"Aequilibrium - In den Schatten der Stadt - Wolfsmorde" von Jaquimo Talaan
letzte Änderung: 12.02.2005 


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Verwendung, Änderung und Vertrieb nur mit meinem persönlichem Einverständnis. 

Es würde mich freuen, wenn der Eine oder Andere von Euch, der diese Geschichte gelesen hat, mir ein Feedback gibt. Ich freue mich über Lob und konstruktive Kritik gleichermaßen, denn ich bin bestrebt, mich immer weiter zu verbessern. Also: Wenn Euch etwas gefällt, schreibt es mir und am Besten auch, warum es so ist. Wenn Euch etwas nicht gefällt: dito.
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Aequilibrium - In den Schatten der Stadt

 

 

Vorbemerkung:
Das New York, das ich beschreiben werde ist kaum mehr als das Bühnenbild meiner Geschichte. Man möge es mir verzeihen, wenn ich mit der Lage oder gar der Existenz von Schauplätzen ein wenig freizügig umgehe. Es ist halt eine Fantasy-Geschichte.
Und an die Furries unter uns: Es ist eine Furry-Geschichte, glaubt mir.


Prolog


Einst war eine Welt, die noch eine Welt war. Alle Rassen lebten gemeinsam, wenn auch nicht immer friedlich, auf ihr zusammen. Es war eine Welt, in der das Wissen um die Natur der Dinge, das Rationale, genauso viel Gewicht hatte wie das Wissen um die verborgenen Energien die in allem schlummerten, die Magie.
     Diese Welt wurde von den Mächten beherrscht, Wesen den alten Göttern gleich, die gemeinsam mit großer Einigkeit über die Geschicke der Rassen wachten.
     Doch die Mächte verfielen in einen Streit. Warum ist seit Äonen vergessen. Es ging nicht um Gut oder Böse, es ging nicht um die Vorherrschaft oder ähnlich niedere Dinge. Dieser Streit erwuchs zu einem Krieg, der am Ende die Welt entzwei riss. Die Welt, die eine war, gab es nicht mehr und sie zerfiel in zwei Seiten.
     Eine, in der das Rationale die Überhand gewann und das magische Wissen bald zu einem schwachen Schatten schwand. Das gleiche Schicksal ereilte auch die meisten magischen Rassen, auch wenn einer von ihnen das Überleben gelang. Die Menschen erlangten schon bald die Macht.
     Die andere Welt war eine Sphäre der Magie, in der die Gesetze der Natur gerade noch reichten, die Ordnung der Dinge aufrecht zu erhalten. Wahre Macht hatte das Rationale nicht mehr und die magischen Rassen triumphierten ungehemmt. Die Menschen jedoch schwanden schon bald ins Nichts.
     Diejenigen Mächte, die ihren eigenen Krieg überlebt hatten grämten sich ihrer Taten, der Toten und der Spaltung der Welt. Sie zogen sich von den Sterblichen zurück und schworen sich, nie wieder auf ihr Schicksal Einfluss zu nehmen.
     Heute ist all das längst vergessen. Erst schwand das Wissen um den Grund des Krieges, dann das Wissen um die Mächte. Bald geriet auch die jeweils andere Welt in Vergessenheit, denn sie war stets unsichtbar, unberührbar, unerreichbar.
     Bis heute.


Erster Teil - Wolfsmorde

 

Tod in der Shermstreet


Als sie die Augen aufschlug, umfing sie das nur all zu bekannte Gefühl von Orientierungslosigkeit. Sie starrte geduldig die anonyme Decke irgend eines beliebigen Hotelzimmers im Nirgendwo an und wartete darauf, dass die Fetzen eines wirren Traumes der Erinnerung Platz machten.
     Bilder von Drachen und endlosen Sandwüsten zogen noch kurz durch ihren Kopf und verblassten dann. Was würde sie für eine Nacht ohne diesen romantischen Kram geben und für ein Erwachen in ihren eigenen vier Wänden!
     Weder das Eine noch das Andere konnte sie haben. Ihr Job brachte es mit sich, unterwegs zu sein. Unterwegs zu Orten und Menschen, die nicht weniger freakig waren als ihre Träume. Heute war es...
     „New York.“, erzählte sie der Decke. Natürlich. Jene riesige, enge, hektische, hässliche Stadt, die es nur deshalb zu Weltrum gebracht hatte, da sich hier das Geld in stupiden Monumenten aus Stahl und Glas gegen den Himmel türmte.
     Sie schlug die Bettdecke beiseite, schwang die Beine über die Bettkante und schlurfte mit antrainierter Gleichgültigkeit gegenüber der frühen Stunde ins Bad. Die Dusche vertrieb dann die restliche Müdigkeit. Während das kalte Wasser über ihre Haut rann, rief sie sich den Rest ins Gedächtnis. Jeden Tag war es, als würde sie aus einer anderen Welt auftauchen. Hinein in eine absurde Realität.
     Die Wolfsmorde hatte die Presse – diese ewig hungrigen Geier – sie genannt. Das Bissmahl eines Wolfes oder Hundes „zierte“ die Kehle eines jeden Opfers, inzwischen 14 an der Zahl, ganz abzusehen von den anderen wild aussehenden Wunden die beim Kampf entstanden waren.
     Eigentlich eher ein Fall für das FBI oder so was, aber ihr Boss hatte deutlich durchblicken lassen, dass jemand mit Einfluss nervös geworden war. Deswegen war sie hier.
     Sie schlüpfte in ihre Arbeitskluft – schwarze Hose, weiße Bluse unter einem schwarzen Blazer. Fehlt nur noch 'ne coole Sonnenbrille, dachte sie ironisch. Sie struwwelte noch hastig ihr langes, kupferrotes Haar zurecht und betrachtete das Ergebnis im Spiegel. Nicht gerade umwerfend aber okay. Ihre hellgrünen Augen blickten ihr gelassen entgegen. Zusammen mit ihren offenen Gesichtszügen und ihrem Namen hatten sie das äußerst hartnäckige Gerücht entstehen lassen, dass sie eine urstämmige Irin sei. Soweit sie wusste, hatte aber keiner ihrer Vorfahren auch nur irischen Boden betreten.
     Mit äußerst ernster Mine zückte sie ihren Dienstausweis und zeigte ihn ihrem Spiegelbild. „Diane O’Donnell von der Agency ihres Vertrauens. Sind Sie vielleicht der Wolfsmörder? Nein? Schade.“
     Wenn’s doch nur so einfach wäre.
     Diane schnappte sich ihr Notebook und ihr Handy und ließ das anonyme Hotelzimmer hinter sich.

„FBI, wie?“ Der drahtige Polizist hinter dem Schreibtisch wirkte mit seinem kurzgeschorenen Schädel und seinem leicht dümmlichen Gesicht genau wie jene Art von Mensch, die man in einem Polizeirevier erwartete: wichtigtuerisch, ohne Lebensfreude und von Vorschriftentreue zerfressen.
„Special Agent, wie?“ Er musterte sie derart eingehend, als könne er einem Menschen den Special Agent an der Nase ansehen. „Und aus Washington, ja?“ Sein prüfender Blick fiel auf ihren Dienstausweis zurück.
     Diane konnte jetzt schon todsicher sein, dass Mister Ich-bin-der-Sheriff-an-diesem-Schreibtisch niemals merken würde, dass er gefälscht war. „Order von Oben.“, erwiderte sie knapp wahrheitsgemäß.
     „Sie wollen den Wolfsmörder fangen, wie?“ Und nach kurzem Zögern: „Wo haben Sie denn Mulder gelassen, Special Agent? Ha. Ha.“
     Sein abgehacktes Lachen prallte an ihrem sarkastischen Lächeln ab. „Sie sind ja ein zweiter Jim Carrey.“
     Mister Ich-bin-der-Sheriff wurde schlagartig nüchtern und fragte ernst weiter seine stupiden Fragen. „Das ist kein Fall für das FBI aus Washington, was wollen Sie also hier? Der Wolfsmörder tötet nur hier in New York und in New Jersey in den dünnbesiedelten Gebieten. Selbst das hiesige FBI hält sich da raus.“
     „Wie gesagt, Order von Oben.“, blieb sie weiterhin bei der Wahrheit. Vertrauensvoll fügte sie noch hinzu: „Der Boss ist sehr schweigsam. Sie wissen doch, wie das bei wichtigen Fällen ist.“
     Entweder war der Polizist zu dumm oder zu ignorant, ihr Kompliment zu schlucken. „Üblicherweise werden wir vorher informiert, wenn sich das FBI in einen Fall einmischt.“, gab er zu bedenken. „Vielleicht sollte ich das mal überprüfen...“
     Diane neigte sich ein wenig über den Schreibtisch und reichte Mister Sheriff den Hörer seines Telefons. „Eine gute Idee, Lieutenant…“ Ihr Blick huschte zu dem Schild auf seinem Schreibtisch. „…Dunby. Director McKinzey wird sehr erfreut sein, dass die New Yorker Polizei so gewissenhaft neben der Echtheit des Ausweises auch noch die Aussagen seiner Agenten überprüft.“
     Nun sah Sheriff-meine-Stadt-ist-mir-zuviel-geworden endlich ein, dass er den Kürzeren zog. „Ihr Dienstausweis erfüllt alle Sicherheitsmerkmale. Er scheint echt zu sein, das wird dem Captain reichen.“ Mit mürrischer Mine gab er ihren Ausweis zurück und sie ließ ihn mit einer eleganten Bewegung in ihrer Innentasche verschwinden.
     „Da das endlich geklärt ist…“ Diane legte den Hörer zurück auf die Gabel und trat einen Schritt zurück. „… würde ich gerne Captain Bofield sprechen, einen eigenen Schreibtisch bekommen und die Akten der vierzehn Morde darauf wiederfinden.“
     Dunby zuckte mit den Achseln, als ob ihn das alles nichts mehr anging. „Machen Sie fünfzehn draus, Special Agent O’Donnell. Der Captain untersucht gerade die neue Leiche.“
     Diane wurde hellwach. „Wo?“
     „Eine Seitengasse bei Shermstreet 37, Special Agent.“ Dunby genoss es sichtlich, dass er etwas wusste, das sie brauchte. „Die East Side ist eine nicht ganz so feine Ecke, wenn sie wissen...“ Diane war schon zur Tür hinaus, bevor Sheriff-Wichtigtuer seinen Satz beenden konnte.

Captain Stanley Bofield erwies sich als ein angenehmes Gegenstück zu diesem Dunby. Sein von Sorgenfalten zerfurchtes Gesicht und seine grauen, von Intelligenz geschärften Augen hellten sich für einen kurzen Moment auf, als sich Diane vorgestellt hatte. „Wurde ja auch Zeit, dass sich das FBI darum kümmert. Ich hatte schon das Gefühl, es würde sich mit Absicht heraushalten, um eine Blamage zu vermeiden. Willkommen im Team, Miss O’Donnel.“
     Diane ergriff die dargebotene Hand und sah ihm fest in die Augen. Er war ein Polizist der alten Schule. Jemand der den Job machte, weil er an etwas glaubte. „Ich habe nicht vor, mich zu blamieren.“
     „Das ist gut.“ Er nickte mit dem Kopf in Richtung der Leiche, einem heruntergekommen Obdachlosen, wie es schien. „Dieser Fall ist eine verdammte Sauerei, so wie die anderen vierzehn Morde davor auch. Viele Wunden, viel Blut, viele Spuren die keinen Sinn ergeben. Jedes Opfer scheint willkürlich ausgewählt zu werden. Zwar trifft es meist Menschen, die auf der sozialen Leiter weit unten sind, aber es hat auch schon wohlhabende Opfer gegeben. Zwei unter offenem Himmel, eines sogar in seiner videoüberwachten Villa. Jeder trägt diese Bissmale am Hals und viele sind am restlichen Körper schwer verwundet. Wir tappen vollkommen im Dunkeln. Wir können nicht einmal sagen, ob es Hunde- oder Wolfsbisse sind.“
     „Am ehesten Wolfsbisse, Captain.“, mischte sich ein hagerer Mann in das Gespräch ein. „Die Genanalyse des gefundenen Speichels, die ich angefordert habe, zeigt eine hohe Übereinstimmung mit einem Wolf, auch wenn das Muster schon zu zersetzt war, um Genaues zu sagen.“
     „Agent O’Donnel, das ist Jack Miller, Spurensuche. Vermutlich Ihr bester Freund, wenn es um diesen Fall geht. Seine Beweise sind immer noch das Beste, was wir haben, auch wenn sie keinen Sinn ergeben.“
     Abgesehen von einem abwesenden Nicken gab Miller nicht zu verstehen, dass er Diane wirklich zur Kenntnis nam. „Captain, meine Leute sind hier fertig. Wir packen die Sachen.“
     „Bleiben Sie noch einen Moment, Jack. Miss O’Donnell braucht Sie vielleicht noch.“ Und zu Diane gewandt: „Sie wollen sich doch umsehen, oder?“
     „Darum bin ich hier.“ Vom Captain begleitet ging sie zu der Leiche und sah sie sich näher an. Das Opfer war übel zugerichtet. „Wissen Sie, wer er ist?“
     Bofield vermied es, den Toten anzusehen. „Nein. Und wir werden es vielleicht auch nie herausfinden. Kein Ausweis, vermutlich schon eine Weile obdachlos.“
     „Aber noch nicht all zu lange. Er wirkt sehr muskulös und noch nicht sehr abgezehrt.“ Bofield nickte stumm, seine Augen fest auf die Zigarette in seiner Hand fixiert. Diane kniete neben der Leiche nieder und betrachtete die einzelnen Wunden. „Das und das sieht mir nach Kratzspuren aus.“ Sie deutete auf rissförmige Wunden auf Brustkorb und am rechten Oberschenkel. „Das ist verwunderlich, oder? Wölfe verwenden ihre Krallen nicht als Waffe, soweit ich weiß.“
     „Normale Wölfe hinterlassen auch keine solch großen Bissspuren.“, mischte sich Jack ein. „Was auch immer das für ein Vieh war, ein normaler Wolf ist es jedenfalls nicht.“
     „Vielleicht genetisch hochgezüchtet?“, grübelte Diane laut und erntete amüsierte Blicke des Spurensuchers.
     „Und in den Kanälen leben Alligatoren.“, erwiderte spöttelnd. „Sie gucken zuviel Akte X, Special Agent.“
     Diane ignorierte diese Bemerkung und machte sich eine geistige Notiz. Wenn man für die Agency arbeitete, hielt man so schnell nichts für unmöglich und schloss selbst absurde Ideen nicht ohne Überprüfung aus. „Was auch immer ihn angegriffen hat, muss sehr stark gewesen sein, um einen Mann seiner Statur derart zuzurichten.“
     Sie erhob sich und schickte ihr geschultes Auge auf die Jagd nach Hinweisen, nach kleinen Details, die etwas verraten mochten, das anderen entging. Alte Zeitungen lagen überall herum, aber keine frischen Fußabdrücke darauf. Die Mülltonnen wiesen viele Kratzer und Schrammen auf, doch keine der frischen erwies sich als interessant. Die Wände der Gasse waren so zerfressen von Schmutz und bröckelndem Putz, dass ihr der kleine Blutfleck unweit der Leiche beinahe entgangen wäre. „Haben sie eine Probe davon genommen?“, fragte sie abwesend.
     „Haben wir.“ Diane entging der erstaunte Blick nicht, den Miller dem Captain zuwarf, während ihre Augen bereits weitersuchten und an einem der vielen Graffitis hängen blieb. „Fürchtet, Sterbliche und Unsterbliche zugleich, fürchtet das Erwachen der Götter!“ Die Erinnerung an einen ihrer Träume blitze unerwartet heftig auf: Eine in Roben gehüllte Gestalt trieb mit einem Meißel eben jenen Satz in dem Fels einer Höhle. Doch seine Hände hielten nicht inne und fügten hinzu: „... denn es wird die Welten erschüttern.“
     „Was sagten sie, Agent?“
     Diane sah den jungen Mann von der Spurensuche verwundert an, bevor sie begriff, dass sie laut gesprochen hatte. Mit hundertfacher Übung schob sie die Bilder beiseite. „Ich sagte, schießen Sie ein Foto davon. Es sieht frisch aus.“
     Er schnupperte an der Farbe und nickte. „Sehr frisch.“ Mit diesen Worten griff er zu Dianes Erleichterung ohne weitere Fragen zur Kamera.
     „Und lassen Sie die Farbe analysieren. Ich will wissen, was es ist, wo es hergestellt und wie es aufgetragen wurde. Es scheint keine Sprayfarbe zu sein.“
     „Geht klar, Agent O’Donnel.“
     Sie betrachtete die Warnung erneut und schüttelte verwundert den Kopf. Noch nie hatte einer ihrer befremdlichen Träume auch nur ansatzweise etwas mit der Realität zu tun gehabt. Es konnte jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass sie genau jenen Satz in einem ihrer Träume gelesen hatte. Sie machte sich eine weitere geistige Notiz und betrachtete die Angelegenheit vorerst als erledigt.
     „Gibt es noch etwas, das ich wissen sollte?“, fragte sie routinemäßig, während sie den Tatort hinter sich ließ.
     Bofield schien froh, dass er sich nicht mehr in der Nähe der Leiche aufhalten musste. „Nein, Ma’am. Wie immer gab es keine Zeugen. Wie immer hoffen wir auf neue Hinweise durch die Spurensuche und werden vermutlich mit der gewohnten Zuverlässigkeit nichts Neues erfahren.“
     „Dann sehen wir uns auf dem Revier, Captain.“, verabschiedete sich Diane.
     „Es ist gut, Sie im Team zu haben, Miss O’Donnell.“ Er hob mit einer hilflosen Geste die Schultern. „Jetzt fühle ich mich nicht mehr ganz so alleingelassen mit dieser Sauerei.“
     Sie nickte zustimmend und ging zu ihrem Wagen. Sie konnte Bofield gut verstehen. So wie die Leiche aussah, gab es keinen Grund, diesen Fall nicht zu verabscheuen. Der Täter musste eine Bestie sein.
     Ihre Hand legte sich gerade auf den Griff der Autotüre, als das schrille Piepen ihres Handys sie zusammenzucken lies.
     „O’Donnell?“
     „Steigen Sie ein, oder ich werde auflegen.“, raunte eine nervöse Stimme aus dem Handy.
     Ihre Blicke huschten über die Umgebung.
     „Steigen Sie schon ein! Sie erregen sonst zuviel Aufmerksamkeit!“
     Diane tat, wie ihr geheißen und nahm hinter dem Steuer Platz. „Was ist das für ein Spiel?“
     „Sie wollen einen Zeugen? Ich bin ein Zeuge.“
     Diane legte ruhig den Sicherheitsgurt an und ließ sich ihre Aufregung nicht anmerken. „Wo sind Sie?“
     „Shermstreet 36.“ Diane griff nach dem Verschluss des Gurtes. „Nein. Fahren Sie um den Block. Suchen Sie sich den Hintereingang. Und lassen Sie um Gottes Willen ihr Handy im Wagen.“ Dann klickte es und die Verbindung wich dem gewohntem Tuten.
     Diane ließ achselzuckend den Motor anspringen. Ein paranoider Zeuge war immer noch besser als gar kein Zeuge.

Wie paranoid er war, erkannte sie in dem Moment, als sie durch seine Wohnungstür schritt. Sie war stahlverstärkt. Kleine Flachbildschirme neben der Tür zeigten diverse Einstellungen des Treppenhauses. Offenbar versteckte Kameras. Am interessantesten fand sie die Kamera, welche einen Einblick in die Gasse des Mordes bot. Ein weit entfernter, winziger Miller packte gerade seine Sachen und auch der Rest zog sich zurück.
     Sie sah ihren Gastgeber erstaunt an. „Haben Sie etwa eine Aufnahme des Mordes?“
     „Wenn das so einfach wäre, hätte ich der Polizei das Video längst zugespielt, Miss O’Donnell.“ Ihr Gegenüber lächelte schwach so etwas wie entschuldigend, während seine blauen, wachen Augen sie aufmerksam musterten. Er schien in den mittleren Jahren zu sein, wenn er auch älter aussehen mochte, als er war. Er wirkte seltsam... verbraucht, beinahe wie ein entflohener Häftling, der schon zu lange auf der Flucht war. Drahtig aber nicht dürr, Dreitagebart aber nicht ungepflegt, rasch in seinen Bewegungen, doch nicht hektisch sondern wachsam.
     „Woher wissen Sie meinen Namen?“
     Ein berechnendes Lächeln erschien auf seien Lippen. „Sie haben ihn mir gesagt.“
     „Am Handy. Woher haben Sie die Nummer?“
     Sein Lächeln wurde noch breiter. „Sie habe ihre Geheimnisse und ich habe die meinen. Belassen wir es dabei, Miss O’Donnel.“
     Ein wenig kühler als vorher erwiderte sie: „Was für Geheimnisse sollte ich denn ihrer Meinung nach haben?“ Und ersparen sie mir jetzt bitte allgemeingültiges Gebrabbel von den Geheimnissen, die jeder hat., fügte sie in Gedanken hinzu.
     Die Augen des Mannes stimmten nicht in sein Lächeln ein, während sie unablässig versuchten, ihre äußere Fassade zu durchdringen. „Sie sind kein Agent vom FBI.“, stellte Mister Paranoid nüchtern fest. „Ich kenne diese Jungs genug um sagen zu können, dass Sie nicht einer von ihnen sind.“
     Diane wurde ein wenig unbehaglich. Ihr Zeuge versuchte an ihrer Tarnung zu kratzen und seit sie die Wohnung betrete hatte, standen sie an der gleichen Stelle im Flur, einen halben Meter voneinander entfernt. Nach außen ließ sie sich nichts anmerken.
     „Aber Sie sind dennoch von der Regierung.“ Mister Paranoid wich endlich beiseite und deutete mit einer Hand auf eine Tür, stutzte, als sie sich nicht in Bewegung setze und ging dann selber vor. Diane folgte ihm in sicherem Abstand.
     Das Wohnzimmer war kaum besser als der Flur. Elektrische Geräte, offen und scheinbar selbstgebaut, lagen überall herum. Auf dem großen Plasmafernseher liefen im Splitscreen alle Kameras, die sie schon vom Flur her kannte. Es war eine verrauchte, düstere Höhle, in der nur gedämpftes Licht jeden kleinsten Schatten vertrieb und Jalousien die Fenster verdeckten.
     „Aber ich kann Sie nicht so recht einordnen. CIA? Militärischer Geheimdienst? NSA?“
     Diane verzog keine Miene und sagte weder ja noch nein. „Sie wollen Ihre Geheimnisse behalten und ich meine. Belassen wir es dabei.“, wiederholte sie seine Worte und er nickte beruhigt.
     „Ich sehe, wir können uns verstehen.“, sagte Mr. Paranoid sichtlich zufrieden und setzte sich endlich auf eine mit elektrischen Bauteilen übersäte Couch. Diane beschloss stehen zu bleiben.
     „Warum will jemand, der offenbar solch eine Paranoia besitzt mit jemandem vom Geheimdienst reden?“, fragte Diane geradeheraus. „Warum wollen Sie mit jenen sprechen, welche die Freiheit der USA untergraben wollen?“
     Mister Paranoid lachte trocken. „Ich bin paranoid, keine frage, Miss. Aber ich bin es zu Recht. Dennoch glaube ich, dass ich Ihnen helfen sollte. Sie jagen den Wolfsmörder und ich habe ihn gesehen und bin nun in Gefahr. Ich will dass Sie mich vor ihm beschützen, indem Sie diese Bestie zur Strecke bringen, bevor sie mich zur Strecke bringt.“ Er beugte sich nach vorn und sprach nur noch mit leiser Stimme. „Ich weiß, dass Menschen wie Sie eher bereit sind, Unglaubliches in Betracht zu ziehen. Das FBI und erst recht die Polizei brauche ich erst gar nicht zu belästigen.“
     „Das alleine wird wohl kaum Grund genug für Sie gewesen sein, mir zu vertrauen.“
     Mister Paranoid schüttelte sofort den Kopf. „Ich habe Sie in der Gasse beobachtet.“ Er deutete auf das Bild rechts unten auf dem Schirm. Außer der weißen Linie des Opfers war von der Polizei keine Spur mehr zu sehen. „Ihnen ist sofort aufgefallen, was er an die Wand geschrieben hat. Sie sind etwas Besonderes. Ihr Verstand ist wach und Sie vertrauen ihrem Instinkt.“ Er klopfte mit dem Finger auf den rechten Nasenflügel, als sollte das irgendetwas demonstrieren.
     Diane ließ sich davon nicht beeindrucken. „Wen haben Sie gesehen?“
     Ein kurzes Zögern Mr. Paranoids verriet ihr, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde. „Ich will es vorsichtig formulieren, Miss. Nicht alles ist das, was es zu sein scheint, erst recht nicht, wenn es sich um so etwas handelt.“
     Offenbar erwartete er irgendeine Reaktion von ihr, also nickte sie zustimmend. Diane, altes Mädchen, warum hast Du immer nur mit solchen schrägen Typen zu tun., dachte sie ironisch, Ein lieber netter Kerl zum Verlieben könnte doch auch mal dabei sein, oder? „Erzählen Sie mir einfach, was Sie wann gesehen haben.“
     Der Mann lächelte nervös, leckte seine Oberlippe und begann: „Es war gestern ziemlich spät, als ich nach Hause kam. Es gibt Schießplätze, die nur nachts öffnen, wenn Sie verstehen.“ Diane nickte. Es erregte einfach zuviel aufsehen, mit einer M16 oder ähnlichem am hellerlichten Tag rumzuballern, während nebenan ein braver Familienvater seinem zwölfjährigen Sohn gerade mal eine 45er Magnum in die Hand gab. „Ich gehe immer erst ein, zwei Runden um den Block, bevor ich meine Wohnung betrete.“ Er lächelte noch nervöser. „Verfolgungswahn zu haben ist anstrengend. Als ich die Gasse passierte – ich halte mich möglichst immer im Schatten auf – hörte ich Kampfgeräusche. Laute Schmerzensschreie mischten sich mit gutturalen Lauten. Seltsames Knurren, könnte man sagen.
     Paranoid oder nicht, ich bin kein Schwein und lasse Menschen nicht im Stich. Sonst wäre ich nicht besser als die.Wer auch immer die sind., dacht Diane nüchtern. „Ich zog meine Waffe und schlich im Schatten weiter. Ein großer, stämmiger Penner kämpfte berserkergleich mit...“ Er schluckte, sah Diane hilfesuchend an, fand keine Hilfe und sprach stockend weiter. „Sein Gegner war... Es gibt nicht viele Möglichkeiten, was er war... Ein Mann in Wolfskostüm vielleicht, so ein Psycho mit Halloween-Dauerschaden. Vielleicht hat der Mörder auch ein Gerät verwandt, um die Gehirnwellen umstehender Menschen zu beeinflussen. Oder ein krankes Genexperiment der Regierung um Supersoldaten zu züchten aus Wölfen und Menschen. Oder...“
     Er sah auf seine Hände und schwieg. Was sollte jetzt noch kommen, was schräger war als das mit dem Genexperiment? Doch plötzlich verstand Diane. Bisher hatte er nur Dinge vorgebracht, die in sein verschrobenes, von Verschwörungstheorien verdunkeltes Weltbild passten. Dinge, an die er glaubte. Was er jetzt sagen wollte, war jedoch etwas anderes. Und sie ahnte schon, was es sein könnte. „Oder ein Werwolf?“, fragte sie nach außen hin ernst. Innerlich hatte sie das bereits abgehakt. Sie war nicht bei der Agency, um an so was zu glauben.
     Dankbar sah er auf nickte stumm. „Ich glaube nicht, dass es das war. Aber ich hatte, in diesem Moment in der Gasse das ekelhafte Gefühl, dass es das sein könnte. Jedenfalls verließ mich jeglicher Mut und ich zog mich zurück. Plötzlich endeten die Schreie und als ich einen letzten, vorsichtigen Blick in die Gasse warf, lag der Penner am Boden und das, was auch immer es war, schnupperte die Luft und wandte seinen Kopf langsam in meine Richtung. Ich rannte wie der Teufel.“
     Es fiel ihr nicht schwer, ernst zu bleiben, denn sie nahm seine Worte sehr ernst. In jedem noch so verworrenen Satz mochte ein Samen der Wahrheit stecken. Und schließlich hatte er ja auch noch seine Kameras... „Haben Sie nun Aufzeichnungen oder nicht?“ Sie vermutete, dass wohl genau in jener Stunde ein Stromausfall oder sonst irgend eine Katastrophe ‚zufälligerweise’ dafür gesorgt hatte, dass es keine Bilder gab, die seine Worte belegten.
    
Mr. Paranoid seufzte. “Sie werden es nicht glauben.” Wahrscheinlich nicht., schoss es ihr durch den Kopf. „Ich habe Aufzeichnungen. Ich nehme alles auf, was um meine Wohnung herum geschieht. Zehn Bilder pro Sekunde werden rund um die Uhr direkt auf einem Streamer gespeichert.“
     Digitale Bilder auf einem Magnetband. „Das klingt nach keinem sehr sicherem Beweismittel.“, sprach Diane ihre Zweifel aus. „Sie nehmen das alles doch auf, um Beweise gegen ihre potentiellen Attentäter zu haben, oder?“
     Mr. Paranoid nickte, wirkte aber verärgert, sogar beleidigt. „Jedes Bild wird mit einem Einweg-Schlüssel kodiert. Man kann kein einzelnes Bild um auch nur einen Pixel verändern, ohne dass der Schlüssel verändert und so die Fälschung offensichtlich wird.“
     Diane hob beschwichtigend ihre Hände. „Ich dachte mir schon, dass Sie ein Profi sind.“ Wenn sie eines bei der Agency gelernt hatte, dann die Tatsache, dass es keine manipulationssicheren digitalen Daten gab. „Darf ich das Band sehen?“
     „Mehr noch, Sie werden es mitnehmen.“ Seine finsteren Blicke wurden allmählich wieder sanfter. „Sie glauben den Bildern doch sowieso erst, wenn Sie ihre Echtheit überprüft haben.“ Er stand auf, verschwand im Nebenzimmer und kam nach einer Weile mit einer Kassette wieder, auf der deutlich der Überwachungszeitraum zu lesen war.
     „Nachdem ich zu Hause angekommen war, sah ich gerade noch, wie es das letzte Wort an die Wand schrieb und dann im Schatten verschwand.“ Er reichte ihr das Band. „Erwarten Sie nicht zu viel, Miss. Das Band gibt nicht viel her, der Mörder erscheint stets seltsam unscharf.“ Damit deutete er auf den Flur und bat sie so zu gehen.
     „Darf ich es mir nicht hier ansehen?“, fragte sie ein wenig irritiert.
     „Sie werden es sowieso erst glauben, wenn es als echt bestätigt ist. Gehen Sie.“
     Diane zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg. Im Treppenhaus wandte sie sich noch einmal der Wohnungstür zu. „Ihre Aussage wird mir bestimmt von Nutzen sein, danke, Mister...“
     „Danken Sie mir, indem Sie ihn zur Strecke bringen.“ Die Tür schlug zu.
     Zweifelnd sah sie auf das Band in ihrer Hand hinab und zuckte dann mit den Achseln. Das eben war mit Abstand die verrückteste, seltsamste und unglaubwürdigste Zeugenaussage gewesen, die sie je gehört hatte. Sollte das Labor erst mal die Kassette untersuchen, dann würde sie sich beim Ansehen des Bandes noch einmal Gedanken machen, ob sie ihm glauben konnte oder nicht.


Spuren und solche, die keine sind

Diane saß nun schon die neunte Stunde des Tages über den Akten der Wolfsmorde. Die neunte Stunde des fünften Tages. Sie las sich jedes Detail immer und immer wieder durch, versuchte, Neues zu entdecken, doch so allmählich erkannte sie, dass die Akten eine recht unsolide Basis für eine solch verschrobene Untersuchung darstellten.
     Zunächst hatte sie sich jeden einzelnen Mordfall durchgelesen. Die Berichte wurden mit jedem Fall länger, da die Ermittler immer mehr die Umgebung unter die Lupe nahmen, kleinste Fakten notierten, so unwahrscheinlich sie auch mit dem Fall zu tun haben mochten. Nachdem sie mit allem fertig war, brummte ihr der Kopf. Die schiere Fülle von Informationen machte es unmöglich, sie in sinnvoller Weise zu notieren und zu ordnen. Es bestand ein Zusammenhang zwischen allen Morden. Welcher es neben dem Bissmahl in der Kehle eines jeden Opfers war, galt es herauszufinden.
     Darum versuchte sie Schritt für Schritt, Ordnung in das Chaos zu bringen. Fakt eins: Alle Opfer waren nachts gestorben. Keiner vor Zwei und keiner nach Fünf. Fakt zwei: alle Opfer waren männlich und älter als fünfundzwanzig. Fakt drei: Der Täter war sehr vorsichtig bei jedem Mord gewesen. Fünfzehn Morde ohne brauchbare Hinweise waren kein Zufall mehr.
     Keine deutlich lesbaren Spuren. Die Farbe des Satzes erwies sich als Massenprodukt und das Pinselhaar, mit dem sie aufgetragen wurde, konnte aus jedem Drugstore stammen. Die Genanalyse wies deutliche Mängel auf. Miller hatte gesagt, dass die Gensequenz zu keiner konkreten Wolfspezies zugeordnet werden konnte. Keine deutlichen Fußspuren, der Täter hatte stets auf festen Grund zugeschlagen. Die Kratzer und Beißspuren an den Opfern ergaben keinen Sinn.
     Es gab keine brauchbaren Zeugen. Mister Paranoid blieb selbst für Dianes Mittel unidentifizierbar und seine Aussage erschien mehr als unglaubwürdig. Sein Band war noch zur Analyse bei der Agency. Sonst gab es keine Zeugen! Fünfzehn Morde und kein Zeuge! Der Verbrecher musste sehr sorgsam die Orte seiner Überfälle ausgewählt haben. Und dennoch... Es schien geradezu, als müsste er wissen, wann niemand in der Nähe war. Selbst unter den abgelegensten Brücken und erst recht in der fensterlosen Gasse bei der Shermstreet mitten in der East Side konnte jederzeit ein unerwarteter Zeuge auftauchen...
     Das war es dann auch schon mit den Fakten. Viele Tote waren Obdachlose, aber nicht alle. Die meisten Opfer waren muskulös und hatten ihren erbitterten Widerstand mit vielen Wunden bezahlt, aber nicht alle. Ein Journalist, Leiche Nummer sieben, hatte beim nächtlichen Joggen den Tod gefunden. Nur ein Kratzer von Klauen am Arm, sonst nur das Bissmahl. Das zehnte Opfer war ein reicher Bankier in einer Wohlstandsgegend New Jerseys, der mit einem einzigen Biss und sonst ohne Wunde in seiner Villa tot aufgefunden wurde. Der dreizehnte Tote war offenbar auf dem Weg von seinem Auto zur nur zwanzig Meter entfernten Haustür ermordet worden. Er war stellvertretender Chairman einer großen Importfirma gewesen.
     Welches Muster verfolgte der Mörder? Es musste ein Muster geben, von extrem seltenen Fällen abgesehen hatte jeder Serientäter eines, nach dem er seine Opfer auswählte. Also hatte sie die obligatorische Karte New Yorks und New Jerseys an eine Wand ihres Büros gehangen und bunte Nadeln an den Orten der Morde platziert. Selbst eine Computeranalyse hatte kein glaubhaftes Muster entdecken können. Die Parks, Brücken, Gassen und Straßen waren willkürlich auf der Karte verteilt.
     Zumindest nach geometrischen Gesichtspunkten. Eines hatte jeder Tatort gemein: Er lag entweder im Dunkeln oder war von außen nicht einzusehen. Die Villa des Bankiers war zwar videoüberwacht gewesen, nicht aber das Salon-Zimmer in dem das Opfer gefunden wurde. Das Haus des Vizevorstands lag in einer wohlbehüteten Gegend New Jerseys an einer hell beleuchteten Straße, doch hatte der Täter offenbar die Laternen im Umkreis durchbrennen lassen oder sie waren einer Stromschwankung zum Opfer gefallen.
     Diane schnellte aus dem trägen Fluss ihrer Gedanken hoch. Die Laternen! Der Täter hatte den Tatort manipuliert! Das bedeutete einen absolut geplanten Mord! Wenn es keine Stromschwankung war., dämpfte der rationale Teil in ihr sofort ihre Begeisterung. Sie machte eine weitere Notiz auf einem übervollen Blatt, auf dem sich schon ähnliche Gedanken dicht drängten.
     Sie sah von ihrem Schreibtisch auf und durch die Glastür hindurch direkt in Dunbys Augen. In seine hämisch lächelnden Augen. Mister Sheriff-an-Tisch-und-Telefon nickte ihr aufmunternd zu, oder zumindest hätte sie es so auffassen können, wenn er kein Arsch gewesen wäre. Dieser verkorkste Mensch lag ihr jeden Tag quer im Hals und schien sich zunehmend mehr daran zu freuen, dass die Special Agent auch nur mit Wasser kochte und nur Wassersuppe dabei herauskam.
     Sie zwang ihren Blick zurück auf ihr Blatt mit den wirren Einfällen, einige von ihnen waren bereits wieder durchgestrichen. Ein Zusammenhang bei den Namen konnte sie beim besten Willen nicht finden. Namen aller Klangfarben, Nationalitäten und Länge waren enthalten. Im Telefonbuch nach einem Muster zu suchen war müßig, Obdachlose hatten kein Telefon und die wohlhabenden Geschäftsleute hielten sich von einem Eintrag in diesen Seiten fern. Nur der Journalist hatte einen öffentlich bekannten Anschluss gehabt.
     Es gab keinen Zusammenhang bei den Geburtsdaten, sofern das überhaupt zu ermitteln war, keinen bei der Hautfarbe, Augenfarbe, Größe... Viele der Obdachlosen waren groß gewesen, jeder von ihnen war kein leichtes Opfer gewesen sondern hatte wild gekämpft, aber die Opfer der drei anderen Morde waren weder kräftig, sondern eher schmächtig oder ziemlich korpulent.
     Und so ging es weiter. Sie hatte Captain Bofield gebeten, eine Ermittlung nach allen Personen und Einrichtungen in die Wege zu leiten, die Wölfe hielten oder züchteten, und die Tiere dort zu untersuchen. Gebissabdrücke nehmen und so was. Das Ergebnis blieb abzuwarten.
     Innerlich frustriert, aber nach außen entspannt schob sie alles auf ihrem Schreibtisch beiseite und lächelte Dunby falschfreundlich an, schnappte sich die Akte des Bankiers und verließ ihr Büro.

Diane beschloss, die Villa des Bankiers Garmont nicht sofort zu betreten, sondern sich vorher ein wenig umzusehen. Also verzichtete sie darauf zu klingeln, sondern umlief das ganze Anwesen einmal und hielt sich dabei aus der Sicht der omnipräsenten Kameras heraus. Nach einem neidisch stimmend langen Spaziergang hatte sie jeden Meter der den Besitz umschließenden Mauer inspiziert und diverse Schwachstellen im Kameranetz ausgemacht. An jeder solchen Stelle hatte sie Halt gemacht und den Boden und das Mauerwerk genauestens untersucht. Trotz der Wochen, die ins Land gegangen waren, wollte sie sicher sein, keinen möglichen Hinweis übersehen zu haben. Gefunden hatte sie jedoch nichts.
     Unweit des Tores erkletterte sie geschickt einen nahe stehenden Baum, hangelte sich an einem Ast über die Mauer und ließ sich in das Gebüsch auf der Innenseite fallen. Es ist mehr als einfach, dieses Grundstück ungesehen zu betreten, notierte sie sich im Geiste.
     Ohne weiter im Verborgenen bleiben zu wollen, trat sie aus dem Gebüsch und schlenderte aufmerksam alles in Augenschein nehmend zum Torweg. Inmitten der Nacht wäre es leicht, ungesehen das Anwesen zu durchqueren. Kameras gab es im innern keine und ihr geschultes Auge vermochte auch keine anderen Sicherheitsmaßnamen wie Thermalsensoren oder Lichtschranken zu entdecken. Bäume und Büsche boten zudem überall ausreichend Deckung.
     Kaum hatte sie ein paar Meter auf dem Weg zum Haus zurückgelegt, schrie hinter ihr eine harte Stimme: „Hände über den Kopf und keine Faxen, Lady!“ Diane folgte der Anweisung brav. „Wer sind Sie?!“
     „Special Agent O’Donnel, FBI. Ich untersuche die Wolfsmorde.“, erwiderte sie ruhig und wachsam.
     „Langsam umdrehen!“
     Sie tat wie ihr geheißen und sah sich einem bulligen, kurzrasierten Mann und seinem Schnellfeuergewehr im Anschlag gegenüber. Er wirkte, ganz in Schwarz mit kugelsicherer Weste, Funkgerät an der Schulter und einer mächtig großen Pistole im Halfter eher wie ein Mitglied einer paramilitärischen Truppe, als wie der Sicherheitsmann, der er war.
     Behutsam öffnete Diane ihren Blazer, zeigte die Innenseite und fischte ganz langsam ihren Dienstausweis hervor. Der Blick des Mannes huschte zu ihrer Pistole im Brusthalfter und zurück zu ihrem Ausweis. „Ablegen, beides!“
     Diane folgte gutmütig seiner Anweisung und trat einige Schritte zurück. Immer noch sichtlich nervös überprüfte Mister bei-der-Security-sein-bedeutet-im-Krieg-sein ihren Ausweis, runzelte die Stirn und senkte endlich die Waffe.
     „Sie sind widerrechtlich hier eingedrungen, Agent O’Donnel.“
     So sympathisch wie nur möglich lächelte sie ihn an und senkte langsam ihre Hände zu einer entschuldigenden Geste. „Ich wollte sehen, wie gut die Sicherheit greift, wenn sich vorher niemand zu einem Test anmeldet. Sind die Maßnamen schon immer so drastisch gewesen?“ Sie nickte in Richtung des Gewehrs.
     „Allerdings, Miss.“, erwiderte der Mann in einem stolzen Tonfall, so als existiere die enorme Feuerkraft in seiner Hand gar nicht. „Mr. Garmont hatte viele Feinde.“
     „Das Videosystem ist nicht optimal.“, brach sie nüchtern seinen Stolz und nahm ihren Ausweis entgegen. „Bringen Sie mich bitte zum Haus.“

Die Überwachung an der Villa war hochmodern und lückenlos. Sie konnte erst gar nicht glauben, dass diese Anlage vom selben Mann in Auftrag gegeben wurde wie das stümperhafte Ding an der Außenmauer. Doch jeder Winkel, in dem sich ein Mann verbergen könnte war beobachtet. Thermal und optisch. Das machte die ganze Angelegenheit mächtig schwierig. Wie war der Täter ins Haus gelangt, ohne gesehen zu werden? Bofield hatte von seinen Leuten die Aufnahmen der zweiundsiebzig Stunden vor dem Mord durchsehen lassen und jeden einzelnen Menschen auf dem Band identifizieren lassen. Garmont hatte nicht viel Besuch empfangen, Geschäfte hier offenbar ganz gemieden und so hatte sich der verdächtige Personenkreis rasch auf Null reduziert. Jeder der kam, war auch wieder gegangen oder ein vertrauter Gast der Familie gewesen.
     Diane untersuchte den Salon, in dem man die Leiche fand. Hier wurde die Sache noch seltsamer. Ein Blick in ihre Akten verrieten ihr, dass der Mann auf dem Rücken liegend aufgefunden wurde, ein zerbrochener Beistelltisch aus Glas unter ihm, seine Füße zeigten in Richtung einer der Ecken des Raums. Alles sah danach aus, als hätte der Täter Garmont aus der Ecke heraus angesprungen, ihn umgestoßen und auf dem Boden liegend war ihm dann die Kehle durchgebissen worden. Blutspritzer auf dem Teppich belegten das.
     Doch in der Ecke gab es nichts. Kein Vorhang, kein Schrank, kein Garnichts, um sich zu verstecken. Hatte Garmont den Täter gekannt und deshalb seine Anwesenheit hingenommen? Das passte nicht zu den restlichen vierzehn Morden, aber es war die einzige Erklärung. Diane tippte eine Notiz in ihr Notebook und widmete sich dann wieder dem Zimmer.
     Einen seltsamen Augenblick lang schien es ihr, als könne sie durch die Wände Wald hindurchschimmern sehen. Sie schüttelte ihren Kopf und sah erneut hin. Fehlanzeige. Vermutlich Schlafmangel, altes Mädchen.
     Es gab nur zwei Zugänge. Die Fenster und eine einzige Tür. Sowohl der Flur vor dem Zimmer wie auch die Beete vor den Fenstern waren mit Kameras versehen. Da stimmte etwas nicht. Laut der Videoaufzeichnungen hatte niemand das Zimmer vor Garmont betreten, der nicht wieder herausgekommen wäre... Das ließ nur einen Schluss zu. Die Bänder waren manipuliert. Ein Blick in die Akten bestätigte, dass ihre Echtheit nicht überprüft worden war. Sie fügte eine weitere Notiz hinzu.
     Doch das alles war nur Hirnakrobatik. Freilich kam nur jemand in Frage, der die Nacht in der Villa verbracht hatte und Zugriff auf die Bänder haben konnte... oder die Kameras manipuliert hat! „Verdammt sei die antrainierte Paranoia der Agency.“, brummte Diane und grübelte weiter. Selbst wenn sich das alles als wahr erweisen sollte... Wo bestand der Zusammenhang zu den Wolfsmorden?
     Vielleicht gab es keinen. Der einzige Mord in einem geschlossenen Raum. Nach neun Morden mochte es verlockend sein, eine Mordserie nachzuahmen um die eigene Tat zu verschleiern... Notiz im Computer. Die Mordwaffe musste aber reichlich seltsam ausgesehen habe... Ein Gebiss an einer Zange oder so was... und das ganze ohne Gegenwehr des Opfers? Vielleicht hatte der Täter aber auch schon Übung und war der Wolfsmörder, der einen unliebsamen Menschen aus dem Weg schaffte? Diane schüttelte den Kopf; das war keine Akrobatik mehr, das war Krampf.
     Mit Hilfe eines Wachmannes nahm sie jede einzelne Kamera unter die Lupe, suchte Spuren von Manipulationen, kramte dazu in ihrem bei der Agency erworbenen Wissen, fand aber nichts Brauchbares. Ein Profi sollte sich das mal ansehen..., dachte sie lächelnd. Sie war ein Profi. Wenn sie sich auf etwas verstand, dann darauf, ungesehen in Gebäude einzudringen.
     Nach fruchtlosen Stunden brach sie ihre Suche im Hause der Garmonts frustriert ab.
     Schließlich befragte sie noch jeden Bediensteten, jeden Verwandten, der gerade da war, doch es lief meist darauf hinaus, dass sie entweder ein Alibi für die Tatzeit besaßen oder keine Ahnung von Elektronik hatten oder beides zusammen.
     Mit einer kleinen Liste von Personen, die es noch zu befragen galt, verließ sie das Haus. Dieser Mord hier war verzwickter als alle anderen, soviel stand fest. Doch bei so vielen Ecken musste sich doch etwas machen lassen. Je komplizierter ein Fall war, desto wahrscheinlicher die Aufdeckung eines Fehlers.
     Zumindest wollte sie sich das gerne einreden.

Sackgasse: keiner der Angestellten und keiner der Angehörigen kamen in Frage. Die Wenigen, die über die Fähigkeit verfügten, die Überwachungsanlage zu manipulieren hatten nicht die Statur, um den Mord begangen haben zu können und waren zudem durch ein unwiderlegbares Alibi geschützt: elektronische Stechkarten zeigten ihre Wachtroute in der ganzen Willa minutengenau auf.
     Sackgasse: Die Videoaufzeichnungen der Villa waren echt. Keine Manipulation an ihnen, keine vertauschten Kassetten. Mr. Garmont hatte viel Geld und Know How in seine Sicherheit investiert. Genutzt hatte ihm das nicht.
     Unendliche Sackgasse: Eine Überprüfung der privaten und der geschäftlichen Kontakte des Bankiers hatten eine nicht enden wollende Liste mit Personen ergeben. Viele von ihnen hatten Gründe ihn nicht zu mögen, zu hassen oder aus rein wirtschaftlichen Interessen aus dem Weg haben zu wollen. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. In stupider Dauerarbeit hackte sie alle Namen mit Notizen versehen in ihr Notebook und spielte Geschäftsdaten von CDs ein. Ich sollte diesen Dunby als meine Sekretärin anheuern., dachte sie sich und verwarf diesen Gedanken gleich wieder. Sie traute dem Sheriff nicht einmal zu, zuverlässig Kaffee zu holen. Ohne reinzuspucken.
     Kein Treffer. Ihre sonst so zuverlässige Software, die Zusammenhänge analysierte und Namensübereinstimmungen entdecken konnte, blieb stumm.
     Sie hatte zwei von Bofields Männern losgeschickt, um die Kontakte des Stellvertretenden Chairman zu überprüfen, der vor seinem Haus ermordet wurde, Mr. Dwenmoore. Die Liste, welche die Polizisten angeschleppt hatten, war nicht weniger lang als die von Garmont. Eine Kopie seines elektronischen Terminkalenders lag ebenso bei wie ein Verzeichnis aller Kunden auf CD.
     Einen sehnsüchtigen und drohenden Blick in Richtung Dunby werfend, machte sie sich an die Arbeit. Ewigkeiten später hatte sie es geschafft und wurde mit einer Reihe Übereinstimmungen belohnt. Garmonts Bank war ein großer Kreditgeber von Dwenmoores Firma. Der reichste Mann der Stadt, Jonathan Saphrosis, unterhielt Geschäftsbeziehungen zu Garmonts Bank und zu Dwenmoores Firma. Beide toten Geschäftsmänner waren Mitglieder einer Reihe von gehobenen Clubs, setzten sich beide für die Weltaidshilfe ein und so weiter und so fort.
     Es war ein Anfang, wenn auch ein mächtig umfangreicher.
     Es klopfte an ihrer Bürotür und Captain Bofield trat ein. „In den neun Tagen, die Sie hier sind hat es keinen Wolfsmord mehr gegeben, Miss O’Donnel. Sie scheinen eine Art Talisman zu sein.“ Mitleidig sah er sie an. „Sie brauchen dringend mal Schlaf. Entschuldigen Sie meine Offenheit, aber Sie sehen schrecklich aus.“
     Diane raufte sich die Haare und warf ihrem Computer finstere Blicke zu. „Ich habe nicht das Gefühl, vorwärts zu kommen. Es türmen sich immer mehr Fakten auf meinem Tisch und in meinem Computer, aber nichts scheint Sinn zu ergeben. Der Mord an Garmont müsste eigentlich unmöglich sein.“
     Bofield schloss die Tür hinter sich und machte es sich mit seinem Kaffeebecher auf einem Stuhl gemütlich. Er selbst schien das mit dem Schlaf auch nicht ganz so ernst zu nehmen. „So fühlen wir uns seit zwei Monaten. Stellen Sie sich das mal vor. Fünfzehn Morde in 60 Tagen und wir sind keinen Schritt weiter. Sein sie froh, dass für Sie die Zeit im Moment still steht.“
     Diane nickte müde. „Was machen die Ermittlungen wegen der Wolfshalter?“
     Bofield trank einen gemütlichen Schluck und erwiderte dann väterlich: „Gehen Sie schlafen, Special Agent O’Donnell. Morgen werden Sie den Bericht auf ihrem Tisch finden.“
     „Ist er schon fertig?“, fragte sie überrascht.
     „Soll ich Sie aus dem Büro werfen lassen?“ Bofield hob fragend die Augenbrauen und nahm einen tiefen Schluck.
     Nun konnte Diane gar nicht anders als schmunzeln, klappte ihr Notebook zu und ließ die Arbeit hinter sich.

Sie hatte einen seltsamen Traum. Sie sah einen Wolf im Mondschein auf der Jagd. Er huschte von Schatten zu Schatten, von Baum zu Baum. Unwölfisch. Sein Ziel war fern und doch nah, sie konnte es bereits spüren.     Während er rannte, ging er seinen wölfischen Gedanken nach. Witterung, Beute, Blut, Essen. Jagd. Er war auf der Jagd.
     Das Tier zögerte mit einem Male in seinem Schritt und schnüffelte, wandte seinen Kopf hierhin und dorthin, suchte. Er suchte sie. Sein Blick wandte sich ihr zu und sie wusste, dass sie sein Ziel, seine Beute war. Er knurrte, sie wollte fort, er fletschte die Zähne, doch sie konnte nicht fort. Er duckte sich zum Sprung aber sie konnte sich nicht retten, sie war gefangen in seine gelben, starren Augen.
     Er sprang, sprang geschmeidig und tödlich, kam näher, näher, näher... bis nur noch... seine Augen... seine gelben, kalten Augen... ihre Welt erfüllten. Die Augen...


Ihr Wecker schrillte und sie erblickte eine graue Zimmerdecke, die sie nicht einsortieren konnte. Natürlich nicht. Wann hatte sie das je gekonnt? Diese gelben Augen wollten ihr nicht aus dem Sinn gehen, verschwanden nicht, verblassten nicht, wie es sonst ihre Träume taten.
     Ein ungutes Gefühl trieb sie rascher als sonst aus dem Bett und unter die Dusche. Erst als das kalte Wasser über ihre Schultern rann, kamen ihr nach und nach New York und die Wolfsmorde in Erinnerung. Der Bericht von Bofields Männern wartete auf ihrem Schreibtisch auf sie...
     Sie zog sich hastig an, griff nach ihrem Handy und stutze. Hatte es nicht gestern anders herum gelegen? Schulterzuckernd schob sie es an ihren Gürtel, schnappte ihr Notebook, stürmte aus der Tür und prallte fast mit einem Hotelpagen zusammen.
     „Was machst Du hier?“, fragte sie harscher als gewollt und sah den Burschen, der vielleicht keine 16 war, bohrend an. Der wagte es gar nicht so recht aufzuschauen und blickte verlegen zu Boden.


     „Verzeihen Sie, Miss, ich wollte nur die Zeitung, die Sie bestellt haben, vor die Tür legen.“
     Eigentlich wollte sich Diane gerade entschuldigen, dass sie so rüde gewesen war, doch etwas hielt sie ab. Der Page schien... unscharf. Sie schüttelte ihren Kopf, kniff die Augen zusammen, aber es blieb dabei. Ihn anzusehen machte ihre Augen müde.
     Sie riss ihm die Zeitung aus der Hand.
     Der Page schaute zu ihr auf. „Alles in Ordnung, Miss? Sie wirken erzürnt.“ Doch sie hörte seine Worte kaum. Gelbe Raubtieraugen sahen sie an. „Ist das nicht die Zeitung, die Sie wollten?“
     Diane warf einen Blick auf Namen und Datum. „Doch, doch, ich...“ Sie sah auf und blicke in dunkle, verstörte Augen. „... ich...“ Seltsames Unbehagen erfüllte sie, als sie den Jungen ansah. Ihr schien, als blickte sie etwas Fremdes, Unfreundliches an und keinen Pubertierenden in roter Uniform, der nur seinen Job machte. Beschämt blickte sie zu Boden. „Ich habe nur schlecht geträumt, tut mir Leid.“
     Ohne ihn ein weiteres mal anzusehen wandte sie sich zum Gehen.
     Ihre Schritte lenkten sie zum Restaurant des Hotels, wo sie wie jeden Morgen ein eiliges Frühstück zu sich nehmen wollte. Eilig, weil sie diese unpersönliche Mahlzeit auf der Schwelle zum Tag nicht leiden konnte. Es erinnerte sie zu sehr daran, was sie nicht hatte...
     Sie rollte die Zeitung auf und blieb entsetzt stehen. „Neues Opfer des Wolfsmörders gefunden!“, schrie ihr die Titelzeile entgegen. Hastig begann sie den Artikel zu lesen. „Heute Nacht um 2 Uhr 47 erreichte ein Notruf die Polizei, dass ein übel zugerichteter Mann im Central Park gefunden wurde. Der keine fünf Minuten später eintreffende Notarztwagen konnte nur noch den Tod des Opfers feststellen. Der Einsatzleiter der Polizei bestätigte, dass das Opfer vermutlich an der schweren Bisswunde an der Kehle gestorben war...“
     „Warum erfahre ich das durch die Zeitung?!“ Diane griff zu ihrem Handy. Leer? Sie schüttelte das Ding, doch es half nichts. „Ich hab’s doch gestern erst aufgeladen...“ Alarmglocken schlugen in ihrem Kopf an. Das Handy hatte heute morgen anders dagelegen, als sie es am Abend hingelegt hatte!
     Sie drehte auf der Stelle um, hastete zu ihrem Zimmer und sah sich eingehend um. Alles schien, wie sie es gelassen hatte... Dennoch schnappte sie sich alle Unterlagen, die sie aus dem Revier mitgenommen hatte, stopfte sie in einen Schrank, schloss ihn ab und klemmte dabei ein Haar des Teppichs an einer Stelle ein, die sie sich genau merkte. Wenn man bei der Agency war, dann half einem Paranoia zu überleben.
     Als sie das Zimmer verließ, präparierte sie noch die Tür und eilte dann zum Central Park.

Captain Bofield wartete auf sie. Die übrige Polizei war bereits vor Stunden abgezogen und er war auch nur deswegen vor Ort, weil sie ihn angerufen hatte.
     „Ich fürchte, Ihr Glück hat sich aufgebraucht, Miss O’Donnel.“, begrüßte sie der Captain und nippte an seinem Pappbecher. „Sie haben den Mord nicht nur nicht verhindern können, sondern haben ihn auch noch verschlafen.“ Sein Lächeln deutete an, dass er es nicht böse meinte, doch ihr wurde übel im Magen.
     Jetzt verstand sie, was Bofield damit gemeint hatte, die Zeit wäre für sie stehen geblieben. Doch der neue Mord machte ihr deutlich, dass jeder Misserfolg Leben kosten würde. Jede Stunde war kostbar.
     Jemand hat mein Handy manipuliert., wollte sie sagen doch heraus kam nur ein: „Ich habe wohl vergessen, mein Handy einzustellen.“ Ausbildung blieb Ausbildung. Es zählten Fakten, keine Vermutungen.
     Der Polizist nickte verständnisvoll. „Sie haben auch nicht viel verpasst, Agent. Ich habe den Tatort abgesperrt gelassen, damit Sie ihn selbst untersuchen können. Aber Jack hat seine Arbeit diesmal dreifach so gründlich gemacht. Ich schätze, Sie haben ihn das letzte Mal beeindruckt.“
     Er führte sie zu einem verwaisten Cafe, das wohl durch den Mord zu trauriger Berühmtheit gelangen würde. Die weißen Stühle und Tische standen bei weitem nicht mehr alle in Reih und Glied: Einige waren umgeworfen, andere gesplittert.
     „Hier hat es wohl einen wüsten Kampf gegeben.“, stellte sie fest.
     „Davon können wir ausgehen. Das Opfer war dritter Dan im Take Won Do und Trainer eines nahegelegenen Dojos. Er muss erbitterten Widerstand geleistet haben, denn er ist so übel verwundet worden, wie keines der Opfer zuvor.“ Bofield zerknüllte seinen leeren Kaffeebecher. „Ich wünschte, er hätte das Schwein besiegt. Dann könnten wir jetzt ruhig schlafen.“
     So allmählich wurde Diane bewusst, dass der Killer eine wahre Kampfmaschine sein musste... Nur warum tötete er diese Menschen und das durch den Biss eines Wolfes? „Hat Miller etwas gefunden, das erwähnenswert wäre?“
     Bofield nickte in Richtung des Café-Häuschens. Dort waren die bekannten weißen Linien zu sehen und neben ihnen... „Wir vermuten, dass die Farbe das Blut des Opfers ist.“
     Diane las ein einziges rotbraunes Wort: „Würdig.“
     „Würdig?“ Würdig für was? Oder hieß das, dass der Mörder sein Opfer für würdig hielt?
     Ihre Augen huschten über die Umrisse des Körpers. „Er war recht klein und schlank, wie es scheint.“, folgerte sie.
     Der Captain nickte erneut, wollte einen Schluck Kaffee trinken und warf dann den zerknüllten Becher ärgerlich beiseite. „Das passt nicht so recht zu den anderen Morden, bei denen es einen Kampf gab.“
     „Aber er war Kampfsportler...“ Diane musste plötzlich an ihren Traum mit dem jagenden Wolf denken und die Erkenntnis traf sie wie ein Blitz. „Der Mörder wählt seine Opfer danach aus, ob sie einen Kampf wert sind!“, sprudelte es aus ihr heraus. „Es geht ihm um den Kampf, nicht um das Töten.“ Es geht ihm um die Jagd.
     Bofield brummte nachdenklich und wiegte seinen Kopf. „Das wäre endlich mal eine plausible Erklärung für die Morde... Ein Psychopath, der ultimative Kämpfe sucht... Nur was ist mit den drei Opfern, die nicht ins Schema passen?“
     „Nachahmungstäter?“
     „Nein, nein.“, widersprach er ihr und rieb sich das Kinn. „Jack hat mir versichert, dass jeder Biss auf halbwegs die gleiche Größe von Gebiss schließen lässt. Auch die Stelle der Wunde und ihre Tiefe ist bei allen Morden ähnlich. Das sind alles Details, die nicht an die Presse gegeben wurden.“
     „Dann sind diese drei vielleicht dem Täter in irgendeiner Weise in die Quere gekommen und mussten deshalb sterben?“
     „Das wäre denkbar... Heute ist der Bericht von unserem Technikexperten fertig geworden, was die Laternen vor dem Haus Dwenmoores ausgeknipst hat. Eine vom Zentralcomputer der Stadtwerke ausgelöste Stromspitze hat genau diesen Straßenzug lahm gelegt.“
     „Hacker?“
     „Wir vermuten es.“ Bofield klopfte seine Taschen nach Zigaretten ab, fand aber keine. „Das war gewollt und der Mord scheint damit sehr geplant. Der Tod von Garmont erscheint mir auch zu lückenlos perfekt, als dass ich an einen normalen Mord der Reihe glaube. Jemand muss die Kameras ausgetrickst haben. Der Täter in diesen beiden Fällen muss entweder ein Computerfreak und Elektronikexperte sein oder von einem solchen Hilfe erhalten haben.“
     Diane sah noch einmal auf die Umrisse der Leiche hinab und erschrak. Der mit Steinplatten belegte Boden war weichen Sand gewichen und ganz deutlich konnte sie Spuren eines großen Wolfes darin sehen. Ihre antrainierte Übung schob das Bild beiseite und sie blickte dem Polizisten in die Augen, als ob nichts gewesen wäre. „Ich suche bereits nach Zusammenhängen, Captain. Zwischen dem Bankier und dem Vizevorstand gibt es mehrere gemeinsame Nenner, die es zu überprüfen gilt.“
     „Sieht es gut aus?“
     Diane schüttelte den Kopf. „Aber vielleicht kann ich mehr sagen, wenn ich mir den Bericht über die Wolfshalter angesehen habe.“

Der Orden des Gleichgewichts

Es war weit nach Zehn, als die schweren Eichentüren des Polizeireviers hinter ihr zufielen. Diane seufze erschöpft, rieb sich ihren verspannten Nacken und nahm einen tiefen Zug frische Luft. Na ja, so frisch wie die Luft in New York halt sein kann. Ihr Hotel war nicht weit weg und so beschloss sie, sich einen Spaziergang zu gönnen. Sie hatte genug gesessen an diesem Tag.
         Doch wie zu erwarten war, vertrieb das Laufen nicht die Gedanken aus ihrem Kopf. Ein Tag Analyse lag hinter ihr. Es gab erstaunlich viele Menschen in New York und New Jersey, die etwas mit Wölfen zu schaffen hatten. Und einige dieser Menschen wiesen auch eine Verbindung mit Garmont und Dwenmoore auf.
         Angefangen mit dem Zoo. Natürlich hielt der Wölfe und Garmont hatte persönlich einen niedrig verzinsten Kredit für die Anschaffung eines Tigers bewilligt. Dwenmoore galt als Fan der Pinguine, ein seltsamer Zug für den sonst so kühlen Geschäftsmann, und hatte dementsprechend großzügige Spenden gegeben. Kein Grund einen der beiden umzubringen, dennoch eine Verbindung.
         Dann waren da die Labore einer Firma, in denen an wilden Tieren Genforschung betrieben wurde. Ihr Eigentümer war, welch eine Überraschung, Jonathan Saphrosis. Das brachte ihn in ziemlich engen Zusammenhang mit Dwenmoore und Garmont. Geschäftskontakte zu beiden und genetische Forschung an Wölfen... Das Dumme war nur, dass diese Aussage auch auf zwei Dutzend Angestellte dieser Firma zutraf. Doch Saphrosis war verantwortlich... Er würde bei Gelegenheit Besuch von ihr bekommen.
         Der seltsamste Eintrag in dem Bericht war eine Sekte. Sie nannte sich Orden des Gleichgewichts, ihre Mitglieder wurden Wächter des Aequilibriums genannt. Mit Sitz auf einem Anwesen in New Jersey schotteten sie sich von der Außenwelt ziemlich gründlich ab und hielten sich Wölfe als Wachhunde. Einige von der Polizei aufgegriffene Einbrecher mit Bisswunden belegten, dass es ein effektiver Schutz war. Zwar standen sie nicht in Zusammenhang mit dem Bankier oder Dwenmoore, doch schien Diane religiöser Wahn ein einleuchtender Grund für Serienmorde der obskuren Art zu sein. Auch sie würden einen Besuch erhalten.
         Blieben noch drei Dutzend andere Spinner, die Wölfe als Haustiere oder in ihrem Privatzoo hielten. Sie würden ebenfalls überprüft werden, doch konnte sie das vielleicht ihren Kollegen von der Polizei...
         „Darf ich Sie vielleicht ein Stück ihres Weges begleiten?“, riss eine samtene Stimme sie aus ihren Gedanken.
         Überrascht sah sie den schlanken, hochgewachsenen Mann an, der ziemlich unerwartet neben ihr aufgetaucht war und nun neben ihr lief. Er war gut gekleidet, sehr teuer wie es schien, und hatte markante, schöne Züge. „Offenbar tun Sie es ja bereits.“, erwiderte sie lächelnd. „Ich lehne doch nicht das Geleit eines Gentlemans ab.“
         Das Lächeln und die elegante Verbeugung, die sie zur Antwort erhielt, zog sie in ihren Bann. Wer war er? Wie sich wohl seine Haut anfühlte, seine Haare rochen? „My Lady.“, scherzte er und lächelte noch breiter. Diane schmunzelte und fühlte sich wunderbar sorglos. Auf rätselhafte Weise schien der Fremde ihre finsteren Gedanken zu vertreiben.
         Eine Weile gingen sie stumm nebeneinander her und sahen sich gegenseitig an. „Nun?“, fragte sie schließlich.
         „Ich fürchte, ich muss Sie enttäuschen, Diane. Ich bin leider nicht zu meinem Vergnügen hier.“ Seine unergründlich tiefen, traurig schönen Augen hielten sie so in ihrem Bann, dass es eine Weile brauchte, bis sie begriff, dass er ihren Namen kannte.
         Als ob er ihre Frage ahnen könnte, stellte er sich vor. „Nennen Sie mich Linus.“ Linus? „Das ist mein echter Vorname, falls Sie Zweifel haben sollten.“ Er schmunzelte über ihre erstaunte Mine und fügte hinzu: „Natürlich haben Sie Zweifel. Ich bin auch nicht gekommen, um zuviel über mich zu sprechen. Das würde meinen ersten Eindruck als Gentleman ruinieren.“
         Er griff in die Innentasche seines Mantels, holte ein kleines Kärtchen hervor und betrachtete es nachdenklich. „Es ist unangenehm, wenn das Gegenüber offenbar viel weiß und man selbst nur wenig. Ich bedauere das, aber es wird Ihnen genügen müssen, dass ich Ihnen helfen will. Ich handle im Sinne vieler meiner... Freunde... wenn ich Ihnen das hier gebe.“
         Er reichte ihr das Kärtchen und sie nahm es nach einigem Zögern. Dabei berührten sich ihre Finger aus Versehen und eine unangenehme Kälte blieb auf ihrer Haut zurück. Sie betrachtete es und erkannte, dass es eine sehr exklusiv wirkende Visitenkarte war. „Lord Daleingtons Antiquariat.“, war darauf in Gold geprägten Lettern zu lesen. Das Papier war schwer und zweifellos teuer. Auf der Rückseite entdeckte sie eine Adresse am Rande New Yorks. Einer sehr noblen Ecke am Rande New Yorks., dachte sie nicht unbeeindruckt.
         „Mit dieser Karte werden Sie Zugang zu der wohl erstaunlichsten privaten Sammlung erlangen, die auf diesem Kontinent zu finden ist.“, erklärte ihr Begleiter. Seine Augen sahen sie unentwegt an und ließen jegliche Besorgnis aus ihrem Herzen verschwinden. „Sie ist nur sehr ausgewählten Kreisen vorbehalten und eine solche Karte ist ein seltenes Geschenk.“
         Diane ließ geehrt die Karte sorgsam in ihrer Brieftasche verschwinden, während sie fragte: „Was werde ich dort finden?“
         „Suchen Sie ein Buch mit dem Titel ‚Das Wesen der Bestie’. Sie werden es im Moment vielleicht noch nicht so recht nützlich finden, da ihnen der Glaube fehlt. Wählen sie einen Zeitpunkt, an dem ihr Schulwissen versagt.“
         Bevor sie fragen konnte, was das nun schon wieder heißen sollte, fuhr Linus fort. Seine Stimme war wie ein stetiger Fluss aus warmem Samt, der sich um sie schmiegte. „Das ist der erste Teil meiner Hilfe. Der zweite Teil ist... wie soll ich es sagen..."
         Er lächelte und guckte so reumütig, dass sie laut lachen musste. "Nur raus damit."
         "Nun ja, es ist nicht ganz uneigennützig, wollte ich sagen. Es ist gewissermaßen Hilfe und Bitte zugleich. Es gibt einflussreiche... Bürger der Stadt, die sehr beunruhigt sind wegen der Wolfsmorde. Manche von uns stellen sogar eigene Ermittlungen an, um diese Gefahr schneller zu bannen. Doch gibt es da einen... blinden Fleck, der sich unserem Einfluss entzieht."
         Linus sah nun ernst und sehr besorgt aus, seine Sorge wurde ein Teil ihrer Sorge. "Es gehen merkwürdige Dinge vor auf dem Boden des Ordens des Gleichgewichts. Sie sind religiöse Fanatiker, die einen seltsamen Hang zu Tieren haben. Sekten wie diese erweisen sich als sehr resistent gegen unsere Form der Nachforschung. Vielleicht sollten Sie dem Orden einen Besuch abstatten."
         Es kostete sie einige Mühe, sich dem Bann dieses Mannes zu entziehen, aber nach einem zähen inneren Kampf gelang es ihr endlich.
„Moment mal. Moment. Mal.“ Sie blieb stehen und musterte ihr Gegenüber. „Warum sollte ich auch nur daran denken, Ihre Hilfe für seriös zu halten?“
         Mit einem Mal erkannte sie, dass Linus’ Lächeln nicht mehr gewinnend, sondern kalt und abschätzend war. „Weil Sie sich bei jedem neuen Opfer fragen würden, ob meine Hilfe es nicht verhindert hätte.“, antwortete er geradeheraus. Nichts war mehr von seiner Freundlichkeit übrig. „Sie wären ein Narr, wenn Sie meine Hilfe ausschlügen.“
         Mit diesen Worten wandte er sich um stieg in einen Wagen, der neben ihnen anhielt und verschwand hinter schwarz getönten Scheiben.
         Diane kratzte sich am Kopf. „Was war das eben?“ Linus - was ist das eigentlich für ein Name? Sie versuchte sich irgendwelche Details in Erinnerung zu rufen, die ihr verraten könnten, wer der Mann war, doch zu ihrer Verwunderung hatte sie nur ein unklares Bild im Gedächtnis, das auf zehn Prozent der Bevölkerung zutreffen mochte. Selbst das Nummernschild war ihr entgangen.
         Wieso tauchte jemand aus dem Nichts auf, führte Mafiosigespräche bei Nach und Nebel und verschwand dann wieder? „Ist diese Stadt denn voller Freaks?“, fragte sie sich zornig und erntete einen befremdlichen Blick eines älteren Pärchens, das ihr entgegen kam.
         Wütend ballte sie ihre Hände zu Faust und ging zügigen Schrittes weiter in Richtung Hotel. Na, was hast Du denn erwartet? Ein Freak rennt durch die Stadt und schlachtet Menschen ab. Das ruft doch unweigerlich andere seltsame Existenzen auf den Plan.
         "Der Orden des Gleichgewichts, wie?" So einfach ließ sie sich nicht um den Finger wickeln. Sie würde dem Orden einen Besuch abstatten, wie sie es sowieso vorgehabt hatte, nur vielleicht ein wenig wachsamer. Und herausfinden wer dieser Linus war. Mister Unbekannt stand jetzt ebenso auf der Liste ihrer Verdächtigen wie diese Sektenspinner.

Sie mochte wütend sein, aber sie war dennoch ein Profi. In dem Moment, in dem sie die Tür öffnen wollte, wurden ihr zwei Dinge bewusst: Jemand hatte sich an der Tür zu Schaffen gemacht und er hatte versucht seine Spuren zu verwischen. Der durchsichtige Klebestreifen, den sie zwischen Tür und Türrahmen angebracht hatte, war immer noch an Ort und Stelle, doch es war nicht wirklich ihrer. Die Schnitte an den Enden waren anders, also hatte jemand beim Öffnen der Tür das Klebeband zerrissen, seinen Fehler bemerkt und versucht zu kaschieren.
         Vorsichtshalber zog sie ihre Waffe, tastete durch den Spalt nach dem Lichtschalter und trat erst dann rasch in den Raum. Niemand da zum erschießen?, dachte sie sarkastisch und durchsuchte noch rasch das Bad. Der Eindringling war längst fort.
         Und hatte sich am Schrank zu schaffen gemacht. Die sorgsam eingeklemmte Teppichfaser war fort, auch wenn der Schrank wieder abgeschlossen und jedes Zettelchen in ihm genau an Ort und Stelle lag. Wer auch immer das gewesen war, hatte sich alle denkbare Mühe gemacht, seine Suche zu verbergen.
         Sie machte sich eine geistige Notiz. Es ging um mehr als nur um einen "normalen" Serienmörder. Die Manipulation ihres Handys, die Durchsuchung ihres Hotelzimmers, dieser Linus... All das roch zu sehr nach einem größeren Rahmen. Allmählich begriff sie, warum McKinzey sie hierher geschickt hatte.

Eine kurze Befragung des Personals am nächsten Morgen bestätigte ihren Verdacht. Der für die Zeitungen zuständige Page war ein blonder, hagerer Mann mit strahlend blauen Augen, der nach einigem Zureden gestand, dass er gegen eine kleine Bestechung einem anderen Pagen die Zeitung für Miss O’Donnell gegeben hatte. Angeblich wollte dieser sie persönlich überreichen, weil er sich in sie verguckt hätte. Nur war dieser Page nicht auffindbar und sowieso konnte sich niemand erinnern, dass jemand seiner Beschreibung zum Personal gehörte.

Die Internetrecherche und auch die Befragung der Polizeidatenbank blieben fruchtlos. Der Vorname Linus führte zu nichts. Es mochte ja sein wahrer Name sein, doch hieß das nicht, dass er unter ihm zu finden war...
         Wenigstens hatte die Suche bewirkt, ihr das Warten auf den Durchsuchungsbefehl für die Sekte zu verkürzen. Mit ihm in der Tasche machte sie sich zusammen mit Jack Miller auf den Weg.

Das Anwesen der Gilde lag weit abgelegen von wichtigen und großen Straßen, gut verborgen vor den neugierigen Augen der Welt und schmiegte sich in den Wald, als wolle es sich in ihm verstecken.
         Wie es ihre Gewohnheit war, trat sie erst einmal eine Wanderung um das Grundstück herum an, was ihr verwunderte Blicke Millers einbrachte. "Ich will nur wissen, auf welchen Wegen der Fuchs aus dem Bau davonschleichen kann, bevor ich ihn besuche.", sagte sie, als ob das irgendetwas erklären würde.
         "Erwarten Sie Schwierigkeiten?", fragte der junge Mann ein wenig nervös und sah über die Schulter.
         "Ich erwarte immer Schwierigkeiten.", antwortete sie nur und widmete ihre Aufmerksamkeit wieder ihren Beobachtungen. Statt einer Mauer wuchs eine uralte, dornige Hecke um das Anwesen herum. Dornige, gnarzige alte Sträucher bildeten ein dichtes, finsteres Flechtwerk.
         "Haben Sie schon jemals solch eine Hecke gesehen?", fragte Miller erstaunt. "Sie wirkt geradezu unnatürlich."
         Diane nickte. Unnatürlich war eine ziemlich treffende Beschreibung. Die Büsche schienen sich gegenseitig zu erwürgen und das wenige Licht, das ihnen blieb, ihrem Nachbarn zu neiden.
         Sie waren noch nicht weit gekommen, als hinter ihnen Hufgetrappel lauter wurde. Jemand schien im Galopp näher zu kommen. Das war seltsam, entlang der Hecke gab es keinen Weg. Diane wandte sich dem Ankömmling zu und wartete.
         Ein prächtiges braunes Pferd tauchte zwischen den Bäumen auf und sein Reiter war in eine graue Robe aus grobem, schlichtem Stoff gehüllt. Langes, schwarzes Haar floss über seine Schultern und umrahmte ein schmales, strenges Gesicht. Unfreundliche Augen musterten sie beide. "Was wollen Sie auf unserem Grund und Boden?! Gehen Sie!"
         Betont erstaunt sah Diane die Hecke und dann ihre Füße an. "Ich wusste nicht, dass wir Ihr Anwesen bereits betreten haben."
         "Unser ist das Land in zwei Meilen Umkreis. Gehen Sie!" Der Reiter sprach mit harscher, befehlsgewohnter Stimme.
         Sie wollte nicht sofort damit herausrücken, dass sie einen Durchsuchungsbefehl hatte. Er mochte zwar die Türen des Ordens öffnen, aber viele Münder verschließen. Also zückte sie nur ihren Ausweis. "Ich bin Diane O'Donnel, vom FBI." Die Augenbrauen des Mannes zogen sich noch weiter zusammen bis sie der finsteren Hecke glichen.
         Jack zeigte seine Marke. "Jack Miller, NYPD." Das Gesicht des Reiters glich nun Gewittergrollen.
         Rasch versuchte Diane die Wogen ein wenig zu glätten. "Es geht um einen Routinevorgang, Sir. Ihr Orden ist als Wolfshalter registriert und wir müssen Abdrücke von ihren Tieren nehmen, um zu belegen, dass ihr Orden nicht im Zusammenhang mit den Wolfsmorden steht.", formulierte sie ihr Vorhaben so vorsichtig wie möglich.
         "Haben Sie einen Durch..." Dann stutzte der Reiter, grübelte einen Augenblick und ein unerwartetes Lächeln huschte über seine Lippen. "Sie sind sehr höflich, Miss O’Donnell vom FBI. 'dass ihr Orden nicht im Zusammenhang mit den Wolfsmorden steht.' Wirklich, sehr höflich. Es ist doch eher so, dass sie hoffen, dass sich das Gegenteil erweist, oder?" Sein Pferd schnaubte unruhig und trat einige Schritte zurück. "Aber sie werden enttäuscht werden." Er deutete in Richtung des Tors. "Sie dürfen unsere Wölfe gerne sehen und können sich auch in unserer Ordenshalle vergewissern, dass wir auch keinen Wolf vor ihnen verbergen. Folgen sie mir." Er wandte sein Pferd und ließ es langsam loslaufen.
         Diane und Jack tauschten erstaunte Blicke, zuckten synchron mit dem Schultern und folgten dem Mann. Während sie so durch den Wald gingen, musterte Diane die berittene Wache unverhohlen. Irgend etwas stimmte nicht mit ihm. Sie konnte es nicht konkret benennen, aber der Ort, wo die Hufen den Boden berührten und der Ort wo der Kopf des Reiters saß schienen... nicht zusammenzupassen. "Fällt ihnen an dem Kerl und seinem Pferd was auf?", fragte sie Jack deshalb.
         Er warf dem Reiter einen prüfenden Blick zu und schüttelte dann den Kopf. "Wenn sie nicht meinen, dass er angezogen ist wie ein Spinner auf einem Mittelalterfestival und einen seltsamen Akzent hat... Nein."
         Doch so sehr sie sich auch konzentrierte, es gelang ihr nicht, den seltsamen Eindruck beiseite zu schieben. Etwas stimmte nicht mit diesem Mann.
         Am Tor angekommen wandte er sich noch einmal zu ihnen um. "Ich bitte um Verzeihung, Miss O'Donnel, Mister Miller, aber Sie werden sich einen kleinen Moment gedulden müssen. Der Orden ist es nicht gewöhnt, Menschen der Außenwelt zu sehen und wir haben einen Sprecher für die seltenen Gäste. Er wird sofort zu Ihnen kommen, während ich die Wölfe zusammentreiben lasse." Damit verfiel sein Pferd ohne sichtbare Anweisung in den Galopp und war verschwunden.
         Zwei finster dreinblickende Wächter, ebenfalls in graue Roben gekleidet traten vor das geöffnete Tor und versperrten so den Weg. Etwas raubtierhaftes lag in ihren Bewegungen und ihren Blicken. Endgültig befremdlich waren die Schwerter an ihren Hüften.
         "Ich wette, er will nur Beweise beiseite schaffen.", brummte Miller verdrießlich und winkte nervös zu den Wachen herüber. Die verzogen keine Miene.
         "Das glaube ich nicht.", sagte Diane. "Sekten haben meist einen PR-Profi, welcher die Öffentlichkeit mit lauwarmen Worten einlullen soll. Dieser Sprecher wird dafür sorgen, dass uns der Orden wie ein Hort des Friedens und der tiefen Vernunft erscheinen wird."

Quälend lange fünfzehn Minuten später kam ein ernst und sorgenvoll dreinblickender Mann die Straße zum Tor herunter, der so gar nicht in das Bild eines PR-Mannes passen wollte. Ein kantiges, wettergegerbtes Gesicht umrandet von langem, verzotteltem Haar, ließ den Mann eher wie einen Survivalfreak aussehen. Seine Robe war nicht grau, sondern in einem satten, angenehmen Grünton gefärbt.
         Er verbeugte sich ehrerbietig vor ihnen. "Sein Sie willkommen, Miss Diane.", begrüßte er sie mit rauer Stimme, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Er blickte ihr eine ganze Weile prüfend in die Augen, warf aber Jack nur einen flüchtigen Blick zu, bevor er sie mit einladender Geste bat, ihm zu folgen.
         "Geben sie den Wachen bitte ihre Schusswaffen und elektronischen Geräte. Der Orden verabscheut die moderne Technik."
         Sie taten, wie ihnen geheißen war und machten sich dann endlich auf den Weg. "Mein Name ist Shej Riim, Bruder des Ordens des Gleichgewichts und rechte Hand des hohen Rates. Sie dürfen mich ruhig Shej nennen, das macht es einfacher."
         Als er sie anlächelte, lief es ihr kalt den Rücken hinunter. Einen Augenblick lang war ihr, als hätte sie in rote Katzenaugen geblickt. Mühsam brachte sie einen gelassenen Tonfall zustande: "Shej... ein ungewöhnlicher Name."
         Shej neigte offenbar geschmeichelt seinen Kopf und das schaurige Gefühl verschwand. "Ich danke Ihnen. Sie werden feststellen, dass dies ganz und gar kein gewöhnlicher Ort ist."
         Diesmal war sie in der Lage, sein Lächeln zu erwidern. "Möchten Sie uns ein wenig von ihm erzählen? Ich muss eingestehen, dass ich nichts über ihren Orden weiß."
         "Ist das ein Verhör oder einfache Neugier?", schmunzelte Shej. Eigentlich wirkte er unerwartet sympathisch.
         "Reine Neugier. Solange Sie mir nicht erzählen wollen, dass Sie Menschen jagen...", ging sie auf seinen Scherz ein.
         "Oh. Dann eben nicht." Er zuckte seltsam mit den Ohren, ließ ihr Lachen ausklingen und begann dann: "Der Orden des Gleichgewichts wird heutzutage gerne als Sekte angesehen und es ist uns auch reichlich egal, wie man uns nennt. In der Tat ist er aber schon Jahrhunderte alt. Er ging aus den druidischen Kulten älterer europäischer Kulturen hervor und hält einige ihrer Glaubenssätze bis heute am Leben."
         Seine raue Stimme fesselte sie rasch und sie wusste nun genau, warum der Orden Shej ausgewählt hatte, sie zu empfangen. Er machte seine Sache gut.
         "Wir fühlen uns als die Wächter über das Gleichgewicht der Natur. Die Menschen von heute stören dieses Gleichgewicht durch ihre Technik und ihre verdorbenen Auren."
         "Klingt für mich nach Hippies.", flüsterte Jack kaum hörbar, doch Shej warf ihm einen tadelnden Blick zu.
         "Sie begreifen die Tiefe dessen nicht, was wir hier tun, Mister Jack.", sagte Shej dennoch freundlich. "Es genügt nicht, die Natur in Frieden zu lassen, während der Rest der Welt sie vernichtet. Wir leben für die Natur, geben ihr unsere Kraft und stärken sie durch mächtige Rituale. Wir heilen, was zerstört wird."
         Er hob sein Haupt in Stolz, als er fortfuhr: "Um dazu in der Lage zu sein, müssen wir lernen, die Sprache des Landes und der Tiere zu verstehen, um ihre Sorgen und ihr Leid zu begreifen. Diese Gabe erfordert ein Leben des hingebungsvollen Lernens und der Meditation."
         Diane, die die ganze Zeit über die Umgebung im Auge behielt und nach etwas verdächtigem Ausschau hielt, blickte ihren Gastgeber nun wieder an und erwiderte: "Das klingt nach einer sehr friedlichen Existenz und einer bemerkenswerten Anschauung dem Leben gegenüber. Doch warum schotten Sie sich dann derart von der Außenwelt ab? Wozu die Schwerter tragende Wachen?"
         Shej warf ihr einen raschen Seitenblick zu. Immer im Dienst., sagte der. "Dieses Land hier ist unser Schrein. Es beschützt uns und wir beschützen es. Wir lassen nicht zu, dass Außenstehende das Land entweihen."
         In diesem Augenblick brach plötzlich ein Wolf aus dem Gebüsch links der Straße, schnupperte die Luft und rannte dann die Straße hinauf.
         "Wie...", brachte Jack nur heraus.
         Shej hob abwehrend die Hände. "Sie werden es erst glauben, wenn sie es sehen, Mister Jack."
         Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her, bis Diane ihrer Neugier nachgab. "Ich habe gehört, dass ihr Orden ein altes Schloss bewohnt... Das ist ungewöhnlich für diese Gegend."
         "Wir haben es selbst erbaut." Als er ihren erstaunten Gesichtsausdruck bemerkte, fügte er schmunzelnd hinzu. "Der Aequilibriumsorden hat es erbaut, nicht wir. Auch wenn wir vielleicht gesünder leben, leben wir doch nicht so viel länger.
         In der Zeit der Besiedlung Amerikas kam der Orden ebenfalls über das Meer und erbaute hier seine erste Ordenshalle. Es waren noch rauere Zeiten damals, deswegen erinnert ihr Äußeres eher an eine Festung als an einen Hort der Natur."
         Die Straße bog sich nach rechts und wurde dann schnurgerade. Weit entfernt konnte Diane einen ersten Blick auf graue, hohe Mauern aus behauenem Felsstein werfen. Ein mächtiges Tor stand weit offen und wirkte dennoch sicher und uneinnehmbar.
         Shej erzählte noch ein wenig über die Geschichte des Ordens, doch Diane konnte seinen Worten irgendwann nicht mehr so recht folgen. Zwei Wölfe trotteten an ihnen vorbei und gesellten sich zu einem Rudel, das vor dem Tor der Ordenshalle unruhig wartete.
         Ein weiterer in grün gehüllter Bruder des Ordens und eine grün gekleidete Frau redeten ruhig auf die Wölfe ein und schienen sie so im Zaum zu halten. "Wie machen die das?", unterbrach sie ihren Führer mitten im Satz.
         "Gedulden Sie sich noch einen Moment, Miss Diane." Shej schmunzelte nach wie vor auf eine sehr sympathische Art und Weise. "Die Wolfsdruidin wird es Ihnen besser erklären können als ich."
         Es war nicht mehr weit bis zum Platz vor der Ordenshalle, die sich mehr und mehr vor ihnen wie eine Festung auftürmte. Graue, harte Wälle, Fenster erst weit über dem Erdboden, wehrhafte Wachtürme und ein schützender Graben. Graue Wachen mit Armbrüsten patrouillierten auf und vor den Mauern. Sie scheinen für einen Krieg gewappnet zu sein, Bruder Shej., dachte sie bei sich. Sie verstand einiges von Gebäudesicherheit und die geschärften Blicke der Männer und Frauen, sowie ihre geschmeidige Art sich zu bewegen wiesen sie als wachsam und gut ausgebildet aus. Shej Riim konnte ihr erzählen was er wollte, da steckte mehr dahinter als nur das Fernhalten von Außenstehenden. Toll, dann bleibt ja nur Sektenparanoia, Mafiaverwicklung, Verbergung paramilitärischer Aktivitäten, illegaler Pizzaservice...

Je näher sie dem Wölfen kamen, desto unlieber setzte sie einen Fuß vor den anderen. Zu genau erinnerte sie sich an ihren Wolfstraum. Die Wölfe musterten sie und Jack misstrauisch und witterten immer wieder die Luft nach dem neuen Geruch, den sie beide mitbrachten. Den wölfischsten Blick von allen warf ihr aber die Frau zu, die zu den Wölfen sprach. Ihr Lächeln erinnerte Diane an die gefletschten Zähne ihrer Schützlinge. Auf einmal fühlte Diane sich ohne ihre Waffe nackt.
         „Das ist unglaublich.“ Jack Miller staunte wie ein Kind zur Bescherung. „Wie haben sie die Wölfe dressieren können?“, fragte er die Wolfsbändigerin.
         Die warf ihm einen bösen Blick zu. „Wir dressieren die Tiere nicht. Wir lernen ihre Sprache.“
         Diane sah erstaunt zu Bruder Shej. Sie hatte nicht geahnt, dass er es wörtlich gemeint hatte. „Ich bin Diane O’Donnell.“, stellte sie sich vor und reichte der Druidin die Hand.
         „Ich weiß, wer sie sind, Miss O’Donnell.“, erwiderte die Druidin kühl und ignorierte ihre Hand. „Ich habe die Wölfe bereits gefragt. Sie können Ihre Abdrücke nehmen.“
         Mit hochgezogenen Augenbrauen wechselten Diane und ihr Begleiter erstaunte Blicke und Miller setze seine Beweismitteltasche ab und fummelte sichtlich nervös wegen der Wölfe an ihr herum. Er brachte ein Päckchen mit der Bissmasse heraus und sah es zweifelnd an. Er wusste wohl nicht so recht, was er nun tun sollte. Ursprünglich hatte er eher daran gedacht, von betäubten Wölfen die Abdrücke zu nehmen.
         Unwirsch nahm ihm die Druidin das Päckchen aus der Hand, schnupperte daran und verzog das Gesicht. Dann hielt sie es dem schnuppernden Wolf hin, der Jack daraufhin anknurrte und schließlich hineinbiss.
         Die Druidin flüsterte ihm etwas ins Ohr und der Wolf sprang davon. „Er findet es abscheulich.“ Angewidert gab sie Jack den Gebissabdruck zurück, der es sprachlos staunend entgegennahm.
         Diane ging es nicht anders. Das war einfach unglaublich. Das Seltsame war, dass sie nicht so recht wusste, ob ihr die Abdrücke als Beweis genügen würden. Wer derart mit Wölfen umzugehen vermochte, konnte sie doch auch zum Töten einsetzen, oder? „Kommen Sie klar, Jack? Ich würde mich gerne noch ein wenig umsehen.“
         Jack kritzelte etwas auf seiner Checkliste herum und nickte geistesabwesend. Dabei behielt er die Tiere argwöhnisch im Blick.
         „Ich sagte Ihnen doch, dass dies ein ungewöhnlicher Ort ist.“, sagte Shej. Sein sympathisches Schmunzeln galt wohl dem kaum verborgenen Ausdruck grenzenlosen Staunens, der sich Dianes bemächtig hatte. „Was wollen Sie sich ansehen?“
         „Noch mehr Außergewöhnliches.“, antwortete sie begeistert und war ein wenig traurig, dass das nicht die ganze Wahrheit war. So sehr sie all das hier faszinierte, blieb der Orden verdächtig. Erst recht, da sie bei beinahe jedem, der hier herumlief ein seltsames, bedrohliches Gefühl hatte. Ignorieren Sie niemals ihren Instinkt., hatte man ihr während der Ausbildung immer wieder gesagt. Und ihre Instinkte dienten ihr seitdem gut.
         „Dann folgen Sie mir. Im Gegensatz zu den meisten Brüdern und Schwestern unsers Ordens bin ich der Auffassung, dass ein wenig Öffnung nach Außen nicht schaden kann.“
         Sie ließen Jack mit der Druidin und den Wölfen allein und gingen zu dem Tor der... Festung. Dianes Augen waren ständig auf der Suche nach Sicherheitsvorkehrungen und sie war erstaunt, keine außer den Wachen zu finden. Ihre Aversion gegen die Technik hielt sie offenbar auch davon ab, Alarmanlagen oder ähnliches zu installieren.
         Ein seltsames Symbol auf der Schwelle erregte ihre Aufmerksamkeit.
         „Sie werden hier überall solcherlei Runen finden, Miss Diane.“, erklärte ihr Shej bereitwillig. „Das, was sie am ehesten als Mystik bezeichnen würden, prägt unseren Glauben und unser Leben.“
         Trotz seiner Worte trat sie ungern über das Zeichen hinweg. Ein seltsamer Schauer überkam sie und verging ebenso rasch.
         Eine unglaublich schöne Frau kam ihnen energischen Schritts entgegen. „Shejrriim. Wir müssen reden!“, forderte sie harsch. Zu Dianes Verwunderung trug sie keine einfarbige Robe, sondern eine elegant geschnittene Bluse und Hose unterschiedlicher Farben.
         „Das ist nicht der geeignete Zeitpunkt, Schwester Thuvindal. Wir haben einen Gast vom FBI.“
         Mit zusammengekniffenen Augen musterte sie Diane eindringlich, sagte: „Sieh Dich vor, sie ist mehr, als sie uns glauben lässt.“ und stürmte zum Tor hinaus.
         Diane sah ihr entgeistert und misstrauisch hinterher. Diese Person hatte nur einen kurzen Blick gebraucht, damit sich Diane bis aufs Mark durchleuchtet fühlte. Und ihre offene Aggressivität passte gar nicht zu dem Orden.
         „Entschuldigen Sie bitte ihr Verhalten, Miss Diane.“, der ihren Blick offenbar missverstand.
         „Wer ist sie? Eine vom Rat?“
         Shej lachte herzlich über ihre Worte auf, bemühte sich aber rasch, es wieder runterzuschlucken. „Nein, nein. Sie ist erst seit kurzem bei uns.“ Mit einer Geste in Richtung der Halle lud er sie zum weitergehen ein. „Sie hat ihr Temperament noch nicht so recht unter Kontrolle.“
         Diane bat ihren Führer, ihr einfach kurz alle Räume zu zeigen, damit sie sicher gehen konnte, dass der Orden nicht noch irgendwo andere wilde Tiere versteckte und er willigte ohne Zögern ein.
         Während er sie nach und nach durch Schreibstuben, Essensäle, Quartiere, Versammlungszimmer und Räume anderer Art führte, unterhielten sie sich angeregt und Dianes Staunen wurde immer größer. Sowohl seine Erzählungen wie auch jede Ecke dieser Festung sprachen eine eindeutige Sprache. Diese Menschen liebten das Leben in all seinen Formen über alles.
         Bruder Shej redete verträumt von den Hainen seiner Heimat, schwärmte von der Schönheit und Vollkommenheit eines Baumes, dem Klang des Regens auf Seerosenblättern und ihr wurde nicht langweilig dabei. Er sprach wie ein Verliebter.
         Überall, sei es auf den langen Gängen, in den größten Sälen oder in den kleinsten Kammern... überall gediehen Pflanzen, Blumen, Bäumchen, Büsche unter geschickt durch Schächte in der Decke geleitetem Sonnenlicht. „Dass wir die modern Technik verabscheuen bedeutet nicht, dass wir auf dem Stand des Mittelalters leben.“, sagte Shej nicht ohne Stolz, nachdem er ihre neugierigen Blicke bemerkt hatte. „Wir fangen das Licht mit Spiegeln und Linsen auf dem Dach ein und leiten es in die Zimmer.“
         Dennoch fühlte sich Diane in das Mittelalter zurückversetzt – eine nicht ganz so finstere Version des Mittelalters. Es gab da einen marmorierten Saal, der prunkvoll eingerichtet und Ehrfurcht gebietend groß war – Shej sagte, dass sich hier der Rat versammelte. Eine eindrucksvolle Bibliothek hielt Bände und Schriftrollen, die so aussahen, als wären sie schon zu Luthers Zeiten alt gewesen. Fackeln steckten an den Wänden und warteten auf die Nacht. Überall schritten in Roben gehüllt Gestalten einher, die sie unfreundlich musterten. Die Zeit weilte hier einfach noch im Gestern, so schien es.
         Doch trotz ihrer Faszination tat Diane ihren Job. Ihr Kopf zeichnete den Grundriss jedes Raumes mit, suchte nach Lücken, verborgenen Kammern. Ihr fiel auf, dass zwar viele magisch anmutende Symbole auf dem Boden, an Säulen und Türpfosten zu sehen waren, aber dass keines von ihnen Anlehnung an keltische Symbolik fand. Dabei hatte Shej doch während seiner Erzählungen erwähnt, dass die keltischen Druiden eine der Wurzeln ihres Glaubens waren.
         Jeder, aber auch wirklich jeder hier machte auf sie einen kampfbereiten Eindruck. Diane hatte genug mit trainierten Elitekämpfern zu tun gehabt, um die kleinen Anzeichen zu erkennen, die solche Menschen verrieten: stets wachsame Blicke, diese bestimmte, vorsichtige, bereite Art sich zu bewegen, Anspannung in allem, was sie taten. Zwar glaubte sie nicht, dass jeder hier ein verkappter Profisöldner war, aber es waren... Krieger die jederzeit auf einen Angriff gefasst waren.
         Und je mehr sie auf ihren Instinkt lauschte, um so mehr schien etwas nicht zu stimmen mit diesem Orden. Doch allein auf ihren Instinkt verließ sie sich nie. Ihr Verstand bescheinigte ihr, dass Shej offenbar keinen Raum vor ihr verbarg, dass es keinen Beweis für einen Zusammenhang mit den Wolfsmorden gab, dass es keinen rationalen Grund gab, überhaupt nur einen Zusammenhang zu sehen. War es nicht sogar so, dass der Mörder Garmonts und Dwenmoores Computer- und Technikspezialist gewesen sein musste? In diesem Gebäude gab es nicht einmal einen Taschenrechner.

Nachdem die seltsamste Führung ihres Lebens zu Ende gegangen war, traf sie vor der Festung wieder auf Jack Miller, der sich begeistert mit der Druidin unterhielt. Sehr zu ihrem Leidwesen, wie es schien, denn sie versuchte nicht einmal ihre Erleichterung zu verbergen, als sie Diane kommen sah.
         „Haben Sie alles, was sie brauchen, Mister Jack?“, fragte Shej freundlich.
         „Alle siebenundvierzig registrierten Wölfe haben mir bewiesen, dass ich noch eine Menge zu lernen habe.“, antwortete er mit lebhafter Begeisterung. „Wenn ich das meiner kleinen Tochter erzähle, glaubt sie mir das nie.“
         Ohne sich zu verabschieden ging die Druidin fort und Shej brachte sie zurück zum Tor des Anwesens. „Leben Sie wohl, Miss Diane.  Es war mir ein Vergnügen, einen solch aufmerksamen Zuhörer zu haben.“, sagte er zum Abschied und reichte ihr die Hand.
         „Es war mir eine Freude, Bruder Shej.“ Sie schüttelte seine Hand und musste sich bemühen, die Miene nicht zu verziehen, bis sie sich abgewandt hatte. Einen kurzen Augenblick war ihr gewesen, als hätte sie Fell berührt.

Enthüllungen und Rätsel

„Meine Antwort auf Ihre Frage wird Ihnen nicht gefallen.“, sagte Jack Miller gut gelaunt, als er am nächsten Tag ihr Büro betrat.
     Verwundert sah sie ihn an. Sie war ein wenig zerstreut, weil er sie aus einer Internetrecherche wegen des Ordens herausgerissen hatte. „Ich habe Sie doch noch gar nichts gefragt.“
     „Dann tun Sie’s!“ Der junge Mann versteckte etwas hinter seinem Rücken und wirkte wie ein Lausbube, der Süßigkeiten gestohlen hatte.
     „Was haben Sie anhand der Gebissabdrücke herausgefunden?“
     „Die Tiere sind alle prächtig gesund. Und sie können nichts mit den Wolfsmorden zu tun haben. Ihre Gebisse sind alle zu klein.“
     „Verdammt.“ Sie hatte so etwas schon vermutet. Warum sonst diese Zusammenarbeit?
     „Ich sagte doch, dass es Ihnen nicht gefallen wird.“ Mit einem entschuldigenden Achselzucken legte er seinen Bericht auf ihren Schreibtisch.
     „Ich hätte es von dem Moment an wissen müssen, als uns die Sekte ohne Durchsuchungsbefehl auf ihr Anwesen gelassen hat. Sie haben uns nur geduldet, weil sie ihre Unschuld beweisen konnten.“
     „Also zurück zu den anderen Spuren?“
     Diane fühlte sich ein wenig niedergeschlagen. Ewig nur im Dunkel zu tappen, lag ihr nicht sonderlich. Ihre andern Jobs für die Agency waren stets konkrete Ziele gewesen... „Sieht so aus.“
     Jack warf ihr einen mitfühlenden Blick zu, für den sie ihn am liebsten umarmt hätte. „Die Pathologie hat die Leiche von dem Koreaner fertig. Wollen Sie sich die auch mal ansehen?“
     „Der Kampfsportler?“
     Jack nickte und sie ging mit ihnen zusammen in Richtung Keller.
     „Das klingt jetzt vielleicht nicht gerade professionell...“, begann Jack und hielt dann zögerlich inne.
     Diane musterte ihn lächelnd. Sie mochte Jack. Er wirkte trotz seiner dreißig Jahre noch erfrischend lebendig und jungenhaft. „Nur heraus damit.“
     „Glauben Sie, dass sie nichts mit den Morden zu tun haben?“
     „Der Orden?“ Diane lachte trocken. „Ich sollte es glauben, aber etwas an ihnen schmeckt mir nicht. Die Sache ist nicht rund und ich habe ein seltsames Gefühl bei diesen Kuttenträgern. Nichts, was sich konkret in Worte fassen ließe.“ Sie klopfte sich auf den Bauch. „Das sitzt mehr hier.“
     Jack wirkte erleichtert, dass sie so offen zu ihm war. „Bei dieser Wolfslady ist es mir auch schummrig geworden. Sie hat mich ziemlich feindselig angesehen, weil ich ihre Wölfe mit dieser ekligen Abdruckmasse belästigt habe. Sie hätten das sehen müssen!“ Er schüttelte immer noch ungläubig den Kopf. „Einer nach dem anderen kommt artig angetrottet, knurrt mich beleidigt an und beißt dann – angewidert möchte ich meinen – in das Zeug.“
     Sie stießen die schwere Tür zu Pathologie auf und tauchten in das kalte, sterile Reich der Gerichtsmedizin ein. Jack rümpfte die Nase und Diane meinte sarkastisch: „Ah! Ich liebe den Geruch von Desinfektionsmitteln am Morgen.“
     Jack warf ihr einen halb säuerlichen, halb belustigten Blick zu. „Sie klingen schon wie die.“, er nickte in Richtung eines Gerichtsmediziners, der gerade eine Leiche untersuchte.
     „Reiner Überlebensinstinkt. Fragen Sie...“, sie stockte als sie im Vorrübergehen einen Blick auf das Gesicht der Leiche warf. „...Freud.“ Diane blieb fassungslos stehen. „Verdammte Scheiße.“ Der Tote auf dem Obduktionstisch war Mister Paranoid.

„Er war was?“ Der Captain sah sie entgeistert über den Rand seines Kaffeebechers an.
     „Ein Zeuge im Mordfall in der Shermstreet. Und jetzt liegt er von einem Auto überrollt im Leichenkeller.“, wiederholt Diane gelassen. Nach einem kurzen inneren Ringen, hatte sie beschlossen, Bofield zu vertrauen. Ihr Instinkt sagte ihr, dass er einer der wenigen wirklich cleanen Cops war.
     Bofield trank seinen Kaffee in einem großen Schluck aus, warf den Becher in den Müll und begann in seiner Schublade herumzuwühlen. „Wieso zum Henker weiß ich davon nichts!“, brummte er verärgert. „Ich bin immer noch der Chef hier.“
     „Er hat sich direkt an mich gewandt und bestand darauf, dass niemand von ihm erfährt.“ Sie senkte ein wenig ihre Stimme, als sie fortfuhr: „Seiner Aussage habe ich bis zum heutigen Tag auch nicht viel Glauben geschenkt. Doch sein Tod passt zu sehr zu meinen anderen Erlebnissen.“
     Der Captain sah kurz von seiner Suchaktion auf, mit einem Blick der soviel sagte, wie was zum Teufel kommt jetzt noch, bevor er sich wieder seiner Schublade widmete.
     „Es ist mehr an dem Fall dran, als es zunächst scheint, Captain. Je mehr ich darüber nachdenke, desto sicher bin ich mir, dass die Morde an Dwenmoore und Garmont entweder an einen anderen Täter oder an ein anderes Motiv gebunden sind, als die restlichen Morde.“
     „Wo sind meine verdammten Zigaretten?“, seufzte Bofield resigniert, ließ sich in seinen Stuhl zurückfallen und widmete seine Aufmerksamkeit ganz ihr. „Ist seit unserem Gespräch im Park noch mehr dazu gekommen, was sie zu diesem Schluss bringt?“
     Diane verstummte kurz. Eine witzige Frage. Es war seit dem soviel geschehen, dass sie aufpassen musste, nichts auszulassen. „In mein Hotelzimmer ist eingebrochen worden...“
     Was?
     „... ich wurde des Nachts von einem gutbetuchten Mafiosiverschnitt auf den Fall angesprochen, eine Typ schnüffelte als Page verkleidet hinter mir her und nun liegt mein einziger Zeuge tot im Kühlschrank.“ Außerdem habe ich regelmäßig seltsame Halluzinationen, ich fühle mich auf Schritt und Tritt verfolgt und der Orden des Gleichgewichts jagt mir einen Schauer über den Rücken., fügte sie noch in Gedanken hinzu. Und wenn wir schon dabei sind: Jemand von der Regierung wollte, dass sich die Agency um den Fall kümmert. Habe ich noch nicht erwähnt, dass ich gar nicht vom FBI bin?
     Captain Bofield hatte offenbar so schon genug damit zu tun, die Sache zu verdauen, ohne noch ihre Gedanken zu hören. „Wo bin ich da nur reingeraten?“, seufzte er und vergrub das Gesicht in seinen Händen. „Da ist wirklich was mächtig faul, oder ich bin nicht zu Recht Captain.“
     „So wie der Hase läuft, geht es da um einflussreiche Leute. Vielleicht waren die Morde an Garmont und Dwenmoore Auftragstötungen.“ Diane grübelte einen Moment lang. „Entweder jemand imitiert die Wolfsmorde, wozu er aber eine Quelle in der Polizei bräuchte, die ihm Details verrät. Oder jemand bringt den Wolfsmörder dazu, gelegentlich gezielt zuzuschlagen. Vielleicht wird er mit Beweisen erpresst oder lässt sich einfach bezahlen...“
     Bofield sah aus, als hätte er in eine Zitrone gebissen. „Mir schmecken beide Vorstellungen nicht. Entweder ein Polizeispitzel oder ein erpressbarer Serienmörder. Was hat ihr Zeuge denn eigentlich über den Mord in der Shermstreet gesagt?“
     „Er sagte...“ Diane räusperte sich und verstand auf ein Mal sehr gut, wie sich Mr. Paranoid damals gefühlt hatte. „Der Täter wäre entweder in einem Wolfskostüm verkleidet, das Produkt eines Genexperiments der Regierung oder ein Werwolf.“
     Die Kinnlade Bofields kämpfte mit der Schwerkraft und gewann ziemlich schnell. „Das ist der denkbar größte Bullshit den ich je gehört habe.“
     Wem sagen sie das? „Ich weiß. Doch jetzt ist er tot und hat vielleicht mehr Wahrheit in seinen Worten gehabt, als wir glauben wollen. Oder er hat noch mehr gewusst, als er mir gesagt hat. Aber ich glaube nicht, dass es ein zufälliger Autounfall war, dem er zum Opfer fiel. Mit Fahrerflucht.“
     Der Captain wirkte reichlich hilflos, als er durch die Scheibe zu den Schreibtischen der Polizisten sah, dann auf seine Hände hinab und schließlich in Dianes Augen. „Es ist eine Schande, dass wir nicht wissen wo er gewohnt hat. Er hatte keinerlei Papiere bei sich und in der Kartei sind keine Fingerabdrücke von ihm zu finden.“
     „Ich war bei ihm zu Hause.“
     Bofield seufzte laut und sackte ein wenig zusammen. „Sie bringen mich noch um den Verstand, Miss O’Donnell. Leider kann ich Sie nicht dazu verdonnern, mir täglich einen Bericht zu schreiben, aber bitte...“, er sah sie geradezu flehentlich an, „bitte halten Sie mich ab jetzt halbwegs auf dem Laufenden, ohne dass ich fragen muss.“

Sie wollten gerade das Revier verlassen, als ein Kurier von UPS auftauchte und für Miss O’Donnell ein Päckchen abzugeben hatte. Captain Bofield begann auf den Absender zu schielen, also unterschrieb Diane hastig und riss das Päckchen an sich.
     „Miss O’Donnell? Wieso habe ich das Gefühl dass Sie schon wieder ein Geheimnis vor mir haben?“ Bofield schmunzelte diesmal amüsiert. „Warum schickt ihnen eine Modelagentur für Schwule ein Päckchen?“
     Diane verfluchte den Scherzkeks von Kollegen, der einer Frau einen solchen Falschabsender herausgesucht hatte. „Nur der Scherz eines Kollegen, vermute ich. Ich habe das Video, das ich von Mister Paranoid bekommen habe, auf Echtheit prüfen lassen.“
     „Mister Paranoid?“
     „Der Tote im Keller.“
     „Aha.“ Bofield schüttelte den Kopf und kramte in seinen Taschen nach dem Autoschlüssel. „Wieso haben sie das nicht von unseren Leuten machen lassen?“ Er fand sie und sie stiegen ins Auto ein.
     „Ich wollte nur sicher...“ gehen. Aus dem Strom von Menschen, die in das Polizeirevier strömten und aus ihm herauskamen, stach eine Polizistin drastisch hervor. Sie hatte einen Wolfskopf. Diane drückte fest die Augen zu, dass es ihr beinahe wehtat und sah erneut hin. Das Trugbild war verschwunden, doch nun viel ihr auf, dass die Blicke der Polizistin ständig über Diane hinwegglitten, ohne sie jedoch konkret anzusehen.
     „Wer ist das?“, fragte sie Bofield. „Die blonde Polizistin dort?“
     Bofield neigte sich zu Dianes Seitenfenster und sah hinaus. „Die kenne ich nicht. Sie ist nicht von unserer Truppe. Warum?“
     „Sie beobachtet uns. Seit sie aus dem Revier kam, tut sie so, als würde sie telefonieren.“
     Der Captain runzelte die Stirn, brummte etwas Unverständliches und stieg aus. In diesem Moment begann die Polizistin aufmerksam zu werden und sich vom Strom der Menschen mittragen zu lassen.
     „Officer!“, rief Bofield angespannt. Offenbar kam es ihm nun auch seltsam vor. Doch die Frau reagierte nicht. „Officer! Bleiben Sie kurz stehen! Captain Bofield, einen Moment bitte.“
     Nun hatte es für die Blonde keinen Sinn mehr, so zu tun als ob sie das alles nichts anginge. Einen Augenblick zögerte sie, starrte Bofield finster an und rannte urplötzlich davon. Diane sprang aus dem Auto, Bofield setzte ebenfalls zur Verfolgung an und so begann für Flüchtige und Verfolger ein zäher Kampf durch die Menschenmassen.
     Einen Block später hatten sie sie im Gedränge verloren.
     Captain Bofield schnaufte ein wenig, hatte aber noch genug Puste für den ein oder anderen Fluch. „Wie haben Sie die entdeck? Es waren vierzig Menschen vor dem Eingang, zehn davon Polizisten...“
     Das war eine gute Frage. Diane sah finster in die Richtung, in der die falsche Polizistin entkommen war. Wie hatte sie sie erkannt? Der Wolfkopf musste irgendwie Ausdruck ihres Unterbewusstseins gewesen sein. „Instinkt?“

Die Wohnung des toten Paranoikers schien nicht angerührt worden zu sein. Die Tür war mit mehreren Schlössern abgeschlossen, von denen keines verdächtige Spuren aufwies. Mit dem Schlüsselbund, das man beim Toten gefunden hatte, bekamen sie schließlich alle auf.
     Eigentlich sah noch alles so aus, wie sie es in Erinnerung hatte. Nur der überdimensonierte Fernseher war aus und das Gerät, das die Überwachungsvideos aufzeichnete, blinkte und verlangte nach einer neuen Kassette.
     „Sieht alles ziemlich unpersönlich aus.“, meinte Bofield, nachdem er einen Blick in jedes Zimmer geworfen hatte. „Wenn man ein Leben auf der Flucht führt, hat es vermutlich keinen Sinn, sich Gemütlichkeit zu schaffen.“
     Diane hatte indessen die Kassette aus dem Rekorder herausgeholt, den Mr. Paranoid in einem Panzerglasschrank installiert hatte. „Wir haben Glück. Der Zeitraum auf diesem Band endet erst vor fünf Stunden. Wenn sich jemand an dieser Wohnung zu schaffen gemacht hat, ist er hier zu finden.“
     Bofield schüttelte den Kopf. „Die Wohnung sieht nicht so aus, als hätte sie jemand durchsucht. Alles scheint mehr oder weniger geordnet und ein Einbrecher hätte, wenn er schon den Schrank nicht aufbekommen hätte, doch versucht ihn aufzubrechen, um das Band zu vernichten. Es sind keine Spuren an dem Schrank.“
     Diane holte die Kassette hervor, die sie der Agency geschickt hatte, und schob sie in den Rekorder. Kurze Zeit später hatte sie den Zeitindex gefunden, ab dem laut Gerichtsmedizin der Mord geschehen sein könnte.
     „Das Bild scheint in Ordnung zu sein.“, wunderte sich Diane. „Er sagte, die Bilder seien unscharf.“ Eine Weile geschah nichts und sie las das kurze Schreiben durch, das bei der Kassette gelegen hatte. „Kassette eindeutig original und ohne aufspürbare Manipulation. Codierung mit 2 Kilobit Verschlüsselungstiefe, nur mit viel Zeit und extremen technischen Mitteln decodierbar. Keine privaten Quellen entsprechender Technik bekannt. Störungen auf Band sind unbekannter Art und müssen bei der Optik gesucht werden.“
     Bofield versuchte erst gar nicht, ihr beim Lesen über die Schulter zu schauen. Vermutlich hielt er es für besser, sie einfach machen zu lassen. Ahnte er etwas?
     „Sehen Sie!“ Der Obdachlose kam ins Bild und begann systematisch und mit stoischer Gelassenheit die Mülltonnen der Gasse zu durchsuchen. Nach und nach nährte er sich der Stelle seines Leichenfunds und die Anspannung in Diane wuchs enorm.
     Plötzlich tauchte eine Bildunschärfe wie aus dem Nichts in einem der Schatten der Gasse auf. Der Obdachlose hob verwundert den Kopf, lauschte. Der unscharfe Fleck glitt durch die Schatten auf ihn zu, da schnellte der Obdachlose herum und erstarrte. Er sagte irgendetwas, sah sich hektisch nach einem Fluchtweg um und wollte wegrennen. Die Unschärfe machte einen gewaltigen Satz und schleuderte ihn mit enormer Wucht gegen die Mauer.
     „Das ist die Stelle, wo der Blutfleck zu finden war.“, raunte Bofield. „Es war sein Blut.“
     Die Unschärfe wich zurück, der Obdachlose lauschte, Panik im Gesicht tragend, vielleicht sprach der Täter zu ihm. Zögernd löste er sich mit dem Rücken von der Wand, hob die Fäuste wie zum Boxkampf. Die Unschärfe sprang heran, verdeckte kurz den Obdachlosen und wich erneut zurück. Blutige Kratzer waren nun auf der Wange des Opfers zu sehen.
     Der Obdachlose begann zu brüllen, pumpte Zorn und Mut in sich hinein und stürzte sich auf seinen Angreifer. Offenbar entbrannte ein heftiger Kampf, der von der Unschärfe aber meist verschleiert wurde. Ab und zu wurde der Obdachlose aus ihr herausgestoßen, mit immer schwereren Wunden übersäht, bis er zu Boden geworfen wurde. Die Unschärfe sprang auf ihn, schien sich zu ducken. Als sie nach einiger Zeit von dem Opfer wich, rann Blut aus der klaffenden Halswunde des Mannes.
     Dann glitt der Mörder zur Wand. Wörter kamen unter dem blinden Fleck hervor. Dieser Satz. Das hatte ich schon beinahe vergessen! Dann wich die Unschärfe in einen tiefen Schatten zurück und löste sich auf.
     Die Wölfe vom Orden kann ich vergessen., war das erste, was ihr nach diesem grausig obskuren Schauspiel durch den Kopf ging. Das war kein Wolf. Jemand hat gekämpft, vielleicht mit metallenen Krallen bewaffnet... Aber die Genspuren, die Miller gefunden hat, waren von einem Wolf... Da passt was nicht.
     „Das ist eine verdammte Sauerei!“, fluchte Bofield leise und tastete die Taschen seines Mantels ab, fischte eine Schachtel Marlboro hervor und fluchte noch mal. „Leer.“ Er blickte Diane durchdringend an. „Was war das für eine verfluchte Störung auf dem Bild?“
     Sie zuckte mit den Schultern. „Der Täter muss irgendeine Störvorrichtung benutzt haben. Meine Kollegen meinten, die Störung kommt auf jeden Fall von der Quelle, nicht vom Band.“
     „Eine Störvorrichtung...“ Er zerknüllte die Zigarettenschachtel und rammte sie in seine Hosentasche. „Einmal mehr ein Beweis dafür, dass unser Mörder ein Technikass sein muss. Wenn ich mich hier so umgucke, war vielleicht Ihr Mister Paranoid sein Lieferant und hatte ausgedient.“
     Sie stellten die ganze Wohnung auf den Kopf, fanden aber nicht viel Brauchbares. Der Mann, der hier gelebt hatte, schien außer seiner Paranoia nicht viele Hobbys zu haben und abgesehen von einer Reihe zweifelhafter Zeitungsausschnitte, in denen es um Verschwörungen und Geheimplänen der Regierung ging, schien er keine nennenswerten Beweise seiner verworrenen Gedanken zu haben. Es war gut möglich, dass er sie irgendwo in einem anonymen Schließfach aufbewahrte, doch weder an seinem Schlüsselbund noch in seiner Wohnung fanden sie einen Schlüssel dazu.
     Die Technik, die hier überall herumlag, war nur Spielzeug. Der Mann verstand sein Handwerk und hatte einige interessante Abhörvorrichtungen, Überwachungskameras und ähnliches gebastelt, aber nichts von dem, was hier herumlag, war technisch hoch genug entwickelt, um daraus Hightech wie einen Störsender zu bauen.
     „Ich werde die Jungs von der Spurensuche die Wohnung genau untersuchen lassen.“, sagte Bofield schließlich. „Und jemanden mit dem Vermieter reden lassen. Es würde mich schon interessieren, wer er war. Doch ich fürchte, Sie müssen in Betracht ziehen...“
     „...das es wirklich nur ein Unfall war.“, beendete Diane seinen Satz, während sie eine Schachtel mit Visitenkarten durchwühlte. „Das halte ich nach wie vor für möglich, aber nach allem was geschehen ist, scheint mir das ein zu großer Zufall zu sein.“ Sie zog eine Karte heraus. „Was ist denn das? Robert Spencer? Dieser Name kommt mir bekannt vor.“
     Captain Bofield wurde hellhörig. „Der tote Journalist aus dem Park.“
     Diane steckte die Visitenkarte in ihre Innentasche. „Glauben Sie immer noch an einen Unfall?“
     Er schüttelte langsam den Kopf. „Ich denke nicht. Seine Wohnung wurde inzwischen freigegeben und bestimmt schon geräumt. Aber ich habe die Adresse von seinen Eltern.“

Miss Spencer wirkte trotz der Wochen, die seit dem Tod ihres Sohnes vergangen waren, noch ziemlich aufgelöst. Offenbar kannte sie den Captain bereits, denn sie begann sofort wieder an zu weinen, als sie ihn erblickte.
     „Haben Sie ihn?“, war das Erste, was sie herausbrachte. Dann ließ sie kraftlos den Kopf hängen, und verbesserte sich. „Natürlich nicht. Es wäre in den Nachrichten gekommen.“ Eine Zeit lang stand sie nur da, sah den Boden an und schien sie beide vergessen zu haben.
     „Miss Spencer?“, fragte Diane behutsam. Wie aus einem traurigen Traum erwacht, sah sie auf. Die arme Frau. Ich wünschte, wir müssten das hier nicht tun.
     „Warum sind Sie hier?“, wandte sie sich an Bofield. Ihre Stimme war müde und kraftlos.
     „Nun, Ma’am, wir haben uns gefragt, ob Sie vielleicht die Sachen von ihrem Sohn aufgehoben haben.“
     Ein paar Sekunden vergingen, bis sie antworteten. „Was hat das zu bedeuten? Ich dachte, es war ein irrer Crackjunkey, der meinen Jungen umgebracht hat.“
     „Es sieht allmählich nicht mehr danach aus.“, erwiderte Diane mitfühlend. „Wir hoffen, in seinen Unterlagen vielleicht einen Hinweis auf den Mörder zu finden.“
     Miss Spencer schüttelte ungläubig den Kopf und trat beiseite. „Ich habe ihm immer gesagt, dass er sich nicht zuviel zutrauen soll.“ Sie traten ein und folgten der gramgebeugten Frau in ein kleines Zimmer, in dem etliche Kartons ordentlich gestapelt auf dem Boden standen. „Das war sein altes Zimmer. Ich habe es immer so gelassen, wie es war, damit er jeder Zeit...“ Tränen flossen ihre Wangen hinab. „Ich habe ihm immer gesagt, dass es gefährlich ist, sich mit diesem Milliardär anzulegen! ‚Er ist eine Nummer zu groß für Dich.’, habe ich ihm gesagt. Er hat nur geantwortet, dass er vorsichtig sein würde...“
     Diane berührte die Frau sanft an der Schulter und diese sah vollkommen überrascht auf. „Von welchem Milliardär sprechen Sie?“
     „Die Blätter sind voll mit seiner Erfolgsgeschichte! Jonathan Saphrosis! Robert sagte, er wäre an etwas Großem dran gewesen. Er hatte den Kopf voll von Träumereien über einen Enthüllungsbericht, der ihm die Tür zu den großen, renommierten Zeitschriften öffnen würde. Mein armer Junge.“ Sie zeigte mit einer zitternden Hand auf einen Stapel, der ein wenig abseits stand.
     Jonathan Saphrosis, sieh an, sieh an. Diane ging zu den Kartons und sah hinein. Eine Unmenge von handbeschriebenen Zetteln, zusammengehalten durch Büroklammern, lag in dem obersten Karton. Filmdosen wild verstreut unter dem Papier begraben. Das wird eine Ewigkeit dauern, die durchzusehen., dachte Diane. Sie nahm einen Packen Zettel in die Hand, überfolg die mit einer engen, präzisen Schrift gefüllten Blätter. Einige bekannte Namen tauchten auf, darunter „JSC Micro Biotics“, eben jenes Genforschungsunternehmen, das ihr schon zuvor aufgefallen war. Saphrosis’ Unternehmen.
     „Ma’am? Dürfen wir das mitnehmen?“, fragte Bofield mit erstaunlich sanfter Stimme und die Frau nickte stumm. „Wenn das dazu führt, dass sie das Schwein fassen, das meinen Sohn...“
     Diane bekam die letzten Worte der Frau nicht mehr richtig mit. Als sie zufällig aus dem Fenster geblickt hatte, entdeckte sie unten auf der Straße den seltsamsten Touristen, den sie je gesehen hatte. Er hielt eine Karte der Stadt in den Händen, deren Krallen doch recht befremdlich wirkten. Auch wenn sie dank ihrer gutbewährten Übung dieses Bild beiseite zu schieben vermochte, fiel ihr auf, dass sich der Tourist ziemlich dumm mit seiner Karte anstellte und wohl nicht fand, was er suchte. Außerdem huschten seine Blicke ständig zu der Haustür, in der Diane mit Bofield verschwunden war. Jetzt reicht es mir.
     „Captain, halten sie diesen Typen mit der Karte im Auge. Ich gehe runter.“
     Sie hastete zur Tür hinaus und brachte die Treppen der zwei Etagen in Rekordtempo hinter sich. Vollkommen gelassen wirkend verließ sie das Haus und ging zu Bofields Wagen. Der Tourist schien gerade einen Geistesblitz zu haben und wandte sich vom Haus ab, studierte das Straßenschild und schickte sich an zu gehen.
     „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte Diane in sonnigem Tonfall.
     Ein freundliches Lächeln unter überrascht guckenden Augen war die Antwort.
     „Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ Diane zückte Ihren FBI-Ausweis und hielt ihn dem falschen Touristen unter die Nase. Sie hatte ein ungutes Gefühl bei dem Kerl. „Zum Beispiel mich?“
     Ihr Gegenüber neigte den Kopf schief, sah Diane prüfend an und dann sagte er mit freundlicher Stimme. „Bei Gelegenheit müssen Sie mir verraten, wie Sie das machen, Miss O’Donnell. So dumm stellen wir uns nun auch wieder nicht an.“ Damit nickte er zum Abschied und wandte sich zum gehen. Das Klicken des Sicherungsbolzens von Dianes Pistole ließ ihn die ganze Sache noch mal überdenken und er drehte sich mit einer Andeutung von erhobenen Händen zu ihr um.
     „Miss O’Donnell. Ob sie nun von der NSA sind oder nicht, sie werden ihrem Boss erklären müssen, warum sie auf helllichter Straße einen unbewaffneten Passanten erschossen haben. Wäre es nicht ein zu großes Risiko, dass die Öffentlichkeit erfährt, dass die NSA im Inland operiert, was sie nicht dürfte?“
     Jetzt habe ich die Faxen endgültig dick! Bin ich hier im falschen Film?! Wer zum Teufel war ihr Gegenspieler, was für eine gewaltige Sauerei hing mit den Wolfsmorden zusammen, dass sie es mit Leuten zu tun bekam, die über ihre wahre Identität bescheit wussten? „Mach’ eine falsche Bewegung, Freundchen, und ich zeige Dir, wie schlecht es sich mit kaputten Knien läuft. Erzählen Sie Bofield ruhig diese NSA-Geschichte. Das wird ihre Glaubwürdigkeit ungemein steigern.“
     „Captain Bofield ist ein guter Mann. Er würde mir allein schon deshalb nicht Gehör schenken, weil er glaubt, Sie könnten die Wolfsmorde klären.“ Er machte so seltsame Bewegungen mit seinen Fingerspitzen, während er sprach. „Aber wenn der Mörder erst einmal erfährt, dass die Regierung angefangen hat, sich einzumischen, dann sind Sie in großer Gefahr. Sie müssen vorsichtiger sein, Miss O’Donnell. Leben Sie wohl.“
     Er drehte sich um und rannte. Hinter Diane wurde die Haustür aufgestoßen und Schritte erklangen. Bofield kam angerannt. Es war ihr egal. Das löste sie auf ihre Weise. Sie zielte auf die Knie des Fliehenden und drückte ab.
     Der Schlagbolzen klickte und sonst geschah nichts. Das ist nicht Dein Tag, altes Mädchen. Diane begann zu rennen, Bofield auf den Fersen. Der falsche Tourist bog um die Ecke, wenige Augenblicke später tat sie es ihm gleich...
     ... und blickte in eine menschenleere Gasse. Verbeulte Müllcontainer glotzten sie stumm an. Sie rannte zu dem ersten, schaute hinter ihn, warf einen Blick hinein, Fehlanzeige. Nächster, übernächster, letzter. Nur Müll, sonst nichts.
     „Mein Gott, war das nötig?“, fragte sie Bofield verdrießlich. „Miss Spencer weiß jetzt gar nicht mehr, wie ihr geschieht.“
     „Ich werde beschattet.“, antwortete Diane kurz angebunden und steckte die Waffe ins Halfter.
     Sie gingen zum Ausgang der Gasse und Diane blinzelte in die Sonne, um die Wärme auf ihrem Gesicht zu spüren. Jetzt zwei Wochen Urlaub in Kanada., dachte sie verträumt und kehrte in die Realität zurück. „Teilen Sie mir Männer zu, die mir helfen, die Blätter von Robert Spencer zu sichten. Ich brenne auf einen Besuch bei Mr. Saphrosis.“
     Bofield sah sie auf eine Art an, als ob sie jetzt den Verstand verlieren würde. „Sie wollen zu dem wohlhabendsten und vermutlich einflussreichsten Mann der Stadt spazieren und ihn zu den Wolfsmorden befragen?“
     Diane antwortete nicht und ging zum Wagen.

Der Fahrstuhl kam mit einem dekadent harmonischen Klangensemble aus dem Lautsprecher zum Stehen, die edelholzverzierte Tür schwang beiseite und gab den Blick auf die Eingangshalle zu Saphrosis’ Reich frei.
     Wenig beeindruckt sah sich Diane aufmerksam in dem großen Raum, der schon eher eine Halle war, um, auch wenn alles hier darauf angelegt war, genau das zu erreichen: Zu beeindrucken. Offenbar diente alles hier, eingeschlossen des wie ein kantiger Fels wirkenden Marmortisches der Sekretärin, nur dem Zweck, den Besucher einzuschüchtern. Harte Linien, massive Materialien, steril scheinendes Xenonlicht und bestechend teure wie kalte Gemälde an den Wänden. Zweifellos alles Originale.
     Unterschätze niemals diesen Mann., ging es Diane durch den Kopf und sie beschloss, sich daran zu halten.
     Die zweifelsohne ebenfalls teuer gekleidete Sekretärin sah zu Diane auf und lächelte professionell. „Sein sie willkommen, Miss O’Donnell. Bitte nehmen Sie einen Augenblick Platz, Mister Saphrosis wird Sie sicherlich gleich empfangen.“
     Natürlich ließ er sie warten. Das machten Männer wie Saphrosis immer, um ihre eigene Wichtigkeit und die Entbehrlichkeit ihres Besuchs zu demonstrieren. Diane setzte sich auf einen Designerstuhl und wartete. Der Zorn in ihrem Bauch nach dem Entkommen ihres Beobachters war ein wenig verraucht. Miller von der Spurensuche hatte sie angerufen und mitgeteilt, dass alle mit Saphrosis in Zusammenhang stehenden Wölfe nicht wegen der Morde in Frage kamen. Das überraschte sie nach dem Video des Shermstreetmordes natürlich nicht, doch nahm es ihr einigen Wind aus den Segeln, da sie nun weniger Gründe hatte, Saphrosis zu befragen.
     Sie erhoffte sich auch nicht viel von diesem Besuch. Der Milliardär war ein, ohne Zweifel skrupelloser, Profi, der sich nicht so schnell durch irgendetwas verraten würde. Dennoch war es ihr wichtig, ihn zu sehen. Sie wollte sich ein Bild von ihm machen, wollte dem Mann in die Augen sehen, der vielleicht ihr Gegner war.
     „Janice?“, drang leise eine Stimme aus einem Lautsprecher auf dem Tisch der Sekretärin. „Rufen Sie doch bitte bei diesen Barkley-Leuten an und sagen sie meinen Termin für morgen Mittag ab. Und bitten Sie meinen reizenden Gast vom FBI herein.“
     Diane warf der Überwachungskamera über Saphrosis’ Tür einen neugierigen Blick zu. Scheint, als würde hier nicht nur die Security zuschauen.
     Sekretärin Ich-bin-ein-Profi-auf-Gedeih-und-Verderb stand mit einer tausendfach geübten anmutigen Bewegung auf und schwebte um den Tisch herum. „Wenn Sie mir bitte folgen würden...“, bat sie mit perfekter Aussprache.
     Diane folgte ihr zu der massiven Doppeltür und bedankte sich mit einem Nicken für das Öffnen dieser. Vor ihr tat sich ein noch viel größeres Büro auf, das schon beinahe nicht mehr als solches zu erkennen war. Verschwenderisch viel Platz blieb ungenutzt, solange man von der Wirkung absah, mit der er den Schreibtisch des Milliardärs einrahmte. Der saß vor dem einrucksvollen Hinterrund des Central Parks, der von verschiedenen Hochhäusern umrahm wurde.
    
„Ah! Miss O’Donnell!“ Sein Ton war professionell freundlich und auch so etwas wie lebhafte Neugier schwang mit. „Es tut mir Leid, dass ich Sie warten lassen musste.“ Sie alter Lügner. „Es gab da eine Sache, die unbedingt noch erledigt werden musste.“ Schon verstanden. Ich bin nicht so wichtig.
     Während sie die Strecke zum Schreibtisch hinter sich brachte, erhob sich Mr. Saphrosis und wartete höflich. Er war noch erstaunlich jung. Mediterrane Züge, dunkle lebhafte Augen und schwarze Haare auf Haupt und Bart ließen vermuten, dass sein Name zu recht griechisch klang. „Ich bin froh, dass sie überhaupt Zeit für mich haben, Mister Saphrosis.“, erwiderte sie der Höflichkeit halber. „Ich kann verstehen, dass Sie kostbar für Sie ist.“
     Er kam um den Schreibtisch herum, ein sehr edel anmutendes Kunstwerk aus Ebenholz, und reichte ihr die Hand. „Ich muss gestehen, ich bin neugierig. Die Zeitungen haben Wind davon bekommen, dass das FBI nun an den Fällen der Wolfsmorde beteiligt ist.
     Aber bitte, setzen Sie sich doch.“ Er schob ihr einen schweren Ledersessel zurecht und sie nahm Platz. Sie musterte ihn eingehend, während er zu seinem Platz ging und sich setzte. Er wirkte sportlich, gut im Training, denn seine Bewegungen waren elastisch und voller Energie. Entschlossenheit ging von ihm aus und Diane war sich sehr wohl bewusst, dass, auch wenn seine Freundlichkeit nicht nur reine Fassade war und ehrliche Wurzeln haben mochte, er sie dennoch nutze, um sie zu blenden.
     Er fragte sie noch, was sie zu trinken wollte und bestellte dann bei Janice zwei Glas Wasser. „Sie sind also diejenige, die den Wolfsmörder fassen will.“, sagte er dann mit angemessenem Ernst. „Wie wollen Sie zum Erfolg kommen?“
     „Genau wie Sie.“, schmeichelte sie ihm dezent. „Mit Genauigkeit und Ausdauer.“
     Er schmunzelte über ihre Bemerkung und hakte nach. „Und wie im Detail? Reine Neugier, ich hoffe Sie entschuldigen das. Es gibt kaum jemanden in der Stadt, den die Wolfsmorde nicht beunruhigen.“ Ihre gesunde Portion Menschenkenntnis verriet ihr, dass Mister Saphrosis durch nichts sonderlich stark beunruhigt werden konnte.
     „Es gibt gewisse Spuren, die ein Ergebnis bringen könnten. Nicht jeder Mord scheint Zufall zu sein. Der Bankier Garmont zum Beispiel kam unter sehr rätselhaften Umständen zu Tode.“
     „Es ist befremdend, wenn Geschäftspartner umgebracht werden. Sind Sie deswegen hier?“ Saphrosis schien nicht sonderlich überrascht zu sein und scherzte sogar: „Bin ich ein Verdächtiger?“ Dabei beugte er sich vertrauensvoll vor und lächelte gewinnend.
     Diane musste aufpassen, dass sie seinem Charme nicht zu sehr erlag. Er wirkte erstaunlich sympathisch und... anziehend auf sie. „In der Tat. Ich brauche nur noch ihr Geständnis.“, antwortete sie mit einem kühlen Lächeln.
     Mister Saphrosis lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück und lachte leise. „Wollen Sie mit mir Essen gehen?“, fragte er geradeheraus und Diane musste lachen. Das war ein äußerst charmantes Kompliment, zumal er sicher sein konnte, dass sie ablehnen musste.
     „Sie sind mir schon ein Gauner. Es wäre mir lieber, wenn ich Ihnen hier ein paar Fragen stellen könnte. Zwei der Opfer hatten mit Ihnen geschäftliche Kontakte und ich versuche einfach mehr Informationen über sie zu beschaffen. Ihr Umfeld kennen zu lernen und solche Sachen.“
     „Fragen Sie soviel sie wollen, Miss O’Donnell. Meine Kontakte mit den Verstorbenen ging über geschäftliches um einiges hinaus und ich will helfen, wo ich kann.“
     Seine Augen waren nun konzentriert auf sie gerichtet und sie konnte sich seiner Aufmerksamkeit gewiss sein. Sie berichtete ein wenig von dem, was sie wusste und Saphrosis ergänzte bereitwillig ihre Wissenslücken über die geschäftlichen Beziehungen, die er mit der Bank Garmonts und der Firma Dwenmoores unterhielt. „Der Tod Dwenmoores ist für mein Unternehmen auch finanziell ein nicht unbeträchtlicher Verlust. Es ist gut, einen guten Bekannten bei einem wichtigen Handelspartner zu haben und schlecht, ihn zu verlieren.“ Zu Dianes großer Überraschung bot er ihr sogar an, seine Geschäfte mit den beiden Toten auf CD zur Verfügung zu stellen. Natürlich würde sie die Daten bei der Agency deren Echtheit prüfen lassen, bevor sie ihnen Glauben schenken würde.
     Unauffällig lenkte Diane dabei das Thema auf die Genforschungsfirma Saphrosis, lauschte ein wenig herum, was sie mit Wölfen zu tun hatte und erhielt eher unbefriedigende Antworten. Es ginge um die Gewinnung von Gensegmenten, welche den Wilden Tieren eine erhöhte Resistenz gegen gewisse Gifte und Krankheiten verschaffte. Sie hinterfragte den Anteil, den Dwenmoore bei der Angelegenheit hatte und erfuhr, dass einige Technik von seiner Firma eingekauft wurde. Nein, sonst nichts.
     Als sie glaubte, ihr Gespräch würde sich schon dem Ende neigen, begann Mister Saphrosis seinerseits ziemlich geschickt, es in eine bestimmte Richtung zu lenken. Er erzählte, dass Dwenmoore bei einem Treffen in einem Club sich einmal ziemlich aufgeregt hätte, über irgendwelche religiösen Fanatiker, die Ihn und seine Firma bedroht hätten. Es ging um ein Werk unweit der Stadt, das nicht gerade als umweltfreundlich zu bezeichnen war. Sie hatten die Schließung des Werks oder seine Ausrüstung mit Schadstofffiltern gefordert, sonst hätte er mit Konsequenzen zu rechnen, die „ein Zeichen setzen“ würden für die Konzerne. Garmont, der bei diesem Abend im Club ebenfalls dabei gewesen war, sei hellhörig geworden, als er das hörte und hätte nachgefragt, ob das seltsame Gestalten in grauen Roben gewesen wären. Dwenmoore bejahte und Garmont wäre daraufhin ein wenig nervös und zugeknüpft geworden.
     Das waren genug Informationen, um wieder einmal ihre Gedanken auf den Orden des Gleichgewichts zu lenken. Allmählich sprach so viel gegen den Orden, einschließlich ihres unguten Gefühls gegen die „Wächter des Aequilibriums“, dass Diane endlich einen klaren Weg in ihren Ermittlungen sah.
     Sie verabschiedete sich von Mister Saphrosis und fand sich bald auf der Straße wieder. Viel ging ihr durch den Kopf. Der Orden, dass sie beobachtet wurde, das seltsame Video, Linus...
     Doch eins soll sich dieser Saphrosis bloß nicht denken., dachte sie, während sie sich hinter das Steuer ihres Wagens setze. Dass er aus dem Schneider ist. Er verbirgt etwas, darauf verwette ich mein linkes Ohrläppchen!

Das Wesen der Bestie

Am nächsten Tag stattete sie jener noblen Wohngegend New Jerseys einen Besuch ab, die auf Linus’ merkwürdiger Visitenkarte angegeben war. Zwar wähnte sie sich noch nicht am Ende ihres Schulwissens, aber unheimlich war ihr der Orden dennoch genug. Irgendetwas an ihnen war unnatürlich. Sie stand vor der Tür eines großen, alten Landhauses und zögerte, den nächsten Schritt zu tun.
     Die verstörenden Aufzeichnungen vom Mord in der Shermstreet waren auch nicht vollkommen zu erklären. Gut – der Täter mochte im Schatten gelauert haben, doch warum setzte die Störung erst kurz vor dem Angriff ein? Dianes erster Eindruck war gewesen, dass der Angreifer einfach aus dem Nichts erschienen war und ebenso wieder verschwand. Ihr Instinkt sagte, dass es so war, auch wenn es dem Verstand widersprach.
     Und seit sie an diesem Fall arbeitete, hatte sie ständig diese... Anfälle von Sehen. Dinge zu sehen, die nicht da waren, verstörte sie ungemein. Sie fühlte sich ständig verfolgt. Seit der Flucht des Touristen hatte sie die Augen offen gehalten und immer wieder kleine, seltsame Details an Passanten bemerkt. Tierische Details. Die letzte Nacht hatte sie mit ihrer Waffe unter dem Kopfkissen geschlafen.
     Ehe sie es sich anders überlegen konnte, zog sie an dem Seil, das neben der Tür hing, was einen volltönenden Glockenklang zur Folge hatte. Was sie wohl erwarten mochte? Das Weiße Kaninchen als Teepartner wäre doch nett.
     Der Butler, welcher ihr die Tür öffnete war allerdings das absolute Gegenteil vom Weißen Kaninchen. Mit stoischer Gelassenheit und einer gehörigen Spur Arroganz musterte er sie von Kopf bis Fuß und sagt dann in unterkühltem, hochnäsigen Tonfall: „Sie müssen sich in der Türe geirrt haben, Miss.“
     „Das denke ich nicht.“, erwiderte Diane beleidigt und hielt ihm die Visitenkarte von Linus unter die Nase. Er nahm sie, prüfte sie eingehend, schnupperte sogar das Papier, warf Diane zweifelnde Blicke zu und trat dann beiseite. „Treten Sie ein.“ Sein leicht angewidert wirkender Gesichtsausdruck fügte noch hinzu: Und benehmen Sie sich wenigstens so, als würden Sie hier her gehören.
     Diane setzte ihren Fuß in das Haus und auf sündhaft teuren Teppich. Alles hier drin war alt, teuer und gediegen. Sieht aus wie ein Herrenclub. Na toll. „Bekomme ich meine Karte wieder?“, fragte sie den Butler, der keine entsprechenden Anstalten machte.
     „Solche Karten sind Geschenke. Einmalige Geschenke. Sie können bleiben, solange es Ihnen beliebt, doch wenn sich diese Tür erneut hinter ihnen schließt, werden Sie dieses Haus nie wieder betreten.“ Zweifelsohne war das eine Aussicht, die den Butler sehr erfreute. „Und nun folgen Sie mir bitte.“
     Sie tat, wie ihr geheißen und ging mit ihm eine breite Treppe hinauf, durch einen holzverkleideten Korridor und wurde in einen beeindruckend großen Raum entlassen, dessen Wände vollkommen mit Bücherregalen bedeckt waren, die nicht einmal Platz für Fenster ließen. Eine Treppe führte zu einer zweiten Ebene, die den Raum wie eine Empore umrahmte. Überall standen in kleinen Gruppen gepolsterte, lederne Lehnensessel. Auf einigen saßen vornehm gekleidete Männer und zu Dianes Überraschung auch Frauen. Schwere kristallene Lüster tauchten alles in ein sanftes Licht, während stilvolle alte Lampen den Lesenden mehr Helligkeit spendeten.
     Einige der Edelleute sahen Diane erstaunt an und sie lächelte zaghaft. Nun verstand sie den Butler. Sie selbst fühlte sich nicht mehr wohl in ihrer einfachen Kleidung, die viel zu sehr nach FBI oder Begräbnis aussah.
     Ein rundlicher Mittfünfziger mit dünnem Haar, gemütlichem Gesicht und einer Brille auf der Nase trat auf sie zu und verneigte sich leicht. „Willkommen, Miss...“
     „Parker.“, antwortete sie aalglatt. Die Leute, die hier waren, erinnerten sie zu sehr an Linus. Sie wollte ein wenig vorsichtiger sein.
     „Willkommen, Miss Parker. Ich bin Lord Daleington und der Hüter dieses unermesslichen Schatzes. Ich hoffe, mein Butler hat Sie nicht zu sehr verschreckt, ich freue mich sehr über Gäste, zumal ich sicher sein kann, dass es einen guten Grund gibt, warum für Sie eine Empfehlung ausgesprochen wurde.“
     Er deutete mit einer ausschweifenden Geste und strahlenden Augen auf diesen Hort des Wissens. „Alles hier sind Originale, viele von ihnen die letzten erhalten Schriften ihrer Art. Behandeln Sie sie bitte mit allerhöchster Vorsicht und ich darf mich auf Ihre Diskretion verlassen, über meine Bücher kein Wort gegenüber Außenstehenden zu verlieren.“
     Er wandte sich ihr wieder zu. „Darf ich Sie fragen, wer sie empfohlen hat?“
     „Linus...“ Sie zögerte und tat so, als wäre ihr aus irgendeinem Grunde der Nachname entfallen.
     Lord Daleington hob erstaunt die Augenbraun und ging nicht auf ihr Spielchen ein. „Linus? Das ist außergewöhnlich, sehr außergewöhnlich. Da Sie von Linus hergeschickt wurden, muss es etwas ungeheuer Wichtiges und... Mystisches sein, das sie suchen. Was ist es?“
     „Das Wesen der Bestie.“
     „Hmmm... Das Wesen der Bestie...“, er ging zu einem Regal, suchte kurz und fand es erstaunlich rasch. Er musste sich unglaublich gut in seinem Reich auskennen. Oder jemand hat erst neulich danach gefragt.
     Der Lord kam mit einem uralt aussehenden, schweren Buch wieder und reichte es ihr behutsam. „Es stammt aus dem Privatbesitz Königin Elisabeth der Ersten, keiner vermag zu sagen, wie alt es wirklich ist. Das Englisch ist sehr gewöhnungsbedürftig, um es vorsichtig auszudrücken.“
     „Hat es jemand in letzter Zeit gelesen?“
     Ohne zu zögern antwortete er: „Linus hatte es ausführlich studiert, als die Wolfsmorde begannen. Es ist ein Buch über Werwölfe, wissen Sie.“ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und widmete sich einem Lord, der geduldig auf Daleington gewartet hatte.
     Werwölfe?, dachte sie ungläubig und trug das Buch zu einer Gruppe von Sesseln auf der oberen Ebene, die noch frei war. Sie legte das Buch behutsam auf den Tisch, drehte das Licht der Lampe heller und schlug es auf.
     Die Fratze eines Zähne fletschenden Wolfes prangte auf der ersten Seite. Es war nur eine Zeichnung, die wohl mit Feder und Tinte geschaffen worden war, doch war der Blick des Wolfes so durchbohrend und voll gefährlicher Intelligenz, dass Diane ein Schauer über den Rücken lief.
     Sie überblätterte die Seite mit dem Titel und begann mit dem eigentlichen Text. Ein kunstvoll gestaltetes „W“ fing ihr Auge ein. In seine geschwungenen Formen waren dämonenhafte Wesen eingeflochten, die mit fellbedeckten Leibern und Wolfsschnauzen an dem Buchstaben krallten. Das Geschriebene selbst schien eine seltsame Mischung aus einem alten englischen Dialekt und Latein zu sein. Diane hatte einige Mühe es zu entziffern, kam aber stetig, wenn auch langsam voran.
     Wisset, der Ihr das lest, dass alles hier Geschriebene verbotenes Wissen hält. Doch obwohl seine Heiligkeit der Papst diese Schrift als blasphemisch vernichten lassen mag, schwöre ich doch bei der Dreieinigkeit des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, dass alles hier Geschriebene wahr ist und von einem treuen Diener Gottes aufgezeichnet wurde.
     Das Wissen der alten Kulte ist wahr. Es gibt Geschöpfe, welche den Körper eines Menschen besitzen, aber von Fell, Klauen und Kopf eines Wolfes entstellt sind. Doch das alte Wissen ist auch schwach und fehlerhaft. Es sind keine vom Teufel besessene Menschen, die nur im Schatten der Nacht und bei Vollmond jagen. Es sind Geschöpfe des Teufels selbst. Ich sah am hellerlichten Tag, wie sich eine Pforte zur Verdammnis auftat und diese Wesen heraustraten. Es sind blutrünstige Bestien, die alle Brüder meines Ordens, welche wie ich auf Pilgerschaft waren, blutig niederstreckten. Ich bete zum Herren, dass ihre Seelen unbeschädigt blieben.
     Der Grund, warum der Aberglaube des Volkes von besessen Menschen berichtet, liegt in der Macht der Bestien, das Gaukelbild eines Menschen zu erschaffen, um sich so des Blickes der Kinder Gottes entziehen. Sie taten ebendies nach ihrer Gräueltat und verschwanden als wohlhabende Kaufleute in den Wäldern.
     Ich sah es als die mir von Gott auferlegte Pflicht sie zu verfolgen und zur Strecke zu bringen, warum sonst ließ mich der Herr als einziger am Leben? Von meiner Suche nach jenen Bestien und über ihre wahre Natur will ich in diesem Buch berichten, damit jene, die nach mir kommen, die Waffe des Wissens in den Händen halten mögen, wenn sie dem Feind Gottes gegenübertreten. Denn es sind derer zu viele, als dass ich sie allein von dem Antlitz der Erde zu tilgen vermag.
     Kopfschüttelnd blätterte sie eine Seite weiter. Wisset, dass der Feind des Herren einen Orden gegründet hat, um seiner Herrlichkeit zu lästern. Sie dienen den alten keltischen Kulten und kleiden sich in Gewänder der Druiden und widersprechen der Lehre Gottes.
     Ein Schatten fiel auf das Buch und Diane sah erstaunt auf. Shej Riim stand vor ihr, in vornehmen Frack gekleidet, und sah traurig auf sie hinab. „Sie hätten das nicht lesen dürfen, Miss Diane.“, sagte er mit gramvoller Stimme und setzte sich ihr gegenüber. Sein Dreitagebart war fort und seine zotteligen Haare zu einem ordentlich gekämmten Pferdeschwanz gebunden. „Ich hätte nicht gedacht, dass eine Abschrift dieses Buches die Jahrhunderte überdauert hat.“
     Diane klappt das Buch zu und zog es näher zu sich heran. Was tut er hier? Immer wieder lese oder höre ich vom Orden! „Was zum Teufel ist hier los?“, fragte sie gefährlich leise und ließ die Hand langsam zu ihrer Waffe wandern.
     Shej Riim sah sie nur weiterhin traurig an und schüttelte den Kopf. „Lassen Sie Ihre Pistole stecken, Diane. Sie würde nur wieder versagen.“
     Frustriert ließ Diane von ihrem Vorhaben ab. „Und wenn ich die Antworten mit meinen Händen aus Ihnen herausprügeln muss, ich lasse Sie nicht ohne welche gehen.“
     „Diane, bitte...“
     Jetzt REICHTS! Diane ließ ihre Hand vorschnellen und packte Shej Riim an der Krawatte. Er wehrte ihre Hand ab, es gab ein kurzes Gerangel, Dianes Griff glitt ab und sie fiel in ihren Sessel zurück. Entsetzt sah sie auf ihre Hand hinab. Rote Punkte waren zurückgeblieben, wo sich unsichtbare Krallen Shejs in ihre Haut gegraben hatten.
     Sie hob ihren Blick und sah einen Ausdruck grenzenlosen Bedauerns in seinen Augen. Traurigkeit, schwer und alt wie ein Berg schien auf ihm zu liegen. Ohne Mitgefühl bohrte sie ihren Blick in sein Gesicht, rief ihre Gabe des Sehens, bettelte zum ersten Mal in ihrem Leben darum, dass sie käme.
     Und die Maske fiel. Dort, wo eben noch ein Mensch gesessen hatte, war nun eine Bestie mit dem Kopf eines Pumas. Jene rote Augen, die sie schon einmal kurz gesehen hatte, blickten sie traurig an. Mit sandfarbenem Fell bedeckte Hände und deformierte Beine wie die Hinterläufe eines wilden Tiers ragten aus dem Anzug hervor.
     Nur mühsam hielt sie einen Schrei zurück, griff panisch zu ihrer Waffe, zog sie und drückte ab. Der Schlagbolzen blockierte. „Stecken Sie die Waffe weg, Diane.“, bat sie der Puma im Anzug.
     „Sie... Sie... sind kein Mensch.“, brachte sie kraftlos hervor und ließ ihre Waffe sinken.
     Er nickte. „Ich verstehe nicht, wieso Sie das erkennen können. Aber es ist so, und das bringt Sie in große Gefahr. Wie Sie sehen, bin ich kein Wolf und ich würde Ihnen gerne einen Abdruck meiner Zähne gewähren und meine Unschuld beweisen, wenn das nicht ein Beweis meiner Existenz wäre.“
     Diane ließ ihre Waffe verschwinden und sah ihr Gegenüber entsetzt und fasziniert zugleich an. „Wollen Sie damit sagen, dass Sie nicht der Mörder sind?“ DAS IST WAHNSINN!, schrie ihr Verstand und versuchte das Trugbild wieder beiseite zu schieben. Nur dass sie es schon beiseite geschoben hatte. Vor ihr saß ein... Werpuma.
     „Ich bin nicht der Mörder, Diane. Ich bin auf der Suche nach ihm...“ Er sah kurz zu Boden, dachte nach, fuhr fort: „Nach ihnen.“
     „Es sind mehrere Bestien?“, fragte Diane fassungslos. „Wesen wie Sie?“
     Sein unendlich trauriger Blick heftete sich wieder auf sie. „Fragen Sie nicht mehr, Diane. Es muss ihnen genügen, dass der Orden die Renegaten jagt. Wir haben einige von ihnen bereits getötet. Aber bitte, bitte,“, seine Traurigkeit berührte ihr Herz und einiges ihrer Angst verschwand. „lassen Sie ab von dem Fall. Sie wissen bereits zuviel. Nun sind Sie nicht nur in Gefahr durch die Mörder, auch der Orden ist auf Sie aufmerksam geworden. Die Einmischung durch die NSA ist höchst überraschend und der Rat sieht eine Bedrohung in Ihnen.“
     Dianes Gedanken rasten. Renegaten? Der Orden jagte sie? Wieso glaubte sie ihm überhaupt? „Nun mal langsam, Freundchen! Sie sind vom Orden, warum erzählen Sie mir das dann?“
     Der Puma schüttelte den Kopf und ließ die Ohren hängen. „Ich diene dem Rat, doch ich billige nicht alles was er tut. Diane!“ Sein Tonfall wurde geradezu flehentlich. “Sie begreifen die Tiefe dessen nicht, was wir tun! Lassen sie ab von dem Fall!“
     Purer Zorn brannte nun in ihr und sie dachte über eine Möglichkeit nach, Shej Riim in ihre Gewalt zu bekommen. Sie hatte die Nase voll von Lügen, Vertröstungen und erst recht hatte sie die Nase voll von dem übernatürlichen Scheiß. „Solange dort draußen Menschen sterben, werde ich den Mörder suchen. Und Sie sind mein primärer Verdächtiger.“
     Riim sprach ein paar seltsam klingende Worte und schlagartig wich alle Kraft aus ihren Muskeln. Sie konnte nur stumm mit ansehen, wie der Puma das Buch nahm und aufstand. „Leben Sie wohl, Diane. Ich habe alles versucht.“
     Sie wollt etwas sagen, doch selbst ihren Mund zu öffnen und die Zunge zu bewegen kostete sie zuviel Anstrengung.
     Shej Riim zögerte noch kurz. „Sie werden nicht aufgeben. Ich sehe es in Ihren Augen. Wenn Sie mir schon alles andere nicht glauben wollen, dann bitte wenigstens dies: Der Mörder hat stets zu ebener Erde zugeschlagen, ist Ihnen das aufgefallen? Meiden Sie es, zu ebener Erde allein zu sein.“ Dann drehte er sich um, ging zur Treppe und verschwand aus ihrem Sichtfeld.
     Eine Ewigkeit später, wie es ihr schien, kehrte die Kraft in ihre Muskeln zurück. Sie kämpfte sich von ihrem Stuhl hoch, machte ein paar unbeholfene Schritte in Richtung der Treppe, bis sie wieder vernünftig gehen konnte. Was war das eben? Was war das eben? Ihr Verstand raste ebenso wie ihr Herz. Sie glaubte nicht an Magie! SIE GLAUBTE NICHT AN WESEN AUS HORRORFILMEN!
     Sie lief die Treppe hinab, entdeckte Lord Daleington und sprach ihn aufgeregt an. „Dieser Shej Riim hat das Buch gestohlen!“
     Der Lord sah sie nicht einmal an sondern nickte nur traurig. „Was für ein Verlust. Ich schuldete ihm noch einen Gefallen. Einen großen.“ Er schüttelt traurig den Kopf und sah zu der Lücke im Regal, die das Buch hinterlassen hatte. „Er hat ihn unbarmherzig eingefordert. Was für ein Verlust.“

Aufgebracht und mächtig verwirrt war sie einfach nur eine geraume Weile ziellos herumgeirrt, hatte sie ihr Auto einfach nur machen lassen. Es verwunderte sie nicht sonderlich, dass sie sich schließlich vor dem Polizeirevier wiederfand. Was will ich eigentlich hier? Bofield wird mir das nie glauben. Nicht einmal McKinzey würde mir das glauben.
     Dennoch stieg sie aus und trottete gedankenverloren zu ihrem Büro. Klar, ich muss weitermachen. Das Leben von Menschen hängt daran, aber was, wenn ich die Wolfsmörder finde? Eine nüchterne Stimme meldete sich: Erschießen. Dann hast Du Deinen Beweis.
     Doch bis dahin war sie auf sich allein gestellt. Das war an sich nichts Neues für sie, jedoch hatte sie sich noch nie so einsam gefühlt wie jetzt. Werpumas gingen eindeutig über das hinaus, was man bei der Ausbildung der Agency lernte.
     Sie schubste die Tür zu ihrem Büro auf und ihr Blick fiel sofort auf einen kleinen weißen Umschlag, der auf ihrem Schreibtisch lag. Er war unbeschriftet. Skeptisch nahm sie ihn in die Hand, tastete ihn ab und roch an ihm. Scheint in Ordnung zu sein.
     Vorsichtshalber riss sie ihn an der Unterkante auf und fischte einen Zettel heraus, auf dem nur drei Sätze mit Schreibmaschine geschrieben standen. Sie wollen den Orden des Aequilibriums zur Strecke bringen, ich will sehen wir er zerbricht. Sie haben die Mittel die ich nicht habe, ich die Informationen die Sie nicht haben. Suchen Sie das Büro der verlassenen Lagerhalle 47 am Hudson River noch heute Nacht.
     „Das ist eine Falle, Diane, und Du weißt das.“, flüsterte sie zu sich selbst.
     Mit dem Brief in der Hand stürmte sie aus ihrem Büro und knallte ihn Dunby auf den Tisch. Er war derjenige, der zu ihrem Leidwesen direkt gegenüber ihrer Tür saß. „Wer hat den in mein Büro gelegt?“, herrschte sie ihn an. Sie hatte keine Lust auf Höflichkeiten.
     Doch Sheriff-an-Tisch-und-Telefon sah sie nur gelassen an. „Niemand hat Ihr Büro betreten, seit ich meine Schicht angetreten habe.“
     „Und wann war das?“
     Er lächelte ein scheißfreundliches Lächeln, weil er genau wusste, dass seine Antwort sie mit Wut erfüllen würde. „Vor einer halben Stunde, Special Agent O’Donnell.“
     Sie zerknüllt den Brief halb, als sie ihn vom Tisch dieses Idioten riss und zu Captain Bofield marschierte. Der las sich den Brief zweimal durch, nickte dann nachdenklich und sagte nur: „Ich kenne dieses Lagerhaus. Es war lange Zeit ein beliebter Ort, um gestohlene Autos umzufrisieren, bis wir es ausgehoben haben. Ich werde Scharfschützen anfordern und einige meiner Männer in der Halle verstecken. Sie ist zu riesig, als dass das auffallen würde.“
     Diane nickte dankbar. „Ich werde um 11 dort sein. Reicht Ihnen die Zeit?“
     Bofield fischte eine Zigarette aus seiner Westentasche und steckte sie sich in den Mund. „Das reicht. Aber was soll das mit dem Orden? Ich dachte, der wäre aus dem Spiel?“
     „Ist er auch.“, log Diane ohne mit der Wimper zu zucken, obwohl es ihr Leid tat. „Nur weiß er das nicht.“ Sie wusste genau, was es zu tun galt, um dem Orden auf die Spur zu kommen. Und Captain Bofield würde dem auf keinen Fall zustimmen.
     Bofield tastete seine Taschen erneut ab und sah Diane hoffnungsvoll an. „Haben Sie Feuer?“
     Diane schüttelte den Kopf und Bofield ließ schulterzuckend die Zigarette im Papierkorb verschwinden. „Ich werde den Brief von Jack untersuchen lassen, es passt mir gar nicht, dass jemand einfach so in mein Revier spazieren kann. Passen Sie auf sich auf, Diane.“

Die Nacht lag schwer und bedrohlich über dem alten Hafengelände am Hudson. Fernab konnte man den Lärm der Stadt herüberwehen hören, doch wirkte er dumpf und unwirklich, wie aus einer anderen Welt. Sie wusste um die Heckenschützen auf den Dächern und auch um Bofields Männer, die seit Stunden auf Lauer lagen, doch das beruhigte sie nicht. Etwas stimmte nicht mit diesem Ort. Heute Nacht trug sie mehr als nur eine Pistole zu ihrer Verteidigung. Eine kugelsichre Kevlarweste war unter ihrem Mantel verborgen und ein langes Kampfmesser steckte in einer Scheide auf ihrem Rücken. Ihre Pistole hatte sie zu oft im Stich gelassen.
     Sie knackte das Schloss einer kleinen Stahltür mit Leichtigkeit und trat in die Dunkelheit der Halle. Sie klappte das Nachtsichtgerät vor ihre Augen und die Welt erschien in grünem Schimmer. Zufrieden stellte sie fest, dass die Polizisten selbst so nicht zu sehen waren.
     Wachsam schritt sie durch die Halle, die Pistole ruhte schwer und tödlich in ihrer Hand, den Lauf zum Boden gerichtet. Von den Grundrissen her wusste sie, wo das Büro zu finden war und hielt geradewegs darauf zu, alle Sinne angespannt auf Wacht.
     Das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden, beschlich sie und sie sah sich genauestens um, die Waffe mit beiden Händen leicht erhoben. Nichts war zu sehen, doch das Gefühl wurde stärker. Misstrauisch ging sie weiter und erreichte endlich das kleine Häuschen, das an eine Wand der Halle angeschmiegt dunkel dalag. Seine Front war einst komplett verglast gewesen, doch von ein paar Scherben abgesehen, die noch traurig in den Holzstreben steckten, war nichts mehr davon übrig. Der Vorraum war leer.
     Dennoch behutsam trat sie ein, hielt Ausschau nach Drähten oder elektrischen Sensoren, die eine Falle auslösen mochten. Zerbrochene Flaschen und ein Pornoheftchen waren alles, was sie fand. Vorsichtshalber schon sie auch das mit dem Fuß beiseite und fand nur nackten Beton darunter.
     Vorsichtig, Mädchen. Die Sache stinkt. Mit der linken Hand schob sie behutsam die Tür zum Büro auf, immer darauf gefasst mit der rechten Hand zu feuern oder einen geringen Widerstand zu spüren, der auf eine Falle hindeutete.
     In diesem Augenblick wurde die Halle plötzlich von Licht durchflutet, als die gesamte Deckenbeleuchtung ansprang. Jetzt war sie eine klare Zielscheibe! Mit einem Sprung war sie im Raum und hinter der Wand in Deckung gegangen. Einen Augeblick lang war sie absolut blind gewesen. Für solche Helligkeiten war das Nachtsichtgerät nicht gebaut.
     Sie streifte es hastig vom Kopf und ließ es auf den Boden fallen. Das Licht von draußen drang in einem breiten Streifen in das Büro und zeigte ihr vergammelte Regale, zerbrochene Tische und allerlei Müll. Wer hat dieses verdammte Licht angemacht? Die Polizei war es wohl kaum und ihr „Informant“ wäre ein Idiot, wenn er im Hellen durch die Halle spazieren würde, um Zielscheibe für hundert mögliche Scharfschützen zu spielen. Etwas stank. Und zwar gewaltig.
     Ein Kribbeln an ihrer Hüfte riss an ihrer Konzentration. Das verdammte Handy vibrierte. Sie zog es von ihrem Gürtel, drückt die richtige Taste und hielt es ans Ohr.
     „Stellen Sie keine Fragen und tun Sie, was ich Ihnen sage!“, bestürmte eine befehlende Stimme ihr Ohr. „Zielen sie auf die dunkelste Ecke dieses Raumes und drücken Sie ab, sobald sich etwas bewegt!“
     „Was zum Henker...“ Diane riss dennoch ihre Waffe nach oben und richtete sie auf jene Ecke, die von der aufstehenden Tür beschattet wurde. Fünf Sekunden vergingen quälend langsam. Zehn Sekunden. Fünfzehn. Nichts geschah.
     „Hör mal, Du Scherzkeks...“, fauchte Sie ins Handy. In dieser Sekunde geschahen mehrere Dinge gleichzeitig. Eine unerklärliche Angst befiel sie urplötzlich, das Wort „SCHIESS!“ brüllte ihr ins Ohr, ein Schatten löste sich aus der Ecke und sprang sie an.
     Die Zeit schwand, der Sprung der Bestie, die durch den Streifen Licht glitt schien Stunden zu dauern, während Dianes Gehirn von schrecklich deutlichen Details bombardiert wurde. Sie sah ein klaffendes Maul, gewaltige Fangzähne und die Speichelfäden zwischen ihnen. Sie sah das dunkelgraue Fell, ein Lendentuch der gleichen Farbe und den sonst nackten, brutal muskulösen, angespannten Körper. Sie sah die Krallen der Bestie, an Händen und den entstellten Füßen, sah einen Riss in einer Kralle der linken Hand, sah den buschigen Schwanz des Tierwesens, das immer näher kam. Auf seiner Brust schimmerte ein silbernes Amulett, Runenmuster waren darauf eingraviert und glitzerten im Schein des Lichts.
     „SCHIESS VERDAMMT!“, durchbrach die Stimme an ihrem Ohr die Starre ihrer Muskeln und der Zeit. Ihr Finger krümmte sich, die Waffe donnerte, krümmte sich erneut, donnerte. Die Bestie prallte gegen sie, Überraschung und Schmerz in den gelben Wolfsaugen, heißer Atem schlug ihr ins Gesicht. Sie feuerte noch einmal und der Wolfsmensch wurde von der Wucht des Projektils zurückgeschleudert, stolperte über das Wrack eines Tisches und stürzte zu Boden.
     Das Handy glitt zu Boden und Diane nahm die linke Hand zur Hilfe, um das Zittern ihrer Rechten zu unterdrücken. Eilige Schritte nährten sich über den harten Boden der Halle. „Da hast Du Deinen Beweis, Mädchen.“, sagte sie laut und erschrak vor ihrer eigenen Stimme.
     Das Wesen lebte noch. Sein Atem ging schwer und ein widerwärtiges, gurgelndes Geräusch verriet, dass sich seine Lunge mit Blut füllte. Mit letzter Kraft hob es eine Hand, schloss sie um das Amulett und sah Diane hasserfüllt an. Gutturale Worte kamen aus seiner Schnauze, Blut spritzte und dann...
     ...geschah das Unfassbare. Es schien, als würde er in den Boden sinken, obwohl es das nicht ganz traf. Er wich von ihr fort, bis er ganz verschwunden war und nur den zugemüllten Boden und eine Lache Blut zurückließ.
     Ein Polizist mit Panzerweste und Sturmgewehr stürmte in den Raum und fand sie so, immer noch ungläubig starrend. „Sind Sie in Ordnung, Miss?“ Was soll ich jetzt Bofield sagen? Dass mich ein Werwolf angesprungen und vor meinen Augen wieder in Luft aufgelöst hat? „Miss O’Donnell?“ Dieses Muster auf dem Amulett habe ich schon einmal gesehen. In der Ordenshalle. „Special Agent O’Donnel!“, der Mann packte sie an der Schulter und drehte sie zu sich um.
     Sie wandte ihm ihren Blick zu und nickte schwach. „Ja, ich bin in Ordnung. Die Spurensuche soll hier im Eiltempo antanzen und eine Probe von dem Blut dort nehmen.“
     „Wo ist er hin?“, fragte der Polizist, doch Diane ignorierte ihn. Jetzt sind sie zu weit gegangen. Sie wollen einen Krieg, sie bekommen einen Krieg! Sie hob ihr Handy und ihr Nachtsichtgerät auf. Die werde ich noch brauchen. Ohne aufzusehen schob sie sich an einem weiteren Polizisten vorbei, der gerade zu Tür hereinkam.
     Sie trat in die Halle und sah noch mehr bewaffnete Männer herbeieilen. Sie fischte eine Nummer aus ihrem Gedächtnis und wählte sie.
     „Ja?“
     „Diane O’Donnel, Autorisation Betha schwarz Wanderfalke. Ich brauche Aufnahmen von folgenden Koordinaten.“ Sie gab ein paar Zahlen durch und legte auf, ohne eine Antwort abzuwarten.

Jemand versuchte die Bürotür zu öffnen, versuchte es erneut und klopfte schließlich. Diane sah verärgert von den Luftaufnahmen auf rief: „Wer da?“
     „Bofield ist mein Name, Ma’am. Ich bin der Chef von diesem Laden.“
     Ihr Ärger verfolg und sie warf lächelnd ein paar Akten über die Fotos. „Einen Moment bitte.“ Sie prüfte noch rasch, ob alles gut versteckt war und schloss dann die Tür auf. Der Captain wartete mit seinem vermutlich sechsten Becher Kaffee dieses Tages in der Hand.
     „Was haben Sie vor, Diane?“, fragte er leise und trat ein. „Sie igeln sich in ihrem Büro ein, weigern sich zu erzählen, was in der Nacht geschah und gucken jeden an, als würden sie ihn fressen wollen.“
     „Es ist besser, wenn Sie es nicht wissen, Sir.“, sagte sie nur knapp und setzte sich wieder an ihren Tisch.
     „Ich bin schon zu lange Polizist, um auf so was reinzufallen.“, brummte er und nahm eine der Akten vom Tisch. „Das nächste Mal öffnen sie ein paar von ihnen, damit es nach Arbeit aussieht. Luftaufnahmen?“ Mit hochgezogenen Augenbrauen nahm er einen Schluck Kaffee und schwieg dann, Diane eingehend musternd.
     „Ich weiß, dass Sie ein guter Mensch sind, Diane.“, sagte er schließlich. „Und ein verdammt fähiger Ermittler. Sie haben den Fall soweit vorangetrieben, dass der Mörder sie töten wollte und Sie haben ihn überlebt.“ Mit einem weiteren Schluck verschaffte er sich ein wenig Zeit zum Nachdenken. „Es ist mir egal, wer sie hergeschickt hat, und wenn es das Weiße Haus selbst war. Es ist mir sogar egal, wer Sie wirklich sind, weil ich daran glaube, dass Sie diese Plage aus New York vertreiben können.“ Ein weiterer Schluck. Diane schwieg nur und sah den Mann beeindruckt an. Er hatte sie schon länger durchschaut, soviel stand fest. Sie hatte sich nicht in ihm getäuscht. Bofield war nicht nur ein Mann der Gesetze, er war ein Mann mit einem gerechten Herzen.
     „Aber etwas ist mir verdammt noch mal nicht egal und das sind Sie. Stellen Sie keinen Unsinn an, Diane.“ Sein Blick fiel auf das freigelegte Stückchen der Luftbilder. „Ich will gar nicht wissen, was sie vorhaben, sonst bringt mich dass nur in eine Zwickmühle. Doch wenn Sie schon etwas Illegales machen müssen, und danach riecht es einfach nun mal, dann stellen Sie’s so an, dass ich Sie am Ende nicht verhaften muss.“ Er seufze erneut, warf die Akte zurück auf den Tisch und ging zur Tür.
     „Danke Captain. Ich werde Ihr Vertrauen nicht enttäuschen.“
     Bofield blieb stehen, drehte sich aber nicht um. „Ich habe die Presse aus der Sache gestern raushalten können. Es wäre schön, wenn Sie das heute Nacht auch schaffen.“
     Mit diesen Worten schloss er die Tür und ließ sie mit ihren Gedanken allein.

Die Nacht war ihr Freund, ihr Deckmantel, ihr einziger Verbündeter. Endlich tat Sie das, was sie am besten konnte. Unorthodox handeln, in gesichertes Gebiet eindringen und Informationen beschaffen, so seltsam sie diesmal auch aussehen mochten.
     Ihr Nachtsichtgerät zeigte ihr klar und deutlich, dass die Wachen am Tor verdoppelt worden waren. Das Tor war der einzige sichtbare Eingang, diese merkwürdige Hecke führte lückenlos um das gewaltige Anwesen des Ordens herum. Zu ihrem Glück stand der Wind günstig – er blies ihr sanft ins Gesicht, anstatt ihren Geruch und ihre Geräusche zu den Wachen zu tragen.
     Sie lud eine Gasgranate in den unteren Lauf ihres kompakten Sturmgewehrs, zielte lange und behutsam, wartete den geeigneten Moment ab und feuerte. Gas strömte aus, Husten aus vier Kehlen wurde zu einem heiseren Bellen und verstummte rasch. Zum Glück haben die keine Funkgeräte., schoss ihr durch den Kopf, während sie im Laufen ihr Gewehr schulterte.
     Sie zerrte die Wachen an ihren Kutten in den dunklen Schatten der Hecke und schlich weiter. Was ihr wirklich Sorgen bereitete, waren die Wölfe. Zwar hatte sie für diese ein neues Spielzeug parat, aber sie hatte es noch nie eingesetzt und traute ihm deshalb nicht. Ihre Hand ruhte auf dem elektrischen Teaser an ihrer Hüfte.
     Einem Schatten gleich huschte sie von Baumstamm zu Baumstamm, immer wachsam Blicke in alle Richtungen schickend, kam sie ein ganzes Stückchen ohne Ärger voran.
     Dafür brach er dann umso heftiger über ihr herein. Wolfsgeheul drang an ihr Ohr, begleitet von Stimmen, die sich rasch näherten. Hufgeklapper kam die Straße herunter, die sie rechts liegen gelassen hatte. Ungefähr auf ihrer Höhe blieb das Pferd dann stehen, verweilte kurz und galoppierte dann weiter zum Tor.
     Rasch schlug sich Diane weiter ins Dickicht des Waldes, fort von der Straße, als schon die ersten Wölfe als blasse Farbmuster in ihrem Nachtsichtgerät auftauchten. Dank der integrierten Thermalfunktion konnte sie ihre Schatten bereits durch das Unterholz sehen und versuchte ihnen auszuweichen, doch selbstverständlich witterten die Wölfe sie schon und verfolgten sie gnadenlos.
     Diane sprang hoch, ergriff einen niedrig hängenden Zweig und schwang sich hinauf. Die Tiere brachen durch das Buschwerk, erblickten sie und stimmten ein markerschütterndes Geheul an. So sehr es sie auch Überwindung kostete, wartete sie, bis auch der letzte Wolf angekommen war und löste dann das Ultraschallgerät an ihrer Weste aus. Das Geheul der Wölfe wurde zu einem schmerzvollen Winseln und sie stoben in alle Richtungen mit eingezogenen Schwänzen davon.
     Ich bin beeindruckt., dachte sie erleichtert, zuckte mit den Schultern und ließ sich auf den Boden fallen. Die Technikfreaks sind halt doch auf Zack. Hastig ortete sie die näher kommenden Stimmen und lief diagonal von ihnen fort, immer das Ziel der Ordenshalle im Hinterkopf behaltend.
     Das Schmettern eines Horns zerriss die nächtliche Stille. Wütend klang es und warnend. Das war’s dann wohl mit der Heimlichkeit. Verdammter Mist! Wie haben die so schnell mitbekommen, dass ich hier bin?
     Plötzlich wurde sie gewahr, dass auch aus anderen Richtungen Stimmen zu ihr drangen. Die scheinen zu wissen, wo ich bin! Das Stampfen von Hufen auf weichem Waldboden erklang hinter ihr, hielt genau auf sie zu. Sie wappnete sich mit ihrem Sturmgewehr, ging hinter einem Baum in Deckung und lauerte dem Berittenen auf.
     Mit lautem Krachen brach er durch einen Busch und Diane drückte ab. Die Gummiprojektile sausten einfach durch den Mann hindurch! Die Illusion verflog und sie erkannte verblüfft, warum sie nicht getroffen hatte: Der Körper des Mannes ruhte nicht auf dem Rücken des Pferdes, sondern kam aus dessen Schultern heraus! Freak oder nicht... Eine weitere Salve traf den Oberkörper des Wesens und ließ ihn schmerzvoll zusammensacken. ...ich weiß... Sie zog den Teaser und jagte ihm einige tausend Volt durch den Körper. ...wie ich Dich kriege.
     Ohne sich die Zeit zu nehmen, noch einmal nach dem zusammenbrechenden Wesen zu schauen, klinkte sie die Stromdrähte aus und rannte wie der Teufel. Okay, Planänderung, Mädchen., schoss ihr durch den Kopf. Gebrauch Deinen Kopf und Du wirst überleben.
     Sie änderte die Richtung und hielt jetzt wieder auf das Tor zu. Es würde wieder bewacht sein. Sie lud ihr Gewehr im Lauf erneut mit einer Gasgranate, schlug einen leicht bogenförmigen Weg um ihre Häscher herum ein, um Ihnen zu entgehen und gelangte schließlich zum Tor.
     Ein paar Augenblicke später leisteten die Wachen ihren betäubten Freunden Gesellschaft. Sie schnappte sich das Horn eines Wächters und blies mit aller Kraft und imitierte das Signal, das sie zuvor gehört hatte. Dann drückte sie das Horn der Wache von der es stammte in die Hand und verschwand wieder im Wald, diesmal hielt sie sich auf der anderen Seite der Straße.
     Ob ihr Plan, den Verfolgern ihre Flucht vorzugaukeln, aufging, würde sich bald zeigen. In der Zeit wollte sie nicht müßig sein. Sie hielt nun auf die Ruinen eines alten Hauses zu, welches laut den Satellitenbildern östlich der Ordenshalle liegen musste. Dort konnte sie sich verstecken, bis sich der Sturm gelegt hatte, und wenn es einen Tag dauern sollte.
     Doch soweit kam es nicht. Als sie über eine kleine Lichtung huschte, schlug etwas vor ihr krachend ein und explodierte. Eine Wolfsfrau, ihrem Angreifer der letzten Nacht wie aus dem Gesicht geschnitten, trat hinter einem Baum hervor. Diane riss ihre Waffe hoch, drückte ab und traf den Wolf mit solcher Wucht am Kopf, dass es ihn gegen den nächsten Baum warf und bewusstlos zusammenbrechen ließ.
     Scheiße, Scheiße, Scheiße! Sie wussten immer, wo sie war! Es gab keine Alternative mehr. Sie musste fliehen. Die machten keinen Spaß und schossen mit Brandsätzen! Sie klinkte das Magazin aus ihrer Waffe und stieß eines mit scharfer Munition hinein.
     Sie wirbelte herum und wollte zum Tor, doch zwei Tiermenschen und eine menschliche Frau versperrten ihr den Weg. Diane schoss, doch zu ihrem Entsetzen prallten ihre Kugeln an einer gleißenden Barriere ab. Eine schimmernde Energiekugel entstand in den Händen eines Werlöwen, schoss auf sie zu und schleuderte ihr die Waffe aus der Hand.
     Diane dachte nicht mehr nach, sondern ließ sich nur noch von Instinkten leiten. Sie aktivierte das Ultraschallgerät und der Löwe und sein Werwolfskrieger hielten sich schreiend die Ohren zu. Doch die Menschenfrau war wenig beeindruckt. Sie begann obskure Bewegungen mit ihren Händen zu machen, doch Diane dachte nicht daran, sie damit durchkommen zu lassen, zog ein Wurfmesser und warf. Eine Barriere knisterte, doch das Messer kam durch und traf die Frau an der Schulter.
     Ein Blick zu den Bestien verriet ihr, dass sie kampfunfähig waren. Sie hob ihr Gewehr vom Boden auf und rannte los, schaffte es ein paar Meter in den Wald, bis sie etwas mit ungeheurer Wucht an der Brust traf und von den Füßen riss. Das Ultraschallgerät knisterte verdächtig und ein halbe Sekunde später drang der Schmerz in ihr Bewusstsein. Ein verdammter Armbrustbolzen steckte in ihrer Brust. Aber nicht so tief, beruhige dich! Du trägst eine Kevlarweste, kannst noch atmen und Deinen Puls spürst Du deutlich in den Schläfen. Steh auf, Mädchen, steh auf!
     Dann hörte sie ein metallisches Schleifen und der kalte Stahl eines Schwertes berührte ihren Hals. Shej Riims Gesicht schob sich in ihr Sichtfeld. Seine roten Raubtieraugen waren nun nicht traurig, sondern voller Zorn.
„Das ist Shargul, Miss Diane. Wenn sie den Biss dieser Klinge nicht spüren wollen, ergeben Sie sich.”
     Diane lag ganz still. An Gegenwehr war in ihrer jetzigen Verfassung sowieso nicht zu denken. So angeschlagen hatte sie der... der... Magie dieser Bestien sowieso nichts entgegenzusetzen. „Ich ergebe mich.“, keuchte sie und musste husten. Ihre linke Lunge tat höllisch weh.
     „Gut.“ Shej Riim nahm das Schwert von ihrem Hals und schob es in die Scheide. „Sie können von Glück reden, dass ich derjenige bin, der Sie gestellt hat. Jeder andere hätte Sie getötet. Stehen Sie auf!“
     Einen schrecklichen Augenblick lang glaubte sie, es nicht zu schaffen. Doch dann taten die Muskeln ihre Arbeit und irgendwie stand sie bald aufrecht, sah sich wieder diesem... Werpuma gegenüber, der sie nachdenklich ansah.
     Und dann erst kapierte sie, was seine Worte eben zu bedeuten hatten. Er wollte sie am Leben lassen. Dass hieß... „Der Orden steckt wirklich nicht hinter den Morden, oder?“
     Sein verärgertes, kehliges Knurren flößte ihr schreckliche Angst ein. Sie sprach mit einem Tiermenschen! Tief durchatmend straffte sie ihren Rücken und wappnete sich gegen seinen Zorn. „Ich habe Dir doch bereits gesagt, dass es Renegaten sind, welche mordend die Stadt heimsuchen. Und denkst Du, ich hätte Dich gestern Nacht angerufen, wenn der Orden die Morde verantworten würde?“
     „Aber...“
     „Ruhe jetzt!“, herrschte er sie an. „Lass mich nachdenken! Du bist sind in großer Gefahr, Diane. Dir ist gelungen, was keinem Menschen gelingen sollte. Du hast unsere wahre Natur erfahren. Denkst Du, der Rat wird davon begeistert sein?“
     „Ich muss sterben.“, hauchte Diane fassungslos.
     Stimmen wurden auf der Lichtung laut. Der Werpuma sah sie mit verzweifelter Wut an. „Es ist lebenswichtig für Dich, dass Du mir folgende Frage beantwortest: Wie schaffst Du es, hinter unsere Masken zu schauen? Antworte rasch und wahr!“
     Diane war zum Heulen zumute. Ihr Leben hing von dieser Frage ab, deren Antwort selbst sie nicht kannte! „Ich weiß es nicht, verdammt!“, sprudelte es aus ihr heraus. „Es geschieht einfach! Manchmal sehe ich Orte, die nicht da sind, Wälder statt die Wände eines Hauses oder Sandebenen, wo eigentlich Steinplatten sein sollten! Und manchmal sehe ich Wolfsköpfe wo eigentlich ein Menschengesicht sein sollte.“
     Die Stimmen wurden lauter, kamen näher. „Mehr!“, fauchte Shej Riim.
     „Jeder Ihres Ordens wirkt seltsam, wenn ich ihn ansehe. Mal unscharf, mal sehe ich Tieraugen, mal Fell an den Händen. Verstehen Sie nicht?!? Es geschieht einfach!“
     „Warum lebt diese Person noch?“, ertönte die eiskalte Stimme jener Frau, die sie mit ihrem Wurfmesser verwundet hatte. Jetzt erst erkannte Diane sie, es war die Frau mit dem seltsamen Namen, die ihr zornentbrannt auf der Schwelle der Ordenshalle begegnet war. Thuvinirgendwas.
     Shej Riim nickte Diane noch kurz entschlossen zu und wandte sich dann der Frau zu. Warum konnte Diane ihre wahre Gestalt nicht erkennen?
     „Sie wird nicht sterben.“ Werde ich nicht?
     „Das ist nicht Dein Ernst, Kri!“ Ihr kalter Blick fiel von Diane ab und blieb an Shej Riim heften. Wo ist ihre Wunde? Ich habe ihr eine Klinge in die Schulter gerammt!
     „Mäßige Deine Zunge, Thuvindal!“, rief Shej Riim mit einer herrschaftlichen Gewalt, die Diane nicht von ihm erwartet hatte. Irgendeine Veränderung war mit ihm vorgegangen. Er schien jetzt größer und ehrwürdiger zu sein. Ein Gefühl von würdevollem Alter ging von ihm aus.
     Die Gescholtene wollte mit blitzenden Augen zu einer Antwort ansetzen, schluckte es jedoch herunter und senkte den Blick. „Verzeiht, Shejrriim, ich sprach unbesonnen.“
     „Sie muss sterben, Shejrriim.“, sagte der Löwenmensch, der zusammen mit dem Wolfskrieger aus dem Schatten trat. „Jetzt haben diese verdammten Abtrünnigen es geschafft. Die Menschen sind auf uns aufmerksam geworden. Wenn sie geht, werden andere kommen, den Orden zu zerschlagen und das Gleichgewicht wird kippen.“
     Ein ohrenbetäubendes Brüllen drang aus Shejrriims Maul. Eine Aura unglaublichen Zorns umgab ihn. Er trat zwischen Diane und die Verfolger, zog sein Schwert und rief: „Shargul! Zu mir!“ Die eingravierten Drachen auf seiner Klinge wurden lebendig. Grünschimmerndes Licht ging von ihnen aus, als sie sich von dem Stahl lösten und wie zwei weitere, lebendige Klingen aus dem Heft ragten. Ihre Augen funkelten die Verfolger an und sie schnappten in ihre Richtung.
     Dianes Gedanken überschlugen sich. Warum tat er das? Was waren das für abgefahrene Zauberkunststücke, die hier offenbar jeder beherrschte? Hoffnungsvolle Gedanken fegten zusammen mit Furcht vor dem Tod durch ihren Kopf.
     Shejrriims Gegner indessen wichen erschrocken und kampfbereit zurück und sahen ihn fassungslos an. „Was ist in Dich gefahren?“, fragte der Löwe schließlich.
     „Ich stelle sie unter meinen Schutz, das ist in mich gefahren!“, knurrte Shejrriim. Dianes Herz machte einen Freudensprung. „Ein Angriff auf sie ist ab jetzt auch ein Angriff auf mich.“
     „Shejrriim!“ Die Stirn des Löwen legte sich in Zornesfalten. „Sie kann unermesslichen Schaden mit ihrem Wissen anrichten. Denke an das Gleichgewicht!“
     „Ich bin selbst ein Wächter, hast Du das vergessen?“ Er sah den Löwen eindringlich an. „Taresh, mein Gefühl sagt mir, dass ihr Tod eher ein Schaden für das Gleichgewicht sein wird. Ich habe dem Orden seit Jahrzehnten treu gedient. Vertraut meinem Urteil.“
     Taresh sah Shejrriim lange Zeit an, immer noch zum Kampf bereit. Dann richtete er seine kraftvoll blickenden Augen, gelblichbraune Augen, auf Diane. „Menschenkind. Du hast uns angegriffen. Du hast unser größtes Geheimnis enttarnt. Und doch ist Dir großes Glück widerfahren. Shejrriim vergibt seinen Schutz nicht leichtfertig, Du enttäuscht ihn besser nicht.“
     Irgendwie brachte sie ein Nicken zustande. Der Löwe ließ seine Klauen sinken und schaute wieder Shejrriim in die Augen. Auch die anderen Verfolger gaben endlich ihre Angriffshaltung auf und ließen die Hände sinken.
     „Shejrriim, Du hast dem Orden in der Tat Deine Treue bewiesen und Großes vollbracht. Ich akzeptiere Deine Entscheidung, wenn auch schweren Herzens. Dein Schicksal ist von nun an an das ihre geknüpft. Geht sie fehl, ist es verwirkt.“
     Die Aura des Zorns verschwand, die Drachen glitten in das Schwert zurück und erstarrten zur Gravur. Shejrriim schob es in die Scheide und verneigte sich vor dem Löwen. „So soll es sein, Ratsherr. Habt dank.“

Die Verfolger wandten sich ab und verschwanden in der Dunkelheit, ließen eine ihnen ungläubig nachstarrende Diane mit Shejrriim allein. „Ihr... Dein Name ist also Shejrriiim, hm?“, war das erstbeste, was ihr einfiel. Oh Mann. Was für ein dummer Satz!
     Der Werpuma sog tiefen Atem ein, ließ ihn mit einem Seufzer entweichen und blickte immer noch dem Löwen hinterher. Zaghaft ging sie zu ihm, zwang sich ihn ruhig anzublicken, wie er dort stand. Sandfarbenes Fell, außer auf der Brust und dem Bauch, raubtierhafte Züge, mit aufgewühlt hin und herpeitschenden Schwanz. Seit er sie in Schutz genommen hatte, wirkte er gar nicht mehr wie eine Bestie. „Danke.“, traute sie sich endlich gegen sein fortwährendes Schweigen anzutreten und zog endlich seine Aufmerksamkeit auf sich.
     „Es hing an einem seidenen Faden, Diane.“ Seine Stimme war rau und sanft. „Unser beider Leben.“
     „Ich... Ich weiß gar nicht, wie ich Dir danken soll. Wieso hast Du das für mich getan?“
     Ernst antwortete er ihr: „Mein Gewissen hat es so verlangt. Mein Ich hat mir gesagt, dass Du leben musst. Und was den Dank angeht: Enttäusche mich nicht.“
     Ihr war seltsam leicht ums Herz, eine unglaubliche, verrückte Freude am Leben zu sein kam in ihr hoch und erfüllte jede Faser ihres Körpers. Vollkommen von sich selbst überrascht tat sie einen Schritt nach vorn und umarmte Shejrriim kurz.
     Der sah sie halb verwundert und halb lächelnd an, wurde dann schlagartig wieder sehr ernst und sagte: „Damit Du das nicht falsch verstehst. Du hast eben nicht, wie nennt ihr Menschen das, ‚dem Schicksal ein Schnippchen geschlagen’. Im Gegenteil, Deine Schwierigkeiten haben gerade erst angefangen.“
     „Wie... meinst Du das?“
     „Hast Du es nicht begriffen?“ Shejrriim schüttelte resigniert den Kopf. „Du bist ein Gefangener des Ordens.“