loyal, doch ist sein Handeln seltsam. Ich werde ein Auge auf ihn haben.“
     Was glaubte sie denn, warum er sie in seine Nähe geholt hatte? Sie war ihm auf eine bestimmte Weise zu ähnlich, als dass er sie außer Sicht handeln lassen konnte. Und nun waren sie zwei zweifelnde Narren, die sich gegenseitig überwachten.
     Die Stimme sprach wieder für kurze Zeit.
     „Der Rat kümmert sich nicht um mich. Sie sind zu sehr besorgt über die Morde, als dass sie ihre Aufmerksamkeit auf einen neuen Anhänger des Ordens richten würden. Sie werden meinem Vorhaben nicht im Wege stehen, solange sie glauben, ich würde dem Orden voller Eifer dienen.“
     Die Stimme sprach ein letztes mal, verstummte dann und Thuvindal schwieg auch. Die geheime Unterredung war beendet. So leise es seine Pfoten vermochten, schlich sich Shejrriim davon. Es war nicht von Vorteil, wenn sie von seinem Lauschen erfuhr. Sollte sie sich in Sicherheit wiegen.

Shejrriim schlug die Tür seines Ford hinter sich zu, wobei er tunlichst Acht gab, nicht seinen Schwanz einzuklemmen. Autos – er würde sich nie an diese Dinger gewöhnen. Vorsichtshalber prüfte er noch einmal, ob das magische Medaillon seinen Dienst tat. Er erwartet nicht, dass ihn irgendeine Menschenseele um diese Urzeit sehen würde, aber der Orden hatte nur durch äußerste Vorsicht überlebt.
     Während er mit zügigen Schritten in Richtung der Ecke ging, an der sich der Mord ereignet hatte, behielt er alles um ihn herum im Auge, lauschte angespannt und ließ seinen Instinkt einem Wachhund gleich auf der Lauer liegen. Diese verlassene Ecke New Yorks mochte nicht so verlassen sein, wie es schien.
     Ihm ging dabei aber auch das durch den Kopf, was er belauscht hatte. In seiner ersten Eile hatte er Thuvindal böse Absichten unterstellt, aber ihre Worte mochten bei nochmaligem Nachdenken vielerlei Bedeutung haben. Er konnte ihr wohl kaum übel nehmen, dass sie ihm nicht traute. Er war kein Freund des Rates, er verbarg mehr als nur ein Geheimnis vor ihr, und was die verborgene Macht anging... Es war sinnlos, einer Jahrtausende alten Elfe etwas vorzumachen.
     Doch dass sie eine Sphäre gebrauchte, um einer verborgenen Quelle Bericht zu erstatten... So fern, wie die Stimme geklungen hatte, musste sie auf Landor sein. Durch den Schleier hindurch Magie zu verwenden war gefährlich und verboten. Und einem Außenstehenden Wissen über den Orden zukommen zu lassen, war ein schlimme Übertretung.
     Seine scharfen Raubkatzenaugen machten am Ende der Paperstreet, wo sie auf die Hudsonroad traf, zwei dunkel gekleidete Gestalten aus, die sich über einen am Boden liegenden Körper kauerten. Das war gar nicht gut. Waren es Polizisten in Zivil? Wenn dem so war, hatte er keine Gelegenheit mehr, die Leiche zu untersuchen.
     Mit weiten, federnden Schritten rannte er auf die beiden zu, wobei seine pfotenartigen Füße keinerlei Geräusche machten. Er hielt sich vom Schein der Laternen fern und nutzte die Schatten, um unentdeckt zu bleiben.
     Dennoch wurde er bemerkt, als er auf wenige Meter heran war. Der kräftigere der beiden Männer hob auf einmal den Kopf und witterte die Luft. Sein Kopf schnellte herum blickte Shejrriim unverwandt an.
     So beiläufig wie möglich zog er seinen gefälschten Polizeiausweis und trat ins Licht der Laterne. Diese Männer waren für Polizisten viel zu teuer angezogen. Breitkrempige Hüte verbargen ihre Gesichter im Schatten. „Roland Peterson, NYPD. Sie sind beide vorläufig...“
     „Shej Riim!“, unterbrach ihn der Mann erstaunt. „Na das ist aber ein Zufall.“ Ich kenne diese Stimme! Beide Männer hoben sich langsam und wirkten dabei sehr gelassen. Licht fiel auf ihre fahlen Gesichter.
     „Linus!“, knurrte Shejrriim. Diesmal ist er zu weit gegangen.
     „Sagen Sie, Shej Riim. Wieso verkleidet sich ein Diener des Aequilibriumsordens als Polizist und taucht – was für ein Zufall – am Ort des jüngsten Mordes auf?“, fragte der Mann mit einer traurig anmutenden, ruhigen Stimme. „Ich kann Sie nicht gehen lassen, Shej Riim.“ Dann machte er eine seltsame Handbewegung und raunte gebieterisch: „Schlaf!“
     Ein seltsames Gefühl überkam Shejrriim, als der Schlafzauber auf ihn prallte. Das Medaillon um seinen Hals wehrte diese niedrige Magie mühelos ab. Ein Zauber! Das ist unmöglich! Es sei denn... Es sei denn, dies waren zwei Kinder Landors.
     Shejrriim griff an seine Rechte Seite unter den Mantel und zog Shargul. Die eingravierten Drachen auf der Klinge glitzerten bedrohlich im Schein der Straßenlaterne. Beide Männer traten vorsichtig einen Schritt zurück. Ob es an dem Schwert oder an dem Versagen seines Zaubers lag, dass sie unruhig wurden, vermochte Shejrriim nicht zu sagen.
     „Ein verdammter Jäger.“, knurrte der schmächtigere Mann angewidert. „Glaubst Du wirklich, dass Du allein gegen uns bestehen kannst, Sterblicher?“
     Und Linus fügte schwermütig und wieder ruhig hinzu: „Ich will Dein Blut nicht, Mensch. Nur Antworten.“
     Unbeeindruckt von diesen Worten sagte Shejrriim nur: „Ich gebe euch fünf Sekunden, euch zu beugen und freiwillig mit mir nach Landor zurückzukehren. Oder ihr werdet für eure Verbrechen sterben.“
     Irgendetwas stimmte ganz und gar nicht mit diesem Linus. Shargul in seinen Händen gab ein raubvogelartiges Kreischen von sich und seine Gedanken drangen in Shejrriims Verstand. Wappne Dich! Dein Tod naht!
     Der Kri zögerte keinen Augenblick und ließ Shargul gewähren. Die Drachen erwachten zum Leben. Geisterhaft schimmernd lösten sie sich aus dem Stahl, wandten sich Shejrriim zu und stürzten sich gleichzeitig auf ihn. Mit einem nur all zu vertrautem Gefühl von eisigem Schmerz glitten sie in seine Arme.
     Sharguls Seele erfüllte ihn.
     Der Tritt Linus’ traf ihn dennoch mit ungeheurer Wucht und schleuderte ihn gegen einen nahe stehenden Baum. Ohne Sharguls Stärke hätte sich Shejrriim bestimmt etliche Rippen gebrochen. Er stieß ein kämpferisches Brüllen aus und sprang zur Seite, als der andere Mensch unglaublich schnell nachsetzte.
     Shejrriim wandelte seine Bewegung in eine Drehung um und ließ Shargul niedersausen. Es gab ein hässliches Geräusch, als die Klinge durch die ungeschützte Seite des Mannes fetzte. Der Unbekannte riss erstaunt die Augen auf und ging zu Boden.
     Brennender Schmerz brandete über Shejrriim herein, als auf einmal klauenartige Hände wie aus dem Nichts auftauchten und vier blutige Spuren hinterließen. Erneut war es Sharguls Stärke, die ihm das Leben rettete.
     Er wandte sich Linus zu und fletschte die Zähne. Dieser Mann war ein würdiger Gegner. Er war unglaublich schnell und stark.
     Doch sein Feind hielt plötzlich inne und starrte ihn entgeistert an. „Was zum Teufel bist Du?“
     Dann erhob sich der Unbekannte stöhnend vom Boden! Wie kann er noch leben? Ich habe ihm den halben Rumpf durchtrennt! „Du Bastard, das wirst Du...“ Schweigen. Starren. „Verdammt! Sieh Dir seine Zähne an, Linus!“
     Shejrriim sah an sich hinab und entdeckte, dass sein Medaillon fort war. Und mit ihm seine Tarnung, die ihn als Mensch erscheinen ließ.
     Diese Männer waren keine Wesen Landors. Und ganz bestimmt waren sie keine Menschen. Kein Mensch konnte so kämpfen, kein Sterblicher konnte eine derartige Wunde überleben!
     Reifen quietschten in der Ferne und beendeten den Moment der Starre. Lichtkegel und Blaulicht von zwei Wagen nährte sich mit hoher Geschwindigkeit.
     „Jarod, wir gehen.“, sagte Linus. „Sofort.“ Mit einem unmenschlich schnellen Sprung verschwand Jarod über die mannshohe Mauer hinter ihnen. Linus bückte sich flink, hob etwas glitzerndes vom Boden auf... Das Amulett! ...und folgte dem Anderen.
     An eine Verfolgung war jetzt nicht zu denken. Unter großen Schmerzen verbarg er Shargul unter dem Mantel und stolperte so schnell er nur konnte zu Straßenecke und verschwand hinter ihr.

Als Diane am nächsten Morgen ihr Büro betrat, fiel ihr sofort der fremde Gegenstand auf ihrem Schreibtisch auf. Eine burgunderrote Visitenkarte lag fein säuberlich platziert auf einem neuen Stapel Akten.
     Misstrauisch warf sie einen Blick zurück in das Großraumbüro, doch niemand schien ihr Beachtung zu schenken. Nuuun... Dunby wirkt ein wenig zu abwesend., dachte sie, zuckte mit den Schultern und schloss die Tür.
     Die Visitenkarte erweckte einen sehr teuren Eindruck, geschmackvoll gewählte Schrift und feines Papier machten das wahrscheinlich. „Nightfall“ stand darauf und eine Adresse am Südzipfel Manhattans. Wenn sie sich nicht täuschte, hatte man von dort aus einen guten Blick auf den Park. Mit einer exzentrisch geschwungenen Handschrift war unter die Adresse das Wort „Mitternacht“ geschrieben worden. Kein Zweifel. Die ist mit Sicherheit von Linus.
     Sie kramte aus ihrer Tasche das Pergament des Ordens hervor und stellte erschrocken fest, dass es ganz warm war. Sie rollte es auf und las: Sei vorsichtig wegen Linus. Er ist kein Mensch und verfügt über magische Kräfte, obwohl er kein Wesen Landors zu sein scheint. Ich habe den Kampf mit ihm nur knapp überlebt. Achte bitte darauf, dass Dein Verfolger des Ordens nie zu weit weg ist.
     Ein Kampf? Kein Mensch? Diane schüttelte ungläubig den Kopf. Linus hatte auf sie sehr wohl wie ein Mensch gewirkt und sie hatte bei ihm nicht ein einziges Mal einen Fall von „Sehen“ gehabt. Doch wenn Shejrriim gegen ihn gekämpft hatte...
     Sie drückte die Mine ihres präparierten Kugelschreibers heraus und schrieb. Habe heute Mitternacht ein Treffen, vermutlich mit Linus, in einem Nobelrestaurant namens „Nightfall“. Werde vorsichtig sein. Und nach einem kurzen Zögern fügte sie noch hinzu: Ich hoffe, Du kommst wieder auf die Beine.
     In dem Moment, als sie das Pergament wieder wegstecken wollte, erschien wie von Geisterhand geschrieben Shejrriims Antwort. Auch ne Art zu chatten., dachte sie schmunzelnd.
     Sieh Dich vor, er hat mein Amulett und könnte meine menschliche Maske tragen. Linus wird vielleicht Geisteszauber verwenden, um Dich auszuhorchen. Mit dieser Warnung und ausreichend Konzentration kannst Du ihnen widerstehen, das ist die Natur solcher Magie. Ebenfalls ein kurzes Zögern später erschienen noch die Worte: Es geht mir wieder gut, danke Diane. Die Heiler hatten einiges zu tun, um mich wiederherzustellen, aber ihre Magie ist mächtig.
     Sie verstaute das Pergament wieder vorsichtig in ihrer Tasche, zog die Jalousien ihres Büros zu und öffnete einen Wandschrank. Hinter ein paar Büchern war das kleine elektronische Wunderwerk versteckt, das die ins Stromnetz eingespeisten Signale der Kamera aufzeichnete. Die Kamera selbst war ein kleines, unscheinbares Ding in der Steckdose bei der Tür und wirkte wie ein Handynetzteil.
     Na dann wollen wir doch mal sehn. Über die Bluetooth-Schnittstelle überspielte sie die Daten auf ihren Laptop und startete den Player. Es war nicht viel Filmmaterial, da die Kamera erst bei Bewegungen im Raum aufnahm. Beine waren zu sehen, typische Polizeihose. Die Frau, deren Gesicht sie zwar schon öfters gesehen hatte, ihren Namen aber nicht wusste, legte einen Bericht auf Dianes Tisch und ging wieder. Schnitt, dann die nächste Szene. Ein Polizist kam herein, sah sich neugierig aber unverdächtig um und legte drei Mappen auf ihren Tisch. Dann warf er einen Blick über die Schulter und sie erkannte Dunby. Er zog die Visitenkarte aus der Hosentasche und legte sie auf die Akten. Vollkommen unbeteiligt wirkend ging er wieder hinaus. Die letzte Aufnahme war sie selbst.
     Also doch Mister Sheriff., dachte Diane zornig. Dann war der doch so idiotisch mit seiner Schreibmaschine. Na das wird er mir büßen. Aber noch nicht gleich. Erst musste sie wissen, für wen Dunby wirklich arbeitete. Eine falsche Behauptung mochte das ganze Verhör ruinieren.

Das Restaurant war in schummriges, mildes Licht getaucht und die herzenstraurige Musik der klassischen Kapelle dämpfte die Stimmung noch zusätzlich, während draußen der New Yorker Regen seine Tränen weinte. Wenn die ihre Gäste damit in den Selbstmord treiben wollen, geht denen irgendwann die Kundschaft aus. Tatsächlich war „Nightfall“ zu dieser Zeit nicht sehr gut besucht, was auch an den finsteren Bodyguards liegen mochte, die sie von Kopf bis Fuß gemustert und dann ihren Namen nennend hereingebeten hatten. Ein Pärchen, das schüchtern hinter ihr hereinzukommen versuchte, wurde mit den Worten „geschlossene Gesellschaft heute Abend“ rausgeschmissen.
     In einer Nische nahe der Kapelle entdeckte sie Shej Riim, oder zumindest denjenigen, der sich für ihn ausgab. Weitere Leibwächter in dunklen Maßanzügen flankierten die Nische, und saßen auffällig unauffällig an verschiedenen Tischen. So wie es schien, war Diane der einzige Gast heute Nacht.
     Ein vornehmer Kellner eilte herbei, nahm ihr galant den Mantel ab und sagte: „Was wünschen Sie zu trinken, Miss? Auf Kosten des Hauses, versteht sich.“
     Diane hob die Augenbrauen, blickte flüchtig zu dem falschen Shej Riim hinüber und sagte dann lächelnd: „Den besten Scotch Whiskey den Sie zu bieten haben.“ Der Kellner neigte zustimmend den Kopf und verließ sie.
     Sie schlenderte gelassen zum Tisch, an dem Shejrriims Spiegelbild saß, grüßte ihn und setze sich ihm gegenüber. Sie ließ ihrer Gabe freien Lauf und durchdrang die Maske mühelos. Doch der Mann war nicht Linus, auch wenn er eine undefinierbare Ähnlichkeit mit ihm besaß.
     „Sollte ich Sie kennen?“, fragte sie mit geschäftsmäßiger Neugier. „Hatte Linus keine Zeit zu kommen?“
     „Aber, aber Diane.“, ihr Gegenüber lächelte, doch es war gar nichts Freundliches oder Warmes dabei. „Erkennen Sie einen alten Freund nicht wieder?“
     Diane erhob sich. „Der Orden des Gleichgewichts konnte mich mit diesem Zaubertrick nicht täuschen, warum sollten Sie es können?“, sagte sie in einem betont gelangweiltem Ton. “Schicken Sie mir ne neue Karte, wenn Linus persönlich Zeit für mich hat.“
     Ihr Gegenüber neigte anerkennend den Kopf und der Bodyguard zu ihrer Linken sagte mit Linus’ Stimme: „Wie kommt es, dass Sie ihn durchschauen, mich aber nicht?“
     Diane sah ihn an, konzentrierte sich bis das Gesicht des Mannes verschwamm und nach und nach zu dem von Linus wurde. „Nur eine Frage der Konzentration, denke ich.“
     Linus gab dem Mann am Tisch einen Wink aufzustehen und nahm seinen Platz ein. „Setzen Sie sich doch bitte wieder, Miss O’Donnell.“
     „Fein.“ Sie machte es sich so gemütlich, wie es ihre Wachsamkeit zuließ und musterte ihr Gegenüber. Von dem Charme und dem seltsamen sorglosen Gefühl war diesmal nichts zu spüren. Etwas unterschwellig Bedrohliches ging von ihm aus. Ihr gegenüber saß ein kräftig gebauter Mann, vielleicht dreißig Jahre alt mit einem kantigen, fahlen Gesicht, das einen deutlichen Kontrast zu seinen schwarzen, langen Haaren bildete. Traurige, dunkle Augen blickten sie an und einen kurzen Moment musste sie an Shejrriim denken, als er so seltsam alt gewirkte hatte. Bei Linus’ Augen überkam sie ein ähnliches Gefühl von Alter, doch es war irdischer, fassbarer.
     „Es freut mich, dass sie wohlauf sind.“, sagte Linus und schien es sogar so zu meinen.
     „So? Dann nehmen Sie es mir also nicht übel, dass ich den kleinen Vorfall in der Lagerhalle überlebt habe?“
     Seine Augenbrauen zogen sich kurz zusammen. „Ich konnte darüber nur Gerüche in Erfahrung bringen. Es hieß, sie hatten ein Zusammentreffen mit dem Wolfsmörder.“
     Er streitet es ab! Selbstverständlich. „Und es war ja auch sehr reizend von Ihnen, mich dem Orden auf den Hals zu hetzen. Ich nehme an, sie hatten nicht damit gerechnet, dass ich das auch noch überlebe.“
     Der Kellner brachte den Whiskey, doch weder Linus noch Diane bemerkten ihn großartig. Ihre Blicke fochten einen Kampf aus. „Ich habe Sie zum Orden geschickt, weil ich hoffte, Sie würden einige seiner Geheimnisse lüften.“, sagte Linus schließlich schwermütig, als würde ihr Misstrauen eine zu große Last für ihn sein. „Und ich habe mich nicht getäuscht. Sie wissen nun, dass sie keine Menschen sind.“
     Behutsam nippte sie an dem Whiskey. Sie hatte noch nie zuvor einen besseren getrunken. „Oh, der ist gut.“, sagte sie anerkennend, prostete Mister Mafia zu und nahm einen Schluck. „Ich weiß nun auch, dass der Orden nicht hinter den Morden steckt.“
     Linus sah ihr prüfend in die Augen. Zweifel nagten an ihm. „Ich habe diesen Shej Riim bei der letzen Leiche angetroffen. Und ich habe ihm das hier abgenommen.“ Der falsche Shej Riim griff sich an die Brust und legte ein silbernes, fünfeckiges Medaillon auf den Tisch. Die Illusion um ihn verschwand. „Er ist eine Bestie!“
     Diane musterte das Amulett und die Runen darauf. Es bestand kein Zweifel daran, dass es eine Arbeit des Ordens war. Gelassen blickte sie zu Linus auf. „Was soll’s? Sie sind auch kein Mensch.“
     Das brachte ihr Gegenüber kurz aus der Fassung und er sah sie offen feindselig an. Am Rande bemerkte sie, dass die Wächter ihre Hände unter ihre Mäntel schoben und sie versteifte sich. „Was wissen Sie?“, fragte Linus derart forsch, dass er keinen Zweifel an der Unausweichlichkeit einer Antwort ließ.
     „Ich weiß, dass der Orden mächtig sauer auf Sie ist. Er schätz es nicht, wenn Freaks durch die Nacht laufen und mit Magie herumspielen.“
     Sie hörte das nur zu deutlich in ihrer Erinnerung haftende Geräusch eines Schwertes, das ein Stück aus der Scheide gezogen wurde, doch Linus sprang auf und hielt die nervöse Hand des Mannes zurück. „Jarod. Du gehst besser nach Draußen und denkst über das Wort ‚Beherrschtheit’ nach.“
     Der verneigte sich beschämt und ging wütend davon.
     „Entschuldigen Sie diesen kleinen Patzer, Miss O’Donnell. Uns ist sehr daran gelegen, dass Sie am Leben bleiben.“ Er bemerkte ihren skeptischen Blick. „Glauben Sie mir, wenn ich sie tot sehen wollte, läge das in meiner Macht.“
     Mister Mafia lehnte sich zurück und nippte an seinem Rotwein. „Der Orden ist nicht gut auf mich zu sprechen... Warum?“ Seine Augen schienen sich in ihr Gehirn graben zu wollen und eine unnatürliche Müdigkeit kam über sie. Entschlossen schrie sie in ihrem Geiste NEIN! und der Bann brach, Linus zuckte leicht erschrocken zusammen.
     „Der Orden ist genau wie ich hinter den Wolfsmördern her und Sie sind momentan Kandidat Nummer Eins.“
     Traurig schüttelte Linus seinen Kopf. „Ich hatte wirklich Hoffnungen in Sie gesetzt, Miss O’Donnell. Doch der Orden scheint Ihnen den Kopf verdreht zu haben. Ich kann nicht zulassen, dass diese Bestien zu viel Aufmerksamkeit auf Dinge lenken, die seit Jahrtausenden im Verborgenen sind.“
     Das war seltsam. Linus klang nicht wie ein Wesen, das Wissen über Landor besaß und auch nicht wie einer, der hinter den Wolfsmorden steckte. Das kann eine einfache, altmodische Lüge sein, und das weißt Du. Doch ihr Instinkt sagte ihr, dass dem nicht so war. Vielleicht konnte sie ein wenig mehr Offenheit riskieren. „Der Orden denkt das Gleiche über die Wolfsmorde, Linus. Und er hält Sie für denjenigen, der den Yradin Unterschlupf gewährt.“
     Linus lachte kalt. „Ich bin schon zu lange auf dieser Gottverfluchten Erde, als dass ich solche Worte nicht durchschauen würde. Sie wurden getäuscht, Miss O’Donnell und ich verschwende meine Zeit mit Ihnen. Der Orden setzt Sie auf eine falsche Spur und sie führen sich auf, als hätten Sie nie ihre wahren Gesichter gesehen!“
     Kalter Zorn war in seiner Stimme, seiner Haltung. „Gehen Sie, Miss O’Donnell.“
     Diane rieb sich das Ohrläppchen, löste aber in Wirklichkeit ein kleines, schwarzes Plättchen. „Wenn Sie darauf bestehen...“ Sie trank ihr Glas leer und erhob sich. „Sie machen einen Fehler, wenn Sie sich mit dem Orden anlegen, Linus. Er ist nicht der Feind.“
     Sie drehte sich um und stieß beinahe mit einem Bodyguard zusammen, der sich ihr in den Weg stellte. „Lass sie gehen.“, befahl ihm Linus und der Leibwächter trat widerwillig beiseite.
     „Guter Mann.“, spöttelte Diane. Sie klopfte ihm auf die Schulter. „Lächle doch mal, Kleiner!“ Er verzog keine Mine. Schulterzuckend gab sie es auf und ging. Mit ein wenig Glück blieb der Peilsender an seiner Schulter lang genug unbemerkt, damit er ihr ein paar interessante Orte verriet.

Ich glaube nicht, dass Linus hinter den Wolfsmorden steckt. Er scheint die Aufmerksamkeit, die sie erregen genauso wenig wie ihr gebrauchen zu können. Ich fürchte, er glaubt mir nicht und will sich mit dem Orden anlegen., hatte Diane geschrieben.
     Das waren keine guten Nachrichten. Aber zumindest hat sie das Treffen mit ihm überlebt. Was ist Linus überhaupt? Er soll nicht der Schutzherr der wilden Yradin sein? Wer ist es dann? All dies ging ihm durch den Kopf, während er überlegte was zu tun sei. Den Rat warnen, die Wachen verstärken, und endlich herausfinden, wer Linus war.
     Ja, die Dinge waren in Bewegung, und es gefiel ihm gar nicht, in welche Richtung.


Die neue Bedrohung

Am nächsten Abend, als Dunby seine Schicht antrat, bat Diane ihn um ein Gespräch unter vier Augen. Verwundert willigte er ein, folgte ihr noch verwunderter in eines der Verhörzimmer und setzte sich.
     „Sie haben ein Problem, Mr. Dunby.“, sagte Diane nüchtern und setze sich so nah auf den Tisch des Verhörzimmers, dass Mister korrupter-Sheriff weit zu ihr aufblicken musste.
     Entweder dieser Mann war zu dumm oder zu gerissen, um nervös zu sein. „Was soll der Quatsch? Sie überschreiten die Kompetenzen eines FBI Agenten, wenn Sie mich ohne Anwalt verhören.“ Damit stand er auf und wollte gehen, doch Diane schubste ihn zurück auf den Stuhl.
     „Warten Sie nur, bis Captain Bofield davon erfährt!“, drohte ihr Dunby zornig. „Der lässt solch einen Scheiß nicht einfach durchgehen.“ Er stand erneut auf, guckte ein wenig erstaunt, als sie ihn nicht anrührte und ging dann umso ermutigter und zorniger zur Tür.
     Mister Meine-Probleme-sind-größer-als-ich-nur-ahnen-kann legte gerade seine Hand auf den Knauf, als Diane beiläufig ihre Fingernägel betrachtend sagte: „Sie können gehen, Mister Dunby.“ Er drehte den Knauf. „Oder Sie setzen sich wieder und geben dem Captain auf der anderen Seite des Spiegels dort einen guten Grund, nicht sofort an die Dienstaufsicht zu schreiben.“
     Der Knauf schnappte zurück, als die Kraft in Dunbys Hand versagte. Zweifelnd sah er sie an. „Gut, ich hab’ ein paar Packen Kopierpapier mitgehen lassen, aber das ist doch...“
     „Es geht nicht um das Kopierpapier oder darum, dass Sie Kollegen in den Kaffee spucken...“
     „Das habe ich nie...“, hob er zu einem Protest an, doch Diane fuhr gelassen fort.
     „... es geht hier um ihren Arsch. Also setzen Sie ihn, wenn Sie ihn retten wollen.“
     So langsam begriff Mister Clever, dass er wirklich ein Problem hatte. „Was wird mir vorgeworfen?“
     Diane neigte ihren Kopf in Richtung des Stuhls und Dunby kam der Aufforderung nach einer langen Bedenkzeit nach. „Was sagt Ihnen der Name Linus?“
     Schlagartig wurde Mister Sheriff-mit-kalten-Füßen kreidebleich und wurde Linus damit mächtig ähnlich. „Er... ist ein Freund von mir.“, stammelte er dann mühsam.
     Diane brachte ihr Gesicht seinem so nahe, wie sie es nur ertragen konnte. „Das. Glaube. Ich. Kaum.“ Dann ließ sie ihn ein wenig zappeln und lief in aller Ruhe um den Tisch herum und setzte sich auf einen Stuhl gegenüber. „Ich hatte das Vergnügen, ihn gestern Abend zu treffen. Weder scheinen Sie in die Kreise von Linus zu passen, noch erweckt Linus den Eindruck, irgendwelche Freunde zu haben.“
     „Es geht Sie gar nichts an, mit wem ich in meiner Freizeit zu tun habe und warum.“, verteidigte er sich trotzig, verriet aber mit seinen Augen, dass er nicht erwartete, damit durchzukommen.
     „Vollkommen richtig.“, stimmte ihm Diane trocken zu. „Sie können von mir aus mit der Mafia ins Bett gehen, wenn Sie das wollen.“ Sie lehnte sich vor und wurde bitterböse. „Aber es geht mich verdammt noch mal sehr viel an, wenn Sie Dinge auf meinem Tisch hinterlegen, während Sie im Dienst sind!“ Sie hatte bewusst das Wort ‚Visitenkarte’ nicht verwendet. Sie hoffte, das Dunby sich verplapperte.
     „Was für Dinge?“, fragte er unsicher, die Falle witternd.
     Diane griff in ihre Brustasche und schnippte ihm die rote Visitenkarte entgegen. „Fangen wir mit dem jüngsten Fall von Verrat an.“
     „Nightfall? Ich kenne den Schuppen nicht mal.“, erwiderte er ein wenig selbstbewusster. Er war selbst lange genug Polizist, um zu wissen, dass Beweise gerne durch Bluffs und Angelhaken ersetzt wurden, wenn es um Verhöre ging.
     „Das glaube ich Ihnen sogar, Sie kämen nicht an den Türstehern vorbei.“ Sarkasmus troff in ihrer Stimme. „Aber es geht ja auch nicht um das Restaurant, sondern um die Karte. Sie haben sie vorletzte Nacht kurz vor dem Ende ihres Dienstes auf meinen Schreibtisch gelegt.“
     „Habe ich ni...“
     „Haben Sie doch.“ Sie klappte ihr Notebook auf, betrachtete dramatisch lange den Monitor und schüttelte dann den Kopf. „Dunby, Dunby. Sie verschenken gerade wertvolle Kooperationspluspunkte beim Captain.“
     Mister Sheriff war sich nun sicher, dass sie bluffte und lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Was soll das? Halten Sie mich für einen Anfänger?“
     Sie bluffte ja auch, doch nicht so, wie er glaubte. Ihre Falle würde später zuschnappen. „Halten Sie mich denn für einen? Ich bin die große, böse Special Agent, schon vergessen?“, spöttelte sie, drehte ihm den Laptop hin und präsentierte ein gestochen scharfes Standbild von seiner Tat. Mit unglaublicher Befriedigung sah sie seine selbstgefällige Visage zerbröseln.
     „Meine Güte, es ist nur ne Visitenkarte...“, brachte er schwach heraus. „Er hat sie mir in die Hand gedrückt und gemeint, er wolle nur ein Date mit Ihnen...“
     Mit hochgezogenen Augenbrauen drückte sie einige Tasten und fragte übertrieben gelangweilt: „Benehmen Sie sich immer so verdächtig, wenn es um solche Kleinigkeiten geht?“ Die ganze Szene seines Besuchs lief durch. „Es ist doch nur eine Banalität, Mr. Dunby.“
     Daraufhin wusste er nichts mehr zu sagen. Er wusste, dass er mächtig in der Patsche saß.
     Sie drehte den Laptop wieder zu sich hin, drückte ein wenig auf den Tasten rum und erzeugte damit eine blöde Fehlermeldung, doch sie schnalzte mit der Zunge, als ginge es jetzt richtig ans Eingemachte. „Und was haben wir denn hier?“ Sie klickte die Fehlermeldung weg. „Und hier?“ Kopfschüttelnd sah sie Dunby an. „Noch mehr Besuche, wenn ich weiter zurückgehe. Ich würde glatt sagen, Sie haben mir nachspioniert.“ Dann tippte sie sich ans Kinn. „An sich kein Verbrechen, nur dass Sie Ihre Erkenntnisse mit Linus geteilt und von ihm monatlich vierhundert Dollar bekommen haben ist schon eins. Korruption.“ Sie hatte ihre Hackerfreunde von der Agency ein wenig in seinen Konten rumschnüffeln lassen und dieses nützliche Detail monatlicher Beträge ausgegraben.
     Dunby schwitze. Offenbar hatte er nicht damit gerechnet, dass er in diesem Zimmer selbst mal auf dem Verhörstuhl sitzen würde. „Was wollen Sie?“
     „Einen Namen.“
     Wie ein gejagtes Tier sah er zum Spiegel, hinter dem Bofield stand. „Ich...“ Er starrte sie an, dann ein hastiger Blick zu Tür, auf seine Hände, wieder zu ihr. „Ich habe keinen Namen. Jeder nennt ihn nur Linus.“
     „Mister.“ Pause. „Dunby.“ Pause. „Denken Sie noch mal scharf nach. Gibt es da nicht doch etwas, an dass Sie sich erinnern können?“
     Die Konzentration in seinem Gesicht sah schmerzhaft aus. Gehetzt nagte er an seiner Oberlippe, drückte sich die Ballen gegen die Schläfen und spuckte dann schließlich ein Wort heraus: „Devron!“
     „Bitte?“
     „Ich weiß nicht, ob das etwas zu bedeuten hat, aber ich hörte einen seiner Leibwächter einmal sagen, dass dies ein guter Tag für den Devron-Clan sei. Linus hatte wohl gerade einen Konkurrenten aufs Kreuz gelegt und das hat für Gesprächsstoff gesorgt.“, sprudelte es aus ihm heraus.
     Diane neigte dankbar den Kopf. „Na also. Ging doch.“ Sie hackte den Namen in ihr Korrelationsprogramm und erhielt einige Treffer. Es gab da eine kleine Exportfirma, die unter diesem Namen lief. Klein und dennoch hatte sie mit dem Giganten Jonathan Saphrosis Corporation regen Geschäftskontakt. Sieh an. Es geht um Genforschungsmaterial!
     Sie verbarg ihre Freude hinter einem Pokerface. Sie wollte nicht, dass Dunby seine Antwort für zu wichtig hielt. „Das war doch ein guter Anfang. Und jetzt würde ich gerne von Ihnen wissen, nur so aus persönlicher Neugier, ob Ihnen vierhundert Dollar im Monat nicht ein bisschen mager erschienen, um mich ans Messer zu liefern.“
     „Ich verstehe nicht...“
     „Der Brief, Mr. Dunby. Der, der mich beinahe des Leben gekostet hat, weil es eine Falle war.“ Sie warf ihn ihm auf den Tisch. „Der Captain hat ihn analysieren lassen. Er wurde auf Ihrer Schreibmaschine geschrieben, Mr. Dunby.“
     Es kam Farbe in das Gesicht des Mannes. „Das war ich nicht!“, widersprach er zornig. „Ich bin doch kein Idiot, mit einer Maschine, auf der das E wackelt, so was zu schreiben!“
     „Das hat der Captain auch gesagt.“ Sie lächelte falschfreundlich. „Ich hatte da so meine Zweifel...“
     „Ich war das nicht, verdammt! Ich habe keinen Auftrag von Linus, Sie in den Tod zu locken!“
     Jetzt wurde es Diane zu blöd. Sie nahm ihn richtig in die Mangel, quetschte, drohte, lockte, doch es half nichts. Er wurde immer verzweifelter und sagte nichts Neues. Er schien es tatsächlich nicht gewesen zu sein. Sie drehte sich zu dem Spiegel um, zuckte mit den Schultern und sagte: „Ich glaube ihm, Captain. So wie’s aussieht, haben wir noch einen Spitzel in Ihrer Abteilung.“

Mit einem lauten Poltern flog die Tür zu Shejrriims Quartier auf und Torgal der Zentaur, stürmte herein. „Wir haben einen Eindringling aufgegriffen!“
     Shejrriim war sofort auf den Beinen, ergriff im Hinausgehen sein Schwert und folgte Torgal, der weiter berichtete: „Die Wachen waren sofort alarmiert, als die magische Barriere durchdrungen wurde, dennoch hat er es viel zu weit geschafft. Wir haben sechs Wächter, zwei von ihnen Kampfmagier gebraucht, um ihn und seinen Begleiter aufzuhalten.“
     Shejrriim hämmerte im Vorbeigehen an Thuvindals Tür und warf dem Zentauren einen finsteren Blick zu. „Sein Begleiter?“ Sie schritten zügig durch die von Fackeln erhellten Gänge der Burg, in der eine ungewöhnliche Aufruhr herrschte. Der letzte Angriff durch Diane war allen noch zu gut als Warnung im Gedächtnis.
     „Er ist tot. Ein Feuerball hat ihn vollkommen verbrannt. Der, der überlebt hat, stemmt sich mit aller Macht gegen diejenigen, die ihn am Boden festhalten. Wir wagen es nicht, ihn hereinzubringen, aus Angst, er könnte entfliehen.“
     Shejrriim sah sie überrascht an. „Sechs unserer Wachen schaffen es nicht, einen Einzelnen unter Kontrolle zu bringen?“ Er und Torgal passierten gerade die Eingangshalle. „Was ist er, ein Dämon?“
     Daraufhin sagte Torgal erst einmal nichts. Sie traten hinaus ins Freie und eilten nun im Laufschritt über den Platz auf den Wald im Osten zu. Für Torgal bedeutete das natürlich nur lockeres Traben. Nach einer langen Pause antwortete er schließlich doch. „Ein Dämon ist er nicht, aber... einem Dämon so nahe, wie er nur sein kann. Sein Begleiter hat Gwarf mit einer Berührung irgendwie vollkommen ausgedörrt; das ist finstere Magie.“
     Obwohl das Anwesen riesig war, dauerte es nicht sehr lange, bis sie den Gefangenen erreicht hatten. Nie zuvor war ein Eindringling derart weit gekommen. Er hatte wohl gut zwei Drittel des Weges zur Ordenshalle überwunden.
     Die Wächter hatten den Späher bei der Ruine eines alten Stalls gestellt, zu der Torgal und Shejrriim gerade kamen, als eine Kri mit großer Wucht fortgeschleudert wurde. Sie hatte den Arm des am Boden liegenden festgehalten.
     Shejrriim zog Shargul, holte übertrieben weit aus und schlug zu. Die Klinge stoppte keinen Fingerbreit vor der Kehle des Gefangenen, der mit einem Schlag jegliche Gegenwehr aufgab und den Kri mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.
     „Ich habe schon gegen Deinesgleichen gekämpft.“, knurrte Shejrriim herausfordernd. „Egal welche Wunden ihr verkraftet, ohne euren Kopf werdet ihr wohl schwerlich auskommen. Willst Du ihn behalten?“
     Der Gefangene nickte andeutungsweise. Es gab keinen Zweifel. Was dort am Boden lag war von der Art der Wesen, gegen die er vorletzte Nacht gekämpft hatte. Blasse, menschengleiche Kreaturen.
     „Was, im Namen der Mächte, bist Du?“, fragte er schließlich.
     „Das fragst Du Freak mich?!?“, fauchte der Mann und starrte die ihn unringenden Wachen an. In seinen Augen lag so etwas wie kalte Angst. Am längsten blieb sein Blick auf Torgal haften.
     „Erkennst Du die Rassen Deiner Heimat nicht?“, fragt der Zentaur verwundert.
     „Es ist kein Wesen Landors.“, hauchte Thuvindal tonlos. Ohne einen Laut zu verursachen, war sie plötzlich hinter Shejrriim aufgetaucht. Sie gibt einen guten Schatten ab., dachte er zufrieden.
     „Er benutzt Magie und vermag sich gegen unsere Bannzauber zu wehren.“, widersprach ein Yradinmagier, der es nicht wagte, seinen Blick von der Kreatur zu wenden und so seinen Zauber zu brechen.
     „Er ist kein Kind Landors!“, behauptete Thuvindal mit hörbarem Zorn in ihrer Stimme erneut.
     Es brach ein Streit los. Jeder argumentierte gegen die Elfe und sie wehrte sich mit unverhohlener Feindschaft. Shejrriim hielt sich zunächst heraus und versuchte, ein eigenes Bild zu gewinnen. Alles sprach gegen Thuvindals Theorie: Magie, übermenschliche Stärke, unirdische Widerstandsfähigkeit.
     Aber ein Wesen Landors, das weder Kri noch Zentauren kannte? Ein Wesen, das einem Menschen ähnlicher sah, als selbst ein Elf? Sein Instinkt hatte ihn auch schon bei Linus zweifeln lassen, ob er von Landor stammte.
     Als der Disput immer heftiger wurde, beschloss er, dazwischen zu gehen. Er übertrug es einem dazugeeilten Wächter, den Hals des Spähers zu bedrohen und nahm Thuvindal beiseite. „Warum glaubst Du, dass er nicht von Landor stammt?“
     Thuvindal blitze ihn gefährlich an. „Wenn meine Meinung und Erfahrung nichts zählen, dann braucht Ihr es nur zu sagen! Wer hört hier schon auf eine Elfe?!“
     Shejrriim seufzte kopfschüttelnd und entgegnete ruhig: „Ich wollte nicht von Dir hören, dass Du im Unrecht bist, Thuvindal. Ich will wissen, warum Du Dir so sicher bist.“
     Die Elfe stutze, blickte kurz beschämt zu Boden und starrte dann den Gefangenen umso finsterer an. „Er ist kein Dämon, aber ich habe außerhalb der Dämonenbrut niemals zuvor eine solche Finsternis gefunden. Dämonen sind Lebewesen, Geschöpfe unserer Welt, aber das da...“, sie zog eine verächtliche Mine, „Das da lebt nicht einmal richtig.“
     Eingehend musterte er Thuvindal. Irgendetwas hielt sie zurück. „Was noch?“, fragte er sanft.
     Sie sah ihm wachsam in die Augen, suchte nach einem Anzeichen von Hinterlist. Offenbar fand sie es nicht. „Es fühlt sich nicht an wie ein Kind Landors.“
     „Fühlt sich an?“
     „Es... ist wie eine Art Aura, die ich wahrnehme. Jedes Lebewesen hat seine eigene und sie ist...“ Zornig schüttelte sie den Kopf. „Ihr Sterblichen glaubt sowieso nicht daran.“
     Shejrriim bemühte sein gewinnendstes Lächeln. „Versuch’ es.“
     „Die Aura der Erdwesen fühlt sich einfach anders an, als die der Wesen Landors. Das dort ist ein Kind Terras.“
     Bedächtig nickend betrachtete er den Gefangenen. Weder in dieser noch in seiner Heimatwelt kannte man etwas derartiges. Er hatte auch schon unterschwellig das Gefühl gehabt, was Thuvindal benannt hatte. Der Gefangene war irgendwie nicht richtig am Leben. Aber auch nicht tot. Untot.
     Das Gefühl hatte er schon bei Linus im Kampf vorletzte Nacht gehabt. Der Angriff! Er war vermutlich der Grund, warum sich ihre Schergen mit einem Mal auf dem Anwesen des Ordens herumtrieben.
     „Hat Dich Linus gesandt?“, fragte er den Gefangenen. Der kniff die Augen zu engen Schlitzen zusammen und sagte kein Wort.
     Shejrriim kniete neben dem Späher nieder und setzte sein gefährlichstes Raubtierlächeln auf. „Ich weiß, dass Dich Linus geschickt hat. Es hat ihm nicht gefallen, dass ich ihm entkommen bin, nicht wahr? Und jetzt möchte er herausfinden, wer die neue Bedrohung für Deinesgleichen ist.“
     Der am Boden liegende versuchte nun offensichtlich zu erraten, wie viel Shejrriim wusste. Dabei war es ganz einfach. Wenn die nichts vom Orden wussten, musste es umgekehrt genauso sein.
     „Ich sterbe lieber, als dass ich Linus in irgendeiner Weise verrate.“ Und mit einigem Stolz in der Stimme fügte er hinzu: „Ich habe meinem Clan Treue über den Tod hinaus geschworen.“
     „Das kannst Du gerne haben.“, knurrte Shejrriim kehlig. „Doch ich wage zu bezweifeln, dass es soweit kommt.“ Er stand auf und steckte Shargul weg. „Dieser Mann ist wertvoll für uns. Holt noch Verstärkung und dann schaffen wir ihn rein.“
     Wenn er erst einmal in einer magisch versiegelten Zelle untergebracht war, hatten sie alle Zeit der Welt, alles Wissen, das wichtig war, von ihm zu ergattern.

In diesem Punkt sollte Shejrriim sich irren.

Große, schnelle Schritte trugen Shejrriim die Treppe zu den Verliesen der Burg hinunter. Er war in Eile. Unten angekommen brauchte er erst gar nicht zu fragen, wo der Gefangene untergebracht war, er musste nur den wütenden Schreien folgen.
     „Holt mich hier raus!“, war einer davon. „Lasst mich hier raus, ihr Bastarde, ich will nicht sterben! LASST MICH RAUS!“
     Man hatte Shejrriim gerufen, weil der Gefangene mit dem fortschreitenden Morgen immer unruhiger geworden war. Das charakteristische energetische Knistern einer magischen Barriere erfüllte die Luft. Nach der Lautstärke zu urteilen, war der Gefangene mit voller Wucht in sie hineingerannt. So wie es schien, war ‚unruhig geworden’ arg untertrieben.
     „Lasst mich nicht verrecken, ihr Dreckskerle!“ Die Verzweiflung in dieser Stimme jagte Shejrriim einen Schauer über den Rücken. Eine erneute Entladung gefolgt von einem dumpfen Stöhnen war zu hören.
     Shejrriim stürmte durch eine massive, schwer bewachte Eichenholztüre, hinter der sich einer der Zellenbereiche befand und blieb überrascht stehen. Mit diesem Anblick hatte er nicht gerechnet. Der Gefangene drückte sich in panischer Angst mit dem Rücken an eine Wand seiner Zelle und starrte furchtsam auf ein Fleckchen Sonnenlicht, welches in einem schrägen Strahl durch einen Schacht der Außenmauer herein floss. Und der Mann schien zu dampfen.
     Im vollkommenen Kontrast dazu saß Thuvindal mit überkreuzten Beinen auf dem Boden, hatte ein altes Buch aufgeschlagen auf ihren Knien liegen und las in aller Ruhe darin. Ein Yradinmagier und ein Zauberer des Löwenvolks hielten in Konzentration versunken die Barriere aufrecht.
     Der Kopf des Gefangenen schnellte hoch, als er Shejrriim bemerkte. „DU! Du bist wichtig hier, nicht wahr?! Du entscheidest! Lass mich hier raus!“ Der Kri machte sich nicht die Mühe, darauf zu antworten. „Ich will nicht fliehen, ich schwöre es! Ich muss nur aus dieser Zelle raus! Sperrt mich dort drüben ein!“ Mit zitternder Hand deutete er auf einen Teil des Kerkers, der im Dunkeln lag. „Das Licht tötetet mich!“
     „Nein.“, erwiderte Shejrriim hart. „Hältst Du uns für dumm?“
     „Du BASTARD!“, heulte der Gefangene und stürzte sich auf die Gitterstäbe der Zelle. Die magische Versiegelung schleuderte ihn heftig zurück, er krachte gegen die Außenwand und fiel vornüber auf den Boden. Unter Schmerzgeheul riss er seine Hand zurück, die im Sonnenlicht gelandet war. Wimmernd zog er sich in die Ecke zurück, die noch am weitesten vom Licht entfernt war.
     Shejrriim kniete neben Thuvindal nieder und schaute auf die Seiten des Buchs. Zu seiner Überraschung war es ein irdisches Werk, die Sprache schien Latein zu sein. „Was ist das für ein Buch?“, fragte er neugierig.
     Thuvindal löste sich widerwillig von dem Folianten und machte durch einen bösen Blick deutlich, dass sie sich gestört fühlte. Als sie bemerkte, dass es Shejrriim war, wurde ihre Mine ein wenig freundlicher. „Ich habe einen Verdacht, was das dort für ein Wesen sein könnte. Gebt mir mehr Zeit.“ Mit diesen Worten wandte sie sich wieder den Seiten zu.
     „Ich habe wertvolles Wissen!“, sprudelte es plötzlich aus dem Gefangenen heraus. „Wissen, das ihr haben wollt. Ich darf den Clan nicht verraten, aber ich kann euch dennoch helfen. Linus ist ein besonnener Clansfürst, ein Mann, der mit sich reden lässt. Er kann euch weiterhelfen!“
     „Linus?“, fragte Shejrriim nach. „Wieso sollte er uns helfen? Er ist einer von euch.“
     Der Mann stieß einen halb unterdrückten Schmerzensschrei aus. „Wir sind der Clan des Wissens, unser Wort zählt! Linus ist anders als die anderen Fürsten, er sieht das große Ganze! LASST MICH RAUS!“
     Nachdenklich betrachtete Shejrriim den seltsamen Gefangenen. Es schien immer mehr Dampf von ihm aufzusteigen, oder war es Rauch? Das Licht! Die sich draußen über die Baumwipfel erhebende Sonne erfüllte den Raum mehr und mehr mit ihrem wärmenden Schein. Auch wenn der Gefangene nicht im direkten Sonnelicht stand, so war es in der Zelle doch beinahe taghell.
     Entschlossen zog Shejrriim Shargul und befahl den Wachen: „Holt ihn da raus. Sofort.“ Doch gerade, als die Magier die Barriere senkten, stieß der Gefangene einen gellenden Schrei aus und brach in Flammen aus. Viel schneller, als es natürlich sein konnte, war nur noch ein Haufen schwelender Asche übrig.
     Thuvindal betrachtete die Szene interessiert aber emotionslos, nickte, murmelte etwas wie „Ja, das passt.“ und las weiter.

Thuvindal schritt gedankenverloren durch die Gänge der Ordenshalle und hielt dabei doch stetig auf Shejrriims Quartier zu. Viel ging ihr durch den Kopf, seit der Gefangene im Sonnelicht verbrannt war und sie die Studie dieses Buches abgeschlossen hatte.
     Vampire... War ihre Magie die Antwort auf ihre Fragen, das Ziel ihrer Suche? Das Vereinigende Element..., dachte sie und nickte bedächtig. Es konnte nicht anders sein, die Vampire mussten es haben. Wer, wenn nicht sie konnte ein Artefakt besitzen, welches auf der Erde erschaffen und mit magischen Mächten ausgestattet Teile Terras und Landors in sich vereinte? Zumindest vermuteten die Weisen der Elfen, dass es ein Artefakt sein musste. Wenn man die Worte der Prophezeiung genau nahm, konnte es alles Mögliche sein. Etwas, das Teile Landors und Terras in sich trug.
     Diese Narren des Ordens versuchten das Gleichgewicht zu schützen, indem sie die wilden Yradin jagten und Landor vor den Menschen verbargen, doch sie erkannten nicht die unglaubliche Gefahr, die dem Gleichgewicht durch das Vereinigende Element drohte. Es musste gefunden und vernichtet werden. Unter allen Umständen und mit allen Mitteln. Vom Rat und dem ihm hörigen Orden konnte sie keine Hilfe erwarten.
     Shejrriim war anders, auch wenn sie ihn nicht so recht traute. Sie würde nicht den Fehler machen, mangelnden Respekt vor dem Rat mit mangelnder Loyalität gleichzusetzen. Er mochte ihrem Ziel urplötzlich im Wege stehen, wenn er es für falsch hielt, das Vereinigende Element zu zerstören. Sollte er lieber wie der Rat im Unwissen weilen, das würde ihre Aufgabe erheblich erleichtern. Er ließ ihr sowieso viele Freiheiten, weil er selbst verborgene Ziele verfolgte und in ihr so etwas wie einen Verbündeten sah.
     Selbstsicher klopfte sie an die Tür des Kri.
     „Tritt ein.“ Shejrriims Stimme klang dunkel und rau wie immer und brachte ein behagliches Gefühl zum Vorschein. Sieh Dich vor, Thuvindal. Freundschaft mit einem Sterblichen mag Deinen Weg gefährden.
     Sie schob die Tür auf und trat in den Raum. Das erste, was sie wahrnahm war der vertraute Geruch von Thilisar und sie konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. Warum war immer Elfentee bereitet, wenn sie kam? Er konnte nicht wissen, dass sie zu ihm wollte.
     „Oh, Thuvindal. Was führt Dich zu mir?“ Einladend deutete er auf ein Sitzkissen vor dem flachen Tisch, an dem er saß.
     „Ich habe etwas über diesen Gefangenen herausgefunden.“, begann sie, während sie Platz nahm. „Ich fand heraus, dass sich um solche Wesen auf der Erde ein uralter Mythos rankt, auch wenn er mit dem Fortschritt der Wissenschaft zu Ammenmärchen schwand.“ Sie legte das schwere Buch vor ihn auf den Tisch, öffnete es und wies Shejrriim den richtigen Absatz.
     Der Kri las mit zunehmender Beunruhigung. „Es ist, wie Du vermutetet hattest. Wer hätte das gedacht? Ich habe Vampire bisher für eine irdische Gruselgestalt alter Aberglauben gehalten. Wie kann das Gleichgewicht bestehen, wenn sie hier existieren?“
     Überrascht stellte sie fest, dass Shejrriim ihr ungefragt Tee eingoss und dabei gedankenverloren in die sich füllende Schale starrte. „Ich habe einst eine sehr schöne Zeit bei Deinem Volk verbracht, Thuvindal.“, murmelte er verträumt und lächelte auf eine Weise, wie sie es bei diesem raubtierhaften Gesicht nicht für möglich gehalten hätte. „Und ich fürchte, dass ich einiges von eurer Lebensweise nicht mehr loslassen kann. Es ist ziemlich schwer, auf der Erde eine gute Thilisar-Mischung zu bekommen.“
     Zaghaft nippte sie an der Schale und musste sich zwingen, nicht genüsslich zu seufzen. Sie wollte sich nicht eingestehen, wie sehr sie ihre Heimat vermisste. Es gab gute Gründe für sie, hier zu sein, aber die Freuden der Elfenwälder fehlten ihr darum nicht weniger. Und dieser Tee war köstlich zubereitet. „Der Rat...“, sagte sie nachdenklich. „Warum ist er so sehr besorgt wegen der Wolfsmorde? Wie sollen ein paar wilde Yradin das Gleichgewicht gefährden?“
     „Offenbar ist das nicht so, nicht wahr?“ Und rätselhaft fügte er hinzu: „Das hatte er also gemeint...“ Shejrriim Mine verfinsterte sich immer mehr und das Gefühl, er wäre Jahrhunderte alt, bemächtigte sich wieder Thuvindals. Am Rande bemerkte sie, wie seine Fingerspitzen den Griff seines Schwertes berührten. „Es gibt Dinge, von denen selbst der Rat nichts weiß. Sie denken, das Gleichgewicht wahren hieße, die eine Welt vor der anderen verborgen zu halten. Sie denken, die Magie von der Erde und die Wissenschaft von Landor fernzuhalten, würde beide Welten im Gleichgewicht halten.“
     Er klang so alt, als er das sagte! Ein Schauer lief Thuvindal den Rücken hinab. Sie hatte genau das Gleiche gedacht, verbarg sich aber hinter der Maske des Ordenswissens. „Dem ist nicht so?“ Und um ihn ein wenig aus der Deckung zu locken fügte sie überlegend hinzu: „Die Vampire... Sie müssen schon Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende auf der Erde wandeln, ohne das Gleichgewicht zu stören.“
     Zustimmend nickte Shejrriim und nahm seinerseits einen Schluck Thilisar. „Das Gleichgewicht ist weitaus stabiler, als es die Gelehrten glauben mögen. Und dennoch droht ihm jetzt eine Gefahr, die mit den Vorkommnissen um die Wolfsmorde herum irgendwie in Zusammenhang steht.“
     Beinahe schien es ihr, dass er von ihrem Wissen Kenntnis hatte. Seine Gedanken waren ihren viel zu ähnlich. „Woher wisst Ihr das?“, fragte sie grade heraus. „Warum habt Ihr dem Rat nichts davon gesagt?“
     Shejrriims Hand schloss sich fest um sein Schwert und es schien ihn einige Mühe zu kosten, wieder ein wenig locker zu lassen. Thuvindal bemerkte, dass er sie wachen Blickes musterte, einschätze und abwog. „Dem Rat ist nicht unbedingt immer zu trauen. Sie haben solch eine Angst vor dem Kippen des Gleichgewichts, dass sie manchmal blind sind für Neues. Deswegen gibt er nichts auf das Wissen der Drachen.“, sagte er schließlich in einem bedauernden Tonfall.
     Schlagartig erwachte Thuvindals Misstrauen. Versuchte der Kri sie hinter das Licht zu führen? „Drachen.“, erwiderte sie mit distanziert belehrender Stimme. „Sie sprechen seit Urzeiten nicht mehr mit den Sterblichen und selbst mein Volk hat seit langer, langer Zeit keinen Kontakt mehr mit auch nur einem von ihnen. Sie interessieren sich nicht für Kriege, Katastrophen oder das Gleichgewicht.“
     Scheinbar ohne es selbst zu bemerken, zog Shejrriim die Klinge soweit aus der Scheide, dass der eingravierte Drache der Oberseite zu sehen war und berührte seine feinen Linien. „In dem letzten Punkt irrst Du gewaltig, Thuvindal.“, raunte er. Rau wie der Nordwind, uralt wie die Berge und traurig wie der See der Verzweiflung. „Sie kennen keine größere Sorge in diesen Tagen.“
     Thuvindal schluckte. Diese Klinge, die Art wie er von den Drachen sprach, was er über sie wusste... „Hat... hat ein Drache Euch das offenbart?“
     Der Schmerz, der daraufhin durch seine Augen huschte, schnitt ihr kalt ins Mark. „Es gehen schlimme Dinge vor sich, Thuvindal. Die Drachen verlassen ihr selbstauferlegtes Exil und suchen wieder die Nähe ihrer Verbündeten von einst.“
     Plötzlich wurde sein Blick wieder klar und er schien sich jetzt erst bewusst zu werden, was er eben gesagt hatte. Mit Bestimmtheit schob er das Schwert in die Scheide und studierte Thuvindal so eingehend, dass ihr mulmig wurde. Dann ergriff er hastig seine Schale Thilisar und trank sie leer. Selbst nachdem er sie wieder abgesetzt hatte, sah er Thuvindal nicht wieder an.
     „Ich muss schwach werden, wenn ich das einfach so ausplaudere...“ Er schüttelte seinen Kopf um ihn zu klären. Thuvindal musste allem zum Trotz schmunzeln. Er sah auf einmal ziemlich verloren und reumütig aus.
     „Wie Ihr wisst, bin ich kein Freund des Ordens.“, sprach sie ihre Gedanken aus, bevor ihr allgegenwärtiges Misstrauen die Oberhand gewann. „Meine Lippen sind versiegelt.“
     Endlich hob er seinen Blick wieder und lächelte dankbar. „Es tut gut, nach so langer Zeit endlich einen Mitverschworenen gefunden zu haben.“
     Sofort wollte sie ihm widersprechen. „Ich...“
     „...habe meine eigenen Ziele.“, beendete er ihren Satz. „Ich weiß. Aber der Weg, den wir zu gehen haben, dürfte eine Weile lang der gleiche sein.“
     Sie ignorierte ihren Drang zu lächeln – das wäre zuviel des Guten für einen Tag gewesen. Dieser Kri sollte sich nichts einbilden, auch wenn er ihr langsam sympathisch wurde. Und das an sich war schon seltsam genug. „Einverstanden.“
     „Sehr gut... Weiß sonst noch jemand von Deinen Erkenntnissen über den Gefangenen?“, fragte er.
     „Niemand außer Euch. Doch sollten wir den Orden nicht unterrichten?“
     Nachdenklich ließ Shejrriim seine Krallen auf den Tisch pochen. „Wir dürften so ziemlich allein stehen mit unserer Meinung. Der Rat wird nur sehen, dass sie Magie verwenden und somit eine Bedrohung darstellen. Und wenn wir einen Schritt weiter denken, führt das vielleicht sogar zu einem blindwütigen Angriff auf Linus und seinen Clan.“
     Thuvindals Blick huschte zu dem Buch. Das Wissen in ihm war Jahrhunderte alt, verfälscht mit jeder Abschrift, mit jedem dazu gekommenen Aberglauben. Aber wenn auch nur die Hälfte davon wahr war, dann konnte man vielleicht direkt zur Quelle des Wissens gehen...
     Überzeugt von der Richtigkeit ihrer Gedanken hob sie ihren Blick und sagte: „Ich habe eine Idee.“ Und Shejrriim lauschte.